Das Geheimnis des Heß-Fluges

Ein Thema, das seit langem Historiker fasziniert hat, ist der Flug des Führer-Stellvertreters Rudolf Heß nach England im Jahre 1941. Seine Beweggründe, die Behandlung, die ihm in England widerfuhr und auch sein Tod sind noch immer geheimnisumwittert und von großem Interesse. Der Flug wurde von der Gestapo sehr sorgfältig untersucht, die Berichte der Briten über die Behandlung von Heß in England und über seinen Tod werden noch immer der Öffentlichkeit vorenthalten. Es besteht auch keine Aussicht, daß sich dies je ändern würde.

F: Ihre Leute führten doch im Fall Heß eine genaue Untersuchung durch?

M: Sie können davon ausgehen, daß wir sehr gründlich waren. Hitler war in einer furchtbaren Stimmung wegen der ganzen Sache. Er verlangte, daß er umgehend die Wahrheit erfuhr. Die Mitarbeiter von Heß wurden festgenommen, und er forderte, daß alle, einschließlich der Ehefrau, sofort verhört wurden.

F: Ich glaube, uns alle interessiert einzig die Frage, ob Hitler Heß nach England geschickt hatte, um Friedensverhandlungen aufzunehmen, damit Hitler in aller Ruhe Rußland angreifen konnte. Steckt da irgendwelche Wahrheit dahinter?

M: Nein, auf gar keinen Fall. Hitler hatte keine Ahnung von dem Flug, noch hat er ihn angeregt oder gar gebilligt. Er war von der Nachricht total überrascht, erkannte aber natürlich sofort ihren propagandistischen Wert für die Briten.

F: Wußte Heß über den Angriff auf Rußland Bescheid?

M: Ja, aber Heß war über die militärische Seite nicht unterrichtet. Und genau hier liegt meiner Meinung nach der

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wahre Grund für seinen Flug. Heß hatte wie bei Ihnen Wal-lace, einen Hang zur Esoterik. Was Hitler betrifft, so war er ihm absolut loyal ergeben. Er war überhaupt nicht praktisch veranlagt und unternahm nichts, um seine Position Hitler gegenüber zu wahren. Solange in Deutschland Frieden herrschte, gab es für Heß keinerlei Probleme, obwohl ich der Meinung bin, daß diese schon vorprogrammiert waren. Ich meine damit natürlich seinen Stellvertreter Bormann. Der wollte auf der Karriereleiter bis ganz oben klettern. Natürlich hatte er Umgang mit Hitler, aber solange Heß da war, stand Bormann immer noch jemand auf dem Weg nach oben im Wege. Sie müssen wissen, daß sich weder Hitler noch Heß gerne mit reiner Bürokratenarbeit beschäftigten. Ich dagegen bin daran gewöhnt, und ich weiß auch, daß es die Bürokraten sind, die sechs Tage die Woche arbeiten und daher mehr erreichen können als hervorragende Politiker, die nur dann arbeiten, wenn sie Lust dazu haben.

Bormann war ein effizienter Arbeiter und damit eine große Hilfe für Hitler und auch Heß. Er kümmerte sich um all die vielen kleinen Details. Mit der Zeit wurden die beiden Männer immer abhängiger von seiner Zuarbeit, und somit bekam Bormann schließlich ziemlich viel Macht. Es war aber nicht die Art von Macht, die er so gerne gehabt hätte. Bormann wollte jederzeit direkten Zugang zu Hitler. Als Untergebener von Heß war ihm dies nicht möglich, daher begann er Pläne zu schmieden, wie er Heß loswerden könnte. Er konnte ihn nicht einfach umbringen, denn wenn Hitler dahinter gekommen wäre, hätte er innerhalb kürzester Zeit einen tödlichen Herzinfarkt erlitten oder wäre bei einem Autounfall umgekommen. Bormann mußte also einen anderen Weg finden.

