Bromberger Blutsonntag

Mit dem Kriegsausbruch in Europa begann 1939 in allen Erdteilen ein brutaler Untergrundkrieg gegen die Zivilbevölkerung, eine Entwicklung, die bis zum heutigen Tage unvermindert anhält.

Viele Historiker führen diese Entwicklung auf den japanisch-chinesischen Krieg in den dreißiger Jahren zurück; viele sind aber auch der Meinung, daß diese Entwicklung mit dem Polenfeldzug ihren Anfang nahm. Die Anmerkungen Müllers zu diesem unerquicklichen Teilbereich der Geschichte lohnen die nähere Beschäftigung damit.

F: Das Problem der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD taucht immer wieder auf, und wir brauchten dazu einige Erläuterungen von Ihnen. Ich gehe davon aus, daß Sie dazu über Wissen aus erster Hand verfügen.

M: Aber natürlich. Zu Beginn unterstanden die Einsatzgruppen Heydrich; später wechselte die Führung. Da war als erstes das Reichssicherheitshauptamt - RSHA - mit dem Chef der Sicherheitspolizei und später dann Himmler direkt durch die höheren SS- und Polizeiführer. Ich stand nicht persönlich in der Verantwortung, aber natürlich wurden einige Mitarbeiter der Gestapo zu diesen Einsatzgruppen abkommandiert.

F: Genau darum geht es mir. Diese Einsatzgruppen haben einen sehr schlechten Ruf. Ihre Verbindung zu ihnen ist daher von großer Wichtigkeit.

M: Ich kann mir schon vorstellen, daß sie aus Sicht der Kommunisten einen schlechten Ruf haben. Aber auch Verbrecher, Kriminelle und Mörder werden an ihnen wenig Gefallen gefunden haben. Wie ich schon sagte, unterstanden diese Einsatzgruppen nicht meinem Kommando, obwohl ich einmal gebeten wurde, eine Einheit zu kommandieren. Ich

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lehnte ab, aber nicht, weil ich dachte, sie täten Unrecht, sondern weil ich einfach zu viele andere, wichtigere Dinge zu erledigen hatte, als nach diesen Typen zu suchen.

F: Ach so, aber sie verfolgten doch Juden und brachten sie um, oder nicht?

M: Sie verfolgten und töteten die Art von Menschen, die ich eben genannt habe. Wenn sich Juden dieser Verbrechen schuldig gemacht hatten, dann gehörten auch sie dazu, aber nicht etwa, weil sie Juden waren.

F: Warum hätte es solche bewaffneten Überfälle auf polnischem Gebiet geben sollen, wenn es nicht darum ging, Ihre politischen, aber insbesondere Ihre rassischen Feinde zu eliminieren?

M: Wenn Sie glauben, irgend jemand hätte die Zeit bzw. ein Interesse daran gehabt, eine wilde Jagd auf Juden zu eröffnen, dann täuschen Sie sich gewaltig.

F: Aber in Polen...

M: Ja, in Polen. Was glauben Sie wohl geschah zu Beginn des Feldzuges in Polen? Sagen Sie mir doch, was Sie meinen, obwohl ich es mir schon denken kann.

F: Nun ja, die Ausrottung der Polen und insbesondere der polnischen Juden kommt mir als erstes in den Sinn. Diese Einsatzgruppen - was ja in Nürnberg sehr gründlich behandelt wurde - sind, wie allgemein bekannt, in Polen regelrecht Amok gelaufen und haben viele Menschen abgeschlachtet... auch in Rußland...

M: Gehen wir der Reihe nach vor.

F: Nun gut, fangen Sie an.

M: Ich sehe keinen Grund, warum ich Ihnen Nachhilfeunterricht in Geschichte geben sollte, da es uns beiden ja sowieso egal ist, aber ich möchte trotzdem einige Mißverständnisse gerade rücken. Ich habe gesagt, daß ich selbst bei diesen Aktionen nicht dabei war, aber ich habe sehr wohl über sie von Anfang an Bescheid gewußt. Was wissen Sie über die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen?

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F: Das ist nicht mein Spezialgebiet.

