VON ALTOONA (PENNSYLVANIA) NACH BREMERHAVEN

Ich betrachte es als eine Laune des Schicksals, daß ich überhaupt nach Dachau kam. Als Sohn eines Einwanderers war ich in einer von der amerikanischen Wirtschaftskrise gebeutelten Kleinstadt aufgewachsen. Ich hatte nicht viel zu erwarten, was mein berufliches Fortkommen betraf. Zunächst absolvierte ich den Militärdienst und dann folgte eine Laufbahn als Außenhandelskaufmann in der Hauptstadt Washington.

Ich wuchs in Altoona, Pennsylvania auf. Im Jahre 1935, ich war gerade sieben Jahre alt, zogen meine Eltern dorthin. Als ich die Stadt verließ um in die Armee einzutreten, war ich mit meinen achtzehn Jahren möglicherweise noch sehr unerfahren. Ich hatte in meinem Reisegepäck mancherlei altmodische Ansichten mitgenommen; andere als die meiner Bekannten aus der Gymnasialzeit. Meine Kindheit hatte ich im Gegensatz zu den meisten meiner Freunde in ziemlich beengten Verhältnissen verlebt. Mein bisheriges Leben unterschied sich somit ganz beträchtlich von dem ihrigen.

Wir kamen aus dem Libanon und meine Eltern unterhielten sich mit uns in arabischer Sprache. Rückblickend fällt es mir immer noch schwer zuzugeben, daß ich mich wegen meiner Muttersprache sowie wegen der schlechten englischen Aussprache meiner Eltern schämte. In Washington ist es nicht ungewöhnlich, fremde Sprachen wie Französisch, Deutsch und Italienisch zu hören. Es ist eine kosmopolitische Stadt, und man ist eigentlich immer stolz darauf, wenn man eine Fremdsprache beherrscht. Doch während meiner Kindheit in Altoona - in den 30er und 40er Jahren - sprach niemand eine Fremdsprache in der Öffentlichkeit. Man hörte zwar Italienisch, doch nur in den Häusern der Italiener und in den von Italienern beherrschten Stadtvierteln. Obwohl es viele Deutsche in der Innenstadt gab (sie nannten sich selbst »Dutch«,

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- ein Teil der Innenstadt wurde »Dutch Hill« genannt)-, kann ich mich nicht erinnern, daß ich jemanden, dessen Muttersprache Deutsch war, in dieser Sprache habe sprechen hören.

Im Alter von elf Jahren, als meine Eltern eingebürgert wurden, wurde auch ich US-Bürger. (Ich bin in Mexiko geboren, meine Eltern waren dort eingewandert, bevor sie in die Vereinigten Staaten kamen.) In Altoona ist man - oder war man - sich zu jener Zeit immer peinlich genau des Umstandes bewußt, daß man kein Einheimischer war. Meiner Familie schien es daher umso mehr geboten, der amerikanischen Regierung gegenüber eine besondere Loyalität zu erweisen. Dies bezog sich besonders auf Regierungsbeamte, die als Halbgötter angesehen wurden. Ich erinnere mich eines Onkels, der, wann immer die Rede von den Vereinigten Staaten war, »Gott segne Amerika!« zu sagen pflegte.

Meine Eltern kamen aus christlichen Familien und zeigten einen religiösen Eifer, der in Amerika nicht immer geschätzt wurde. Im Libanon war ihr griechisch-orthodoxes Dorf eine Insel in einem Meer moslemischer Siedlungen. Und auch in der neuen Heimat praktizierten sie nicht weniger hartnäckig ihren Glauben. Ich bin in dem festen Glauben erzogen worden, daß Gott nicht nur für diejenigen, die an ihn glauben, sorgt, sondern daß er diejenigen bestrafen würde, die schlimme Taten begingen und diejenigen belohnen würde, die freundlich und mitfühlend waren. Die Gerechtigkeit würde stets obsiegen und ich war davon überzeugt, daß jemand, der log oder stahl niemals im Leben glücklich werden konnte.

