Von atomaren, biologischen und chemischen Waffen

Die meisten Kapitel in diesem Buch basieren auf Auszügen aus sehr umfangreichem Aktenmaterial. Das folgende Kapitel wurde fast ungekürzt übernommen. Das Gespräch folgt zwar keiner festen Grundlinie, trotzdem sind die angesprochenen Themen von so großem Interesse, daß sich einzelne Abschnitte durchaus zur weiteren Vertiefung eignen. Es geht dabei um unkonventionelle Formen der Kriegsführung und die Frage, inwieweit diese von Regierungen ohne Rücksicht auf ihren moralischen Aspekt bzw. die Konsequenzen beurteilt und auch eingesetzt werden.

F: Lassen Sie uns nun über den deutschen Einsatz von Giftgas im Krieg sprechen, oder vielleicht sollte ich sagen über den möglicherweise beabsichtigten Einsatz. Wir wissen natürlich von den Nervengasen, aber es geht nun um die Frage von Forschungsvorhaben der SS über Vernichtungsstoffe.

M: Wie zum Beispiel die Atombombe?

F: Ja, zum Beispiel. Verfügen Sie dabei über Wissen aus erster Hand was die Forschungen betrifft, wer daran beteiligt war, und um was es konkret ging? Wir wissen, daß Ihre Wissenschaftler zwar an der Atombombe arbeiteten, dabei jedoch wenig Erfolg hatten.

M: Das stimmt nicht ganz. Es gab mehrere parallele Forschungsprojekte über die Atombombe. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, ich glaube es war um 1943, zog die SS dazu ein eigenes Forschungszentrum auf. Unsere Leute waren in ihren Forschungen weiter als die Armee, und es gab die berechtigte Hoffnung, daß bis Ende 1945 ein Prototyp entwickelt werden würde. Ob dies nun realistisch war, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß jedoch, daß wir den anderen einiges voraus

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hatten. Einer der Gründe dafür dürfte sein, daß es uns gelang, Funksprüche abzufangen und zu dechiffrieren, die sowjetische Spione in Ihrem Land zu diesem Komplex nach Moskau schickten. Wenn man weiß, wo und wonach man suchen muß, kann man auch Funksprüche abfangen. Das Dechiffrieren ist eine andere Sache. Es gibt unterschiedliche Arten von Codes. Einige konnten wir leicht knacken, bei anderen wurden die Codes ständig gewechselt, was die Entschlüsselung sehr erschwerte. Ein Spionagering in der Umgebung von Ottawa in Kanada schickte ebenfalls Funksprüche nach Moskau, von denen wir viele entschlüsseln konnten. Diese Dummköpfe verwendeten identische Nachrichten, so daß wir durch Vergleiche die schwierigeren Codes knacken konnten. Natürlich entging uns auch manches, aber der entschlüsselte Rest reichte aus, um mein Büro über Ihre Fortschritte bei der Atombombe auf dem laufenden zu halten.

Die Informationen wurden unseren Wissenschaftlern und nicht den Konkurrenten zur Verfügung gestellt, so daß ich mit Fug und Recht sagen kann, daß wir über Ihre Ergebnisse auf dem neuesten Stand waren, was unsere Experimente gewaltig verkürzte. Was die Nervengase betrifft, so kann ich einiges darüber sagen, das gilt aber auch für Ihre Leute.

F: Nun ja. Wir haben Muster davon und auch die Arbeitspapiere dazu, es besteht also kein besonderes Interesse. Gab es darüber hinaus sonst noch etwas, was von Interesse sein könnte?

M: Über Nervengase? Tabun, Sarin und Soman sind die einzigen, die ich kenne.

F: Hatten Sie die Absicht, diese einzusetzen?

M: Zu einem bestimmten Zeitpunkt ja. Wir wußten darüber Bescheid, daß Sie Nervengase gegen uns einsetzen wollten, und wir waren darauf vorbereitet, davon ebenfalls Gebrauch zu machen, wenn es notwendig sein sollte.

