DACHAU

Im Mai zog ich nach Dachau. Dort sollte ich die nächsten acht Monate verbringen. Der Winter war längst vorüber und wir genossen das schöne Wetter, das in jenem Jahr bis in den langen, trockenen und warmen Herbst hineinreichen sollte.

Dachau ist nicht weit von Augsburg und ich hatte den Ort vor meiner Versetzung von Augsburg aus schon einige Male besucht. Ich wußte bereits, daß sich der Name nicht lediglich auf das Konzentrationslager bezog, sondern auf eine ruhige, friedliche Stadt. Es schien jedoch so, daß die Stadt seit 1945 ihren Namen an das Konzentrationslager verloren hatte.

Das Konzentrationslager Dachau war eine Tat Heinrich Himmlers, der den Bau am 21. März 1933 in seiner Eigenschaft als Polizeikommissar von München angeordnet hatte. Das Lager wurde in den Außenbezirken der Stadt, die immer noch eine reizvolle bayerische Stadt geblieben war, errichtet. Die Geschichte Dachaus läßt sich bis auf das Jahr 850 nach unserer Zeitrechnung zurückverfolgen. Lagerund Stadt führten ein vollständig unabhängiges Leben, waren total getrennt. Meine Freizeit, die ich in der Stadt Dachau verbrachte, stand so sehr im Widerspruch zu meiner Arbeit im Lager, daß man von zwei verschiedenen Welten sprechen konnte.

Dachau hatte einst den Ruf einer Künstlerkolonie. Aber die Stadt hatte mich während meines ersten Besuches nicht sonderlich beeindruckt. Im Winter 1946/1947 erschien sie mir wie Augsburg, grau und niederdrückend. Ein Eindruck, der noch durch andauernden Regen und Schneefall verstärkt wurde. Dachau war wie Melsungen eine zu kleine Stadt, als daß sie einem größeren Bombardement, wie andere deutsche Städte ausgesetzt worden war. Ungleich Melsungen, wo ich mir abgesondert vorkam, war ich in Dachau in der Lage, das Leben, die Stadt und ihre Bewohner als angenehm zu empfinden. Es war in Dachau, wo ich meine ersten Freundschaften mit Deutschen schloß.

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Dachau war fast unbeschädigt durch den Krieg gekommen, obwohl auch hier materielles und moralisches Elend herrschte. Die meisten Geschäfte waren verschlossen, verschalt oder sie hatten heruntergelassene stählerne Läden, die die Fenster fest absicherten. Wie in Augsburg, boten die wenigen offenen Geschäfte so gut wie nichts, was kaufenswert gewesen wäre. Die Lebensmittel waren so knapp wie überall in Deutschland. Mit Zigaretten konnte man beinahe alles kaufen und sogar Seife war eine fast unbezahlbare Ware geworden. In jenen Tagen hätten viele Deutsche für ein Stück guter Seife beinahe alles getan.

In Dachau gab es nicht die leichte, kollegiale Atmosphäre, die mir in Augsburg so gefallen hatte. Allerdings war ich dort auch ausschliesslich unter Amerikanern. Die verdrießliche Atmosphäre im Lager war verständlich, wenn man bedenkt, daß die meisten Amerikaner ganz in der Nähe des Lagers gewohnt haben (dagegen wohnten die meisten Amerikaner in Augsburg in Gebäuden, die von deutschem Personal unterhalten wurden). Im Lager Dachau hatte die kleine amerikanische Gemeinschaft zwar deutsches Personal, welches die Gebäude versorgte, doch die Deutschen verhielten sich anders als in Augsburg. Sie waren durch ihre amerikanischen Bosse gründlich eingeschüchtert worden. Konnte ein Amerikaner Deutsch und verstand er es, Kommandos zu bellen, so wurden diese umgehend befolgt.

Die im Lager tätigen Deutschen kamen zu Fuß zur Arbeit, weil nur wenige Deutsche Autos besaßen. Hatten sie aber ein Auto, so fehlte das Benzin. Ich erinnere mich an einen jüdisch-amerikanischen Übersetzer, der, wenn immer er in Dachau mit seinem Jeep unterwegs war, stets durch die Pfützen raste, um möglichst viele deutsche Fußgänger mit dem kalten schmutzigen Wasser zu bespritzen. Ich habe dies einmal miterlebt. Nachdem er eine Gruppe deutscher Passanten auf diese Weise bespritzt hatte, grinste er mich an und gab freimütig zu, daß ihm das Spaß mache. Obwohl ich seine Gefühle verstand, konnte ich ihm nicht zustimmen, denn ich

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wußte inzwischen von meinen deutschen Bekannten, mit welcher Sorgfalt sie ihre Kleidung pflegten, reinigten und die Löcher stopften, da nur wenige in der Lage waren, sich neue Kleidung zu kaufen.

