2. Der äußere Rahmen des Prozesses

Das Verfahren begann und stand auch später unter einem unglücklichen Stern. Schon von seinem ersten Beginn an war kein für diesen Prozeß geeigneter Verhandlungssaal in einem Gerichtsgebäude vorhanden, in dem die Hauptverhandlung hätte stattfinden können.

Es hat sich nach meiner Meinung gerade bei diesem Verfahren deutlich gezeigt, daß Gerichtsverhandlungen in Gerichtsgebäuden stattzufinden haben, damit die in den Gerichtsgebäuden mit wohl überlegtem Grunde durchgeführte räumliche Trennung von Prozeßbeteiligten und Publikum aufrechterhalten bleibt. Hier dagegen mußten z. B. wir Verteidiger und auch alle anderen Prozeßbeteiligten, ausgenommen das Gericht, die Staatsanwälte und die in Haft befindlichen Angeklagten, uns bei jedem Verlassen des Gerichtssaals durch das aus dem Verhandlungssaal strömende Publikum winden. Ich bin mehrfach dabei angepöbelt, häufig mit haßerfüllten Blicken verfolgt worden, und ich war in der ständigen Erwartung, irgendwie und irgendwann auch körperlich angegriffen zu werden. Ich weiß nicht, wie es anderen Prozeßbeteiligten ergangen ist und welche Gefühle sie dabei begleiteten. Aber das sind Dinge, denen ein Prozeßbeteiligter - insbesondere noch bei einer solch langen Dauer des Verfahrens - nicht ausgesetzt werden dürfte. Ich glaube, daß auch hieran die Justizverwaltung nicht einen Augenblick gedacht hat.

Beide Verhandlungssäle - also sowohl der im Römer als auch der im Gallushaus - waren schon aus diesem Grunde für die Durchführung des Verfahrens ungeeignet. Gerichtsverfahren haben in Gerichtsgebäuden stattzufinden, die die räumliche Trennung zwischen Prozeßbeteiligten und Publikum durchführen.

Der erste Teil des Verfahrens fand im Römer statt, im Plenarsaal des Parlaments der Stadt Frankfurt. Ich hatte einige Zeit vor Verhandlungsbeginn durch eine persönliche Vorstellung an höherer Stelle der Justizverwaltung darum gebeten, den praktischen Versuch zu machen, ob sich bei der Benutzung des vorgesehenen Plenarsaales zu einer Gerichtsverhandlung Mängel zeigen, denen man noch vor Prozeß beginn begegnen könne. Ich meinte damit, wie ich das auch zum Ausdruck brachte, eine Generalprobe1 für die Prozeßbeteiligten im Saale vorzunehmen, wobei die Anwesenheit der Angeklagten selbst nicht einmal erforderlich gewesen wäre. Die


1 Bei dieser Generalprobe hätte auch die Aufnahme eines Tonbandes über die gesamte Verhandlung besprochen werden können. Eine solche Generalprobe fand z. B. vor dem ersten großen Nürnberger Prozeß statt.

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Idee wurde für gut befunden. Die Generalprobe fand aber gleichwohl nicht statt. Die Gründe hierfür sind mir nicht bekanntgeworden.

Bei der ersten Verhandlung stellte sich dann heraus, daß bei vollbesetztem Saale nur unter Verwendung von Mikrofonen eine für alle Prozeßbeteiligten verständliche Verhandlung geführt werden konnte. Mikrofone waren aber nur am stark erhöhten Richtertisch und am Zeugenstand angebracht, der sich unmittelbar vor dem Richtertisch befand. Von meinem Verteidigerplatz aus konnte ich z. B. nicht einmal alle Richter sehen. Bei weiter rechts oder links sitzenden Kollegen war diese Situation noch schwieriger. Es scheint mir aber ein dringendes Erfordernis zu sein, daß sich alle Prozeßbeteiligten zunächst einmal gegenseitig sehen können.