F: Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Vereinigten Staaten je die Absicht hatten, im Krieg Giftgas einzusetzen.

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Roosevelt drohte doch mit Vergeltungsmaßnahmen, falls Sie dies täten.

M: Unsinn. Wir hatten herausgefunden, daß Sie 1943 große Mengen von Senfgas nach Italien gebracht hatten, um es gegen uns einzusetzen. Sie wissen, daß ich recht habe. Die Luftwaffe versenkte kurz vor Weihnachten in einem italienischen Hafen eines Ihrer Frachtschiffe. Die Gasbehälter explodierten und töteten Tausende von Menschen. Wir erfuhren sofort davon, und es wurde entschieden, ebenfalls Nervengas einzusetzen, falls Sie auch nur den Versuch machen sollten, Gas einzusetzen. Vergessen Sie nicht, daß Hitler im Ersten Weltkrieg selbst Opfer eines Gasangriffes geworden war und die ganze Angelegenheit sehr emotional sah. Sie hielten sich zurück, nachdem wir Sie vor den möglichen Folgen gewarnt hatten - das gleiche gilt auch für uns.

F: Lassen Sie uns kurz zur Atombombe zurückkommen. Haben Sie in Ihren Unterlagen irgendwelche Informationen über das SS-Projekt? Wer war daran beteiligt? Viele der Wissenschaftler aus anderen Projekten sind bei uns, die Frage ist jedoch, ob wir sie alle erfaßt haben. Haben die Sowjets einige Ihrer Leute?

M: Ich kann Ihnen dazu leider nichts sagen. Ich war nur mit den Sicherheitsmaßnahmen beschäftigt. Über den neuesten Forschungsstand war ich nicht unterrichtet. Natürlich wußte ich einiges durch die vertraulichen Berichte der Gestapoleute, die sich mit Sicherheitsfragen auseinandersetzten. Es ging dabei aber nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Ich würde sagen, daß wir über das meiste Bescheid wußten. Ich kann ja mal nachschauen; über die an diesem Projekt Beteiligten habe ich Unterlagen, wenn es das ist, was Sie so interessiert.

F: Genau darum geht es. Es handelt sich schließlich um eine Spitzenwaffe; daher ist für uns auch der Forschungsstand der Sowjets von größtem Interesse. Wir wissen, daß das Manhattan Projekt von sowjetischen Agenten verraten

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wurde... Pash ließ 1943 einen sowjetischen Spionagering auffliegen, aber Roosevelt verbat sich jegliche Einmischung. Als Grund führte er an, daß ihm die prorussischen Sympathien der an diesem Projekt beteiligen Flüchtlinge egal waren, ja Verhaftungen und Nachforschungen würden den Fortgang des Projektes nur stören.

M: Auch nachdem er wußte, daß für Stalin spioniert wurde?

F: Ja, auch dann.

M: Entweder war Roosevelt ein Narr, oder er tat es absichtlich, wobei ich das letztere für wahrscheinlich halte.

F: Nun, es gibt darüber nichts Schriftliches, das heißt, wir können nur spekulieren.

M: Schriftliches gibt es fast nie, oder etwa nicht?

F: Über solche Dinge nicht. Das ist doch überall so.

M: Ja, in Deutschland auch. Man hat zwar über vieles gesprochen, niedergeschrieben wurde aber fast nie etwas. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal davon erfuhr, daß die Armee Typhus einsetzte, um ihre Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen leer zu bekommen.

F: Absichtlich? Oder ließen sie es einfach zu, daß der Typhus um sich griff?