Die Einstellung des Übersetzers war keine Ausnahme unter den amerikanischen Juden, von denen einige ehemalige Auswanderer waren, die an den Dachauer Prozessen mitarbeiteten. Viele von ihnen sprachen Deutsch. Sie hatten eine starke Abneigung gegenüber den Deutschen, hegten bitteren Groll. Einige hatten zwar deutsche Freundinnen, doch sie ließen in ihrer feindseligen Einstellung gegenüber den Deutschen als Volk nicht nach. Eine Ausnahme war Fred Fleischmann, ein amerikanischer Jude, der in Deutschland geboren war. Obwohl Fleischmann Deutschland während der NS-Zeit verlassen musste, hegte er warme, freundschaftliche und persönliche Gefühle gegenüber den Deutschen. Doch wie Harry Thon in Augsburg, waren die meisten Juden eher für Vergeltung, anstelle von Aussöhnung.

Neben den Deutschen in Dachau gab es die DPs (Deportierte Personen), von denen die meisten ziemlich heruntergekommen und schwer einzustufen waren. Es gab erstaunlich viele. Sie waren leicht zu erkennen. Viele von ihnen traten als Zeugen bei den Dachauer Prozessen auf. Die DPs schienen stets an den Lagertoren ein- und auszugehen. Dies war für mich eine weitere Überraschung, da ich geglaubt hatte, daß der Lagereingang streng kontrolliert würde; der unkontrollierte Zugang nur den Amerikanern erlaubt sei. Ihre dauernde Anwesenheit, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Krieg, war ein weiteres Beispiel dafür, welche Massen von Europäern, die während des Krieges entwurzelt worden waren, die Rückkehr in ihre Vorkriegsheimat hinauszögerten.

Vor meiner Ankunft in Deutschland war Dachau das einzige Konzentrationslager, von dem ich gehört hatte. Mein Eindruck damals war der, daß es ein Lager zur Ausrottung der Juden war. Doch dies war eine Desinformation, die auch heute immer noch in den Köpfen vieler Amerikaner weiterlebt, die

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das Opfer der Kriegspropaganda waren. So kann man auch heute noch in manchen Schul- oder Nachschlagwerken wie in der »World Book Encyclopedia« lesen, daß Dachau auch ein Vernichtungslager für politische Gefangene war. Als ich zum ersten Mal und mit großem Entsetzen das Krematorium in Dachau besichtigte, hielt ich es für eine Einrichtung mit der die Deutschen ihre Gefangenen umgebracht hatten. Nach kurzem Nachdenken wurde mir jedoch klar, daß das Krematorium dazu diente, die Leichen zu verbrennen. Die Gaskammern in Dachau erschienen mir bemerkenswert klein für eine so grosse Zahl von Menschen, die dort mit Gas getötet worden sein sollen; doch damals dachte ich nicht weiter darüber nach. Die angeblichen Gaskammern wurden später richtig als Entlausungskammern identifiziert. Eine passendere Definition mit einer Aufnahme von diesen kleinen Kammern habe ich einer kleinen Broschüre über den Dachau-Prozeß entnommen. Diese Broschüre besitze ich heute noch.

Das Lager Dachau wurde gebaut, um politische Gefangene, meistens Deutsche, unterzubringen. Einige von ihnen waren recht bekannt: Elisabeth von Stauffenberg, die Witwe des Obersten Claus Schenk von Stauffenberg (des Offiziers, der beinahe Hitler getötet hätte, indem er eine Bombe in dessen Konferenzraum legte) sowie praktisch alle Mitglieder der Stauffenberg-Familie. Prinz Leopold von Hohenzollern Preußen, ein Neffe Kaiser Wilhelm II., Prinz Xavier von Bourbon, Jakov Szhugashvili, der Sohn Stalins, Kapitän Peter Churchill, der Neffe der britischen Premiers Sir Winston Churchill, Kurt von Schuschnigg, der ehemalige Kanzler von Österreich, dessen Frau und Tochter, und viele andere mehr waren dort untergebracht. Ein einziger Amerikaner, Major Rene J. Guiraud aus Cicero, Illinois, befand sich unter den von amerikanischen Truppen im Mai 1945 Befreiten.

Eins der ersten Dinge, die ich über Dachau und das gesamte Konzentrationslagersystem erfuhr, war die Tatsache, daß nicht nur Juden und Deutsche, sondern auch zahlreiche Polen, Russen, Tschechen, Franzosen, Spanier, Italiener und viele

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andere Nationalitäten in Dachau untergebracht waren. Und es war gemäß der Aussage anderer Insassen - »kein Vernichtungslager.« Man behielt sich diese Bezeichnung für Mauthausen, Flossenbürg und Ausschwitz vor. Ausschwitz lag in Polen, und man hörte während meiner Zeit in Dachau wenig darüber, auch nicht über andere Lager in Polen.

Zusätzlich muß erwähnt werden, daß in Dachau auch eine große Anzahl Zeugen Jehovas untergebracht waren. Diese waren wie die Juden durch Uniformen deutlich gekennzeichnet. Die meisten von ihnen kamen nach Dachau, weil sie die Wehrpflicht verweigerten. Für diese Einstellung gab es bei der Hitlerregierung keinerlei Kompromiß.

Dachau hatte sich zu einem Arbeitslager entwickelt, zu einem Gewahrsamszentrum, wo die Inhaftierten die Männer auf den Feldern und in den Fabriken des Reiches während des Krieges zu ersetzen hatten, weil die meisten Männer, ob jung oder alt, an der Front kämpften. Dieser für Hitler-Deutschland lebenswichtige Arbeitsdienst läßt es unlogisch erscheinen, daß die deutschen Behörden freizügig und wahllos Tausende oder gar Hunderttausende Arbeitskräfte getötet haben könnten.