Der Kriegsausbruch bot ihm die Chance dazu. Hitler wollte den Krieg selbst führen und verbrachte daher die meiste Zeit in seinem Hauptquartier, und zwar mit seinen Generalen. Die hohen Parteifunktionäre waren nicht ins

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Hauptquartier geladen, außer wenn gelegentlich offizielle Feierlichkeiten stattfanden. Heß war also nicht mehr überall mit dabei. Es ging dabei nicht um Macht, sondern bei Heß spielte die persönliche Betroffenheit eine große Rolle. Er verehrte Hitler zutiefst und fühlte sich von ihm zurückgewiesen, als er nicht mehr regelmäßig mit ihm Zusammensein konnte.

F: Meinen Sie damit, daß Heß in Hitler verliebt war?

M: Eine gute Beobachtung. Ich hatte mir darüber Gedanken gemacht, aber ich glaube, daß es dabei um die geistige Seite ging, nicht um die physische. Hitler hatte die ungewöhnliche Fähigkeit, die Menschen wie ein Magnet anzuziehen, und viele verehrten ihn geradezu wortwörtlich. Was diese persönliche Seite betraf, so war ich dagegen immun. Ich konnte aber selbst sehen, welchen Effekt Hitler auf die meisten Menschen hatte. Er hat nie versucht, mich in seinen Bann zu schlagen. Ich glaube, er merkte, daß er nur an meine Professionalität appellieren mußte, denn genau damit hatte er Erfolg. Heß dagegen war ein großer Hitler-Verehrer. Durch den Krieg wurde er plötzlich von seinem Idol getrennt. Bormann sah darin eine Gelegenheit, Heß soweit zu bringen, daß er eine Dummheit beging, und die Tür zwischen Hitler und Heß endgültig zugeschlagen wurde.

F: Bormann war also die treibende Kraft hinter dem Flug?

M: In gewissem Sinne ja. Wie Sie wissen, verachtete ich Bormann; ich muß ihm jedoch zugestehen, daß er ein sehr geduldiger Mensch war und - wenn er wollte - sehr feinfühlig sein konnte. Das Warten lohnte sich für ihn. Er machte sich an Heß heran - übrigens ein sehr unordentlicher emotionaler Mensch - und überzeugte ihn schließlich davon, daß er einen großen Coup landen könnte, wenn es ihm gelänge, die Briten zu Friedensverhandlungen mit Hitler zu bewegen. Das war natürlich vor der Bombardierung. Mit Churchill an der Macht war es vorbei damit, wie Sie sehr wohl wissen. Churchill war verrückt; er war dazu entschlossen,

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Deutschland endgültig auszuradieren. Dazu war ihm jedes Mittel recht, und es war ihm auch egal, welchen Preis an Menschen und an Material es die Briten kosten würde. In neutralen Ländern wie Schweden und der Schweiz führten wir mit Hitlers Einwilligung, ja sogar auf seinen Befehl hin, geheime Gespräche. Die Leute im Außenministerium waren offen dafür. Schließlich hatte Hitler ja auch einen Friedensvertrag angeboten, durch den England rein gar nichts einbüßen würde. Das Angebot war noch besser als der Friedensvertrag, den Bismarck 1870 den Franzosen angeboten hatte, und der war schon mehr als vernünftig. Nein, Churchill verbot jeglichen Kontakt mit uns. Für jeden der führenden Leute des Dritten Reiches hätte damit klar sein müssen, daß England unter der Führung Churchills niemals Frieden schließen würde.

Bormann deutete Heß gegenüber an, daß Hitler in seiner Gegenwart oft gesagt hätte, ein Mann, der den Frieden mit England zustandebrächte, wäre mehr wert als zwanzig neue Divisionen. Ich weiß nicht, ob Hitler das tatsächlich so gesagt hat, aber die Äußerung spiegelt auf jeden Fall sein damaliges Denken wider.

F: Hätte Hitler Bormann dazu benutzt, um Heß zu beeinflussen?

M: Nein. Das wäre nicht nötig gewesen. Hitler hätte Heß einfach nur fragen müssen, und Heß wäre nach England geflogen. Hitler war nicht so verschlagen, wie es zweifellos Bormann war. Heß sah darin eine Möglichkeit, Hitler ein wertvolles Geschenk zu machen und die alten Beziehungen wiederherzustellen. Ich sagte schon, daß Heß nicht sehr praktisch war. Hitler hat nie mit Heß gebrochen, es war nur Heß, der es sich zusammenreimte. Ich habe später noch einmal alle Berichte durchgeschaut und mir wurde klar, was geschehen war. Es gab jedoch keinerlei Beweise dafür, daß Bormann Heß dazu getrieben hatte. Nachdem Heß weg war, übernahm Bormann die Position und konsolidierte sie sehr

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schnell. Bormann war nun der Mann hinter Hitler, und zu diesem Zeitpunkt war es nicht mehr ratsam, sich mit ihm anzulegen.