M: Das dachte ich zuerst auch. Aber dann erwähnte Dr. Grawitz* Anfang 1942, daß das häufige Auftreten von Typhus in den Lagern für sowjetische Kriegsgefangene nicht zufälliger Natur war, und daß er befürchtete, der Typhus könnte sich auch außerhalb der Lager ausbreiten. Was natürlich prompt passierte, da viele sowjetische Kriegsgefangene in Arbeitslager, hauptsächlich nach Auschwitz, geschickt worden waren. Sie trugen den Krankheitserreger in sich; das Lager wurde dezimiert, Tausende von Gefangenen

* SS-Gruppenführer Ernst-Robert Grawitz, Chef des medizinischen Dienstes der SS und Freund von Himmler. 1945 Selbstmord.

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starben, die Arbeitsproduktivität litt übrigens sehr darunter. Die SS machte sich diesbezüglich ziemliche Sorgen.

F: Das heißt die Gefangenen wurde absichtlich infiziert? Sind Sie sich da sicher?

M: Heute bin ich davon überzeugt, ich hatte aber lange meine Zweifel. Wir hatten natürlich keine Kontrolle über die Lager der Armee, aber über die unseren schon. Und wir brauchten dringend Arbeiter zur Aufrechterhaltung unseres Wirtschaftssystems. Es war ein ziemlicher Schlag, als viele von ihnen schon beim ersten Frost wie die Fliegen wegstarben. Nachdem ich mir sicher war, daß dahinter System steckte, mußte ich dafür sorgen, daß nichts nach außen drang. Denn wenn man davon erfahren hätte, mußten wir damit rechnen, daß Ihre Leute sich an uns rächen würden. Da es sich aber nur um Kommunisten handelte, wäre es vielleicht nicht soweit gekommen. Vielleicht wäre Roosevelt ja auch gerade deswegen fuchsteufelswild geworden, und er hätte Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung oder sogar gegen unsere Kriegsgefangenen angeordnet.

Ich habe immer gesagt, daß die ganze Sache ein zweischneidiges Schwert ist. Wir wußten, daß Roosevelt unsere Wasserversorgung mit Anthrax verseuchen wollte. Das war mit ein Grund, warum er von den Nervengasen erfuhr. Der Krieg hat schreckliche Gesichter, besonders heutzutage.

F: Nun, ich muß daran denken, daß amerikanische Soldaten mit Pockenbakterien übersäte Decken zurückließen, damit die Indianer sie finden konnten. Da sie keine Abwehrkräfte gegen Pocken hatten, fielen sehr viele Indianer der Seuche zum Opfer.

M: In Ihrem Land ist die Verbreitung von Seuchen ja nichts unbekanntes, wie ich 1944 mitbekam. Ich glaube, es war im Mai, als in Berlin eine Konferenz stattfand, um den möglichen Einsatz von Bakterien als Waffe gegen den Feind zu diskutieren. Typhus wurde dabei besonders erwähnt, ebenso wie der sogenannte Doppelschlag-Virus, den Ihre

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Leute im Ersten Weltkrieg entwickelt und auch eingesetzt hatten. Die ganze Sache geriet jedoch außer Kontrolle. Statt die Deutschen zu töten, die sich inzwischen sowieso ergeben hatten, starben die eigenen Leute.

F: Wovon reden Sie eigentlich, in Gottes Namen? Ich weiß überhaupt nicht, worum es geht.

M: Ich dachte, Sie wüßten Bescheid. Auf dieser Konferenz, die ich gemeinsam mit Himmler und anderen besuchte, erklärte ein Arzt im Generalsrang ausführlich, daß einige Ihrer Wissenschaftler den von ihm als „Doppelschlag" bezeichneten Virus entwickelt hatten, um ihn in Frankreich gegen uns einzusetzen. Sie machten nie Gebrauch davon, da der Krieg zu Ende war, bevor er zum Einsatz kam. Aber irgendwie verbreitete sich der Virus, infizierte Ihre Truppen und breitete sich in der ganzen Welt aus.

F: Sprechen Sie etwa von der Spanischen Grippe?