Während der Zeit meiner Berichterstattung in Dachau sah und hörte ich Dinge, die an der Propagandaversion über Dachau und andere Lager Zweifel aufkommen ließen. Meine Skepsis wurde gestärkt durch das, was die amerikanischen Soldaten zu erzählen hatten, als sie das Lager befreiten. Kurz nach der Übernahme des Lagers Dachau fand ein amerikanischer Soldat das Tagebuch eines Insassen mit der Eintragung: »Trotz allem, Dachau ist ein goldenes Lager.«1

l Dieses Tagebuch wurde ursprünglich durch einen Bericht über Dachau »Die Anatomie des SS-Staates«, von Helmut Krausnick, Hans Buchenn, Martin Broszat und Hans-Adolf Jacobsen, New York, durch Walter & Co 1968, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Für die Amerikaner war die Inspektion des Lagers trotzdem eine schaurige Erfahrung. Sie fanden unbestattete Leichen. Die ausgezehrten Körper lagen grotesk verzerrt auf dem Boden. Viele der Gefangenen, die den Amerikanern mit ungläubigen Augen entgegenliefen, waren beinahe so mager wie die Toten. Man bestätigte mir aber, daß es Zehntausende anderer Gefangener gab, die in weit besserem, fast robustem Zustand waren, im Gegensatz zu den in der Öffentlichkeit verbreiteten Photos, die bei der Befreiung von amerikanischen Kameraleuten aufgenommen worden waren. Wie kam es, daß die einen so gut davon gekommen und die anderen so elend gestorben waren?

Schockiert durch die grausamen Szenen, welche die Truppen der 45. Infanteriedivision bei ihrer Ankunft im Lager vorfanden, reichte den Soldaten die Erschießung und Tötung der deutschen Wachleute nicht. Sie stellten eine große Anzahl des Dachauer Personals an die Wand und erschossen sie mit dem Maschinengewehr, obwohl sich das Wachpersonal mit der Weißen Fahne ergeben hatte. Niemand, der an diesem Massaker teilgenommen hat, ist jemals bestraft worden.2

Die einrückenden Amerikaner konnten nicht wissen, daß sich im Frühjahr 1945 die Zahl der Insassen des Lagers Dach-au wie auch in den anderen Lagern Westdeutschlands rasend schnell erhöht hatte und folglich die Kapazitäten für Unterbringung und Ernährung bei weitem überschritten wurden. Die fürchterlichen Bedingungen, welche die Amerikaner in Dachau vorfanden, waren eigentlich das Ergebnis des schnellen amerikanischen und russischen Vormarsches an allen Fronten. So wie die Deutschen sich vor den Sowjettruppen zurück-

2 Siehe »Dachau, die Stunde der Vergeltung«, von Col. Howard A. Echner, Medical Corps A.U.S. (i.R.), Metairie, LA: Thunderbird Press, 1986. (Anm. d. Verlages: Wie mir ein befreundeter Verleger glaubwürdig versicherte, sollen insgesamt 584 Personen von den Amerikanern exekutiert worden sein.)

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zogen, evakuierten sie die Arbeits- und Konzentrationslager, indem sie die Insassen in das Kemreich schickten, viele nach Dachau. Die meisten Gefangenen wurden in Güterwagen verladen. Es gab kaum einen Laib Brot pro Person und nichts zu Trinken. In einigen Fällen hatten in den letzten Monaten des Krieges die Züge wegen der chaotischen Zustände des Eisenbahnnetzes wochenlange Verspätungen und die menschliche Fracht starb oft an Hunger, Durst oder Erschöpfung. Die Amerikaner entdeckten im Eisenbahnbereich von Dachau viele Güterwaggons mit Toten und Sterbenden.

Da es in den schon hoffnungslos überfüllten Lagern keine Unterkunft mehr gab und weil die Behörden zu allererst die eigenen Soldaten und Zivilisten mit Lebensmitteln und Medizin versorgten, waren die Lager mit dem Ansturm der Neuankömmlinge überfordert. Die unglücklichen Neuankömmlinge waren manchmal gezwungen auf den Lagerstraßen zu nächtigen, ohne Essen und ohneDach. Einige von ihnen, besonders die Kranken, legten sich einfach nieder um zu sterben. Es waren diese Gefangenen, die wie Klafterholz in den Straßen und an den Wänden der Barracken aufgestapelt lagen und bei der Befreiung so vorgefunden wurden. Die Körper waren zerfallen und die Luft mit dem Geruch der sich zersetzenden Leichen erfüllt. Es waren diese Bilder und die von dahinsiechenden Insassen in den Lagerstrassen, welche die amerikanischen Truppen veranlaßten, entsprechende Berichte über die deutschen Konzentrationslager zu verbreiten. Sicherlich haben die Soldaten der 45. Division, welche die SS-Wachen niedergemetzelt hatten, ein Kriegsverbrechen begangen. Doch in solchen Zeiten hat sich keiner an juristische Regeln gehalten.

