Die „Hindenburg-Katastrophe" und das „Bürgerbräu-Attentat"

Einige Höhepunkte der beruflichen Laufbahn von Heinrich Müller stehen mit Anschlägen in Verbindung.

M: Ich halte mich zwar nicht für einen Sprengstoffexperten, aber im Laufe der Jahre habe ich doch einiges mitbekommen, das können Sie mir glauben.

F: Sie meinen die Sache mit dem 20. Juli?

M: Ja, die auch. Da waren aber auch noch andere. 1937 war ich mit der Aufklärung der „Hindenburg" beschäftigt.

F: Ich dachte, das sei ein Unfall gewesen. Statische Elektrizität.

M: Nein, es war eine Bombe. Interessanterweise kamen Ihre und meine Regierung stillschweigend überein, das ganze offiziell als Unfall darzustellen. Das war noch vor der Kristallnacht. Wir arbeiteten mit Ihren Untersuchungsbeamten vor Ort zusammen, oder besser: sie ließen es zu, daß unsere Leute kamen und ihnen halfen. Alles verlief damals ganz diskret.

F: Ich bin früher schon einmal mit einem Zeppelin geflogen und hatte es sehr genossen.

M: Ich auch, obwohl ich mich nur schwer daran gewöhnen konnte. Ich war eine andere Art von Fliegen gewöhnt. Ich stimme Ihnen jedoch zu, daß man das Erlebnis nie vergißt. Schade eigentlich, daß Luftschiffe kein Thema mehr sind. Wenn Ihre Regierung uns Helium gegeben hätte, wäre das ganze Unglück nicht passiert.

F: Wie kommen Sie darauf, daß es eine Bombe war? Wer hat sie gelegt?

M: Zur ersten Frage: Das war die offizielle und doch ganz private Schlußfolgerung, und was die zweite Frage betrifft, so muß ich zugeben, daß dies keiner weiß. Es gibt kluge Spe-

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kulationen darüber, aber keine Beweise. Hitler wollte von Anfang an, daß Sabotage ausgeschlossen wurde, das heißt, wir mußten unsere Untersuchungen dementsprechend gestalten. Es hatte vorher schon Bombendrohungen gegeben, und die Gestapo war für die Durchsuchung des Gepäcks aller Passagiere, die in Deutschland an Bord gingen, verantwortlich. Aus diesem Grund hatte ich ja auch ein besonderes Interesse. Nach der Katastrophe gingen wir noch einmal alle Informationen durch, die wir über die Passagiere und die Besatzung hatten. Es gibt da einige interessante Punkte... Was wissen Sie eigentlich darüber?

F: Nur, daß das Luftschiff Feuer fing, als es zum Landen ansetzte.

M: Dann habe ich einiges, das Sie interessieren dürfte. Die „Hindenburg" war schon vorher bedroht worden. Wir durchsuchten daher das Gepäck in Deutschland ganz genau. Auf der betreffenden Fahrt geriet das Luftschiff in schwere Wetter mit starken Gegenwinden, die dazu führten, daß die „Hindenburg" fast 12 Stunden Verspätung hatte. Sie hätte in Amerika eigentlich um sechs Uhr früh landen müssen, hatte jedoch so große Verspätung, daß sie erst um sechs Uhr abends eintraf. Ich erwähnte schon die 12 Stunden. Wir konnten die deutschen Staatsangehörigen, die sich an Bord befunden hatten, verhören, das heißt Passagiere und Besatzung. Die Aussagen der Offiziere im Steuerschiff und die der Besatzungsmitglieder stimmten darin überein, daß es im Schiff, und zwar tief drinnen bei einem der riesigen Gasbehälter, eine kleine Explosion gegeben hatte. Nicht eine Explosion am oberen Ende des Schiffes! Ich meine damit, man sah zwar, daß Feuer am oberen Ende ausbrach, aber es nahm seinen Ausgang im Innern.