M: Ja, das war, glaube ich, ihr Name. Wieviele Menschen starben eigentlich? Zwanzig Millionen? Sie grassierte auf der ganzen Welt.

F: Mein Lieblingsonkel starb daran. Ich glaube Ihnen wirklich kein Wort, General. Welche Beweise haben Sie dafür?

M: Finden Sie Generalarzt Schreiber, und fragen Sie ihn danach. Er weiß darüber Bescheid, denn nach dem Krieg war er in den Vereinigten Staaten und erfuhr manches vom medizinischen Personal der amerikanischen Streitkräfte. Sie können mir glauben, Schreiber ist durchaus glaubwürdig. Ich habe ihn persönlich dazu befragt.

F: Verzeihen Sie, General. Wir sollten eine Minute unterbrechen. Schreiber ist mir bekannt, ich kann jetzt aber nicht über ihn sprechen. Haben Sie sich von Ihren Gesprächen mit ihm Notizen gemacht? Trug er zur Verbreitung der Seuche bei?

M: Er arbeitet wohl für Sie, so wie Sie reagieren. Ja, er hatte ursprünglich Kenntnis von der Typhusepidemie und

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machte uns dann einige Schwierigkeiten, obwohl er nicht direkt daran beteiligt war. Er wurde abgemahnt und hat sich dann beruhigt. Später dann war er in rein beratender Funktion dafür tätig. Aber immerhin, er war unser Berater. Seine Behauptung, die ich übrigens teile, ging dahin, daß eine Seuche wie diese „Doppelschlag" oder wie Typhus...

F: Ich unterbreche Sie nur ungern, aber können Sie mir vielleicht den Begriff „Doppelschlag" erklären? Ich versichere Ihnen, daß ich darüber nichts weiß, aber ich kenne jemanden, der später bestimmt gerne über Dr. Schreiber mit Ihnen sprechen möchte.

M: Ich bin kein Arzt, aber mit dem Begriff Doppelschlag war ein Virus bzw. ein Viruspaar gemeint, die wie Preisboxer reagierten. Der erste Schlag galt dem Immunsystem, wodurch das Opfer in tödlicher Weise geschwächt wurde für den zweiten Schlag, und zwar einer Art von Lungenentzündung. Erst der erste Schlag, dann der zweite und das Opfer liegt auf der Nase: es ist tot. Genau das wollten Ihre Leute uns zufügen. Schreiber erzählte mir, daß ein britischer Wissenschaftler den Virus entdeckt hatte. Im Augenblick fällt mir der Name nicht ein, aber ich habe ihn bestimmt irgendwo aufgeschrieben. Verstehen Sie nun, warum das ganze Irrsinn ist? Es gerät außer Kontrolle, weil etwas, das scheinbar begrenzt beginnt, sich plötzlich in etwas ganz schreckliches verwandeln kann. Schreiber war ja auch in die Seuchen auf dem Balkan verwickelt. Ärzte sollten doch eigentlich Leben retten und es nicht auslöschen. Aber es geht hier ja schließlich nicht um Fragen der Moral, oder nicht? Darum ging es ja nie. Ihr Onkel starb also daran? Sie kennen damit die Folgen dessen, was sich kranke Gehirne ausdachten, aus erster Hand.

F: Im Augenblick möchte ich darüber nicht nachdenken. Ich muß Sie aber wohl darüber befragen, ob das von Ihnen erwähnte Programm jemals irgendwo anders als auf dem Balkan angewendet wurde?