Wenn ich zweifelsfreie Beweise gehabt hätte, dann hätte ich dafür gesorgt, daß Hitler davon erfuhr, ich hatte sie aber nicht. Bormann wollte später alle verhaften und zum Schweigen bringen, die irgend etwas mit Heß zu tun hatten, auch seine Frau. Hitler wollte davon jedoch nichts wissen und so geschah nichts. Anfangs versuchte Bormann allen, die mit der Sache zu tun hatten, Schwierigkeiten zu bereiten, schließlich gab er aber auf und vertraute darauf, daß die Leute aus Furcht schweigen würden.

Wenn es nicht zum Krieg gekommen wäre, dann hätte Hitler auch seine gesellschaftlichen Verpflichtungen gepflegt, und dazu hätten auch die alten Kameraden wie Heß gehört. Dann hätte Bormann einen anderen Weg finden müssen, um an die Macht zu gelangen.

F: Sie kommen also zu dem Resultat, daß sich Heß beiseite geschoben fühlte und dank Bormann dann davon überzeugt war, er könne Hitlers Gunst wiedererlangen, wenn er eine spektakuläre Tat beginge?

M: Ja. Heß war Pilot. Wenn er also selbst unter großer Gefahr nach England flog und einen Krieg, den Hitler gar nicht wollte, erfolgreich beendete, dann könnte er dieses Ziel erreichen. Wir waren doch alle Zeugen der triumphalen Rückkehr Priens nach Berlin, nachdem er die „Royal Oak" in den ... .versenkt hatte, und ich bin davon überzeugt, daß sich Heß davon beeinflussen ließ.

F: In welcher Beziehung?

M: Heß sah natürlich, daß Prien für seine Tat sehr große Aufmerksamkeit gezollt wurde, und Heß war ein Mensch, der die Anerkennung Hitlers brauchte. Für mich ist es ganz klar, daß Bormann die Unsicherheit von Heß ausnutzte und ihn dazu anstiftete, seinen Posten zu verlassen. Für Bormann war Heß ein Hemmschuh, ein Mann, der seit dem letzten

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Krieg mit Hitler zusammen war und auf dessen Loyalität sich Hitler absolut verlassen konnte. Hitler war ein Mann, der sich niemals Heß' entledigt hätte, denn Hitler stand immer zu seinen ersten Anhängern. Heß war also für die Karriere von Bormann immer ein Hindernis. Wenn er ihn also schon nicht umbringen lassen konnte, dann war das beste für Bormann, wenn er Heß dazu brachte, von selbst zu gehen. Heß war unsicher genug, sich überreden zu lassen. Wissen Sie, komplizierte Vorgänge haben gewöhnlich ganz einfache Beweggründe.

F: Sie wissen, daß Heß von den Briten unmenschlich behandelt wurde. Er wurde gefoltert, und man brach ihm sein Bein.

M: Das überrascht mich gar nicht. Sie sollten mal die Berichte sehen, die wir den britischen Mordkommandos in Dieppe abnahmen. Der Mord an Kriegsgefangenen, die Tötung von Franzosen, die uns gegenüber eventuell freundlich eingestellt waren, das Vergiften von Quellen, der Mord an Kindern - und alles sah so aus, als hätten wir es gemacht. Nein, mich kann wirklich nichts mehr überraschen, wenn es um die Grausamkeit der Briten geht. Und dabei tun sie so, als hielten sie alleine die Standarte der Freiheit und Demokratie hoch... gleichzeitig schlachten sie irgendwo die Iren oder die Schwarzen ab, zwingen den Chinesen ihr Opium auf, das sie in Indien anbauen, und machen alle drogenabhängig. Kein Wunder, daß es in China zu Aufständen kam oder daß die Boxer um 1900 die Weißen hinmetzelten. Irgendwann einmal wird einem die Rechnung präsentiert. Sie können mir glauben, daß es Heß mit den Friedensverhandlungen mit England ernst war. Ich bin alle seine Unterlagen sorgfältig durchgegangen und habe mir die Verhöre mit seiner Frau, seinen Freunden, Mitarbeitern usw. erneut angehört. Heß kannte nur ein Motiv für seine Tat: er wollte mit England Frieden schließen. Ich bin mir auch sicher, daß die Briten dies sehr wohl wußten, als sie ihm das Bein brachen.