Ich befand mich in einer unteren Klasse der Oberschule, als die Japaner am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angriffen. Die Vereinigten Staaten erklärten am darauffolgenden Tag Japan den Krieg. Deutschland und Italien erklärten am 11. Dezember 1941 Amerika den Krieg. Die jungen Männer von Altoona begannen den Ort in Scharen zu verlassen, um sich den Streitkräften anzuschließen. Mein Bruder George wurde sofort zur Armee einberufen. Fred, der ein Jahr zu jung war, um sich

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melden zu können, brannte darauf, dabei zu sein. Schließlich gab er ein falsches Alter an und wurde angenommen.

Es entstand eine Welle des Patriotismus, verbunden mit anti- japanischen und anti-deutschen Gefühlen, oft von kleineren Vorfällen begleitet. Sogar das Ortsschild von Altoona, genannt nach Altona, einem Hamburger Vorort, wurde in Mitleidenschaft gezogen. Unmittelbar nach der deutschen Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten stellte ich fest, daß das Ortsschild von Altoona auf >Alatoona<, ein alter Ausdruck der Cherokee- Indianer, der >wertvolles Hochland< bedeutete, umbenannt wurde.

Die anti-japanischen Gefühle, die nach Pearl Harbor auftraten, fanden ihre Parallele in der Abneigung der Leute gegenüber den Deutschen als eine Folge der Berichte vom europäischen Kriegsschauplatz. Die Deutsch sprechenden Menschen hielten es für klüger, in der Öffentlichkeit nur Englisch zu sprechen. So fand die Massenhysterie gegen alles Deutsche, die ja während des Ersten Weltkriegs das mittlere Amerika erfasste, diesmal nicht statt. Die Amerikaner hatten weiterhin ihre Freude an klassischer deutscher Musik und sogar an deutschen Schlagern. Sie sangen immer noch deutsche Lieder und »Lili Marleen«, von einem deutschen Radiosender abgehört, fand durch die Amerikaner weltweite Verbreitung.

Meine Familie und ihre Freunde waren rasch bereit, alles Deutsche abzulehnen, um in die allgemeine Begeisterung gegen den Feind einzustimmen. Schon vor Pearl Harbor brachten wir wegen des Einmarsches der Deutschen in die Sowjetunion der UdSSR Sympathien entgegen - obwohl die Amerikaner den Sowjets gegenüber mißtrauisch eingestellt waren. Wir nannten Stalin sogar »Uncle Joe«. Die Art und Weise, wie abrupt sich die Gefühle der Amerikaner gegenüber den Sowjets innerhalb eines Jahres nach dem Krieg änderte, hatte mich damals sehr überrascht. Amerikas Alliierte waren nun unsere Feinde, und niemand sprach mehr von »Uncle Joe«.

Neben der Sorge um die Sicherheit meiner zwei älteren Brüder belastete mich während des Krieges noch ein Gefühl

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der Minderwertigkeit gegenüber meinen Schulkameraden. Obwohl ich schulisch leicht mithalten und sie oft übertreffen konnte, fühlte ich mich ihnen in sozialer Hinsicht nicht ebenbürtig. Die meisten von ihnen kamen aus pri viligierten Familien Verhältnissen. Sie hatten erfolgreiche Eltern, die nicht nur finanziell für sie aufkamen, sondern ihnen auch gute Umgangsformen vermittelten Sie konnten mit ihnen die Ereignisse des Tages und die Vorkommnisse innerhalb der Vereinigten Staaten diskutieren. Mir gelang es nicht, ausserhalb der Klasse An-schluss an die Schüler zu bekommen, soziale Anerkennung zu finden. Täglich verließ ich nach der letzten Unterrichtsstunde rasch die Schule, da ich nachmittags bis spät in den Abend zu arbeiten hatte. Ich war ausserdem groß und dünn, sah nicht besonders gut aus und ich war mir dessen bewußt.

Früher wollte ich unbedingt Arzt werden, doch auf dem Gymnasium wurde mir klar, daß unsere finanziellen Verhältnisse es meinen Eltern nie erlauben würden, mir eine entsprechende Ausbildung an der Universität zu ermöglichen. Ich fand mich mit dieser Tatsache ab und belegte einen kaufmännischen Kurs. Ich ging davon aus, daß ich unmittelbar nach der >High School< arbeiten mußte und daß meine Fähigkeiten -daran zweifelte ich nie - für die Büroarbeit sehr gut geeignet waren. Fleiß und harte Arbeit in Verbindung mit meinen Talenten würden mir gewiß, davon ging ich aus, Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen.

