PROTOKOLLFÜHRER BEI DEN DACHAUER PROZESSEN

Mein Anfang als Protokollführer in den Dachauer Gerichtssälen war weitaus schwieriger als eine gute Unterkunft zu finden und auch schwieriger als die Deutschen kennenzulernen. Das Flügge-Werden und Abheben als Protokollant, würde mich bestimmt auf eine harte Probe stellen. Es gab nämlich nichts, was ich als Vorbereitung nachweisen konnte, und die Feuertaufe, mein erster Fall, stand bevor. Meine Erfahrungen während der Soldatenzeit waren nichts im Vergleich zu dem, was im Dachauer Gerichtssaal auf mich zukam.

Als ich mich bei der Abteilung Protokollführung in Dachau als Protokollant meldete, begegnete ich dem Chef der Abteilung, Warrant Officer Junior (Feldwebel) Richard Teasley, der sich als angenehmer Vorgesetzter und als freundlicher und geduldiger Chef erwies. Ich lernte bald noch zwei andere Protokollführer kennen, Roger Clark und Vernon Keller, die ich schon auf meiner Reise nach Deutschland getroffen hatte. Beide waren, wie ich, zunächst einer Voruntersuchungsstelle zugewiesen worden, um dann nach Dachau versetzt zu werden. In Gegenwart der anderen fühlte ich mich etwas als Außenstehender, da einige von ihnen schon in Amerika Berufserfahrung gesammelt hatten.

Unsere Büros lagen in der Nähe der Gerichtsräume. Diese waren alle in alphabetischer Reihenfolge bezeichnet - Raum A bis Raum H. Es waren umgestaltete Räume aus der Konzentrationslagerzeit. Trotz aller Anstrengungen sie so einzurichten wie ihre Vorbilder in Amerika, waren die Gerichtsräume in Dachau kaum funktionsfähig. Ein befreundeter Kollege klagte zum Beispiel ständig über den Gerichtsraum H, der (wegen der niedrigen Decke) aus einer Garage umgebaut zu sein schien. Die daraus resultierende schlechte Akustik machte es schwer, die Aussagen zu hören und niederzuschreiben.

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Jedes Kriegsgericht bestand aus sieben Offizieren, wovon die wenigsten juristische Ausbildung hatten. Einer der sieben füngierte als Gerichtspräsident; ein anderer, gewöhnlich ein Anwalt, vertrat die Justiz. Anklagevertreter und Anwälte für die Verteidigung waren entweder US-Armeeoffiziere oder bei der Armee beschäftigte Zivilisten.

Der Stab der Anklagevertretung verfügte über keine ausländischen Anwälte, doch sehr oft zog die Verteidigung deutsche Anwälte heran, die gewöhnlich von den Angeklagten selbst berufen wurden. Einige dieser deutschen Anwälte mögen recht kompetent gewesen sein, doch nur selten kam ihre Ausbildung -abgesehen von dem Verständnis der Vorgänge -vor Gericht zur Geltung. In nur einem einzigen Fall war ich von der Fähigkeit eines deutschen Anwalts überrascht. Die meisten von ihnen waren wegen der übermächtigen amerikanischen Präsenz im Gericht eingeschüchtert. Obwohl sie sicherlich gelegentlich auch einen Zeugen befragen wollten, traf dies selten ein.

Der Präsident des Gerichts war für den Ablauf der Verhandlung verantwortlich. Die anderen Mitglieder hatten eine bestimmte Zeit zur Verfügung, in der sie den Zeugen individuelle Fragen stellen konnten, nachdem die Zeugen von der Anklage und von der Verteidigung verhört worden waren. Die Angehörigen des Gerichts durften während dieser Befragungen ohne Begründung jederzeit Zwischen fragen stellen. Doch allgemein beschränkte sich das Gericht aber auf die dafür vorgesehene Zeit. Die Justizangehörigen bemühten sich für gewöhnlich sehr um eine Klärung, wenn das Gericht eine Verhandlung kurz unterbrach, um eine Rechtsfrage, die sich während der Verhandlungen ergeben hatte, zu prüfen.