Drei Männer hatten sich im hinteren Teil des Schiffes aufgehalten, und zwei von ihnen waren sich absolut sicher, daß es im Innern zu einer Explosion gekommen war. Die Offiziere bestätigten auch, daß auf den Schalttafeln keinerlei

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Gasverlust zu verzeichnen war und daß die Landung bis zur Explosion planmäßig verlief. Ihre Leute und auch unsere untersuchten das Wrack akribisch. Sie konnten nichts entdecken, das auf Bombenteile oder Zeitzünder hingewiesen hätte. Man muß aber bedenken, daß sich viele Leute Souvenirs mitgenommen hatten und das Feuer so heiß war, daß ein kleiner Zeitzünder ganz leicht hätte übersehen, gestohlen oder zerstört werden können. Für ein solches Luftschiff war ja schließlich auch kein großer oder starker Sprengkörper notwendig. Es reichte aus, daß er den Gasbehälter aus Spezialstoff aufriß und ein Feuer ausbrach. Ein paar Gramm Sprengstoff, eine Batterie und ein Zünder sind genug. Man könnte das ganze in einer Manteltasche verstecken, und Sie würden nichts bemerken. Wir haben natürlich keine Leibesvisitation bei den Passagieren vorgenommen. Nein, ich bin alle Hinweise durchgegangen, habe sogar mit den Erbauern des Luftschiffes gesprochen, und ich kann heute mit Gewißheit sagen, daß die „Hindenburg" durch eine Bombe zerstört wurde. Aus politischen Gründen war es opportun, von einem Unfall zu sprechen. Das kann ich bestätigen. Ich bin fest davon überzeugt, daß die Bombe bereits an Bord war, als das Luftschiff Deutschland verließ. Die „Hindenburg" war auf der Fahrt nach Amerika nicht ganz ausgebucht, aber auf dem Rückweg war kein Platz mehr frei. Da setzte ich dann an.

Folgen Sie meinem Gedankengang. Die „Hindenburg" hatte, wie ich schon erwähnte, zwölf Stunden Verspätung. Ich bin sicher, daß ein Besatzungsmitglied oder ein Passagier ins Innere des Schiffes hätte steigen und die Bombe plazieren können. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß jemand so verrückt wäre, an Bord zu bleiben und mit in die Luft zu gehen. Wenn jemand, der in Deutschland an Bord gegangen war, die Bombe angebracht hätte, bevor es zur Verspätung kam, dann bin ich mir sicher, daß dieser jemand die Bombe entschärft hätte, bevor sie losging. Ich gehe da-

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von aus, daß keiner freiwillig bei lebendigem Leib verbrennen will. Wenn wir nun dies zugrunde legen, dann folgt der nächste Schritt. Wenn die Bombe in Deutschland an Bord gebracht worden war, dann hätte der Bombenleger nicht im voraus wissen können, daß das Schiff 12 Stunden Verspätung haben würde. Diese Luftschiffe sind im allgemeinen sehr zuverlässig und plus/minus einer Stunde pünktlich. Die „Hindenburg" war aber 12 Stunden überfällig. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, dann wäre sie um 6 Uhr früh gelandet, die Passagiere wären von Bord gegangen. Man hätte getankt, Proviant an Bord genommen und alles für den Rückflug vorbereitet. Es hätte nur wenige Stunden in Anspruch genommen, bis die „Hindenburg" wieder in der Luft war. Nur wäre sie dieses Mal ausgebucht gewesen, hauptsächlich mit reichen Amerikanern, die zur Krönung nach London wollten. Wie ich schon sagte, konnte ich alle überlebenden Deutschen verhören, ich konnte aber nicht mit allen Amerikanern sprechen. Das heißt, es bleibt eine Lücke. Trotzdem ist der Zeitfaktor das wichtigste. Wenn die „Hindenburg" nicht unerwartet Gegenwind bekommen hätte, wäre sie schon längst vollbesetzt über dem Atlantik gewesen, als sie explodierte. Es hätte wahrscheinlich keine Überlebenden und absolut keine Beweise gegeben. Als sie Feuer fing, dauerte es höchstens eine Minute, bis alles vorbei war. Und über dem Ozean, mit keinem Schiff in Sicht und wahrscheinlich nicht mit genügend Zeit, Notsignale zu senden, wäre alles ein großes Geheimnis geblieben.