Durch den Handelskurs habe ich mir tatsächlich eine gute Grundlage gesichert. Ich übertraf sogar die Anforderungen des Kurses, brach den Rekord der >High Schook und kam in Kurzschrift auf 140 Worte in der Minute. Diese Leistung, verbunden mit einem besonderen Geschick an der Schreibmaschine führte dazu, daß die nächsten Jahre meines Lebens festgelegt waren.

Es war Sommer 1944. Ich war Schüler der 12. Klasse, als der Krieg in seiner schrecklichen Form zu uns ins Haus kam. Wir erhielten ein Telegramm von der Regierung mit der Nachricht, daß mein ältester Bruder George im Einsatz gefal-

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len war - nur zwei Tage nach seinem einundzwanzigsten Geburtstag. Sein Tod brachte unvorstellbare Trauer in unsere Familie. Besonders meine Eltern, die ihre Kinder so sehr liebten und sich so intensiv auf sie eingestellt hatten, litten sehr. Meine Mutter fand nachts keinen Schlaf, war untröstlich, aß tagelang nichts. Ich erinnere mich, daß meine Mutter jahrelang nicht mehr gelacht hat. Auch mein Vater wurde durch den Tod seines Sohnes sehr getroffen. Er verfiel sichtbar und starb einige Jahre später, mit 57 Jahren. Wir hatten die Deutschen schon vorher als unsere Feinde angesehen, doch Georges Tod durch eine deutsche Kugel ließ dieses Gefühl in Haß umschlagen.

Im Jahr darauf beendete ich die >High Schook, überzeugt, daß ich in die Armee eingezogen würde. Ich hatte früher in Erwägung gezogen, mich freiwillig zu melden, doch meine Eltern wollten davon nichts hören und ich brachte es nicht über mich, sie zu bedrängen. Meine Mutter pflegte stets zu sagen, daß sie Georges Tod selbst unterzeichnet hätte, da sie mit der Freiwilligenmeldung einverstanden gewesen war.

Wie die meisten Amerikaner wurde auch ich von der plötzlichen Kapitulation Japans Mitte August überrascht. Ich stand kurz vor der Einberufung und hatte keine Vorstellung darüber, wie das Ende der Feindseligkeiten meine Einberufung zur Armee beeinflussen würde. Deshalb beantragte ich meine sofortige Einberufung. Daraufhin wurde mein Antrag vordringlich bearbeitet und am 23. Oktober wurde ich eingezogen. Jeder von den Rekruten erwartete zu dieser Zeit, daß man nach einigen Tagen der Einführung in Fort Meade, Maryland, in ein Ausbildungslager - vermutlich irgendwo im Süden -kommen würde. Unsere Überraschung war groß, als diejenigen von uns, die eine Büroausbildung hatten, einfach zum weiteren Verbleib für eine Abteilung von Ft. Meade auf Abruf abgestellt wurden - solange bis die unruhige Zeit der Einteilungen vorüber war.

Ich wurde mir der ungeheuren Aufgabe der Wehrkommandozentralen unmittelbar bewusst. Die Probleme waren enorm,

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galt es doch Millionen ungeduldiger Angehöriger der Streitkräfte zu entlassen, wobei eine große Zahl des Personals dieser Zentren selbst betroffen war.

Meine erste Verwendung war zugleich die schwierigste Aufgabe, die mir innerhalb der Streitkräfte gestellt wurde. Während meine Grundkenntnisse mindestens so gut waren wie die meiner Kollegen in Fort Meade, verfügte ich im Gegensatz zu anderen über keinerlei Büroerfahrung. Trotzdem setzte man mich an einen Schreibtisch und übergab mir einen Stapel unerledigter Korrespondenz, deren Beantwortung von mir erwartet wurde. Die meist militärisch knapp zu erledigende Post enthielt viele Abkürzungen, für mich in jener Zeit unverständlich. Selbst wenn ich in der Lage gewesen wäre, diese Korrespondez zu lesen, ich hätte gar nicht ge-wusst, wie ich sie beantworten hätte müssen.