Die Dachauer Gerichte untersuchten in der Hauptsache zwei Arten von Fällen: Örtliche Fälle von Greueltaten und Konzentrationslagerfälle. In beiden Fällen kann es einen einzigen oder mehrere Angeklagte gegeben haben. Fälle mit mehreren Angeklagten wurden zum Beispiel wie folgt bezeichnet: »Die Vereinigten Staaten gegen Heinrich Birnbreier

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et al.« Die Ablage der Fälle wurde nach den zwei Falltypen kodiert, mit Nummern, die für »örtliche Fliegerfälle« mit 12 begannen, und mit 000-50 für Konzentrationslagerfälle. Die Nummer 000-50-5-25 bezog sich zum Beispiel auf mehrere Fälle in Verbindung mit dem Konzentrationslager Mauthausen.

Zeugen bei den Fliegerfällen waren häufig deutsche Bürger von außerhalb Dachaus. Sie kamen oft von weit her, um vor Gericht zu erscheinen, aber gewöhnlich war das jeweils nur einmal.

Doch die Mehrheit der Zeugen trat im Rahmen der Konzentrationslagerfälle auf, man nannte sie die »Berufszeugen«, und jedermann in Dachau betrachtete sie als solche. »Berufszeugen« deshalb, weil sie täglich dafür bezahlt wurden, und sie sagten dafür aus. Zusätzlich erhielten sie freie Unterkunft und Verpflegung. Und das zu einer Zeit, als beides in Deutschland schwierig zu beschaffen war. Einige hielten sich monatelang in Dachau auf und traten in fast jedem der Konzentrationslagerfälle als Zeugen auf. Mit anderen Worten, sie ernährten sich mit ihren Aussagen für die Anklage. Gewöhnlich waren es ehemalige Insassen des Lagers, und ihr stark ausgeprägter Haß auf die Deutschen hätte ihre Aussagen zumindest in Zweifel ziehen sollen.

Die wichtigsten Konzentrationslagerfälle beschäftigten die besten und erfahrensten Berufsanwälte sowie das beste Personal. Einschließlich der qualifiziertesten Dolmetscher und Gerichtsprotokollführer. Daher hatte ich zunächst keine Hoffnung dort eingesetzt zu werden. Während meiner Zeit in Dachau wurden mehrere der bedeutendsten Konzentrationslagerfälle verhandelt. Selbst als der »Hauptfall KZ Dachau« 1946 abgeschlossen worden war, folgten viele Nachfolgeprozesse.

Wenn es generell auch spärliche Kontakte zwischen den verschiedenen Gruppen gab, die in Dachau Quartier hatten, so schien es aber zwischen den Gerichtsprotokollanten und den Gerichtsdolmetschern einen tiefen Graben zu geben. Während

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meines Aufenthaltes waren alle Gerichtsprotokollanten bis auf zwei Amerikaner. Diese beiden Ausnahmen waren Vera Carter und Susan McCullough, die sich gerne als Susie »Q« anreden ließ und auch in den Gerichtsakten so genannt werden wollte.

Auf der anderen Seite waren die Gerichtsdolmetscher nahezu alle fremder Abstammung. Wir hatten oft ernsthafte Probleme wegen ihres schlechten Englisch und sprachen oft über die Dolmetscher und deren Herkunft. Der Grund für ihre schlechte Aussprache und ihren schlechten Stil war klar: Viele von ihnen waren politische Flüchtlinge. Einige waren schon 1933 aus Deutschland geflohen. In den meisten Fällen hatten diese Dolmetscher nicht lange genug mit der englischen Sprache gelebt, um sie richtig zu beherrschen, obwohl viele von ihnen nach England, dem am nächsten gelegenen sicheren Land gegangen waren und einige auch typisch englische Namen angenommen hatten: George Williams oder Michael Shaw. Nach dem Krieg, als die US-Armee Personen suchte, die fließend Deutsch sprechen konnten, um als Fahnder oder Dolmetscher zu arbeiten, folgten diese Emigranten rasch dem Ruf. Wir machten unsere Witze über sie und nannten sie die »Neununddreißiger«, weil viele von ihnen 1939 geflohen waren.

Einige der Dolmetscher waren angenehm. Emily Powys Cobb gehörte dazu. Sie war eine ausgezeichnete Dolmetscherin. Sie war zwar eine geborene Amerikanerin, hatte jedoch zweimal einen fließend Deutsch sprechenden Mann geheiratet. Sie verstand Deutsch ausgezeichnet und sprach natürlich so perfekt Englisch, daß es für die Protokollführer ein Vergnügen war, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Es waren die unbeliebten Dolmetscher, die unglücklicherweise den dauerhaftesten Eindruck hinterließen. George Williams zum Beispiel. Der war so eitel wie hohl und ausserdem so lächerlich wichtigtuerisch, daß er ein Bild für eine gute Karikatur abgegeben hätte. Er behandelte die Protokollführer mit Geringschätzung. Sein geläufiges Deutsch war kaum sein

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Verdienst, denn es war seine Muttersprache. Sein Englisch dagegen war recht armselig. Niemand von uns hatte das Verlangen, mit ihm eine Gerichtssitzung mitzumachen, doch wir wurden oft dazu gezwungen.