Wenn der Plan wirklich so ausgesehen hätte, warum war dann die Bombe in Deutschland an Bord gebracht worden in der Hoffnung, daß das Luftschiff auf seiner Reise von Amerika zerstört würde? Warum sollte es so aussehen, als käme die Sabotage von Ihrer Seite und nicht von unserer? Dies könnte darauf hindeuten, daß von Deutschland aus eine Verschwörung gegen die USA geplant war, aber zum damaligen Zeitpunkt gab es überhaupt keinen Grund dafür. Viele

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Amerikaner mochten Hitler nicht, besonders die Juden, aber die wirklichen Probleme zwischen beiden Ländern waren noch nicht ausgebrochen. Und was eine jüdische Verschwörung betrifft, so wäre sie bestimmt nicht gegen amerikanische Staatsbürger gerichtet gewesen, sondern gegen die bösen Nazis.

Ich konnte eine Liste der Passagiere bekommen, die den Rückflug gebucht hatten, und ich habe sie mir sehr genau angesehen. Wie ich schon sagte, handelte es sich dabei zum größten Teil um reiche Amerikaner. Unsere Beziehungen zu Ihren Justizbehörden reichten aus, um mindestens drei Personen zu identifizieren, durch deren Tod jemand anders Vorteile haben würde. Es mußte sich dabei um jemanden handeln, der Beziehungen zu Deutschland hatte; jemand also, der dafür sorgen konnte, daß eine Zeitbombe an Bord gebracht wurde, die erst explodierte, wenn die „Hinden-burg" schon längst auf ihrem Rückweg war.

F: Eine Frage. Sie sprachen von einer Zeitbombe. Gibt es eigentlich welche, die so präpariert werden können, daß sie erst zwei, drei Tage später hochgehen?

M: Aber natürlich. Wir hatten selbst eine namens J-Feder 504, die bis zu 21 Tagen im voraus präpariert werden konnte. 1944 haben wir damit das Postgebäude in Neapel in die Luft gesprengt. Die Bombe war klein genug, um sie in einer Hand zu halten, während man gleichzeitig eine gute Zigarre rauchte. Sie konnte - sagen wir mal - so eingestellt werden, daß sie in sechzehn Tagen, fünf Stunden und drei Minuten hochging. Ist die Wissenschaft nicht phantastisch?

F: Um wen handelte es sich bei den Verdächtigen?

M: Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Nach meiner Meinung ging es dabei nur um persönliche Vorteile und nicht um politische Opposition gegen das Dritte Reich. In einigen Fällen behalten sich Versicherungen die Nichtauszahlung vor, sollte der Versicherungsnehmer durch einen Terroranschlag umkommen. Es wäre bestimmt viel dabei herausge-

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kommen, wenn man die Passagierliste nach solchen Versicherungspolicen durchgegangen wäre, insbesondere welche Verwandten und Ehegatten durch plötzlichen Tod profitierten. Zum Beispiel „Verschollen auf See".

F: In Amerika ist dafür sehr oft eine Wartezeit von sieben Jahren vorgesehen.

M: Ich bin mir sicher, daß man etwas gefunden hätte, um zu beweisen, daß das Luftschiff explodiert war. Wrackteile auf dem Wasser, Leichname oder Körperteile. Genug jedenfalls, um zu beweisen, daß alle Passagiere auf dem Meeresgrund oder im Magen eines Hais lagen. Spekulationen waren Tür und Tor offen. Ich kann mich natürlich auch täuschen. Wir bewegen uns schließlich auf der Ebene von Meinungen und Beobachtungen und nicht von Fakten.

Beim „Bürgerbräu"-Anschlag war die Sachlage ganz anders. Am Anfang lag ich jedoch auch falsch.

F: Das würde mich interessieren. Sie meinen den von 1939?

M: Mir ist nicht bekannt, daß es zwei gegeben hat.

F. Ach, Sie wissen doch, was ich meine. Der Anschlag gegen Hitler in München.

M: Ich dachte schon, ich hätte etwas verpaßt. Lassen Sie uns davon sprechen, wenn es Sie interessiert. Was wissen Sie darüber? Es könnte mir einige Zeit ersparen.

