Der Herzog von Windsor

Zu den spektakulärsten Ereignissen der dreißiger Jahre gehörte die Abdankung des britischen Königs Edward VIII. im Jahre 1936. Von offizieller Seite wurde die Liebesaffäre des Königs mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson als Hauptgrund für die Abdankung genannt. Zur damaligen Zeit konnte eine geschiedene Frau nicht Königin werden; es waren jedoch ganz andere Kräfte am Werk, um Edward zur Abdankung zu zwingen.

F: Sie haben einmal erwähnt, daß Sie Papiere bzw. Dossiers über den Herzog von Windsor besitzen.

M: Ja, sehr umfangreiche. Einige Unterlagen sind im Original vorhanden, viele sind auf Film. Selbstverständlich können Sie einen Blick darauf werfen. Wohlgemerkt, ich sagte einen Blick darauf werfen, ich meine nicht mitnehmen!

F: Der Herzog spielt heute keine Rolle mehr, außer auf gesellschaftlicher Ebene; aber es besteht doch ein Interesse daran, mehr über seine Beziehungen zu Ihrer Seite vor und während des Krieges zu erfahren.

M: Genau das war Absicht: das Interesse sollte sich vor und während des Krieges auf den Herzog richten. Die wirkliche Macht des Herzogs endete an dem Tag, da er abdankte. Aber für Hitler war er jemand, den er benutzen konnte, um die Briten zu beeinflussen. Der Herzog mußte nicht wegen seiner Freundin auf den Thron verzichten, er war dazu gezwungen, weil es in England sehr mächtige Leute gab, für die seine positive Einstellung zu Hitler ein Anlaß zu großen Befürchtungen war und einen Stein des Anstoßes bildete. Noch war es nicht zur Kristallnacht gekommen, aber für die jüdischen Organisationen in England und auch in Ihrem Land war es offensichtlich, daß ihre Glaubensgenossen in Deutschland schlecht behandelt und aus dem Land vertrie-

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ben würden. Ich kann mir gut vorstellen, daß in der britischen Finanz- und Bankenwelt eine Anti-Hitler Front aufgebaut wurde. Wenn Sie zu diesem unerfreulichen Antisemitismus noch Hitlers Handelspolitik hinzufügen, durch die das britische Bankensystem mit seinen hohen Zinsen für internationale Kredite umgangen wurde, dann verstehen Sie vielleicht das Ausmaß an Haß und Furcht, mit dem sich der neue König konfrontiert sah. Seine Hitler gegenüber positiven Äußerungen und die Machenschaften seiner deutschen Verwandten trugen auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei. Immerhin waren die Windsors bis zum Ersten Weltkrieg Sachsen-Coburger, und es bestanden zu allen Herrscherhäusern Europas verwandtschaftliche Beziehungen.

F: Soweit ich mich erinnere, änderten die Battenbergs zur gleichen Zeit ihren Namen in Mountbatten.

M: Oh ja, das war auch so eine Sache. Die Battenbergs waren Verwandte zur linken Hand des Prinzen von Hessen. Sehen Sie, Prinz Alexander von Hessen heiratete im 19. Jahrhundert eine Jüdin, und die Familie konnte deren Nachkommen nicht als zum Hause Hessen zugehörig anerkennen. Deshalb wurde der Titel Battenberg geschaffen. Aus diesem Grund habe ich auch von den Hessen zur linken Hand gesprochen. Wenn ich mich nicht irre, heiratete das jetzige Oberhaupt des Hauses eine Enkelin von Ernst Cassel, dem Bankier Edward VII. Er war übrigens auch Jude. Aber die Mountbattens sind völlig unwichtig, obwohl auch sie ihren Teil dazu beitrugen, daß ihr Cousin vom Thron vertrieben wurde. Sie hatten die gleichen Gründe dafür wie die Bankiers in London. Die Simpson war nur vorgeschoben. Der neue König war genauso schwachsinnig wie der Rest der Familie. Er brachte kaum einen geraden Satz zustande. Wenn er keine so gute Frau gehabt hätte, dann hätte er bestimmt vergessen, sich auszuziehen, bevor er badete. Ich kann nur sagen, daß ich einen sehr geringen Respekt vor königlichen

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Hoheiten habe. Sie scheinen alle durch Inzucht schwachsinnig geworden, heiraten ihre Cousins und zeugen Kinder mit dem Intellekt eines Kindes.