Äußerlich erinnerte nichts mehr an die schmutzige Geschichte des Dachauer Konzentrationslagers, als ich im Frühjahr 1947 dort eintraf, zwei Jahre nach der Befreiung durch die Amerikaner. Das Lager machte beinahe den Eindruck eines Sommerlagers. Es war sauber und die einzigen Gefangenen waren Deutsche. Die Gebäude, meistens aus Holz, waren

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Zweckbauten ohne architektonische Feinheiten. Alles im Lager war ordentlich und gut unterhalten. Über dem Haupttor konnte man noch das deutsche Motto »Arbeit macht frei« erkennen. Nur am Eingang gab es Bäume, der Gefangenenbereich war baumlos. An der Eingangsseite des Lagers gab es einige wenige Gebäude. Die grossen Gebäude mit den Inhaftierten befanden sich im rückwärtigeren Teil des Lagers. Einige dieser Unterkünfte waren abgerissen oder zerstört worden. Die großen Häuser an der breiten SS-Straße, die Straße in der die SS-Offiziere gewohnt hatten, wurden von Frauen, meistens amerikanische und einige britische, der 7708. Kriegsver-brechens-Gruppe in Dachau bewohnt. Einige der männlichen Zivilbeschäftigten lebten in einem Schlafsaal des Lagers, während andere in der Stadt wohnten.

Nahe beim zweiten Tor, das derzeit geschlossen blieb, befand sich der Speiseraum der Offiziere. Dort nahm ich zusammen mit den Offizieren und meinen zivilen Kollegen vom Kriegsministerium die Mahlzeiten ein. Es war ein Spaziergang von ungefähr zwei Straßenblöcken von meinem Arbeitsplatz bis dorthin. In der Nähe der Gebäude, die man zu Gerichtssälen umfunktioniert hatte, befanden sich eine Reihe von Baracken oder »Blöcken«, die von Stacheldraht umgeben waren und wo vormals die Gefangenen der Deutschen untergebracht waren. Hier wurden auch im Jahre 1947 die deutschen Angeklagten des Dachauer Kriegsgerichts gefangengehalten. Man sah sie manchmal flüchtig bei der Ausübung einzelner Arbeiten.Stets unter den aufmerksamen Augen amerikanischer oder polnischer Wachen.

Es gab eine große Zahl von polnischen Wachen in Dachau. Ihre1 Aufgabe war die Bewachung der Lagertore und des Umfeldes. Die Oberaufsicht der Amerikaner war nur oberflächlich. Sie blieben meistens unter sich, kamen und gingen, wie es ihnen beliebte. Meine Beziehungen zu ihnen waren gleich null, Ausnahme war die Bekanntschaft eines polnischen Offiziers, der schließlich eine der Protokollführerinnen heiratete. Zunächst schienen sie alle gleich auszusehen: ver-

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hältnismäßig klein, untersetzt, gewöhnlich blond oder mit hellbraunem Haar. Doch es fiel mir bald auf, daß es die Uniformen waren, die sie gleich aussehen ließen: blau-schwarz und vom vielen Waschen zerschlissen. Damals sah ich alles mit den Augen eines einfachen Soldaten: ich sah auf die Uniform und nicht auf den Menschen.

Die DPs waren sehr zahlreich und liefen immer gruppenweise im Lager herum. Ich vermutete, daß sie während des Krieges Lagerinsassen gewesen waren. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wo sie gewohnt haben. Wahrscheinlich hatten sie in Lagerunterkünften Quartier genommen, vielleicht in den alten Gefangenenbaracken, wo sich auch die polnischen Wachen aufhielten. Viele dieser Fremden arbeiteten im Lager für die Amerikaner; einige waren bei einem oder bei mehreren Prozessen Zeugen.

Die »Fremden« - die polnischen Wachen, die DPs, die Prozeßzeugen, wer immer noch - hatten wenig Verbindung zu den Deutschen in der Stadt. Die Deutschen mißtrauten ihnen gewöhnlich, obwohl einige der Wachen deutsche Freundinnen hatten. Die Deutschen hatten allen Grund mißtrauisch zu sein, weil die Fremden wenig Respekt vor dem Eigentum anderer Menschen hatten. Kurz nach der Befreiung des Lagers schwärmten sie überall in der Stadt aus und stahlen alles, was ihnen unter die Hände kam. Obwohl sie besonders die Deutschen bestahlen, zögerten sie auch nicht, Amerikaner zu bestehlen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Später sollten auch meine eigenen Sachen diesen Langfingern zum Opfer fallen.

Nach meiner Ankunft hätte ich im Lager Unterkunft finden können. Doch ich zog es vor, in der Stadt zu wohnen. Mein Freund Smitty hatte in der Eduard-Ziegler-Straße ein Zimmer in einem beschlagnahmten Haus bekommen. Dort wohnte er, seit er der Kriminalabteilung zugeteilt worden war. Die Eduard-Ziegler-Straße befand sich vom Lager aus gesehen am anderen Ende der Stadt. Dahinter waren ausgedehnte Felder, Wiesen und Wälder. Smitty sagte mir, daß um die Ecke noch

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andere Amerikaner in einem Haus lebten. Die Adresse war Hermann-Stockmann-Straße 48. Das Haus gehörte Frau Maria Bauer, der Witwe eines ehemaligen Lehrers, einst Mitglied der NS-Partei. Ich sparte mir den Weg zum Häuserver-mittlungsbüro und begab mich direkt zu diesem Haus.