M: Meines war es zu einer gewissen Zeit, daher kann ich Ihnen einiges dazu sagen und Ihr Wissen bereichern, wenn schon nicht Ihre Einsicht. Mit dem Vertrag von Versailles wurden Polen und Deutsche Todfeinde. Große Teile Deutschlands, Gebiete, die seit Jahrhunderten deutsch waren, und in denen die Deutschen gesiedelt und das Land entwickelt hatten, wurden von Ihrem idiotischen Präsidenten Wilson den Polen gegeben. Ich würde sagen, daß Wilson zweifellos die größte Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trägt. Er schloß mit unserer Regierung einen Waffenstillstand, aber als Deutschland entwaffnet war, veränderte er den Vertrag absichtlich. Ich verstehe gerade noch die Rückgabe der französischen Gebiete, aber das Vorgehen in Ostdeutschland und insbesondere in Schlesien war ungeheuerlich.

Diejenigen Deutschen, die in unseren ehemaligen Gebieten geblieben waren, wurden von Anfang an von mißgünstigen Polen schikaniert und terrorisiert. Es war so schlimm, daß sogar die britischen und französischen Beobachter, die dem Landraub beistehen sollten, gegen die polnische Barbarei protestierten. Keiner kümmerte sich darum, und es ging so munter weiter.

Als 1932 die Polen glaubten, Hitler würde an die Macht kommen, zogen sie ihre Truppen an der Grenze von Ostpreußen und Schlesien zusammen und drohten damit, uns anzugreifen. Wir hatten nur eine kleine Armee und hätten uns nicht wehren können. Daher gab Hitler ihren Forderungen nach, das heißt wir sollten für die Polen günstige Verträge unterzeichnen und natürlich jegliche Beziehungen mit ihren Feinden, den Sowjets, abbrechen.

Später dann, nach dem Anschluß Österreichs und besonders nach der Sudetenkrise bekamen es die Polen mit der Angst zu tun, daß wir uns vielleicht unser gestohlenes Land zurückholen könnten. Statt daß sie mit uns verhandelten,

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versuchten sie uns zu bedrohen. Zu dem Zeitpunkt war unsere Armee natürlich schon weitaus größer, so daß wir die Drohungen nicht ernst nahmen. Aus irgendwelchen Gründen glaubten diese Idioten sie seien eine Weltmacht statt eines Zwerges ohne Beine. Sie wurden bei den Franzosen und den Briten vorstellig und bestanden auf einem Vertrag mit ihnen. Sie setzten sich über Hitler hinweg und weigerten sich sogar, über den Korridor mit ihm zu verhandeln. Natürlich versetzte dies Hitler in Wut, denn nach seiner Ansicht war von seinen territorialen Forderungen in Europa die Frage des Korridors und Danzigs am meisten gerechtfertigt.

Beck, der polnische Außenminister, war ein arroganter Esel mit Anwandlungen von Größenwahn. Er führte sich auf wie Ludwig XIV., war aber ein Ludwig ohne Armee, ohne funktionierende Wirtschaft und, ...(Anm. des deutschen Verlages: Aufgrund des § 30 StGB wurden drei Zeilen weggelassen, in denen sich Müller über das polnische Volk kritisch äußert)

F: Na, na...

M: Lassen Sie mich weiter machen. Wenn ich fertig bin, können Sie ihren Kommentar dazu abgeben. Ich glaube, es war im April 1939, als Warschau eine Terrorkampagne gegen die deutsche Minderheit in Polen begann, um Hitler zu warnen, daß potentielle Geiseln zur Verfügung ständen, falls er zu aggressiv werden sollte. Jeder, der Hitler besser kennt, hätte von vornherein sagen können, daß man mit ihm nicht mit der Waffe im Anschlag verhandelte. Sie waren einmal damit durchgekommen, aber nicht noch einmal. Von deutschen Diplomaten in Polen trafen Berichte über Schlägereien, Brandstiftungen und Morde in Berlin ein, vor allem im Außenministerium, und jeder Bericht brachte Hitler zur Weißglut. Hätte es sich nur um einen einzigen Zwischenfall gehandelt, wäre alles gut gegangen, aber die Kampagne steigerte sich Woche für Woche, solange bis man sie wirklich nicht mehr ignorieren konnte.

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Einigen wenigen mutigen Deutschen gelang die Flucht nach Deutschland. Sie brachten dabei allerlei Horrorgeschichten mit sich. Natürlich machte Goebbels das beste daraus, und bald waren die Zeitung voll davon. Und obwohl Sie vielleicht glauben, daß die Geschichten erfunden waren, haben wir später festgestellt, daß sie fast alle stimmten.