F: Die Königin ist Schottin.

M: Ja, mal eine Abwechslung statt der Idioten. Ihr Onkel pflegte übrigens vor dem Krieg gute Beziehungen zu uns; er war sogar noch mehr an Hitler interessiert als der König. Ein Exkurs in die Geschichte zum Nachdenken für Sie. Aber zurück zum Herzog. Obwohl er als König wenig Macht hatte, so hatte er doch Einblick in alle wichtigen politischen Dokumente, und er ließ unserem Botschafter in London Informationen darüber zukommen. Ich glaube nicht, daß man hierbei von Verrat sprechen kann. Der König sah es so, daß er einfach seinen deutschen Freunden half. Wir haben ihm natürlich auch unsererseits sehr geholfen. Es ist jedoch Unsinn, wenn heute behauptet wird, wir hätten ihm die jetzige Herzogin quasi ins Bett gelegt. Erstens einmal bevorzugte der Herzog Soldaten, und zweitens bezweifle ich stark, daß er und die Herzogin je miteinander geschlafen haben. Aus eigener Beobachtung und aus der Lektüre zahlreicher Berichte bin ich zur Überzeugung gelangt, daß sie die Rolle des Ehemanns spielte, aber nicht im sexuellen Sinne. Ich traf beide auf einem Empfang im Oktober 1937 in Berlin. Mein Gespräch mit dem Herzog war wirklich sehr interessant. Die Frau konnte natürlich kein Deutsch, aber der Herzog sprach fließend Deutsch, wenn auch etwas gesteltzt. Man konnte sich sehr gut mit ihm unterhalten; sie saß daneben und beobachtete uns aufmerksam. Irgend jemand hatte dem Herzog erzählt, daß ich Chef der Gestapo war, und er stellte mir einige Fragen zum britischen Geheimdienst. Der Herzog hatte den Eindruck, daß er seit seiner Abreise aus England unter ständiger Beobachtung des Geheimdienstes stand, wahrscheinlich von MI 6. Das stimmte natürlich, und ich habe mich sehr ausführlich mit ihm darüber unterhalten. Für die Briten war es gar nicht einfach, ihm in Deutschland

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überall auf den Fersen zu bleiben, denn wir beobachteten ihre Agenten ebenso sorgfältig wie diese den Herzog. Dies machten wir uns natürlich auch zunutze, wie ich Ihnen später noch erklären werde.

Nach meiner Einschätzung war der Herzog zwar aufgeschlossen und intelligent, aber in einer Beziehung war er doch recht seltsam: Von seiner eher maskulinen Frau war er geradezu besessen. Über die Kräfte, die ihn zur Abdankung zwangen, herrschte bei ihm ebenfalls Unklarheit. Nachdem Himmler mitbekommen hatte, daß sich der Herzog mit mir unterhalten wollte, gab er mir den Befehl, im Umgang mit dem Herzog besonders vorsichtig zu sein. Man sagte mir, daß der Herzog für uns ein wertvolles Werkzeug war und nicht eingeschüchtert werden durfte; im Gegenteil, er sollte zur Überzeugung gelangen, daß wir seine wahren Freunde waren. Es war ganz leicht, da der Herzog von unserer Freundschaft überzeugt war. Ich gab ihm also einfach ein paar Hintergrundinformationen, um seinen Verdacht zu bekräftigen.