F. Nichts offizielles. Es ist mir aber zu Ohren gekommen, daß mehr dahinter stecken könnte, als nur ein Einzeltäter.

M: Die Gerüchte sind ziemlich zutreffend. Ich dachte aber eher daran, daß Sie mir erzählen, was Sie über die Ereignisse am 8. November 1939 wissen.

F: Hitler sprach im Münchner „Bürgerbräu" zu alten Kampfgefährten. Er ging schon ziemlich früh. Eine Bombe explodierte, das Dach krachte genau dort nieder, wo er kurz zuvor gestanden hatte. Ihre Leute dachten, daß die Briten dahinter steckten und entführten in Holland Best und Ste-

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vens. Sie stellten den Mann, der behauptete der Attentäter zu sein, vor Gericht. Das ist so ziemlich alles, was ich weiß. M: Ich verstehe. Viele haben sich gefragt, warum Hitler so früh ging und seine Rede recht kurz war - manchmal konnte er ja stundenlang reden - , aber ich kann mit Sicherheit sagen, daß er erst kurz zuvor den Zeitpunkt für die Westoffensive neu festgelegt hatte und deshalb auch nach Berlin zurück wollte, um auf dem laufenden zu sein. Es lag am Wetter, daß er nicht fortkam. Natürlich hatte ich erst auch meine Zweifel wegen seiner kurzen Rede. Diese konnte ich jedoch ziemlich schnell ausräumen. Er war von Berlin nach München mit dem Flugzeug gekommen. Aufgrund des schlechten Wetters benötigte er seinen Sonderzug, um wieder nach Berlin zu gelangen. Die Reichsbahn konnte ihm zwar den Sonderzug zur Verfügung stellen, trotzdem waren die regulären Fahrpläne zu berücksichtigen. Das war der Grund für seine kurze Rede. Wie Sie bereits erwähnten, ging zehn Minuten, nachdem er das Lokal verlassen hatte, die Bombe hoch. Chaos brach aus. Neben anderen hochrangigen Polizeibeamten wurde auch ich an den Tatort gerufen. In München ging es wirklich drunter und drüber, das können Sie mir glauben. Verstehen Sie, die Partei war für die Sicherheit Hitlers im „Bürgerbräu" verantwortlich. War er im Führerhauptquartier, lag die Verantwortung bei der Armee, und auf seinen Reisen trug der RSD (Reichssicherheitsdienst) die Verantwortung. Der RSD setzte sich aus Polizeiexperten zusammen, die meisten waren aus Bayern, die ständig um ihn waren und nicht Himmler sondern Ratten-huber unterstanden. Er wiederum war nur Hitler gegenüber verantwortlich und sonst keinem. Das waren wirklich Fachleute, aber weder der RSD noch die Gestapo, die auch für Hitlers Sicherheit zuständig war, durften in den „Bürgerbräukeller", wo die Bombe explodiert war. Später dann sorgte ich dafür, daß die Zuständigkeiten geklärt wurden, und RSD und Gestapo gemeinsam für die Sicherheit sorgten.

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Nach dem Attentat wurde Eiser an der schweizer Grenze - die Beamten standen natürlich auch unter meiner Kontrolle - aufgegriffen. Dabei wurden bei ihm Dokumente gefunden, die ihn mit dem Anschlag in Verbindung brachten. Eiser behauptete, daß er alleine das Attentat verübt hätte. Himmler war darüber sehr aufgebracht, denn Hitler war davon überzeugt, daß die Briten dahinter standen. Der SD hatte mit der britischen Abwehr in Holland seine Spielchen getrieben. Er gab vor, Hitlergegner zu sein, um so an Informationen zu gelangen. Aus diesem Grunde war Hitler ja auch davon überzeugt, daß die Briten etwas mit der Sache zu tun hatten. Die beiden hauptverantwortlichen britischen Agenten wurden verschleppt. Ich habe sie persönlich verhört. Ehrlich gesagt, ich glaubte ihren Beteuerungen, daß sie keine Ahnung vom Attentat hatten. Nur Hitler war anderer Meinung. Ich war mir sicher, daß Eiser nicht alleine gearbeitet hatte und habe ihn deshalb auch streng verhört. Er überzeugte mich schließlich doch, daß er tatsächlich die Bombe gebaut und sie im „Bürgerbräukeller" deponiert hatte, weil er vor meinen Augen eine Kopie der Bombe zusammenbauen konnte. Ich habe sie einige Zeit auf meinem Berliner Schreibtisch liegen gehabt, um immer daran zu denken, daß ich keine zu voreiligen Schlüsse zog.