Williams Freund Michael Shaw war weniger anmaßend, lebte sehr zurückgezogen; man munkelte, daß er sich lebhaft an deutschen Schwarzmarktgeschäften beteiligte. Wir glaubten, daß er in Dachau dabei war, um in erster Linie seine eigenen »Geschäftsinteressen« wahrzunehmen und daß das Dolmetschen lediglich sein Schlupfloch zum Eintritt in das besetzte Deutschland gewesen war.

Das Dolmetschen war eine hoch einzuschätzende Tätigkeit. Der Dolmetscher hatte sich ständig auf den jeweiligen Vorgang einzustellen. Nicht selten hing das Schicksal der angeklagten Person von der akkuraten Übersetzung des Dolmetschers ab. Doch viele der Dolmetscher waren den Angeklagten gegenüber aus tiefster Überzeugung negativ eingestellt. Ihre Befangenheit hat daher ganz gewiß ihre Leistung beeinflußt.

Die Protokollführer selbst waren auch nicht fehlerlos. Doch alle sprachen fließend Englisch, sonst hätten wir die Beweisführung nicht wiedergeben können. Die Protokollführung ist genau wie das Dolmetschen eine anstrengende Angelegenheit. Der Protokollführer muß ständig bei der Sache bleiben, er darf gedanklich nicht abschweifen. Er hat beinahe monoton zu arbeiten und muß sich dabei intensiv auf die Worte konzentrieren, um das wiedergeben zu können, was er gehört hat. Er hat nicht über den Sinn dessen nachzudenken, was gesagt wird, sondern er darf nur das soeben gesprochene Wort protokollieren. Ein Protokollführer muß immer Schritt halten können, er darf niemals so weit zurückfallen, daß er Gefahr läuft, einen Teil des Inhaltes zu verlieren.

Die Protokollführer hatten natürlich das Recht die Vorgänge zu unterbrechen, um zu bitten, daß ein Wort oder Satz wiederholt werden möge, das er vielleicht überhört oder nicht verstanden hatte. Doch kaum einer tut dies gerne, da er sonst

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Fragen nach seinen Fähigkeiten zu fürchten hatte. Oft hat die Bitte um Wiederholung auch zur Folge gehabt, daß der Protokollant seine eigene, ursprüngliche Mißdeutung zu wiederholen hatte.

In diesem Zusammenhang erlebte ich einmal ein amüsantes Beispiel. Mabel Holt, eine erfahrene und fähige Kollegin, kam während einer richterlichen Sitzung in arge Verlegenheit, als sie die Übersetzung einer Zeugenaussage von George Williams über die Beschaffung von Huren (whores) für die Parties der SS-Offiziere aufzunehmen hatte. Dessen Aussprache, wenn nicht gar seine Kenntnis des Englischen war so schlecht, daß er an dem Plural des Wortes so herumpfuschte, bis er schließlich glaubte »whoreses« sei das Richtige. Mabel konnte nicht verstehen, was er sagte und immer bat sie um Wiederholung, was er mit gönnerhafter Herablassung und Verärgerung tat: »Whoreses«. Mabel schrieb schließlich nieder, was sie glaubte richtig gehört zu haben »horses« - Pferde für die Parties der SS-Offiziere!

Die Protokollführer wurden immer in bestimmte Gruppen eingeteilt. Die Hälfte waren jene, die Stenographiermaschinen verwendeten und die andere Hälfte bestand aus denen, die in Kurzschrift mitschrieben. Die meisten von uns, die manuell mitschrieben, glaubten, die Maschinenoperateure hätten einen Vorteil, weil sie eine größere Geschwindigkeit erreichen konnten. Außerdem konnten ihre gedruckten Aufzeichnungen leicht von denen gelesen werden, die mit dem System vertraut waren. Auf der anderen Seite kann ein Reporter mit den Kurzschrift-Systemen Gregg oder Pittman vorzügliche Aufzeichnungen gemacht haben, doch durch seine Handschrift konnten sie leicht unleserlich sein.

