UNERFAHREN IN DACHAU

Heller Sonnenschein brach sich in den großen Fenstern des behelfsmäßigen Gerichtssaales, reflektierte auf dem Zementfußboden. Die warmen Sonnenstrahlen begannen das Innere des immer noch unbeheizten Gebäudes langsam zu erwärmen, obwohl der Herbst im bayerischen Dachau gewöhnlich kalt, feucht und ungemütlich ist. In diesem Jahr 1947 aber, sollte der Herbst lange andauern und sehr angenehm werden, war er doch einem außergewöhnlich warmen und sonnigen Sommer gefolgt. Die Wachen öffneten die Fenster des Gerichtsraumes, um frische Luft hereinzulassen. Das Kriegsgericht hatte mit der morgendlichen Sitzung begonnen.

Eine Fliege plagte den Protokollführer, der seinen Platz an dem Tisch eingenommen hatte, der sich mitten im Raum, quer vor der richterlichen Bank befand. Die Fliege mußte durch eines der offenen Fenster hereingekommen sein, um die Wärme des Innenraumes zu suchen; sie summte um den Protokollführer mit einer Beständigkeit herum, wie es Fliegen nur im Herbst tun. Beim Protokollieren mußte er sich ständig des aufdringlichen Insektes erwehren.

Immer sichtlich bemüht, den Anschluß nicht zu verlieren, war der Protokollführer erleichert, als der Anwalt der Verteidigung bekanntgab, dem Gericht eine Erklärung vorlesen zu wollen. Der Protokollführer brauchte diese nicht mitzuschreiben, da er eine Kopie für seine Unterlagen erhalten würde. Nun hatte er endlich Muße, sich mit der Fliege zu befassen. Doch die hatte wohl sofort die Gefahr, in der sie sich befand, gespürt, und flog davon. Doch sie fuhr fort, die verschiedenen Parteien des Gerichtshofes zu tyrannisieren, indem sie weiter träge um Tische und Bänke herumsummte. Der Protokollführer beobachtete, wie sie durch den Raum flog, quer über den Tisch, an dem die Angeklagten zur Rechten der Gerichtsbank Platz genommen hatten. Die Fliege kreiste lange vor dieser

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Reihe, bevor sie sich einen der Angeklagten am Ende der Bank neben den Richtern aussuchte.

Mit noch verschlafenen Augen und offensichtlich an der Verlesung des Dokumentes nicht sonderlich interessiert, versuchte dieser Angeklagte die Fliege zu fangen. Er tat dies langsam und wohlüberlegt. Seine Taktik zielte darauf ab zu warten bis sie landete, um sie dann mit der Hand zu erwischen. Doch trotz ihrer trägen Bewegungen entkam die Fliege immer wieder, um jedoch stets zurückzukehren. Der Angeklagte, es war Josef Kilian, versuchte einige Minuten lang, die Fliege zu schnappen. Plötzlich bemerkte er, daß der Gerichtsprotokollführer ihn beobachtete. Verlegen bei seiner so stümperhaften Jagd beobachtet worden zu sein, lächelte Kilian ihn schüchtern an. Der Protokollführer lächelte zurück. So wurde ein Band geknüpft, das bis zum Ende des Prozesses halten sollte. Josef Kilian war einer von neunzehn Männern, die sich an jenem warmen Oktobertag des Jahres 1947, für angeblich während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Nordhausen begangene Verbrechen zu verantworten hatten. Während des Nordhausen-Prozesses, dem letzten der Konzentrationslagerfälle die von der US-Armee in Dachau untersucht wurden, versuchte die Anklage zu beweisen, daß sich die Angeklagten menschlicher Grausamkeiten gegenüber den Lagerinsassen schuldig gemacht hätten, indem sie Gefangene »fürchterlich geschlagen, mißhandelt und gefoltert hätten, was den Tod vieler Menschen zur Folge gehabt hatte.«

Kilian und drei weitere Angeklagte gehörten nicht zum offiziellen Teil der Verwaltung desKonzentrationslagers Nordhausen, die sich aus Angehörigen der SS (Schutzstaffel) zusammensetzte. Tatsächlich handelte es sich bei diesen vier Männern um Gefangene aus dem KZ Nordhausen. Es waren Gefangene mit Sonderaufträgen der Verwaltung, die von der SS aus den Reihen der Insassen des Lagers ausgewählt worden waren. Josef Kilian hatte allen Grund, um sein Leben fürchten zu müssen. Denn schon allein seine Zugehörigkeit zur Hierarchie des Konzentrationslagers konnte ihn aufgrund der bisher ge-

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machten Erfahrungen in den vorausgegangenen Prozessen, zum Mitverschwörer abstempeln, ihn schuldig sprechen für zahlreiche Verbrechen, die andere begangen hatten. Mehr noch, Kilian, der wie andere »Kapos«, die an jenem Tag unter Anklage standen, hatte besonders unangenehme Aufgaben durchzuführen, war angeklagt, der »offizielle Henker im Lager Dora« gewesen zu sein; er hätte sich freiwillig dazu gemeldet, »zahlreiche Mitinhaftierte zu hängen und zu morden.«

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Ich war jener Protokollführer, der Kilians Auseinandersetzung mit der Fliege beobachtet hatte. Ich arbeitete einige Monate lang als Protokollführer in Dachau. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings an Prozeßvorgänge schon genügend gewöhnt. Ich hatte wiederholt erlebt, wie Gefangene zum Tod durch den Strang oder zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurden, so daß mir das Zustandekommen so schwerer Urteile schon zur Gewohnheit geworden war - trotz meiner knapp zwanzig Jahre in jenem Herbst und gerade mal zwei Jahre nach dem Verlassen der >High School< einer Kleinstadt in Pennsylvania.