Seltsamerweise bekam Hitler am Ende recht: die Briten hatten doch ihre Hände im Spiel, aber nicht durch ihre offizielle Abwehr.

F: Sind Sie sicher? Haben Sie das so von Eiser? Was geschah mit ihm?

M: Er wurde nicht vor Gericht gestellt, sondern kam nach Dachau. In den letzten Kriegswochen ordnete ich seine Erschießung an. Er hat tatsächlich für die Briten gearbeitet, obwohl er sich dessen nicht bewußt war. Ich hatte ihn erschießen lassen, da der Mann, der als Mittelsmann zwischen ihm und den Briten füngierte, ein Münchner Gestapoagent war. Sie brauchen mich nicht so erstaunt anzuschauen. Nur

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deshalb mußte Eiser schließlich verschwinden. Ich wußte, daß Eiser ziemlich lange arbeitslos gewesen war, und trotzdem hatte er genügend Geld für Reisen, Unterkunft und Verpflegung. Ich wollte wissen, woher er es hatte, und er sprach dabei andauernd von einem Freund. Er kannte den wahren Namen dieses Freundes nicht, konnte sich aber erinnern, daß er in der Umgebung von München wohnte, und sein Freund den Hausbesitzer kannte.

Der Hausbesitzer konnte mit dem falschen Namen, den Eiser angegeben hatte, zunächst nichts anfangen. Es fiel ihm aber schließlich ein, wie der Mann hieß. Sie können sich vorstellen, wie schokiert ich war, als sich herausstellte, daß der Mann bei der Gestapo gewesen war, dann aber aus dem Dienst geschieden war, um zum Militär zu gehen. Natürlich konnte ich dies nicht in der Öffentlichkeit breittreten. Schließlich hätte es meinem Ruf mehr als geschadet. Wir konnten ihn dann doch aufspüren, und ich ließ ihn verhaften, als er für einen Sonderurlaub nach Hause kam, den ich für ihn arrangiert hatte. Der war vielleicht überrascht! Er machte sich tatsächlich in die Hosen, als wir ihn ergriffen und ins Auto zerrten. Ich hatte eine nette kleine Unterhaltung mit ihm. Nachdem ich ihm erzählt hatte, was ich alles mit ihm vorhatte, rückte er schließlich mit der ganzen Geschichte heraus. Er hatte vor Jahren etwas sehr Schlimmes angestellt, und irgendwie bekamen die Briten davon Wind. Sie traten an ihn heran und erzwangen mehr oder weniger seine Mitarbeit. Er stand ja vor der Alternative: entweder arbeitete er für die Briten oder seine Missetaten landeten auf meinem Schreibtisch.

Dazu ein paar Worte. Der Mann hatte sich an einem kleinen Mädchen sexuell vergangen. In Deutschland wie in den meisten zivilisierten Ländern ist dies ein Verbrechen. Natürlich kann Berija als Chef der NKWD jedes Frauenzimmer älter als drei Jahre vergewaltigen und dafür noch befördert werden, aber in zivilisierten Ländern wird so etwas mit

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Abscheu betrachtet. Wenn ich von diesem Verbrechen erfahren hätte, hätte ich diese Mißgeburt der Kriminalpolizei übergeben mit der Empfehlung, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Ich gebe ja zu, daß ich hier voreingenommen bin. Ein Mann in meiner Position hat sehr oft mit widerwärtigen Kreaturen zu tun, wenn er an Informationen herankommen will. Ich kann Ihnen aber versichern, daß Kinderschänder auch für mich zuviel sind. Ich würde sagen, ich persönlich bin der Meinung, solche Menschen gehörten auf der Stelle erschossen, aber - und dies mag Sie dann doch schockieren, - auch in Deutschland gab es Gerichte und eine funktionierende Justiz. Dieser ehemalige Gestapomann hatte jedenfalls viel mehr Angst davor, in meine Hände zu fallen als auf die gefährliche Zusammenarbeit mit den Briten einzugehen. In Berlin gab es einen britischen Beamten, der unbedingt Hitler umbringen wollte. Er war auch in der Lage, die ganze Sache in Gang zu bringen.