Den tatsächlichen Kriegsausbruch können wir überspringen; beschäftigen wir uns lieber mit den Gründen für das Verhalten der Deutschen in Polen. Zu Rußland kommen wir später. Unmittelbar nachdem der Krieg am 1. September ausgebrochen war, griffen die Polen in den ehemaligen deutschen Gebieten auf besondere Anordnung aus Warschau die deutsche Minderheit mit ungeheuerlicher Grausamkeit an. Frauen und Kinder, ja sogar Babies, wurden gefoltert und regelrecht abgeschlachtet; ich kann darauf gar nicht näher eingehen. Ich habe Tausende von Polizeifotos, die ich Ihnen später sehr gerne zeigen werde - aber lassen Sie mich fortfahren. Jene Deutschen, die glücklicherweise diesem Blutbad entfliehen konnten, gelangten hinter die deutschen Linien und suchten Schutz bei der Truppe. Viele von ihnen taten sich in Selbstschutzeinheiten zusammen und unterstützten das Militär. Als unsere Soldaten tiefer ins Land eindrangen, sahen sie selbst die Beweise für die polnischen Greueltaten; die Emotionen kochten hoch und Forderungen wurden laut, jene Polen, die für die schrecklichen Verbrechen verantwortlich waren, zusammenzutreiben.

Die Sicherheitspolizei hatte in die Sudeten Einheiten zur Unterstützung der Besatzung geschickt. Ihre Aufgabe war es, die Ordnung hinter den vorrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, aber auch die Hitler-Gegner aufzuspüren, die auf tschechisches Gebiet geflohen waren und sich nun durch Propagandaaktivitäten und gelegentliche Terrorkommandos über die Grenze hervortaten. Die Sicherheitsleute waren auch hinter jenen Tschechen her, bei denen mit Widerstand zu rechnen war und auch Leuten, die früher die sudeten-

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deutsche Minderheit schikaniert hatten. Im Vergleich zu den Polen waren die Tschechen wahre Gnadenengel, das können Sie mir glauben.

Als der Polenfeldzug begann, wurden diese Sicherheitseinheiten wieder aufgestellt, und zwar aus den gleichen Gründen wie früher. Ich wußte darüber von Anfang an Bescheid, da die Gestapo, wie ich schon sagte, der Sicherheitspolizei einige Agenten zur Unterstützung ausgeliehen hatte, und ich mußte meine Zustimmung für die Auswahl und die Transfers geben. Bei einigen Konferenzen zu diesem Thema war ich zugegen, und ich war mir voll und ganz über die Ziele und den Zweck dieser Sicherheitsgruppen im klaren.

Die Aufdeckung von zahlreichen Massenmorden an deutschen Zivilisten verschlimmerte die Lage. Als Hitler davon erfuhr, geriet er in fürchterliche Wut. Sofort befahl er Himmler und Heydrich, später auch mich, zu sich und ordnete kategorisch an, daß nicht nur etwas geschehen mußte, um die Deutschen in Polen vor solchen Greueltaten zu schützen, sondern daß auch die Verantwortlichen festgenommen und sofort erschossen werden sollten. Zuerst waren die Militärs geschockt, sie änderten aber plötzlich ihre Meinung, als herauskam, daß deutsche Kriegsgefangene von polnischen Militäreinheiten brutal ermordet worden waren. Den Gefangenen waren die Augen ausgestochen worden, die Genitalien abgeschnitten, ihnen wurden bei lebendigem Leib die Bäuche aufgeschlitzt und noch lebendig waren sie angezündet worden. Oh ja, es kam zu zahlreichen Vorfällen dieser Art. Das Militär verlangte, daß der Gerechtigkeit Genüge getan würde. Und so geschah es auch. Die Lage verbesserte sich auch nicht, als überlebende Deutsche, die nun dem Militär als offizielle Hilfstruppen zur Seite standen, ihre eigenen Rachefeldzüge begannen, die genauso schlimm waren wie die polnischen. Schlimmer noch würde ich meinen. Es wurde sogar so schlimm, daß das Militär die Beendigung der Maßnahmen verlangte; über kurz oder lang wurden die-

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se Einheiten aufgelöst und die Mitglieder im militärfälligen Alter offiziell in die Armee aufgenommen.