Sein engster Mitarbeiter namens Bedaux war 1914 auf unserer Seite gewesen. Er hatte damals auch für uns spioniert. Später stellte sich dann heraus, daß er unser Geld veruntreut hatte, aber schließlich sagten wir „Schwamm drüber" und alles war wieder beim alten.

F: Ich habe von ihm gehört. Wir brachten ihn während des Krieges in einem Internierungslager um. Er war zu gefährlich, und er wußte einfach zuviel von gewissen Vorgängen.

M: Da kann ich mir vorstellen. Waren Sie daran beteiligt?

F: Nein, nicht persönlich, aber einer meiner Vorgesetzten erzählte mir später davon.

M: Ihre Leute können einfach nicht schweigen. Das trifft aber auch auf den Herzog zu. Im Jahre 1937 hatte der Herzog keinerlei Zugang mehr zu wichtigen Dokumenten. Keiner in Europa wollte ihn mehr. Die neue Königin haßte ihn,

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da er ihrem dämlichen Ehemann auf den Thron verholfen hatte. Seitdem herrschte Feindschaft zwischen den Brüdern.

F: Sie sehen die Briten so negativ.

M: Ach wissen Sie, ich habe noch eine viel negativere Meinung von den Sowjets, aber aus Höflichkeit habe ich auch über Ihr Land kaum etwas gesagt, außer über Ihre Gewohnheit, Neger aufzuhängen, die Indianer abzuschlachten und noch ein paar andere Kleinigkeiten. Der Vorteil Ihres Landes ist aber immerhin, daß Sie, wenn Sie das Pech haben, einen Idioten als Präsidenten zu bekommen, ihn nach vier Jahren loswerden können. Roosevelt wäre selbstverständlich immer noch im Amt, wenn sein Verstand nicht nachgelassen hätte.

F: Roosevelt war in gewissen Kreisen sehr populär.

M: Aber ja doch. Besonders in Moskau. Der Herzog nun war ein Mühlstein am Hals der Briten. Ich bin davon überzeugt, daß sie ihn umgebracht hätten, wenn das keinen Skandal hervorgerufen hätte. Sie haben ihn aber so scharf beobachtet wie ein Adler den Hasen.

F: Sie sagten, Hitler habe ihn benutzt. Können Sie das erklären?

M: Aber ja doch. Wir verfolgten den Funkverkehr der britischen Agenten und schlössen daraus, daß sich die Briten mit Verschlimmerung der Lage in Europa vor einer Invasion durch die Deutschen fürchteten. Sie befürchteten auch, daß wir den Herzog als Galionsfigur wieder auf den Thron setzen könnten, um in England die Ordnung aufrecht zu erhalten. Mit diesem Wissen im Hinterkopf ließen wir die Gerüchteküche eine Weile weiterbrodeln. Der Herzog und die Herzogin wurden in Deutschland mit viel Pomp und großem Zeremoniell empfangen. Als zum Beispiel ihr Zug in den Berliner Bahnhof einfuhr, waren nur wenige unbedeutende Vertreter der britischen Botschaft anwesend, dafür aber ein ganzes Regiment unserer Topleute in vollem Wichs. Oh ja, dem Herzog und seiner Frau wurde das volle

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Programm geboten, einschließlich der Besuche prominenter Persönlichkeiten usw. Jene in England, die den König aus seinem Land vertrieben hatten, waren selbstverständlich empört, und natürlich begannen sie in ihren Clubs zu tuscheln und zu tratschen, daß wir eines Tages den Herzog mitsamt seiner Frau wieder auf den Thron setzen würden. Damals hatte ich im Gegensatz zu später kaum direkten Kontakt zu Hitler, aber Himmler brachte die Sache auf den Punkt, als er sagte, daß der Führer die Windsors zum richtigen Zeitpunkt als Joker ins Spiel bringen würde.

F: Und es war dann soweit, als der Krieg ausbrach?