F: Geschah dies mit offizieller Billigung? Ich meine, standen die Briten wirklich hinter dem Attentat?

M: Nein, das nicht. Anscheinend waren sie sogar strikt dagegen, aber der Beamte hielt sich nicht daran. Sie sind ja schon ganz zappelig - also, beruhigen Sie sich, es handelte sich um Colonel Mason-MacFarlane, den britischen Militärattache in Berlin!

F: Mein Gott, ich habe ihn in Italien kennengelernt. Er hatte mit der Kapitulation der Italiener zu tun, ein vollkommener Dummkopf. Der Mann schickte offizielle Schreiben an die Italiener, die im direkten Widerspruch zur offiziellen Politik standen. Und er machte es auch noch absichtlich. Ich habe ihn einmal getroffen: ein arroganter, gehemmter Schnösel. Der General war Kommandant von Gibraltar und ein Freund Churchills.

M: Kommandant von Gibraltar war er in der Tat. Er war auch dort, als Sikorski seinen so glücklichen Unfall hatte, das stimmt doch, oder nicht?

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F:Ja-

M: Nun, bis wir schließlich alles über den General herausgefunden hatten, hatte er das Land schon verlassen. Ich kann Ihnen versichern, daß ihn keine diplomatische Immunität hätte schützen können. Wenn ich mit ihm fertig gewesen wäre, hätten seine Einzelteile die Heimreise in einem Sarg angetreten. Soweit ich mich erinnere, war er verkrüppelt, da hätten ein oder zwei Beine weniger auch nichts ausgemacht.

F: Ich muß schon sagen, Sie sind heute richtig blutrünstig, General. Gab es rohes Fleisch zum Frühstück?

M: Nein, ein Omelette, Kaffee mit Sahne, zwei Brötchen und Marmelade.

F: Was wurde aus dem Gestapomann?

M: Wir sagten dem Kinderschänder, daß wir ihn vorläufig nicht ins Gefängnis stecken würden, daß er sich aber unter unserer Beobachtung in München aufhalten müsse. Eines schönen Winterabends wollte er die Isar auf der Brücke beim Deutschen Museum überqueren. Zwei meiner Männer kamen ihm von einem Brückenende entgegen, zwei weitere waren direkt hinter ihm. Es schneite sehr heftig, er bemerkte, daß er nicht allein war, und ich nehme an, aus diesem Grund sprang er plötzlich über die Brüstung, schlug auf dem Eis der Isar auf, das brach, und so ertrank er, bevor wir ihn retten konnten. Sehr tragisch, wirklich. Man fand ihn im Frühjahr bei der Staumauer, als er aufgetaut war, und die Gase ihn nach oben trieben. In der Zeitung erschien ein Artikel über einen Soldaten auf Urlaub, der einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen war. Ich hatte bei dem Artikel meine Finger im Spiel. Zu seiner Beerdigung schickte ich aber keine Blumen. Es hätte nichts gebracht, ihn vor Gericht zu stellen, nur damit seine Verbindung zur Gestapo an die Öffentlichkeit gezerrt wurde, verbunden mit Kinder-schänderei und Hochverrat, das verstehen Sie doch.

F: Nun ja. Gab es noch ähnliche Unfälle dieser Art?

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M: Insgesamt sechs. Alle hatten mit dieser Sache zu tun. Zwei Herzanfälle, ein Verkehrsunfall, bei dem ein Radfahrer von einem großen LKW überfahren wurde, ein Selbstmord - nein, zwei Selbstmorde und eine Person fiel in den Ammersee und wurde nie gefunden. Ich gehe doch richtig in der Annahme, daß Sie dafür mein Frühstück verantwortlich machen?