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M: Nein. Wie ich schon sagte, Typhus breitete sich in den Lagern aus, übertragen wurde er vor allem durch Läuse. Die Russen und Polen hatten alle Läuse, und als man sie in unhygienische Lage pferchte, verbreitete sich die Seuche rasch. Ich weiß nicht, ob die Armee mit den Desinfektionen einfach aufhörte, denn die Seuche grassierte weiter, und als wir Häftlinge aus Auschwitz in andere Lager wie Bergen-Belsen verfrachteten, lebte die Seuche wieder auf. Sie wissen ja, daß das deutsche Lagerpersonal gerade aus diesem Grunde nur selten direkt in die Lager ging und die interne Lagerverwaltung lieber den Lagerinsassen überließ. Wir hatten große Angst, daß schließlich auch die Zivilbevölkerung von Typhus und Pest angesteckt werden würde. Was mit dem Bombenterror Ihrer Flugzeuge begonnen hatte, würde von den Seuchen zu Ende gebracht werden. Es gelang uns schließlich, die Ausbreitung auf ein Mindestmaß einzuschränken, indem wir alle Neuankömmlinge kahlscherten, um die Läuse loszuwerden, dann desinfizierten wir ihre Kleidung und schlössen sie weg. Die Häftlinge bekamen neue Kleider. Nicht zu vergessen die Behandlung mit medizinischer Seife. Daher hatten ja auch alle Lager Entlausungsanlagen, in denen Zyklon B benutzt wurde. Der alte Morell * rang Hitler die Erlaubnis ab, Antiläusepulver an die Soldaten zu verteilen, das sich aber als nutzlos herausstellte. Weniger Läuse gab es deshalb nicht, dafür hatte aber Morell mit der Zeit sehr viele Mäuse, ich meine Geld. Selbst bei der Armee mußten die Zyaniddesinfektionsanlagen in einem zweiten Durchgang eingesetzt werden. Trotzdem bekamen auch Deutsche Typhus. Wir konnten die Ansteckungen jedoch eingrenzen, indem wir sehr strenge Hygienevorschriften erließen und regelmäßig Entlausungen durchführten, aber mit einem anderen Mittel als dem Wunderpulver von Morell. Es

* Dr. Theo Morell, Hitlers Leibarzt .

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tut mir leid um Ihrem Onkel, aber da müssen Sie sich an Ihre eigenen Leute halten.

F: Ich werde mich später damit beschäftigen. Wissen Sie vielleicht, wo dies alles seinen Anfang nahm?

M: Schreiber sprach davon, daß nach Ansicht Ihrer Leute die ganze Sache in einem Fort in Kansas außer Kontrolle geraten sei.

F: Fort Riley vielleicht?

M: Kommt mir bekannt vor. Ich muß nachschauen und sage Ihnen dann Bescheid. Warum ist Schreiber bei Ihnen?

F: Das habe ich nie gesagt.

M: Ich denke doch. Ich glaube fast, daß jemand in Ihrer Regierung herausfinden will, wie man in Rußland gezielt Seuchen einsetzen kann, um Ihre neuen Feinde zu zerstören. Davon rate ich ab. Erstens mal kämen dabei viele Deutsche um, und da bin ich voreingenommen. Zweitens, wird die Sache außer Kontrolle geraten. Grenzpolizisten können nicht verhindern, daß sich die Seuchen ausbreiten, wo und wie sie wollen. Sie graben sich Ihr eigenes Grab.

F: Ich gehe davon aus, daß keiner die Absicht hat, so etwas zu tun. Sie müssen aber verstehen, daß wir auf alles vorbereitet sein müssen.

M: Ich habe noch nie davon gehört, daß jemand eine brandneue Waffe besitzt, die er im Ernstfall nicht auch einsetzen würde. Sie hätten eine Atombombe auf Stalin abwerfen sollen, dann hätten Sie jetzt den Ärger nicht. Ich bin mir sicher, daß er Sie nie angreifen würde, - das wissen Ihre Leute genauso wie ich. Gestatten Sie mir dazu einen kleinen Kommentar aus meiner langen Erfahrung?

F: Aber natürlich, General. Ich lasse mich aber nicht aufs Glatteis führen, wer nun für uns aus welchen Gründen arbeitet oder nicht.