Glücklicherweise entband man mich nach zwei Wochen von dieser Aufgabe. Das Demobilisierungsbüro von Fort Meade suchte einen Berichterstatter für die Vorgänge bezüglich der Anträge von Offizieren, die um Entlassung aus medizinischen Gründen nachsuchten. Bei der Überprüfung der Unterlagen des Lagerpersonals hatte man festgestellt, daß ich über eine ungewöhnliche Schnelligkeit in der Kurzschrift verfügte und vermutlich in der Lage wäre, die Fälle mitzuschreiben. Ich wurde sofort in das Gebäude des Hauptquartiers gegenüber dem Paradeplatz verlegt und ließ das überfüllte Büro des Verwaltungsgebäudes hinter mir. Meine neue Tätigkeit erforderte von mir mehr Arbeit und mehr Anstrengung. Ich war gezwungen, meine für Schulbedingungen ausgezeichnete Kurzschriftgeschwindigkeit auf weit über 140 Worte pro Minute zu steigern.

Aber auch diese Tätigkeit währte nicht lange, denn kurz nach dem Jahreswechsel teilte man mir mit, daß mich Stabsfeldwebel Robert Reynolds, der die Aufsicht über die Verwaltungsabteilung hatte, verzweifelt suchte. Ich sollte mich bei ihm in seinem Büro melden. Ich eilte sofort zum Personalbüro, wo man mir mitteilte, daß ich mich, falls ich einverstanden

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wäre, am nächsten Morgen zur Abreise nach Fort Myer, Virginia, zu stellen hätte. Bestimmung: Konferenzschriftführer für den Stab des Generals Marshall1 in Peking, China. Ein Corporal Alton Smith, den ich kurz zuvor kennengelernt hatte, war ebenfalls ausgewählt worden.

Wir wurden von Fort Myer unter A-1-Dringlichkeitsbedingungen ausgeflogen und während der gesamten Reise als VIP behandelt. Wir waren eine volle Reisewoche im Propellerflugzeug - mit Ruhepausen - unterwegs. Heute ein Flugtag mit dem Düsenflugzeug.

Eine Woche nach unserer Abreise aus Washington landete unsere Maschine frühmorgens in Shanghai. Ich entsinne mich noch, daß ich das Gefühl hatte, in einer anderen Welt, auf der anderen Seite der Sonne zu sein. Nach der Landung hatte ich jeden Orientierungssinn verloren, denn für mich stand die Sonne im Westen.

Vor meiner Ankunft dort in Shanghai hatte ich mein Wissen über China lediglich aus Geschichten in Büchern über China geschöpft. Ich war überrascht, als ich herausfand, wie verschieden die Wirklichkeit war. Meine Einstellung zu China ging mit meiner Ankunft in Peking zu Ende. Die Großstadt sah mehr westlich aus als östlich, und das Winterwetter war kalt, grau und feindselig. Wir haben vor dem Frühling nicht viel von der Sonne gesehen. Und als er plötzlich da war, brachte er Temperaturen mit, die tagsüber hoch anstiegen und, da die Luft ziemlich trocken war (die Stadt liegt beinahe am Rande einer Wüste), am Abend sehr schnell abkühlten..

In Peking führte unser Weg zu den Büros durch ungepfla-sterte »hotungs« (Gassen oder Nebenstraßen). Man mußte sich vorsichtig fortbewegen, um die in Ecken und Toreingängen hinterlassenen Haufen von Exkrementen zu meiden. Ich lernte schnell, während meines Fußmarsches aufzupassen, wohin ich trat.

l General George C. Marshall war Chef des Generalstabes während der Regierungszeit Roosevelt. Danach wurde er Außenminister.