Die Sicherheitskräfte hatten so viele Mörder, wie sie auffinden konnten, festgenommen und sie der Justiz überstellt. Richtige Gerichtshöfe wurden installiert, die Beweislage aufgenommen und Todesstrafen ausgesprochen. Alles verlief rechtmäßig, ganz im Gegensatz zu den Rachefeldzügen der deutschen Zivilisten.

F: Ich kann, zumindest von Ihrem Gesichtspunkt aus, die andere Seite verstehen, und Fotos möchte ich mir auch keine anschauen. Wir wissen aber beide nur zu gut, daß viele Polen umgebracht wurden, oder etwa nicht?

M: Ja doch. Nicht genug nach meiner Meinung. Wissen Sie eigentlich, wieviele deutsche Zivilisten ermordet wurden?

F: Ich habe keine Ahnung...

M: Aber ich. Dreizehntausend Leichen von alten Menschen, von Frauen, Kindern und Babies wurden identifiziert. Weitere Zehntausende waren so schlimm zugerichtet bzw. bei ihnen war die Verwesung schon so weit fortgeschritten, daß sie nicht mehr identifiziert werden konnten...

F: Insgesamt?

M: Mehr als fünfzigtausend Tote, die meisten namenlos. Verstehen Sie nun die Gegenreaktion? Nach meiner Meinung - ich habe schließlich die Berichte gelesen und viele Gespräche mit meinen eigenen Leuten geführt, nachdem sie zurückgekommen waren - hätten wir das ganze Pack in die Sümpfe treiben und dort ertränken sollen. Wir hätten Zeit und Munition gespart. Die Zahl der Juden? Nicht sehr viele waren in die Morde involviert. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Polen die Juden hassen und viele selbst umgebracht haben, ohne unsere Hilfe.

F: Ja, ich habe davon gehört. Wußten Sie, daß damals, als Auschwitz von den Sowjets befreit wurde, Ihre Leute etwa zwölftausend kranke Juden zurückgelassen hatten, als sie das Lagerpersonal nach Westen verlegten? Eine wirklich schreck-

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liehe Geschichte, aber ich muß mir Gewißheit verschaffen, damit ich Bescheid weiß. Als die Sowjets ins Lager kamen, begannen die Wachen sofort damit, die Juden niederzumetzeln, indem sie die Baracken, in denen sich Juden aufhielten, mit Maschinengewehrsalven durchsiebten. Ein sowjetischer Infanterieoberst erzählte mir in Nürnberg, daß das Blut unter der Tür herausgeflossen sei. Die Wachen, die geschossen hatten, waren alle Polen, die von Ihren Leuten angeheuert worden waren, um das Lager zu übernehmen, nachdem sie es aufgegeben hatten.

M: Davon wußte ich nichts. Es bestätigt aber nur, was ich Ihnen schon gesagt habe. Oder etwa nicht? Was machten die Russen?

F: Rein gar nichts. Sie mochten auch keine Juden und taten einfach nichts. Mehrere jüdische Offiziere wollten etwas dagegen unternehmen, aber es war schon zu spät.

M: Natürlich schiebt man nun uns für all das die Schuld in die Schuhe.

F: Sie behaupten also weiterhin, daß die Gestapo nicht direkt beteiligt war?

M: Nein, das tue ich nicht. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß wir einen gewissen Prozentsatz der Sicherheitskräfte stellten. Ich persönlich hatte nicht das Sagen, aber ich wußte ganz genau, was vor sich ging, und um ganz ehrlich zu sein, stand ich voll hinter ihrem Verhalten - auch heute noch. Ich bin der Meinung, daß es eine Fehleinschätzung auf Seiten der Einsatzkommandeure war, den Selbstschutzgruppen die Teilnahme zu gestatten, und ich bin mir auch bewußt, daß diese Deutschen, aus welchen Gründen auch immer, seien sie nun gerechtfertigt oder nicht, ihre Befehle überschritten.

F: Sie sind also nicht der Meinung, daß die deutschen Behörden letztendlich für diese Exzesse verantwortlich waren?

M: Von einem moralischen Standpunkt aus betrachtet, heißt meine Antwort ja; von einem praktischen nein. Die

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Einsätze des Militärs und der Polizei werden nicht von Moralaposteln durchgeführt. Der Alte Fritz sagte einmal, daß, wenn der Soldat nachzudenken beginne, er sofort desertieren würde. Natürlich ist dies keine Entschuldigung, aber Armeen verhalten sich von Zeit zu Zeit nun mal wie Wilde.