Viele Jahre sind seit dem Ende der Verhandlungen in Dachau im Herbst 1947 vergangen. Diese Verfahren sind weit weniger bekannt geworden als die großen »Kriegsverbrecherprozesse« vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Sie sind auch weniger bekannt als die zwölf darauf folgenden Verfahren, die durch das amerikanische Nürnberger Tribunal weitergeführt wurden. Die Dachau-Prozesse sind, ausgenommen vielleicht der »Malmedy-Prozeß,« heute alle vergessen, sogar von den Historikern. Dies trotz der Tatsache, daß unglaublich viel Literatur über die Konzentrationslager veröffentlicht wurde und weiter veröffentlicht wird. Vergessen, trotz der ständigen Erwähnung des »Holocaust« in vielen Bildungsstätten und in den Massenmedien.

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Dabei handelte es sich bei den von der US-Armee in Dach-au durchgeführten Kriegsgerichtsverhandlungen um die be-rüchtigsten Konzentrationslager: Buchenwald, Mauthausen, Dora-Nordhausen und Dachau selbst. Die Gerichtsverhandlungen brachten einige der schlimmsten Grausamkeiten ans Tageslicht. Doch erst viel später sollte es sich herausstellen, daß jene Prozesse weder der historischen Wahrheitsfindung noch der Gerechtigkeit dienten. Diese Tatsache ging aus den später freigegebenen Gerichtsakten hervor.

Ich war nicht nur wegen meines jugendlichen Alters, sondern auch wegen fehlender Lebenserfahrung als Neunzehnjähriger wirklich unerfahren, als ich damals nach Deutschland kam. Das Verfassen von Protokollen über Kriegs v erbrechen warmeine erste beruflicheTätigkeit. Es war in Dachau, wo ich den Wechsel von der Jugendzeit zum Erwachsensein durchgemacht habe.

Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich alles, was ich über die Konzentrationslager gehört hatte, als unbestrittene Tatsachen hingenommen. Ich war deshalb mißtrauisch und hatte ein wenig Angst davor, mit Deutschen alleine zu sein. Das waren meine Gefühle, von denen ich mich nur langsam löste, als ich mich schliesslich enger und intensiver mit den Deutschen und ihrem Land bekanntmachte.

Durch meine in Dachau gemachten Erfahrungen wurde ich allmählich skeptisch gegenüber dem, was normalerweise über die Konzentrationslager geschrieben worden war. Ein Großteil davon ist offensichtlich falsch oder zumindest übertrieben. Dies kann man aus den oft beachtlich auseinandergehenden Schilderungen ein und desselben Ereignisses leicht schließen.

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Diese Erinnerungen bilden die Grundlage meiner Arbeit über meinen Deutschlandaufenthalt sowie meine Tätigkeit in Dachau. Hinzugezogen habe ich die erst kürzlich freigegebenen Gerichtsunterlagen mit beachtlichem Material, das mir

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während meiner Tätigkeit als Protokollführer der Verhandlungen unbekannt gewesen war.

Wer jemals in alten Berichten Ereignisse nachliest, an denen er selbst teilgenommen hat, kann sich vielleicht die Aufregung vorstellen, wenn er plötzlich Dokumente findet, die den eigenen Namen tragen. Wenn er Unterlagen findet, die er selbst vorbereitet hat und die nun Teil der Ereignisse sind, deren Berichte für die Nachwelt aufgehoben wurden. Einige der Namen hatte ich vergessen. Doch als ich weiter suchte, fand ich Photoaufnahmen in den Ablagen. Daten und Orte fielen mir langsam wieder ein, meine Nachforschungen erhielten eine bestimmte Zielrichtung. Bald hatte ich keine Probleme mehr, die Akten zu finden, nach denen ich suchte.

Die Durchsicht der Unterlagen brachte jedoch nichts hervor, was die Unruhe, die ich während der Verhandlungen in Dachau gelegentlich verspürte, beheben konnte. Ich bekam auch keine Antwort auf all die Fragen, die sich mir noch Jahre nach den Prozessen stellten. Das Studium der Unterlagen hat jedoch meinen Hunger auf die historische Wahrheitsfindung und den Wunsch entstehen lassen, der Wahrheit, die in Dachau so oft zu vermissen war, zum Durchbruch zu verhelfen und durch die Aufarbeitung der Unterlagen unserer Gegenwart und Zukunft einen Dienst zu erweisen.

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