Die Anordnung war etwa folgende: An einem erhöhten Rund - wie in den Plenarsälen für das Präsidium üblich -, aber doch von verschiedener, also abgestufter Höhe, saß das Gericht. Neun Richter. Die drei Berufsrichter saßen höher. Links und rechts saßen etwas tiefer die Geschworenen. Die vier Staatsanwälte saßen in einer Reihe - vom Saale aus gesehen rechts - neben dem Gericht, in gleicher Höhe mit den Geschworenen. Auf den Plätzen des Parlamentssaales saßen Angeklagte, Verteidiger, Nebenklagevertreter, Presse und auch Publikum. Auf der Zuschauertribüne befand sich weiteres Publikum. Ich füge eine schematische Darstellung dieser Sitzordnung bei1. Übrigens war auf dem Platz jedes Angeklagten ein Schild mit einer großen Ziffer2 aufgestellt. Sie entsprach der dem betreffenden Angeklagten in der Anklageschrift gegebenen Ziffer. Diese Ziffern werden mit Sicherheit bei der Identifizierung der Angeklagten durch die Zeugen eine große Hilfe geleistet haben.

Bei der Vernehmung eines Zeugen stand oder saß dieser vor dem erhöhten Rund, an dem die drei Berufsrichter saßen. Er zeigte allen anderen Prozeßbeteiligten - von den Staatsanwälten abgesehen - zwangsläufig den Rücken. Bei der Befragung eines Zeugen durch einen Verteidiger konnte der befragende Verteidiger dem Zeugen nur auf den Rücken sehen, und das - je nach dem Sitzplatz des Verteidigers - auf eine Distanz von 20 bis 30 m. Irgendwelche Unsicherheiten z. B. auf gestellte Fragen konnte der Frager in den Mienen des Befragten nicht erkennen. Eine Reaktion war also nicht feststellbar, die für die Fortsetzung oder Änderung der Befragung hätte Anlaß geben können. Damit verlor die Befragung ihre wirkliche Bedeutung.

An den späteren Verhandlungstagen wurden - also noch im Römer - einige wenige Mikrofone bei den Verteidigern aufgestellt, die sich zunächst nur beim Gericht und beim Zeugenstand befunden hatten. Der einzelne Verteidiger mußte sich jeweils zu einem solchen Mikrofon begeben, um in die Verhandlung eingreifen zu können. Ich erinnere mich noch genau, daß ich wegen fehlenden Mikrofons am ersten Verhandlungstage die Rügen für die nicht ordnungsgemäße Besetzung des Gerichts mit so angestrengter Stimme vortragen mußte, daß mir in kürzester Zeit das Weitersprechen nahezu unmöglich wurde. Während dieses Vertrages kamen von den hinter mir oder entfernt sitzenden Kollegen die Rufe (z. B. »lauter«) nach einem stimmlich


1 Siehe S. 17.

2 Größe der Ziffern etwa 15 cm.

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Schematische Darstellung der Sitzordnung im Plenarsaal des Römer

Erläuterung:

1 Erhöhter Platz der 3 Berufsrichter

2 Tiefer gelegene Plätze der Geschworenen

3 Tiefer gelegene Plätze der Ergänzungsrichter und Geschworenen

4 Staatsanwälte

5 Polizei

6 Zeugenstand

7 Verteidiger, Nebenkläger, Angeklagte - neben jedem Angeklagten 1 Polizist

8 Presse

9 Zuhörer (dazu noch auf Tribüne)

10 Ausgang für Gericht

11 Ausgang für alle anderen

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verstärkten Vortrag. Kollegen, die hinter mir saßen, erklärten mir nachher, sie hätten meinen Vortrag nicht verstehen können, der in Richtung auf das Gericht erfolgte. Die Rüge, das Vorgetragene nicht gehört zu haben, wurde auch bereits in der ersten Sitzung am 20. 12. 1963 erhoben. Das gerichtliche Protokoll weist diese Rügen nicht aus. Ein Teil der Kollegen hat also zunächst der Verhandlung, soweit sie nicht über ein Mikrofon des Gerichts gelaufen ist, nicht vollständig folgen können.