M: Ja, damals wurde die Windsor-Karte neben anderen ins Spiel gebracht. Sie müssen verstehen, daß Hitler überhaupt nicht anti-britisch eingestellt war. Er bewunderte England wegen seiner Errungenschaften und wollte keinen Krieg mit diesem Land anfangen. Er ging davon aus, daß nach der bravourösen Beendigung des Polenfeldzuges England und Frankreich mit ihm verhandeln wollten. Sein einziger Wunsch war es, allein gelassen zu werden, ja er hatte überhaupt nicht die Absicht, eines der beiden Länder anzugreifen. Es sollte aber nicht sein, und mit der Zeit war es offensichtlich, daß Verhandlungen unmöglich sein würden, besonders mit Churchill an der Macht.

F: Ich bin sicher, daß sich Churchill mit Vehemenz gegen die Niederlage Englands oder gegen den Verlust seiner Kolonialgebiete sträubte.

M: Davon können Sie ausgehen, aber schließlich hatte Hitler nicht die Absicht, England oder Frankreich irgendet-was wegzunehmen. Er wollte nur einen Waffenstillstand, um sich dann zu entscheiden, ob er gegen Rußland vorgehen sollte oder nicht. Um die Briten an den Verhandlungstisch zu bringen, gab er sich große Mühe mit der Planung, wohlgemerkt der Planung, einer Invasion. Von einem militärischen Gesichtspunkt aus betrachtet, hätte die Invasion erfolgreich durchgezogen werden können. Sie hätte jedoch

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rein gar keinen praktischen Nutzen gehabt. Wir verlagerten den Schiffsverkehr auf die Kanalhäfen, Falschmeldungen über eine geplante Invasion kursierten in den Hauptstädten neutraler Länder, und wir ließen sogar Tausende von Einsatzplänen und Handbüchern für unsere Truppen drucken, die wir an uns bekannte britische Agenten und feindliche Diplomaten durchsickern ließen. Unsere weiteren Instruktionen lauteten, daß wir gleichzeitig den Anschein erwecken sollten, der Herzog werde in einem geschlagenen England unsere Galionsfigur sein. Und genau dies taten wir. Die Konsequenzen blieben nicht aus, denn die königliche Familie dachte ernsthaft darüber nach, nach Kanada zu fliehen. Der König wollte sofort weg aus England, aber die Königin hielt ihn zurück. Wie ich schon bemerkte, ist sie eine beeindruckende Persönlichkeit, aber schließlich stammt sie auch nicht von den verrückten Coburgern ab.

F: Es gibt Gerüchte, daß der Herzog Ihre Seite mit wertvollen militärischen Informationen versorgte, zu denen er während seines Aufenthaltes in Frankreich als Mitglied der britischen Streitkräfte Zugang hatte. Stimmt dies?

M: Ja. Er lieferte uns sehr wichtige Informationen über Truppenbewegungen und die gemeinsamen Militärpläne der Briten und Franzosen. Es handelte sich dabei um lebenswichtiges Material, das uns 1940 gestattete, in Sedan erfolgreich durchzubrechen. Der Herzog gab uns dieses Material jedoch nicht direkt. Er nahm sich frei, fuhr nach Paris und erzählte alles Herrn Bedaux. Das war seine Art, verstehen Sie. Er war wie auf einer einsamen Insel aufgewachsen, mit absolut keinem Kontakt zur Wirklichkeit, und als Erbe eines mächtigen Königreiches fühlte er sich jenseits von Politik und über die meisten Menschen erhaben. Er kam mit den zwischenmenschlichen Beziehungen nicht zurecht; Doppelzüngigkeit gehörte jedenfalls nicht zu seinen Stärken. Als ich 1937 mit ihm sprach, war keinerlei Falschheit in ihm. Ich bekam Mitleid mit ihm, denn er würde niemals die