Mit der Ergebenheit der Besiegten atmete Frau Bauer lediglich tief durch, als ich an ihrer Tür stand. Ohne nach meinem Einweisungsschein zu fragen, zeigte sie mir ein Ein-Bettzim-mer im ersten Stock. Ich nahm es sofort. Es gab keine Bezahlung für das Zimmer. In jener Zeit zahlten die Amerikaner für ihre Unterkunft in Deutschland überhaupt nicht. Der Raum wurde von den Bauers makellos sauber gehalten.

Später, als ich die Familie besser kennengelernt hatte, erfuhr ich von Frau Bauer, daß sie mir eher ablehnend gegenüberstand. Ich war stets sportlich gekleidet, nur Hemd über der Hose, was damals in Amerika modern war, in Deutschland jedoch nicht und daher hielt sie mich für komisch. Bei unserer ersten Begegnung fiel Frau Bauer mein levantinisches Aussehen auf, sie glaubte, ich sei Jude (viele europäische Juden nahmen das ebenfalls an) und obwohl sie es nicht sagte, spürte ich, daß sie Juden immer noch mißtraute. Ich erfuhr, daß die Deutschen zumindest einer ähnlich starken Propaganda ausgesetzt worden waren, wie wir auch. Wenn wir deshalb Vorurteile den Deutschen gegenüber hatten, so war es nur zu verständlich, daß auf der anderen Seite wir Gegenstand des Zieles der deutschen Propagandisten während der Kriegszeit gewesen waren. Man hatte den Deutschen gesagt, daß die Juden habgierig und unzuverlässig wären, daß sie in erster Linie zu ihresgleichen loyal blieben und nicht Deutschland gegenüber, daß die Juden während des Ersten Weltkrieges die Nation betrogen hätten, um sich dann während der Weimarer Jahre durch den wirtschaftlichen und politischen Ruin Deutschlands zu bereichern.

Das Haus in der Hermann-Stockmann-Straße sah aus wie alle anderen Häuser des Blocks. In einer Reihe mit den anderen Häusern und typisch deutsch konstruiert. Ohne Hausnum-

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mern wäre es schwierig gewesen, die Häuser zu unterscheiden. Anstelle der allgemein üblichen leichten Innenblenden amerikanischer Häuser, hatten ihre Fenster starke hölzerne Außenjalousien, die nachts geschlossen wurden. Das gab ihnen den Eindruck der Unüberwindbarkeit.

Der Hof oder »Garten«, wie die Hausgrundstücke in Deutschland genannt werden, war nach deutscher Gewohnheit vollständig eingezäunt. Die einzige Öffnung war das Tor, das jeodoch oft verschlossen wurde. Der Anblick eines Zaunes um jedes Haus wirkte fremdartig. Ich war es von Pennsylvania her gewohnt, daß die Gärten der Nachbarn ineinander übergingen. Ich gewöhnte mich jedoch bald an die Zäune und lernte sie auch schätzen.

Quer durch Bauers Garten plätscherte ein Bach und ich entdeckte, wie die Frauen aus der Nachbarschaft dort ihre Wäsche wuschen. In jedem Hof war ein Holzgerüst oder ein Steg an der Wasserstelle. Auf diesen kleinen Stegen knieten die Mädchen oder die Waschfrauen, um im Fluß die Kleider zu waschen. Ich war sehr beeindruckt von diesen Hinterhöfen, die durch dichtes Gebüsch voneinander abgetrennt waren. Dadurch war es beinahe unmöglich, einander zu sehen. Auf diese Weise erschienen die Gärten so privat wie Wohnräume. Die Grenzen waren mit immergrünen Bäumen bepflanzt oder dicht genug mit Büschen, daß sogar im Winter, nachdem die Büsche die Blätter verloren hatten, die private Sphäre erhalten blieb. Die Gärten waren oft mit Rasen bedeckt und praktisch denkende Haushalte hatten Obstbäume gepflanzt oder Kartoffelbeete über den ganzen Garten angelegt.

Frau Bauers Garten war wie die Gärten der Nachbarn von so dichtem Buschwerk umgeben, daß man dort - was ich auch oft tat - ganz »ohne« sonnenbaden konnte. Hierin wurde ich von Frau Bauer ermutigt, die wie alle Deutschen davon überzeugt war, daß Nacktbaden gesund sei, und je mehr man es tat, es um so besser sei.

Ich genoß die Abgeschiedenheit im Garten. Am Ende der Felder hinter dem Fluß waren Häuser, weit entfernt, und Frau

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Bauer schloß sogar die Jalousien, damit ich den Garten ganz alleine für mich hatte. Wenn immer sich die Möglichkeit bot, neckte ich sie und Theres, das Mädchen, daß sie vermutlich darauf aus wären, eine Vorstellung zu bekommen, was regelmäßig zu einer schulmädchenhaften Verlegenheit der beiden führte, wobei sie mich kichernd als »sehr schlimm« hinstellten.