Als dann weitere Mikrofone angebracht worden waren, weigerte sich zunächst ein Ergänzungsrichter - der übrigens häufig in die Verhandlung eingegriffen hat -, das Mikrofon zu benutzen. Auf meinen Einwand, ich könne ihn nicht richtig verstehen, erwiderte er mit erhobener Stimme, ich würde ihn doch sicher verstehen. Er wollte also damit sagen, daß ich lediglich einen Vorwand vorbringe. Ich konnte nicht umhin, ihm darauf zu erwidern, daß ich bisher immer noch selbst darüber entschieden habe, ob ich etwas hören könne oder nicht. Mit einiger Verzögerung wurde dann auch dieses Mikrofon in Benutzung genommen.

Wäre die angeregte Generalprobe vorgenommen worden, so wären diese Mängel noch vorher behebbar gewesen. Es hätte sich im übrigen herausgestellt, daß dieser Plenarsaal im Römer für ein Gerichtsverfahren nahezu völlig ungeeignet war. Für eine große Anzahl von Prozeßbeteiligten muß eine quadratische oder rechteckige Sitzordnung geschaffen werden, wie dies z. B. in nicht zu beanstandender Weise im großen Schwurgerichtssaal des Nürnberger Gerichts für den Prozeß vor dem Internationalen Militärgerichtshof gelöst worden war1. Dies mag die nachstehende Darstellung zeigen:

Anhand der beigefügten Skizzen kann verglichen werden, wie die Sitzordnung für die Prozeßbeteiligten im großen Nürnberger Verfahren und im Plenarsaal des Römer beschaffen war. Im Nürnberger Gerichtssaal konnte z. B. jeder der Prozeßbeteiligten jedem ins Gesicht sehen. Jeder Zeuge konnte von jedem Prozeßbeteiligten von vorne gesehen werden. Auch der Zeuge hat - was ebenso selbstverständlich sein muß - den Fragenden gesehen. Selbst zu der Zeit, als drei bis vier Prozesse gleichzeitig in Nürnberg abliefen, wurde jeder einzelne Sitzungssaal in dieser zweckmäßigen Weise hergerichtet. Alle diese selbstverständlichen Voraussetzungen waren im Verhandlungssaal des Römer nicht gegeben. Man hätte sie erfüllen können, falls


1 Vgl. S. 19.

Schematische Darstellung des Nürnberger Schwurgerichtssaales für den ersten großen Nürnberger Prozeß 1945/46

Erläuterung:

1 Richterplatz (erhöht)

2 Assistenten der Richter (tiefer gelegen)

3 Stenografen

4 Zeugenstand

5 Anklagebehörde

6 Angeklagte

7 Verteidigung

8 Dolmetscher hinter Glaswand

9 Sprechpult

10 Ausgang für Prozeßbeteiligte

11 Ausgang für Gericht

12 Ausgang für Angeklagte

13 Barriere zu Zuhörer, die noch eine Tribüne zur Verfügung hatten

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man die dafür erforderliche Erfahrung mitgebracht oder von kundiger Seite übernommen hätte.

In diesen für eine Gerichtsverhandlung unzureichenden räumlichen Verhältnissen fand der erste Teil des Auschwitz-Prozesses vom 20. 12. 1963 bis zum 31. 3. 1964 statt.

Die spätere Sitzverteilung im Theatersaal des Gallushauses war etwas besser geeignet, reichte aber wiederum für eine einwandfreie Verhandlung nicht aus. Rein äußerlich bot der Verhandlungsraum zunächst alles andere als ein würdiges Bild.

Im einzelnen: Der Saal des Gallushauses, in dem die Verhandlung bis zu ihrem Ende am 20. 8. 1965 geführt wurde, war erst vor kurzer Zeit als Theatersaal gebaut worden, um Vereinen die Durchführung von Laien-Theateraufführungen zu ermöglichen. Das erste Ereignis in diesem Theatersaal war der Auschwitz-Prozeß.