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Bei dem Gebäude, in dem sich mein Arbeitsplatz befand, handelte es sich um ein Rockefeller-Hospital. Es war allerdings durch die Japaner, die die Stadt besetzt hatten, seiner Einrichtung beraubt worden. Da ich die Prüfungen in Washington sehr gut bestanden hatte - womit ich den vier anderen Innendienstlern, die in China mit dabei waren - voraus war, kam ich in das Büro des Obersten Henry A. Byroade, (er wurde bald darauf zum General befördert), dem kommandierenden Offizier. Ich erfuhr sehr bald, daß ich nicht als Konferenzschriftführer, sondern für die Büroverwaltung gebraucht wurde. Wie zuvor in Fort Meade stellte es sich auch hier heraus, wie miserabel meine Leistungen für die Praxis waren. Ich benötigte nicht viel Zeit, um zu erkennen, daß vermutlich Alton Smith der beste von uns fünfen war. Er wurde daher auch umgehend ins Büro beordert, wo er sich nicht nur für das Büro als »von-Gott-gesandt« erwies. Er war auch ein Glücksfall für mich. Durch ihn lernte ich sehr viel über Büroabläufe. Dadurch gewann ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Gegen Ende des sechsmonatigen Aufenthaltes hatten wir uns den Ruf als sehr fleißige und leistungsfähige Kräfte erworben. Wir waren nun in der Lage, ein Büro reibungslos zu führen.

Nach einem halben Jahr verließen wir Peking entsprechend der Anordnung des General Stabschefs im Pentagon. Wir erfuhren, daß wir nun für Fort Myer bestimmt waren. Im Juli 1946 kamen wir wieder zurück nach Washington D.C.

Sowohl Smitty als auch ich waren über das Ende unserer Tätigkeit in China froh. Wir fühlten uns auch geschmeichelt, daß wir von einer so berühmten Dienststelle zurückgefordert wurden. Zu jener Zeit war General Dwight D. Eisenhower Generalstabschef und das Telegramm war so gehalten, daß wir in unserer jugendlichen Eitelkeit und auf Grund unserer bevorzugten Einstellung beim kommandierenden General in Peking, übermütig geworden, sofort annahmen, daß wir für eine wichtige Funktion vorgesehen seien - wahrscheinlich direkt unter Eisenhower im Pentagon.

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Doch unsere hochgesteckten Erwartungen wurden enttäuscht. Wir erhielten keine besonderen Anstellungen. Wir hatten in der Tat keine Aufgaben! Offensichtlich brauchte man uns nicht mehr. Wir wurden der Abteilung Europa, Ope-rations- und Planungsabteilung des Generalstabes im Pentagon zugeteilt. Meine einzige regelmäßige Aufgabe bestand darin, die Karten über die Truppenstärken für Europa und den Mittleren Osten zum Postversand fertigzustellen, sowie den Morgenkaffee von der Pentagon B-Bar (Getränkebar) zu holen.

Der Postversand der Truppenstärken-Landkarten für Europa und den Mittleren Osten bedeutete für mich große Frustration. Meine fehlende militärische Grundausbildung sowie mein Spezialeinsatz in Peking waren die Ursache für mein mangelhaftes Wissen auf militärischem Gebiet. Ich kannte nicht einmal die Größen und Stärken der militärischen Grundeinheiten von der Zugeinheit bis zur Division. Die Karten aber waren so wichtig, daß ich sie persönlich zur Nachrichtenverteilerstelle brachte und darauf achtete, daß nicht mehr als 13 Kopien hergestellt wurden. Diese Kopien hatte ich persönlich auszuliefern - an die für den Empfang freigegebenen Adressen. Oft fragte ich mich, was die hochrangigen Offiziere im Pentagon wohl denken würden, wenn sie wüßten, daß diese Informationen von einem Soldaten zusammengestellt wurden, der nicht einmal wußte, was das alles bedeutete.

Der Versand der Karten nahm wöchentlich nur einige Stunden in Anspruch, und abgesehen von den morgendlichen Kaffeeaufträgen hatte ich tatsächlich nichts zu tun. Smittys Lage war ähnlich. Faul, gelangweilt und die langen Gänge des Pentagon entlangwandernd, liefen wir manchmal zum Spaß die Treppen herauf und herunter oder fuhren mit den Aufzügen auf und ab.