F: Ja, aber Ihr Bericht...

M: Mein Bericht? Ich glaube kaum. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich für keine Einheit verantwortlich war. Die Billigung ihrer Handlungen ist kein Schuldeingeständnis.

F: Ich erinnere mich an eine Geschichte, über die ich einen Schriftsatz für Nürnberg vorbereiten mußte. Es ging um das Massaker an Juden außerhalb von Kiew im Jahre 1941. Wurden nicht dreißigtausend Juden aus der Stadt getrieben und von der SS erschossen?

M: Nein. Sie können es mir glauben: Die von der Armee aufgestellte und bewaffnete ukrainische Miliz hatte einen Nachmittag lang ihren Spaß und erschoß dreitausend Juden. Ja, das stimmt davon, aber die Zahlen sind ganz andere. Jemand hat einfach eine Null angehängt. Der Anführer der Einheit wurde später von uns erschossen.

F: Was? Für die Erschießung der Juden?

M: Er war dazu nicht bevollmächtigt. Vergewaltigung und Plünderungen sind schlecht für die Disziplin. Um aber auf die Aktionen in Polen und später in Rußland zurückzukommen, so sollten Sie nicht übersehen, daß derartiges weder in Frankreich, Dänemark oder Norwegen passierte. Es war einfach nicht nötig. Das waren doch zivilisierte Völker, nicht wie die Polen und Slawen. Darin liegt der Unterschied. Die Russen sind doch jetzt Ihre Feinde. Warum kümmern Sie sich darum, wieviele Verbrecher wir an Bäumen aufhängten oder erschossen? Ihre Leute scheren sich einen Dreck um massakrierte deutsche Zivilisten, und mir persönlich sind die aufgehängten Verbrecher egal. Wenn Sie es je mit diesen Kreaturen zu tun haben, werden Sie schreiend zu mir ren-

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nen und mich anflehen, sie alle zu vernichten. Sie haben doch bereits das Bartholomäus-Szenario mit mir durchgesprochen - das läuft doch auf das gleiche hinaus, oder nicht? Der Unterschied besteht nur darin, daß das Szenario präventiver Natur ist und nicht zur Abstrafung dienen soll. Bei solchen Sachen ist die exakte zeitliche Abstimmung das ein und alles. Sie können davon ausgehen, daß ich nie den direkten Oberbefehl hatte noch verantwortlich war für die Sicherheitseinheiten. Das wollten Sie doch hören oder habe ich etwa nicht recht?

F: Ich glaube, daß wir diese Passage ausgiebig redigieren müssen, bevor sie vorgelegt wird.

M: Natürlich. Das hört sich wie bei den Russen an mit dem Redigieren. Wenn Sie all diese sinnlosen Fragen betrachten, die Ihnen Ihre Vorgesetzten für mich geben, kommt Ihnen da nicht der Gedanke, ob das nicht reine Zeitverschwendung ist? Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ein Verrückter befindet sich im obersten Stockwerk eines Hauses und schießt aufs Geratewohl auf die Straßen. Unschuldige werden getötet. Die Polizei plaziert einen Beamten auf den Dachfirst und dieser tötet den Verrückten mit einem Kopfschuß. Ist das gerechtfertigt? Natürlich. Es gibt aber immer Idioten, die argumentieren werden, daß keiner den armen Verrückten verstanden habe. Vielleicht wurde er von seiner Mutter als Kind geschlagen. Niemand verstand ihn, und nun können nicht einmal die guten Doktoren sein Gehirn untersuchen, da es der schreckliche Polizist auf der Wand hinter ihm verspritzt hat.

Wenn aber die Tochter oder der Sohn eines dieser professionellen Klageweiber einen Bauchschuß abbekommen hätte, dann hätten sie schreiend um Hilfe gerufen.

F: Ich dachte gerade an den Vers über die Soldaten und Gott, der nur in der Not angerufen wird, aber nicht bevor man ihn braucht.

M: Sie könnten statt dessen auch Polizei sagen.

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Kommentar:

Mit dem Begriff Bromberger Blutsonntag ist das Massaker an Zivilisten gemeint, das im September 1939 insbesondere in Bromberg stattfand, jedoch nicht allein auf diese Stadt begrenzt war, sondern verschiedene Städte der ehemals deutschen Provinzen betraf. Über die blutigen Ereignisse wurde von ausländischen Presseleuten, die von der Presseabteilung des deutschen Militärs in die betreffenden Gebiete gebracht worden waren, ausgiebig berichtet.