M: Wir unterhalten uns doch ganz harmlos, und Sie sind so aufrichtig und idealistisch, daß es mir nie in den Sinn käme, Ihnen eine Falle zu stellen. Im Gegenteil! Ihre Auf-147


richtigkeit rührt mich geradezu. Mit dem Lügen kann ich heute aufhören und zu den Kommentaren zurückkommen. Für den Fall, daß Stalin in Europa einfallen und Ihre Truppen ins Meer treiben sollte, wollen Sie also zurückschlagen können, ohne daß Europa ein noch schlimmerer Trümmerhaufen wird, als er es heute schon ist. Hier und da eine kleine Seuche, und Stalins Horden wären ausgelöscht, das Land aber bliebe intakt. Eine kleine Flasche mit Krankheitserregern ist ja auch um so vieles billiger als eine Atombombe -habe ich nicht recht? In einer kleinen Flasche hätten Sie mehr Soldaten als Stalin je aufbieten könnte, und Sie müßten sie weder mit Kleidung, Nahrungsmitteln noch mit Waffen versorgen.

Auf der anderen Seite, mein lieber Freund, kann ein drohender Krieg und die damit verbundene Notwendigkeit der Aufrüstung und Unterhaltung eines großen stehenden Heeres für eine darniederliegende Wirtschaft zumindest kurzfristig wahre Wunder bewirken.

Wie Sie wissen, gehörte ich zu denen, die Hitler rieten, bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Ich war absolut gegen einen Verhandlungsfrieden mit Ihnen oder mit Stalin. Ich hätte keine Probleme damit gehabt, wenn wir eine Atombombe auf Washington geworfen hätten, aber der Einsatz von Bakterien ist für mich kriminell.

F: Nehmen wir doch mal an, Sie hätten die Atombombe gehabt. Nur eine. Wie hätten Sie diese gegen uns einsetzen können? Wir hatten schon alle Ihre vorgezogenen Luftwaffenbasen eingenommen, und ich habe meine Zweifel, daß Sie überhaupt Flugzeuge mit der richtigen Reichweite gehabt hätten.

M: Wir hätten schon ein paar gehabt. Aber soweit ich weiß, wäre der Abwurf einer Atombombe nicht auf diese Weise erfolgt. Vorausgesetzt natürlich, wir hätten eine gehabt. Gegen Kriegsende hätten wir uns zwischen Moskau und Washington entscheiden müssen. London zählte natür-

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lieh nicht mehr und war daher auch keine Bombe wert. Die Argumentation ging wie folgt - in meiner Gegenwart übrigens, wie ich hinzufügen möchte -: Ihr Land lieferte den Briten und auch den Sowjets Kriegsgerät, das heißt mit einem Angriff auf Sie würde das Unkraut samt Wurzeln herausgerissen und nicht einfach gemäht wie bei einem Angriff auf Moskau.

Sie sind am Transportmittel interessiert? Ein Flugzeug vielleicht? Wir hatten doch damals einen neuen U-Boot-Typ, die 21. Mit diesem U-Boot hätte man sehr leicht unter Wasser die Küste erreichen können, ohne von Ihren Truppen aufgespürt zu werden. Dann einen der großen Flüsse hoch, die Bombe ins Wasser, versehen mit einem Zeitzünder. Ganz einfach. Welcher Ort wäre am besten geeignet für ein solches Geschenk? Washington? New York? Die eine Stadt politische Machtzentrale, Sitz des Präsidenten und der militärischen Führungsriege, die andere wiederum eine der größten Hafenstädte und Finanzzentrum.

Die Entscheidung oblag nicht mir, aber ich wäre für Washington gewesen, am besten, wenn der Präsident gerade eine Rede vor der gesetzgebenden Versammlung hält; das geschieht doch einmal im Jahr, soweit ich weiß...

F: Ja, die Ansprache vor dem Repräsentantenhaus.