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Welt jenseits der Mauern von Buckingham Palace wirklich verstehen. Im Laufe meiner Karriere habe ich zahlreiche weniger hochgestellte Aristokraten getroffen, die meisten waren ziemlich unpraktisch. Sie kannten nichts als Hofgeschwätz und Etikette. Herr Bedaux ging direkt in das noch neutrale Holland und erzählte alles in der Botschaft. In diesem Sinne war der Herzog kein Vaterlandsverräter; er war einfach total unerfahren, ein Mann zutiefst verärgert über seine Familie, die ihm so viele Kränkungen zugefügt hatte. Meines Wissens hat er niemals militärische Informationen an uns direkt weitergegeben. Das paßte einfach nicht zu ihm. Der Herzog war nicht anti-britisch eingestellt, sondern einfach erbost über die ihm widerfahrene Behandlung. Man sagte uns, daß wir seine Frau mit Königliche Hoheit ansprechen sollten, obwohl dies in England verboten war. Beide fühlten sich geschmeichelt, und darum ging es ja auch. Natürlich erfuhr die Öffentlichkeit davon, was seine Feinde zu Hause noch mehr aufbrachte.

F: Und diese Unterlagen beweisen all dies?

M: Das meine ich sehr wohl. Natürlich könnte man mit negativen Absichten auch gewisse Passagen aus dem Kontext reißen und behaupten, daß der Herzog ein überzeugter Nazi war. Das war er mit Sicherheit nicht; er war jedoch ausgesprochen pro Hitler, und man könnte sagen gegenüber dem Dritten Reich sehr positiv eingestellt. Dazu kommt, daß der Herzog etwas gegen Juden hatte und umgekehrt auch. Im Gegensatz zu ihm waren die aber viel klüger in ihrem Verhalten und wußten genau, wann sie sich im Hintergrund halten mußten, während sie ihre Pläne schmiedeten.

Sie müssen es so sehen, wenn ich im England jener Zeit Jude gewesen wäre, dazu noch ein jüdischer Bankier, hätte ich mich auch über einen König, der so positiv zu Hitler stand, geärgert. Ich hätte auch lieber einen anderen auf dem Thron gesehen. Was sie schließlich bekamen, war ein menschliches Nullum auf dem Thron und als Premierminister einen

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Geistesgestörten. Letztendlich wurde ihr Finanzimperium durch den Krieg zerstört. Unser britisches Falschgeld hat wohl auch noch sein Scherflein zum Untergang beigetragen. Die meisten Leute denken einfach nicht über den Tag hinaus. Selbst wenn der König ein Hakenkreuz um den Hals getragen und auf seinem Nachtkästchen ein Hitlerbild gestanden hätte, so war seine Macht in England doch sehr beschränkt und Pläne, sich offen für die deutsche Sache auszusprechen, wären durchkreuzt worden.

F: Es gab immer wieder Spekulationen über die letzten Tage des Herzogs in Spanien und in Portugal. Man nahm an, daß Sie ihn festnehmen würden oder daß er sich nach Deutschland begeben wollte, um die Rückkehr nach England abzuwarten.

M: Ja, das stimmt. Wir trugen unser Scherflein zur Verwirrung bei, aber ich weiß von Spitzenleuten, daß Hitler niemals die Absicht hatte, England anzugreifen. Der Herzog war doch nur eine Figur auf dem Schachbrett. Da ja nicht wirklich eine Invasion geplant war, bestand auch nicht die Notwendigkeit, für alle Fälle den Herzog in der Rückhand zu haben. Die Briten glaubten jedoch fest an die Invasion; sie schenkten auch unseren gezielten Falschmeldungen Glauben, nach denen unsere Verhandlungen mit dem Herzog kurz vor dem Abschluß standen. Gemäß diesen Prämissen handelten sie auch. Tatsache ist, die britische Regierung ließ dem Herzog eine Warnung zukommen, wonach sie seine Frau umbringen lassen würde, falls er nicht als Gouverneur auf die Bahamas ginge. Und genau dies tat er auch. Erleichterung herrschte in Berlin, denn wenn der Herzog nach Deutschland geflohen wäre, was hätten wir dann in Gottes Namen mit ihm angefangen? Ihn vielleicht wie den belgischen König in ein altes Schloß verfrachten und seinen endlosen Beschwerden über das Essen und die Bedienung lauschen?