Als ich in das Haus der Bauers zog, fühlte ich mich zunächst nicht sehr wohl. Der etwas kühle Empfang, verursacht durch meine saloppe Kleidung und mein levantinisches Aussehen, wurde durch die deutsche Reserviertheit, die den lässigeren Amerikanern fremd ist, noch gefördert. Mit der Zeit kam ich mit den Bauers aber gut zurecht und sie nannten mich »Ben-jamin«, ein Name der häufig dem Jüngsten in einer deutschen Familie gegeben wird.

Frau Bauer war mir gegenüber schließlich sehr freundlich, und nachdem mein Deutsch besser wurde, hatten wir ausführliche Gespräche, meistens in der Küche, die ganz in der Nähe meines Zimmers war. Frau Bauer und Theres hielten sich tagsüber sehr oft dort auf.

Noch bevor wir uns richtig unterhalten konnten, sagte mir Frau Bauer, daß Theres meine Wäsche erledigen würde, wenn ich dafür bezahlen würde. Ich verstand dies so, daß dies mehr im Interesse von Theres war als in meinem, da Theres hierdurch an Seife, Schokolade und Zigaretten kam und dies zu einer Zeit, als die deutsche Währung wertlos war. Doch mit Zigaretten als Währungsersatz, konnten sich die Deutschen Waren beschaffen, die normalerweise nicht zu bekommen waren.

Theres nahm meine Wäsche und wusch sie zusammen mit der Wäsche der Familie in dem Fluß hinter dem Haus. Meine Hemden, Unterwäsche, Socken und Handtücher wurden anschließend in der Sonne getrocknet, und dann wurde alles -außer den Socken - von Theres gebügelt, ordentlich zusammengelegt, und wenn ich abends heimkam, fand ich die Sachen auf meinem Bett vor. Nachdem Frau Bauer mir vorgeschlagen hatte, meine Schuhe zusammen mit etwas Schuhcre-

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me vor die Tür zu stellen, fand ich auch diese am nächsten Morgen von Theres blankgeputzt vor.

Die Bauers hatten vor dem Krieg eine recht angesehene soziale Stellung. In der Familie gab es einen Lehrer und einen Schulbeamten (ein solcher Beruf wird in Europa gewöhnlich mehr respektiert und auch höher bezahlt als in den USA). Frau Bauer hatte aber weder aus der Kriegszeit noch aus der Besatzungszeit irgenwelche Vorteile ziehen können. Ihr Mann war im Krieg gefallen. Die Familie erwartete die »Entnazifizierung«. Die US- Behörden untersuchten in einem mühevollen Vorgang ehemalige Mitglieder der nationalsozialistischen Partei und deren Symphatisanten, um sie wieder in das demokratische Leben zu integrieren. Da Herr Bauer Parteimitglied war, wurde das Haus seiner Witwe nach dem Kriege von den Amerikanern beschlagnahmt. Sie, ihre zwei Söhne und Theres hatten das Haus innerhalb einer kurzen Frist zu verlassen. (Es überraschte mich, daß Theres bei der Familie blieb, doch es gab wohl wenig, wo sie sonst hätte hingehen können.)

Man erlaubte den Bauers, das Haus, bald nachdem es beschlagnahmt worden war, wieder zu beziehen. Die neuen Mieter hatten das Haus sehr vernachlässigt und verschmutzt. Frau Bauers gutes Porzellan war zerbrochen, die anderen Wertgegenstände gestohlen, soweit sie nicht zerschlagen worden waren. Die Soldaten hatten ihre Wurfpfeile (darts) in die schönen Holztüren geworfen. Bei der Rückkehr in ihr Haus durfte Frau Bauer nur ein Zimmer bewohnen, doch dadurch konnte sie wenigstens auf das Haus aufpassen. Der Mangel an Sorgfalt seitens der neuen Mieter, zunächst waren es unverheiratete Offiziere, dann ein Offizier mit seiner Familie, ohne jeden Sinn für gute Holzmöbel oder für die Hauseinrichtungen wurde offensichtlich, als die Amerikaner dem Hausmädchen erlaubten, die Hartholztreppen mit Wasser und Seife zu reinigen, um sie dann' trocknen zu lassen.

Als Frau Bauer sich zum erstenmal darüber beklagte, was mit ihrem Haus und ihren Möbeln geschah, kam mir sofort der Gedanke: »Nun, wer war es, der den Krieg angefangen hatte?«

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- doch ich sprach dies nie aus. Ich hatte diesem Gedanken vorher keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, doch es war klar, daß Frau Bauer den Krieg nicht angefangen hatte, und sie war auch nicht für die »Grausamkeiten« der Deutschen verantwortlich.

Schon damals wusste ich, daß es die Regierungen sind, die die Kriege mit Unterstützung einiger Bürger anstiften. Die Opposition ist oft schweigsam. Und Schweigen wird kaum eine Regierung veranlassen, keinen Krieg zu beginnen. Wenn es später in den Vereinigten Staaten trotz heftiger Proteste und trotz der Unwilligkeit der Bürger nicht gelang, den Vietnam-Krieg zu vermeiden, um wieviel schwieriger muß es gewesen sein, der Kriegs-Politik Hitlers etwas entgegen zu setzen?