M: Aber natürlich, das meine ich. Gerade plustert sich der Präsident groß auf, und im nächsten Augenblick finden sich alle im Himmel einer pilzförmigen Wolke. Das wäre doch militärische Taktik! Ich meine, Sie haben es bei den Japanern doch genauso gemacht, sogar zweimal. Damit haben Sie einen Präzedenzfall geschaffen, verstehen Sie? Natürlich sind das nur Gedankenspiele, schließlich ist der Krieg ja zu Ende, wir hatten die Bombe nicht und der Präsident starb, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte.

F: Sie haben Seiten an sich, die wirklich nicht besonders erfreulich sind, General.

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M: Nun ja. Sagen Sie so etwas nicht. Ich könnte mich heute Abend in den Schlaf weinen. Ich könnte mir vorstellen, daß Gespräche wie das eben, oder wie jene, die ich mit Himmler hatte, aber auch die mit Schreiber und seinen Leuten jeden Tag so in Moskau und Washington geführt werden. Der einzige Unterschied liegt darin, daß wir den Krieg verloren haben und deshalb im Unrecht sind.

F: Aber Sie haben doch gesagt, daß Sie gegen den Einsatz von Krankheitserregern im Krieg sind. War dies keine Frage der Moral?

M: Bis zu einem gewissen Grade, vielleicht. Wir hätten uns dann im gleichen Maße mit Schuld beladen wie Sie, als Sie Dresden niederbrannten. Hätte es jedoch funktioniert, wären wir im Recht gewesen... zumindest sahen wir es so. Ich habe eigentlich keine moralischen sondern eher praktische Bedenken. Manchmal sind die beiden ein und das selbe. Diese Seuchen breiten sich aus, und viele Millionen Menschen kommen um, und was das schlimmste ist, Sie könnten dazu gehören. Das sollte man unbedingt berücksichtigen, oder nicht?

F: Wir sind etwas vom Thema abgekommen, General. Sie werden sich also ernsthaft bemühen, sich an die Namen der Wissenschaftler zu erinnern, die am SS-Projekt zur Entwicklung der Atombombe mitarbeiteten?

M: Aber natürlich. Was wollen Sie mit ihnen anfangen? Sie haben die Bombe doch schon.

F: Falls sie sich noch in Europa aufhalten, wollen wir nicht, daß sie den Russen in die Hände fallen. Vielleicht hat ja einer der Wissenschaftler noch interessante Informationen für uns.

M: Kein Problem.

F: Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie außerhalb dieses Raumes nicht über bakteriologische Kriegswaffen sprechen. Mit diesem Thema bringt man Sie normalerweise nicht in Verbindung. Und es handelt sich um einen Bereich,

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der mit äußerster Sorgfalt behandelt werden muß. Was ich meine ist, daß Sie eigentlich Polizist sind und nicht Wissenschaftler. Wir haben daher für Sie weitaus mehr Verwendung als beispielsweise die Luftwaffe oder die Armee.

M: Wie Sie wollen. Ich besitze ja auch überhaupt kein technisches Wissen um die Dinge, obwohl man bestimmt kein Genie sein muß, um tödliche Bakterien zu erzeugen. Persönlich denke ich, daß man ein Narr sein muß, wenn man den Einsatz dieser Bakterien überhaupt andenkt. Die Italiener setzten in Äthiopien Giftgas gegen die Schwarzen ein. Ich kann mich gut daran erinnern, wie mir jemand erzählte, Hitler sei darüber sehr empört gewesen, aber immerhin war Mussolini unser Alliierter und Schwarze zählten nicht. Für sie war das aber nicht egal. Irgendein Grieche sagte, während kleine Jungs aus Jux Frösche töten, geht es für die Frösche um Leben und Tod.

F: Ich kenne das Zitat.

M: Sie sollten ernsthaft darüber nachdenken. Nein, ich kann zu diesen gefährlichen Dingen nichts sagen, und glauben Sie mir, ich will damit auch nichts zu tun haben. Ich besitze keine Unterlagen, mit denen Sie etwas anfangen könnten.