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Natürlich war sein Vorgehen dumm, denn mit Churchill an der Macht konnte es nie zu einem Übereinkommen kommen. Er ließ unsere Städte bombardieren und vertraute darauf, daß wir zurückschlagen würden, was Hitler dann ja auch tat. Das hat er dann benutzt, um Ihr Land in den Krieg hineinzuziehen. Heß wird bis zum Lebensende m Spandau bleiben, für mich eindeutig ein Justizirrtum, nach allem, was ich über die Sache weiß. Aber natürlich stand hinter den Nürnberger Prozessen allein der Rachegedanke - darüber sind wir beide uns ja einig. Viel einfacher als einen Schauprozeß zu inszenieren, wäre es doch gewesen, wenn Sie jeden Regierungsvertreter, dessen Sie habhaft werden konnten, erschossen hätten. Glauben Sie mir, mit diesem Mist haben Sie einen schlimmen Präzedenzfall geschaffen, der Sie noch lange verfolgen wird. Nehmen wir mal an, es gäbe Krieg zwischen Ihrem Land und Mexiko, und Sie würden alle Gefangenen erschießen. Nur wenn Sie den Krieg verlören, hätten Sie damit ein Problem.

F: Dieses Thema war schon Gegenstand von Gesprächen; Ihr Argument floß auch in die Diskussion ein. Aber wir schweifen vom Thema Heß ab. Wußte Heß um den bevorstehenden Angriff auf Rußland?

M: Ja. Für Hitler stand damals dieses Thema im Mittelpunkt... hat Heß darüber gesprochen?

F: Anscheinend hat er irgend so etwas angedeutet. Soviel ich weiß, wurde er schwer mißhandelt, man hat ihm ja auch sein Bein gebrochen. Die Briten ließen den Russen die Nachricht zukommen, aber wie wir wissen, hat Stalin sie ignoriert.

M: Was für ein treffender Kommentar zur Justiz der Angelsachsen! Da ist ein Mann, der wirklich den Frieden will: er wird gefoltert und schließlich für Kriegsverbrechen zu lebenlanger Haft verurteilt. Heß hatte mit dem Krieg rein gar nichts zu tun. Ganz bestimmt war er zu keinem Zeitpunkt in die Vorbereitung involviert. Er hatte auch nichts

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mit der Judenfrage zu tun, trotzdem wurde er allein deswegen bestraft, weil er ein Nazi war. Das erinnert mich stark an das Schicksal jener Deutschen, die Hitler aufhalten wollten und die Briten um Hilfe baten. Churchill gab uns die Namen. Sie starben für ihren Glauben an die Gerechtigkeit der Briten.

Der Flug von Heß hat für jene, die ihn kannten, nichts Geheimnisvolles an sich. Er war ein harmloser Exzentriker, der Gutes tun wollte, und wieweit ist er damit gekommen? Ich weiß, daß Bormann ihn dazu getrieben hat, ich habe aber meine Zweifel, ob sich Bormann bewußt war, was Heß schließlich bevorstand. Das hätte Bormann bestimmt nicht gestört. Wenn Hitler jedoch je davon erfahren hätte, hätte dies seinen Kopf gekostet. Es werden wohl noch viele Bücher über Heß auf den Markt kommen von den alten Geheimagenten und Journalisten, die auch gut leben wollen.

F: Sowohl die Briten als auch wir wußten den Zeitpunkt für den Angriff auf Rußland.