Das Gericht saß stark erhöht auf der Bühne, und zwar an der Bühnenrampe, die in Tischhöhe verkleidet worden war. Ein Theatervorhang war bisher noch nicht vorhanden. Die Seitenwände und die Rückwand der einzusehenden Bühne waren mit grauen Tüchern behängt. Das Gericht ging jeweils den Weg, den demnächst die Darsteller bei ihrem Auf- und Abtreten zu gehen haben werden. Der Zuschauerraum dieses Theatersaales war in zwei Hälften aufgeteilt worden. Die Hälfte, die der Bühne näher lag, wurde durch einen hölzernen Aufbau um i bis 1,5 m erhöht, der nur dröhnend begangen werden konnte. Dort saßen Angeklagte, Verteidiger, Staatsanwälte und Nebenklagevertreter. In der zweiten Hälfte, die niedriger lag, saßen die Zuhörer, durch den Holzaufbau teilweise in ihrer Sicht behindert. Die Empore war der Presse vorbehalten. Die Zuhörer saßen also vertieft, nicht - wie in Gerichtssälen üblich - durch eine Barriere von den Prozeßbeteiligten getrennt. Dafür die Presse auf der Empore, die an sich der Raum für die Zuhörer hätte sein sollen. Vermutlich wurde die Empore den Zuhörern nicht zugewiesen, weil in der zweiten Hälfte des Saales mehr Platz für Zuhörer vorhanden war als auf der Empore. Die Empore hätte für die Zahl der freiwilligen Zuhörer sicherlich ausgereicht. Platzmangel im Zuhörerraum entstand nur dadurch, daß nahezu täglich Schulklassen zu den Verhandlungen geführt wurden.

Auch hier im Saale des Gallushauses stellte sich wiederum der Mangel ein, daß ein Teil der Verteidiger und auch die Nebenklagevertreter die Zeugen nur von hinten sehen konnten, ein Umstand, der aus den bereits angeführten Gründen

Gallus-Theatersaal. Draufsicht

7 Nebenklagevertreter

8 Angeklagte, Verteidiger und Polizei

9 Zuhörer

10 Ausgang für Gericht

11 Ausgang für Staatsanwälte

12 Ausgang für Angeklagte (in U-Haft)

13 Treppe von erhöhtem Teil zum Ausgang

14 Saalausgange

Erläuterungen:

1 Bühne

2 Rampe

3 Platz für Gericht

4 Platz für Ergänzungsrichter und Geschworene

5 Zeugenstand

6 Staatsanwalte

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Die verschiedenen Ebenen im Gallus-Theatersaal. Seitenansicht

Erläuterungen:

1 Bühne

2 Verkleidete Rampe

3 Richterplatz

4 Platze für Staatsanwalte, Nebenklagevertreter, Angeklagte, Verteidiger, Bewachungspersonal und Zeugenstand

5 Zuhörerraum

6 Empore für Presse

7 Ausgange für Zuhörer, Nebenklagevertreter, Verteidiger und m Freiheit befindliche Angeklagte

völlig unmöglich ist und ganz zweifellos die Tätigkeit derjenigen hemmt, die dadurch gezwungen waren, »aus dem Hinterhalt« ihre Fragen zu stellen und dabei auf ihre Beobachtung der Reaktion bei den Zeugen verzichten mußten. Ich verstehe nicht, daß die dadurch betroffenen Prozeßbeteiligten dies unbeanstandet gelassen haben. Mein Sitzplatz und der meines Mitarbeiters und Kollegen Steinacker ergaben diese Nachteile nicht, und ich hätte sie auf die Dauer auch nicht hingenommen.

Ich gab vorstehend zwei Skizzen1 auch über die Art der Einteilung des Saales im Gallushaus. Bei der ersten Skizze handelt es sich um eine Draufsicht, die andere stellt die Seitenansicht dar, um die Höhenunterschiede zu zeigen, die bei der Sitzordnung der Prozeßbeteiligten, der Presse und des Publikums zum Teil nachteilighervorgetreten sind.


1 Siehe S. 21 f.

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