F: Wie Sie wissen, bemühten sich die Briten nach dem Krieg über alle Maßen, so viele Unterlagen über den Herzog

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in ihre Hände zu bekommen, wie sie finden konnten. Eine große Suchaktion wurde gestartet. Wir besaßen einige Unterlagen und gaben sie ihnen.

M: Konnten Sie je einen Blick auf sie werfen?

F: Wir machten von allen Kopien, obwohl es Eisenhower verboten hatte. Ich habe sie mir auch einmal angeschaut. Sie haben schon recht damit, wenn sie sagen, daß man sie so oder so interpretieren könnte.

M: Mir persönlich ist der Herzog egal, aber aus professioneller Sicht war er meiner Meinung nach nur ein eitler, dummer Mann, der gekränkt war und bestimmt kein Verräter aus Vorsatz. Durch Zufall vielleicht, aber nicht vorsätzlich. Sein Stern ist schon lange untergegangen, und nun können sich die Journalisten in Spekulationen ergehen.

F: Die Briten machen aus so einfachen Dingen ein großes Geheimnis, daß ich mich nicht mehr wundere, daß jeder, der mit ihnen zu tun hat, hinter allem eine Verschwörung wittert. Latrinengerüchte, wie wir zu sagen pflegten, behaupten, der Herzog sei ein Spion der Nazis gewesen, aber nach Abwägung des Für und Wider glaube ich, daß Sie recht haben.

M: Natürlich habe ich recht. Wenn man mir befohlen hätte, für Hitler ein Dossier vorzubereiten, nach dem der Herzog womöglich Kommunist sei, so hätte ich dies ohne Zögern gemacht. Sie brauchen gar nicht so zu schauen, wenn ich so etwas sage. Ich bin mir sicher, daß Sie und ganz bestimmt Ihr Herr Dulles nicht anders gehandelt haben. Sie geben weiter, was man Ihnen befiehlt und vergessen alles weitere. Das stimmt doch? Unter uns, ganz im Privaten, sagen wir, was wir wirklich denken.

F: Das könnte stimmen. Aber - ich will Ihnen nicht zu nahe treten -, sind Sie immer ehrlich zu mir?

M: Wenn wir beide davon profitieren, natürlich ja. Das heißt, meine Kommentare zu den Windsors haben den einzigen Grund, daß ich meine Erinnerungen auffrischen will. Sie werden ihn nicht verhaften, und es gibt auch keinen

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Hitler mehr, der ihm helfen könnte, so wird also sein schlechtes Urteilsvermögen zu einem historischen Faktum, natürlich schön ausgeschmückt, damit auch einem Autor und seinem Verleger gedient ist. Ich frage mich, was jemand aus meiner Geschichte machen würde. Wenn sich die falsche Person mit mir befassen würde, käme ich als Monster heraus, das in Europa gewütet hat und alten Frauen die Zehennägel mit glühenden Zangen herauszog. Ich kann mir gut vorstellen, was ein Kommunist über mich schreiben würde. Sie sollten sich Notizen machen und ein schmeichelhaftes Buch über mich schreiben. Vielleicht schenke ich Ihnen dann die Zigarrendose des Zaren. Andererseits, wenn Sie nur meinen Namen außerhalb dieses Büros erwähnen sollten, so würden die anderen eine Treibjagd veranstalten, um Sie zu finden. Zumindest aber müßten Sie einen höchst unerfreulichen Canossagang hinter sich bringen und mit bloßen Füßen so lange auf dem Eis stehen, bis Sie festgefroren wären. Der gesunde Menschenverstand kann wie die Weisheit der Päpste sehr grausam sein.