F: Ich habe nur gescherzt.

M: Mißbilligen Sie meine Meinung über Kinderschänder?

F: Mein Gott, beileibe nicht.

M: Es gibt in der menschlichen Gesellschaft Raubtiere, die ohne viel Aufhebens entfernt werden sollten. Sie können mir mit Rechtstaatlichkeit und Anstand kommen, ich werde meine Meinung nicht ändern. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, Kindesmißbrauch oder Hochverrat. Wir sollten die Verbrecher einfach irgendwo in einer stillgelegten Mine umbringen und dem Teufel die Entscheidung darüber überlassen.

Kommentar:

Man glaubte im allgemeinen, daß die „Hindenburg" durch Sabotage zerstört wurde, obwohl es dafür keine Beweise gab. Die offizielle Version in Deutschland lautete „Unfall", denn die Deutschen konnten und wollten nicht zugeben, daß eines ihrer wichtigsten nationalen Symbole von Staatsfeinden vernichtet werden konnte.

Die Bemerkungen Müllers zum Attentat auf Hitler im November 1939 sind auch deshalb so wichtig, weil er persönlich für die Untersuchung verantwortlich war. Von Anfang an glaubte er, daß die Briten irgendwie dahinter steckten, wahrscheinlich auch, weil Hitler davon überzeugt war, und Himmler die Richtigkeit der Meinung seines Führers beweisen wollte. Müller unterdrückte die Informationen über die Beteiligung eines ehemaligen Gestapooffiziers. Er ließ sowohl ihn als auch Eiser ermorden. Dieses Verhalten

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war im Rahmen des persönlichen Ehrgeizes von Müller nur folgerichtig, denn das Versagen seines ehemaligen Mitarbeiters hätte ihn selbst kompromitiert. Obwohl Heinrich Müller einen gewissen zynischen Humor hatte, so zeigt diese Episode doch eindeutig, daß er skrupellos sein konnte, wenn er es für nötig hielt. Seine Ansichten über Kinderschänder sind rein persönlicher Natur, jedoch könnten seine drakonischen Lösungsvorschläge in einer Zeit, in der derartiges Verhalten immer häufiger wird, eher Anhänger denn Kritiker finden.

Colonel - später General - Noel Mason-MacFarlane wollte Hitler tatsächlich ermorden lassen und versuchte auch, die Zustimmung seiner Vorgesetzten in London zur Durchführung seiner Pläne zu bekommen. London war jedoch dagegen. Nach Kriegsende behauptete MacFarlane gegenüber einem Journalisten, daß er Hitler anläßlich seiner Geburtstagsparade am 20. April 1939 mit einem Gewehr erschießen wollte. Er führte vor, daß er vom Fenster seines Badezimmers einen freien Blick auf die gegenüberliegende Tribüne hatte, von der aus Hitler an diesem Tag die Parade abnehmen wollte. MacFarlane war von Natur aus streitsüchtig und verursachte überall, wo er hinging, Unheil. Was nun das angeblich im April geplante Attentat betrifft, so war es wohl eher ein Produkt seiner Phantasie, denn als britischer Militärattache hielt er sich während der vierstündigen Parade gemeinsam mit den anderen Militärattaches auf der Ehrentribüne auf.

Während der Kapitulationsverhandlungen mit den Italienern 1943 verhielt sich der General äußerst unkooperativ. Ob er sich gegenüber der starken Abneigung Churchills hinsichtlich Sikorskis kooperativer zeigte, bleibt Spekulationen überlassen. Er war tatsächlich Gouverneur von Gibraltar, als das Flugzeug des unbequemen Polen gerade im richtigen Augenblick einen Unfall hatte, nachdem es vom Flughafen Gibraltar aus gestartet war. Später notierte er

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dann, er hätte Bedenken wegen des Unfalls gehabt. Seine privaten Aufzeichnungen lassen jedoch keinen Schluß darauf zu, ob er dies einfach so dahinsagte, oder ob er tatsächlich mehr wußte.

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