Frau Bau er hatte zwei Söhne, Hermann und Helmuth; beide waren Studenten und keiner von ihnen lebte im elterlichen Haus. Hermann, der ältere, studierte Medizin und kam selten nach Hause. Doch Helmuth verbrachte dort sehr viel Zeit. Dadurch hatte ich Gelegenheit, mein Deutsch mit ihm zu üben. Ich hatte nach meiner Ankunft in Dachau ein Selbststudium der deutschen Sprache begonnen. Ich begann mit einem graduierten deutschen Lehrer, von dem ich einen Grundwortschatz erlernte, den ich nach den Gesprächen mit den Bauers ergänzen konnte. In jenem Sommer konnte ich mich häufig mit Helmuth unterhalten, während ich mich im Garten aufhielt.

Hermann kannte ich kaum. Doch er war sehr freundlich, und bei den wenigen Gelegenheiten bei denen wir uns begegneten, sprachen wir über seine Studien. Ich erzählte ihm von meinem früheren Ehrgeiz, Arzt zu werden und Hermann, der mitten im Medizin-Studium war, ermunterte mich dazu. Wenn Helmuth und ich scherzten und ich auf die Einstellung der Amerikaner »Alle Anwälte sind Lügner« kam, pflegte er zu sagen: »Alle Ärzte sind Schlächter!« Allgemeine Redensarten, doch makabrerweise konnte man sie auf Dachau beziehen, wo ich sehr viel mit Anwälten zu tun hatte und wo in den Gerichtssälen von Dachau die Ärzte der Konzentrationslager

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von Zeugen und Journalisten als Schlächter beschrieben wurden. Ich erwähnte das Hermann und Helmuth gegenüber nie. Deren Benehmen mir gegenüber war stets freundlich und aufmerksam.

Während meines Aufenthalts im Haus der Bauers kam ein kleinerer Diebstahl vor. Symptomatisch für gewisse Zustände während der Besatzungszeit. Eines Tages kamen Frau Bauer und Theres und berichteten mir entschuldigend, daß einer der Offiziere, der im zweiten Stock wohnte, für die Nacht ein Mädchen mitgebracht hatte. Erst nachdem der Offizier das Haus verlassen hatte, war auch das Mädchen weggegangen. Sie hatte mitgenommen, was sie in die Finger bekam. Darunter auch zwei Handtücher aus meinem Baderaum.

Von meiner Wohnung bis zum Konzentrationslager gelangte ich mit einem Behelfsfahrzeug, einem umgebauten großen, ausgekleideten Lastwagen. Zwei lange Holzbänke führten entlang der Wände. Es war kein Vergnügen darauf zu sitzen, wenn es über die ausgefahrenen, verschmutzten Straßen in Richtung Dachauer Lager ging. Viele der Straßen blieben ungepflastert. und ganz schlimm war es bei Regen. Meine Ortskenntnis ging lediglich vom Gefühl aus. Ich ging nur einige Male zu Fuß, während ich bei Bauers war, und sah deshalb nie etwas von der Umgebung, weil der »Bus« keine Fenster hatte.

Ich erinnere mich, daß ich einmal auf dem Weg zu meinem Heim durch die Hermann-Stockmann-Straße ging und dabei zu einer Strassengabelung kam. Dort befand sich eine Schän-ke, in der offensichtlich reger Betrieb war. Bei einer der wenigen Gelegenheiten, an denen ich dort vorbeikam, sah ich einen Jungen von etwa neun oder zehn Jahren, der mit einem großen Krug Bier für das Abendessen nach Hause lief. Der Junge hatte kurze Lederhosen an (die von deutschen Jungens während des Sommers getragen wurden). Amüsiert beobachtete ich den Jungen, wie er barfuß über die Pflastersteine laufend, plötzlich stehenblieb und einen schnellen Schluck von dem Bier nahm und dann weiterlief. Wer die strengen

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Bestimmungen über den Kaufund die Einnahme von alkoholischen Getränken in den Vereinigten Staaten kennt, war erstaunt, daß eine deutsche Schänke Bier sogar an einen kleinen Jungen verkaufte und der es noch dazu wagte, auf der Straße einen Schluck davon zu trinken.

Über das Wochenende bereiteten meine Freunde und ich uns die Mahlzeiten selbst zu, um uns die Busfahrt zu den Speisesälen zu ersparen. An der Ecke gab es eine Bäckerei, wo wir gegen Zigaretten Brot kaufen konnten, denn damals war Brot rationiert und ohne Erlaubnis der Regierung oder ohne ein amtliches Dokument konnte man kein Brot kaufen. Ein deutscher Junge kam oft vorbei und rief aus: »Wollen Sie Eier?« Er kam fast täglich, war offensichtlich von seinen Eltern geschickt, denn er ließ sich die Eier mit Zigaretten bezahlen. Dadurch hatten wir stets frische Eier, und bald lernte ich, wie man ohne Fett oder Butter mit deutschem Schwarzbrot Rührei brutzelte. Warum ich nie darauf kam, Eier in der Schale zu kochen, weiß ich nicht.