F: Ich würde lieber über Monet schreiben.

M: Ich überlasse Ihnen Monet und schreibe selbst über Dürer. Wollen Sie sonst noch etwas über den Herzog wissen?

F: Von meiner Seite nicht. Einige Leute würden sich aber gerne Ihre Unterlagen über ihn anschauen. Sie wissen vielleicht, daß ihm während des Krieges die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert wurde. Hoover mischte dabei mit, aber es war Roosevelt, der das Einreiseverbot aussprach.

M: Was hätten der Herzog und die Herzogin um Gottes Willen in Ihrem Land anstellen können?

F: Darüber kann ich nicht sprechen.

M: Aber ich bitte Sie, Sie wollen von mir allerlei Informationen, die ich mir unter großen Mühen beschaffen muß, und dann wollen Sie mir nicht einmal sagen, warum der Herzog nicht in Ihr Land einreisen durfte.

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F: Es geht um nichts Wichtiges. Churchill hat Roosevelt gebeten, dafür zu sorgen, daß der Herzog und seine Frau draußen bleiben. Er meinte, daß sie schlecht von ihm reden könnten, wenn er sie nicht mehr unter so strenger Kontrolle hätte wie auf den Bahamas. Das war alles.

M: Die Antworten sind meist ganz einfach. Damit haben wir das Kapitel Herzog und Herzogin abgeschlossen und können uns nun Kaffee und Kuchen widmen.

Kommentar:

So wie nach dem Kriege viele versuchten, die Wahrheit über den Flug von Rudolf Heß nach England und seine darauf folgende Gefangenschaft herauszubekommen, haben die Spekulationen über die Abdankung Edwards VIII. und sein weiteres Leben den beruflichen Werdegang zahlreicher sogenannter Geschichtsjournalisten begleitet.

Die Neigung, neues sensationelles Hintergrundmaterial über historische Persönlichkeiten herauszubekommen hat Vorrang vor der Notwendigkeit, Spekulationen von Fakten zu trennen, um nach den wahren Gründen für Ereignisse und den daran beteiligten Menschen zu suchen.

Sowohl der Herzog als auch die Herzogin von Windsor wurden beschuldigt, England verraten und die verschiedenen Dienste des Dritten Reiches mit lebenswichtigen Informationen versorgt zu haben. Ja, sie sollen sich sogar bereiterklärt haben, das besetzte England für Hitler zu regieren. Die sorgfältige Analyse der den Alliierten in die Hände gefallenen offiziellen deutschen Dossiers liefert dafür keinerlei Beweise. Aber schließlich ist es auch nicht abwegig zu vermuten, daß die britischen Regierungsstellen beim Versuch, den Ruf der Krone zu schützen auch nicht davor zurückgeschreckt hätten, belastende Dokumente verschwinden zu lassen oder sie zu vernichten. In den Unterlagen von Müller finden sich jedoch Abschriften der meisten dieser offiziell freigegebenen Dokumente. Kein einziges läßt den

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Schluß zu, daß der Herzog oder seine Frau Verräter waren oder aktiv in Diensten der Nazis standen. Die Kommentare Müllers über den Herzog und seine Verwandten sind zwar messerscharf, sie bestätigen aber auch, daß der Herzog einfach wütend war und vieles durcheinander brachte; seine ehrgeizige Frau war voll Bitterkeit.

Churchills wiederholte Behauptung, Hitler wolle die Geburtsstätte der Demokratie angreifen, erwies sich schließlich als erfolgreiches Unterfangen, die Hilfe Amerikas zu sichern in einem Krieg, den er glorreich beenden wollte. Seine polternden Reden mögen zwar die Anglophilen in Amerika beeindruckt haben, im Weißen Haus trafen sie jedoch auf taube Ohren. Roosevelt war zwar nur zu gerne bereit, Churchill mit alten Waffen und klapprigen Schiffen zu versorgen, dafür sollte er jedoch in bar bezahlen, am liebsten mit Goldbarren. Als England mit Amerikas überzähligen Waffen angefüllt und seine Guthaben aufgebraucht waren, willigte Roosevelt in das „Lend and Lease"-Programm ein.