M: Wie konnten Sie so etwas nur geheimhalten? Das ist fast so schwer, als wolle man eine Kuh im Schrank verstekken. Wir konnten die gewaltigen Truppenbewegungen nur erklären, indem wir Stalin davon überzeugten, daß alles eine riesige Show war, um die Briten in Sicherheit zu wiegen. Wußten Sie, daß wir Tausende von Landkarten, Leitfaden usw. drucken ließen für diesen angeblichen Angriff auf England? Natürlich wurden sie wie zufällig vergessen, damit Hitler-Gegner und feindliche Agenten sie fanden. Stalin glaubte der Sache schließlich. Und im ersten Kriegsjahr war er völlig unvorbereitet.

F: Herr Dulles vertrat die Meinung, der Heß-Flug sei ein Bauernopfer gewesen, um den Briten falsche Informationen zuzuspielen.

M: Sie wissen, was ich von der Intelligenz Ihres Freundes Dulles halte. Ein kleine Anekdote am Rande: Meine schweizer Freunde und ich saßen eines Tages zum Mittagessen in

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einem reizenden Berner Restaurant, als einer meiner Leute hereinstürmte und uns mitteilte, daß Dulles und seine Mitarbeiter zum Mittagessen eingetroffen waren. Wir mußten alle durch die Hintertür verschwinden, und Dulles setzte sich an unseren Tisch. Ich habe ihm den Stuhl warmgehalten. Kannten Sie übrigens seine Haushälterin?

F: Ja.

M: Eine sehr tüchtige Frau. Sie verkaufte den Russen und uns alle Informationen. Ich glaube, sie hätte sogar das Geschirr an Zigeuner verkauft.

F: In der Schweiz gibt es keine Zigeuner.

M: Vielleicht hat sie sie ja auch den Bären im Berner Zoo verkauft.

Kommentar:

Der Flug von Heß hat heute für viele europäische Journalisten den gleichen Stellenwert wie das Kennedy-Attentat für ihre amerikanischen Kollegen. Alles, was man zum Fall Kennedy sagen kann, ist, daß der amerikanische Präsident im November 1963 in der texanischen Stadt Dallas während einer offiziellen Rundfahrt im offenen Wagen erschossen wurde. Im einzigen offiziellen Filmbericht darüber ist zu sehen, daß der Wagen mit dem Präsidenten und dem Gouverneur von Texas fast zum Stillstand kam und daß der Präsident tödlich am Kopf getroffen wurde, und zwar durch einen Schuß, der von rechts auf ihn abgegeben wurde. Der Gouverneur wurde dagegen durch einen Schuß aus einer klein-kalibrigen Waffe von hinten oben getroffen. Mehr gibt es darüber nicht zu sagen.

Und es gibt über Heß kaum mehr zu sagen, als daß er 1941 in einer Messeschmitt 110 von Deutschland nach Schottland flog, von den Briten gefangen genommen und in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Dieser Strafe wurde viele Jahre später durch den Tod unter mysteriösen Umständen ein Ende gesetzt.

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Über beide Fälle haben die Journalisten ausgiebig geschrieben, einmal war der Tenor ernstzunehmen, dann wieder an den Haaren herbeigezogen.

Geschichten über angebliche geheime Flüge von Heß zum Herzog von Windsor, seine Ermordung in England und der Einsatz eines Doppelgängers machten die Runde.

Man sollte eigentlich davon ausgehen, daß es Historikern darum geht, Fakten aufzudecken und das Gestrüpp von Unwahrheiten zu durchbrechen; der britische Philosoph William von Occam behauptete, daß sich gewisse Dinge nur bedingt wiederholen lassen. Die Vernunft hat aber nur sehr wenig mit der Geschichtsschreibung zu tun, umso mehr jedoch Einstellungen und Verkaufszahlen. Ein knappes Kapitel über die Gründe für den Flug von Heß, geschrieben nach den Aufzeichnungen des Gestapochefs, der sich intensiv mit dem Fall befaßt hatte, ist bei weitem nicht so interessant wie ein Buch mit Heß als Mordopfer oder als britischer Geheimagent.

In gleicher Weise sind die Fakten über den Tod von Bormann und die Ermordung Kennedys weitaus weniger interessant als Spekulationen darüber und eine verdrehte Logik. Der Fall Heß hat noch nicht die gleiche Aufmerksamkeit genossen wie der Fall Kennedy, er wird aber in Zukunft bestimmt nicht davon verschont werden.

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