Es war dieses nutzlose Herumwandern, das uns zur War Crimes Group »Kriegsverbrechen Europa« führte. Als wir eines Tages nicht einmal lärmend die Gänge des Pentagon unsicher machten, kamen wir an dem Büro für das amerika-

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nische Zivilpersonal der Abteilung Übersee vorbei. Wir gingen einfach rein und fragten, ob man nicht Positionen für den Einsatz von Armeeangehörigen in Übersee frei hätte. Ein Angestellter sagte uns, daß die Verwaltung nur Positionen für Zivilisten in Deutschland zur Verfügung hätte. Man würde uns prüfen und unsere Anträge auf Verwendung in Übersee könnten bis zu unserer Entlassung bearbeitet werden. Das Büro würde die Unterlagen bis zu unserer Entlassung behalten, und wir könnten danach im Ausland eingesetzt werden.

Smitty und ich unterzogen uns der Aufnahmeuntersuchung mit einem >Sofort-Kurzschrift-Test< von 160 Worten in der Minute - kein Problem für uns! Der Personalleiter für Zivilpersonal legte unsere Bewerbungen bis zum Datum unserer Entlassung zurück. Und unsere letzten Monate bei der Armee zogen sich hin und wir hatten die Angelegenheit beinahe vergessen.

Während dieser Zeit achteten wir sorgfältig auf die ständige Kürzung der Dauer der Dienstzeit. Als schließlich die allgemeine Dienstzeit auf ein Jahr gekürzt wurde (für diejenigen, die sich nicht freiwillig zu einer längeren Dienstzeit verpflichtet hatten), eilten Smitty und ich zur nächsten Schreibstube, um unsere Entlassung zu beantragen. Wir wurden fast umgehend nach Hause geschickt, damit wir unseren Resturlaub nehmen konnten.

Der letzte Tag meiner Dienstzeit war der 2. Dezember 1946. Smitty und ich meldeten uns am 4. Dezember nach Washington zurück. Einen Tag später hatten wir uns in New York zur Einschiffung am 5. Dezember einzufinden.

Wir waren ein wenig in Sorge, als unsere Unterlagen im New Yorker Büro für Zivilpersonal geprüft wurden. Zu Recht. Denn die Angestellte, die meine Papiere überprüfte, vermutete zunächst einen Tippfehler, als sie mein Geburtsjahr mit 1927 eingetragen sah. Doch dann bemerkte ihre Kollegin, daß auch Smitty im Jahre 1927 geboren war. Als wir die Daten bestätigten, verweigerten die beiden Damen prompt die weitere Bearbeitung, da das Mindestalter einundzwanzig Jahre war.

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Verunsichert, doch mit unbewegten Mienen erläuterten wir, das Zentralbüro in Washington habe entschieden, daß wir für die Position alt genug seien. Immerhin hätten wir für die Armee in Übersee gedient und bewiesen, daß wir mühelos Dienst im Ausland leisten konnten. Die beiden Angestellten wollten die Sache überprüfen und telegraphierten wegen der Erlaubnis nach Washington. Wir warteten den ganzen Tag. Wir waren nervös und die Kippen häuften sich im Aschenbecher. Als schließlich eine der Angestellten vorbeikam und den Berg an Kippen im Aschenbecher sah, sagte sie in ihrem besten Brooklyn- Englisch: »Habt ihr zwei >Beibies< diesen ganzen Haufen Zigaretten zusammengeraucht?« Schließlich traf die Bestätigung aus Washington doch noch ein, und wir wurden rasch abgefertigt. Am 11. Dezember 1946 gingen wir mit der >S.S. Marine Angek in Richtung Europa in See.

Zehn Tage später machten wir an einem frostigen Morgen in Bremerhaven fest. Von Bord aus, beobachteten wir die deutschen Hafenarbeiter, die unser Anlandgehen vorbereiteten . Einige der Amerikaner an Bord waren schon früher dienstlich in Deutschland gewesen, und einer von ihnen sagte: »Schauen Sie hin und warten Sie, was geschieht.« Wir sahen, wie er seine Zigarettenkippe hinunterwarf, doch sie landete im Wasser vor dem deutschen Hafenarbeiter, der auf der Kaimauer stand. Er hatte mit gierigen Augen beobachtet wie die Amerikaner an Deck geraucht hatten. Nun konnte er nur verärgert zuschauen, wie die Zigarette außerhalb seiner Reichweite im Wasser schwamm. Dies war meine erste Erkenntnis darüber, wie wertvoll Zigaretten in Europa geworden waren.

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