Müller behauptet, daß Hitler nie vorhatte, England anzugreifen und daß der Herzog Teil dieses großen Täuschungsmanövers war, um die Briten glauben zu machen, daß er es ernst meinte. Es hat immer wieder Spekulationen über Hitlers Pläne für den Angriff auf die Sowjetunion gegeben und wie bei der vermeintlichen Invasion Englands dreht sich dabei alles um die Frage nach seinen Motiven.

Stalin war für Hitler eine sehr reale Gefahr, sollte dieser sich für die Ausdehnung Richtung Westen entscheiden. Aber England hatte doch bereits seine Kraft verausgabt, als es 1940 vom Kontinent vertrieben worden war. Ein Frontalangriff, bei dem sämtliche deutschen Streitkräfte gegen England eingesetzt worden wären, hätte dazu geführt, daß die ungeschützten Ostgebiete leicht von den Sowjets hätten angegriffen werden können. Einem derartigen Angriff hätte Deutschland nicht standgehalten. Es bestand überhaupt

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nicht die Wahrscheinlichkeit, daß England Deutschland angreifen könnte, außer durch die Luftwaffe und deren erste Vorstöße endeten kläglich. Der britische Versuch, sich Norwegens zu bemächtigen, wurde durch den deutschen Gegenangriff vollkommen zunichte gemacht. Aus britischer Sicht war dies auch insofern verheerend, als es damit den Deutschen möglich war, eine starke militärische Präsenz unmittelbar an der Nordseegrenze aufzubauen.

Eine deutsche Invasion wäre mit größter Wahrscheinlichkeit erfolgreich gewesen, sie hätte jedoch viele Todesopfer gekostet und auch der Materialeinsatz wäre bedeutend gewesen. Es bestand jedoch keinerlei militärische oder politische Notwendigkeit dafür. Hitlers alleiniges Interesse galt dem Osten, nicht der Überquerung des Ärmelkanals. Im Nachhinein betrachtet, machen Müllers kurze Kommentare, vor dem Hintergrund seiner genauen Kenntnis der Denkstruktur seiner ehemaligen Arbeitgeber, mehr Sinn als die These vom Triumph der wenigen Gerechten über die Vielzahl der Bösen.

Charles Eugene Bedaux war eine zweitrangige zweifelhafte Persönlichkeit mit Verbindungen zu deutschen Geheimdiensten, zum Herzog und zu verschiedenen amerikanischen Interessensvertretungen. Er war Experte für Rationalisierungen und wurde aufgrund seiner Rationalisierungsmaßnahmen zum Objekt des Hasses amerikanischer Gewerkschaften. Während des Ersten Weltkrieges stand er im Verdacht, ein deutscher Spion zu sein. Er ließ sich später in Frankreich nieder, kaufte ein großes Schloß und war Gastgeber und Vertrauter des Herzogs und der Herzogin von Windsor. Ende 1942 wurde er von den Amerikanern im von Vichy-Truppen besetzten Nordafrika festgenommen. Zahlreiche kompromittierende Dokumente wurden damals bei ihm gefunden. Von Mitarbeitern des militärischen Abschirmdienstes der USA wurde er dann nach Miami gebracht und den Justizbehörden übergeben. Später wurde behaup-

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tet, er hätte sich umgebracht. Es gibt jedoch berechtigte Vermutungen, daß Bedaux umgebracht wurde, um zu verhindern, daß er manches über die kompromittierenden Kontakte zwischen US-Stellen - einschließlich Präsident Roose-velt - und Vichy-Frankreich, das Roosevelt als legitimen Repräsentanten der französischen Regierung in den französischen Überseegebieten anerkannte, hätte ausplaudern können.

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