F: Sind Sie sicher?

M: Oh ja, ganz sicher. Sprechen wir lieber über etwas anderes. Was steht denn noch in Ihrem kleinen Buch?

Kommentar:

Es heißt, daß kein Generalstab je eine neue Waffe entwickelt hat, die er nicht auch einsetzen wollte. Obwohl Hitler selbst eindeutig gegen den Einsatz von Giftgas war, schließlich war er im Ersten Weltkrieg selbst Opfer gewesen, entwickelten im Zweiten Weltkrieg deutsche Wissenschaftler schreckliche Nervengase, die zwar nie eingesetzt wurden, jedoch für einen möglichen Einsatz der Artillerie zur Verfügung standen. Nach dem Krieg wurden diese Geschosse in

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der Ostsee versenkt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Metallhülsen weit genug korrodiert sind und das tödliche Gas freigesetzt wird. Große Verwüstungen in den baltischen Staaten und Teilen von Polen werden die Folge sein. Wie die Kommentare über den Einsatz von Pocken gegen die Indianer zeigen, hat es früher schon bakteriologische Kriegsführung gegeben, und zweifellos wird es sie auch in Zukunft geben. Müllers Einlassungen, wonach es unmöglich ist, die Ausbreitung von Bakterien unter Kontrolle zu halten, sind die besten Argumente gegen ihren Einsatz. In den neunziger Jahren drangen Informationen an die Öffentlichkeit, wonach amerikanische Militärbehörden während des Kalten Krieges bis zu einem gewissen Grad mit derartigen Substanzen experimentierten und ihre eigene Zivilbevölkerung als Versuchskaninchen herhalten mußte. Die Ursache für den Ausbruch von Seuchen wie der Legionärskrankheit aber auch von Aids wurde von renommierten Seuchenexperten immer wieder damit in Verbindung gebracht. Offizielle Regierungsstellen haben diese Andeutungen vehement zurückgewiesen. Derartige Vermutungen sollten also mit äußerster Vorsicht behandelt werden.

Der Fall des Generalarztes Walter Paul Schreiber spricht dafür, daß die US-Regierung an der Entwicklung bakteriologischer Waffen für den tatsächlichen Einsatz interessiert war.

Nach den offiziellen deutschen Unterlagen wurde Prof. Dr. habil. Walter Schreiber am 21. März 1893 in Berlin geboren. Er hatte in der deutschen Armee verschiedene Posten inne, wie der des Direktors der Abteilung für Wissenschaft und Gesundheit im medizinischen Hauptquartier der deutschen Streitkräfte. Vor 1939 hatte Schreiber die Vereinigten Staaten im Februar und März 1927 besucht und sich mit dem Studium der amerikanischen Militärmedizin beschäftigt. Während des Krieges bekam er Schwierigkeiten mit der Gestapo, da er sich gegen die Entwicklung bakterio-

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logischer Waffen und Experimente an sowjetischen Kriegsgefangenen aussprach. Schreiber wurde nahe gelegt zu schweigen, und er kehrte wieder an seine Arbeit zurück. Er hatte sich auf ansteckende Krankheiten spezialisiert und veröffentlichte 1944 ein Buch über die Pest in Südost-Rußland. Schreiber war oberster Militärarzt in Berlin. Er wurde von den Russen gefangen genommen und arbeitete für sie, bis er 1948 in den Westen floh.

Nach langwierigen Verhören wurden schließlich Schreiber, seine Frau und sein Sohn am 8. September 1951 in der CIA-Operation „Paperclip" (Büroklammer) in die Vereinigten Staaten gebracht. Er arbeitete dann am Institut für Luftfahrtmedizin der amerikanischen Streikräfte in Randolph Field, San Antonio, Texas. Als die Presse Material über die Vergangenheit von Schreiber veröffentlichte, mußte er die Vereinigten Staaten verlassen.

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