Die Einsatzgruppen von ca. 6000 Polizeibeamten waren nicht dafür vorgesehen, die drei Millionen starke jüdische Gemeinde in Polen zu liquidieren, sie sollten vielmehr hinter den vordringenden deutschen Streitkräften als politische Polizei füngieren. Die Tatsache, daß ihre Zahl immer begrenzt blieb und sie im November 1939 offiziell aufgelöst wurden, legt eigentlich den Schluß nahe, ... (Anm. des deutschen Verlages: Angesichts der Beschlagnahme-Verfügung des Ersten Buches vom August 1996 hat der Verlag hier einige Zeilen des Kommentares von Gregory Douglas gestrichen, da dieser an dieser Stelle Mutmaßungen anstellt, die in der Bundesrepublik Deutschland nicht angestellt werden dürfen.)

Martin Broszat, Historiker im Nachkriegsdeutschland, behauptet, daß nur zwischen 4.000 und 5.000 deutsche Zivilisten umgebracht wurden und daß darüber hinaus weitere 2.000 Deutsche als Folge des Krieges starben.* Die hier genannten Zahlen beziehen sich auf die bis Februar 1940 identifizierten Opfer, bei der Mehrheit der Getöteten war jedoch die Verwesung bereits soweit fortgeschritten, bzw. die Leichenteile waren derart verstreut, daß die Feststellung der exakten Zahl unmöglich war.

* Martin Broszat, „Nationalsozialistische Polenpolitik, 1939-45. Stuttgart, 1961. S. 47.

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Die deutschen Nachkriegshistoriker sind fast ohne Ausnahme in eine mea culpa-Litanei verfallen. Sie zerreißen sich quasi wehklagend ihre Gewänder und verfallen in weitere Manifestationen nationaler Selbstbeschmutzung, um sich nur ja bei den Verlegern liebkind zu machen.

Der völlige Mangel an Objektivität in den Werken dieser verhängnisvollen Historiker hat in der deutschen Geschichte eine tiefe Wunde hinterlassen. Für die, die das deutsche Schulsystem durchlaufen, endet die deutsche Geschichte 1933 und beginnt wieder 1945.

Nach dem Niedergang Napoleons und der zeitweisen Rückkehr der Bourbonen war es strikt verboten, über den ehemaligen Kaiser zu schreiben oder gar dessen Bild zu besitzen. Diese offizielle, sehr oft blinde Repression führte direkt zum Fall der Bourbonen und letztlich zur Besteigung des Throns des zweiten Kaiserreichs durch den Neffen Napoleons.

Man sagte damals, die Bourbonen haben nichts dazuge-lernt und nichts vergessen, aber dieses Unvermögen ist bestimmt nicht auf französische Monarchen begrenzt.

Es steht außer Frage, daß nach den Massakern zahlreiche Polen zusammengetrieben und erschossen wurden. Ob jedoch diejenigen, die an den Massakern an deutschen Zivilisten beteiligt waren, wirklich ihr Schicksal verdient haben, liegt im Ermessen des Lesers.

Von den gleichen Einsatzgruppen wurden zahlreiche sowjetische Partisanen unter tätiger Mithilfe lokaler russischer Milizen, aber auch der deutschen Streitkräfte und den Mitgliedern der verschiedenen baltischen und kroatischen Milizen, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten, aufgestöbert.

Das Massaker an einem Teil der jüdischen Bevölkerung Kiews ging als „Babij Yar"-Massaker in die Geschichte ein. Was die von ukrainischen Milizen unter der Führung eines gewissen Berutko ausgeführten Morde betrifft, so existiert

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noch immer der ausführliche Schriftwechsel zwischen dem HSSPF von Kiew, Jeckeln, und Himmler. Daraus geht hervor, daß der SS-Führer Berutko kurzerhand erschießen lassen wollte und Himmler dem auch zustimmte, aber vorschlug, daß Jeckeln die Führung über die Miliz übernehmen sollte, damit diese unter strikter Kontrolle gestellt werden konnte, da sie sich bislang der Aufsicht der Streitkräfte entzogen hatte.

Während der Vorbereitung der Beweisführung für die Nürnberger Prozesse soll angeblich irgendwann der Gesamtzahl der Getöteten einfach eine Null hinzugefügt worden sein, wird behauptet.

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