Beide Systeme benötigten die volle Konzentration der Protokollführer. Die »mechanisierten« Protokollanten hatten immer mit der Sorge eines Zusammenbruchs ihrer Maschine zu leben. Hinzu kam, daß die Maschinen regelmässig neues Papier benötigten. Die Sitzung musste dann für die Zeit des Papiernachfüllens unterbrochen werden. Ich erinnere mich,

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daß die betroffenen Kollegen scherzhaft sagten, daß sie nur zugunsten der Kurzschriftler ihre Arbeit unterbrechen müßten. Die Kurzschriftberichter hatten sich etwas mehr anzustrengen, doch sie konnten unbeschwerter arbeiten, weil sie sich auf keine Maschine verlassen mussten.

Jeder von uns hatte von den Beweisaufnahmen, die er mitgeschrieben hatte, eine Niederschrift mit der Schreibmaschine herzustellen. In jenen Tagen, als es noch kein Mehr-fach-Durchschlagpapier gab, war es nützlich, Zugang zu vorgefertigten Durchschlag-Kopiersätzen zu haben, jeweils mit Kohlepapier zwischen den einzelnen Blättern. Diese wurden von Gina, einer wenig attraktiven DP, vorbereitet. Sie war hinsichtlich ihres Männerverschleißes das Opfer vieler Scherze. Daher prahlte sie selbst oft mit »Hunderten von Liebhabern«. Sie sagte dem Protokollführer, daß siebei den Männern im Lager als die »Tigerin« galt, und wenn ein männlicher Neuankömmling ins Lager kam, mußte sie ihn »zuerst haben.«

In Dachau machte ich meine ersten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit einer größeren Zahl von Protokollführern. Ich erfuhr bald, daß jeder meiner Kollegen zugab, gelegentlich unter Streß zu stehen, wie immer er auch qualifiziert sein mochte. Zuweilen konnte das sehr ausgeprägt sein. Da ich selbst für die Voruntersuchungen eingestellt war, betrachtete ich Berufskollegen, die eine Spezialausbildung hinter sich hatten, als die mir überlegenen.

Mr. Teasley war noch nicht lange der Chef dieser Abteilung. Sein Vorgänger, Irving Hyatt, war selbst Protokollführer gewesen. Hyatt und dessen Frau Sally Rose, ebenfalls eine Protokollführerin, waren die dominierenden Personen in der Abteilung, worüber sich die anderen Protokollanten bitter beklagt hatten. Hyatt wurde als Chef der Abteilung abgelöst und Teasley als Nachfolger bestimmt. Die Hyatts protokollierten weiter, da sie erst im Spätherbst Dachau verließen. Es ging das Gerücht um, daß sie in Schwarzmarktgeschäften verwik-kelt seien. Die Kollegen spotteten, daß Warenhäuser nötig sein mußten, um die Waren wie Kunstgegenstände und andere

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Beutestücke unterzubringen. Es muß etwas dran gewesen ,sein, denn als die Hyatts Dachau verließen, hörte man, daß die Armee sie wegen solcher Schwarzmarktgeschäfte in die Vereinigten Staaten zurückbeordert hatte. Wir hörten ausserdem, daß sie ohne einen großen Teil der gehorteten Waren die Rückreise nach Amerika antreten mußten, da die Armee die Sachen beschlagnahmte, um sie den Deutschen zurückzugeben.

Als neuer Protokollführer war es meine große Sorge, daß ich etwas von den Zeugenaussagen übersehen haben könnte oder daß ich meine Aufzeichnungen so schlecht niedergeschrieben hatte, daß ich sie später nicht lesen könnte. Diese Unruhe nahm mir Vera Carter. Vera, eine seriöse Kollegin, schien noch ernsthafter um korrekte Arbeit bei Gericht bemüht zu sein als ich. Doch einmal hatte sie ein Problem mit ihren Aufzeichnungen und ging scherzhaft darüber hinweg, nach dem Motto: »Im Zweifelsfalle weglassen!« Ich folgte diesem bequemen Ratschlag nie. Doch irgendwie fühlte ich, daß die Spannung von mir abfiel. Es war Veras freundliche Aufmerksamkeit, die mir geholfen hatte, die erste Hürde in den Dachauer Gerichtssälen zu nehmen.

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