Die zwei Häuser, die ich schon erwähnt hatte - Smittys in der Eduard-Ziegler-Straße und meines in der Hermann-Stockmann-Straße - waren die einzigen in der Nachbarschaft, die von Amerikanern bewohnt waren. Wir waren von der amerikanischen Gemeinschaft so gut wie abgeschnitten, denn die meisten lebten in der SS-Straße, unmittelbar außerhalb Dachaus, oder im Lager selbst. An Sonntagnachmittagen wurden wir oft von einer Nachbarin in der Eduard- Ziegler-Straße zu einem richtigen deutschen »Kaffee« eingeladen. Richtiger Kaffee war damals für Deutsche unerschwinglich und alle tranken »Ersatzkaffee«. Einem meiner Freunde gelang es, der Nachbarin richtigen Kaffee zu beschaffen sowie Zucker, damit sie Kuchen backen konnte. Wo sie die Butter besorgte, erfuhren wir nicht. Doch wir lebten praktisch auf dem Lande, und sie hatte vermutlich Kontakte zu Bauern, die sie belieferten. Bei solchen Gelegenheiten war ich gezwungen Deutsch zu sprechen, und ich lernte verhältnismäßig schnell.

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Ich begegnete auch Willi, dem erwachsenen Sohn der Familie von der Ecke der Eduard-Ziegler-Straße, und damit dem einzigen Mann meines Alters in der Nachbarschaft. Willi war wahrscheinlich Anfang 20. Er war aus der Armee entlassen -oder er hat sich bei Kriegsende selbst demobilisiert - und er lebte bei seinen Eltern. Seine verwitwete Schwägerin hatte das elterliche Haus vermietet. Ausserdem hielt die Schwägerin einen Sowjetfreund aus. Die Familie war dadurch in Verruf gekommen. Sie schlief mit einem Fremden, noch dazu mit einem Russen, das ging nicht. Aber es gab nichts, was man dagegen tun konnte. Sie beendete ihr Verhältnis auch nicht, obwohl sie genau wußte, was die Nachbarn von ihr dachten.

Anderthalb Blocks vom Bauerschen Haus entfernt, gab es Landwege, die sich ideal zu Radtouren eigneten - mit einem von Willi und dessen Familie geliehenen Fahrrad. Nicht weit war ein Teich, ideal zum Schwimmen. Diese Freizeitbeschäftigungen sowie ein herrliches Sommerwetter nach einem langen und kalten Winter machten das Leben in Dachau in der freien Natur beinahe idyllisch.

Eine bittere Note gab es während meines Aufenthaltes in der Hermann-Stockmann-Straße in meiner Beziehung zu Frau Eichstätter, der Eigentümerin des Hauses, in dem mein Freund Smitty wohnte. Frau Eichstätter mochte die Amerikaner offensichtlich nicht und sie war unzufrieden darüber, daß man ihr Haus beschlagnahmt hatte. Sie hatte vier amerikanische Mieter, doch sieblieb in ihrem Haus, um darauf aufzupassen. Frau Eichstätter lebte mit ihrer Tochter, die ungefähr zwölf oder dreizehn Jahre alt war und den Namen Gerlinde trug; ein Tribut an die Begeisterung für altdeutsche Namen während der Hitlerjahre.

Frau Eichstätter war so mißmutig wie Frau Bauer freundlich war. Während sie die älteren Amerikaner, die in ihrem Hause lebten, fürchtete, versuchte sie Smitty und mich einzuschüchtern. Sie beobachtete uns ständig. Als ich einmal einen grünen Apfel in ihrem Garten pflückte, rief sie mir aus dem Fenster zu: »Herr Halow, den sollten Sie nicht essen, der

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macht Sie krank.«Doch mir war klar, daß sie nicht um meine Gesundheit besorgt war. Vierundzwanzig Stunden später fand ich das bestätigt, denn als ich aus dem Büro nach Hause kam, hatte Frau Eichstätter alle Äpfel vom Baum gepflückt, und ich sah keinen einzigen wieder.

Ich wollte damals im Frühling einen Garten anlegen, und es gelang mir, Smitty für die Verwendung von Eichstätters Hof zu interessieren. Saatgut war damals in Deutschland nicht leicht zu beschaffen, doch ich bemerkte, daß die Armeeverkaufsstelle Blumen- und Gemüsesaatgut im Tausch anbot. Ich kaufte einige Gemüsesaaten und gab die Hälfte davon Frau Eichstätter, die sie nirgendwo sonst hätte beschaffen können. Smitty und ich pflanzten in dem für uns reservierten Gartenteil den Rest.

Ich wußte, wie man Gärten anlegte, hatte ich es doch bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr in Pennsylvania getan, und Smitty war auf einer Farm groß geworden. Deshalb war ich überrascht, daß nicht eine der eingepflanzten Saaten spross, obwohl alle von Frau Eichstätter gepflanzten Saaten sehr gut gediehen. Ich verdächtigte wegen unserer verlorenen Ernte Frau Eichstätter. Ich glaube, daß sie und Gerlinde den Boden mit unseren Saaten gründlich durchsiebt haben, wobei sie jedes einzelne Saatkorn, jede Bohne und jeden Kern sorgfältig herausfischten, um die Saat ihrem eigenen Gartenteil zuzuführen.

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