„Andreas" und „Bernhard"

Müller finanzierte seine Flucht aus Deutschland und sein neues Leben in der Schweiz, indem er Geld von geheimen Konten der SS abzweigte, was übrigens nach dem Krieg auch gerne Andere getan hätten. Das Geld stammte zum Teil aus SS-Wirtschaftsbetrieben, die mit der unbezahlten Arbeit der Lagerinsassen Geld machten, aber in noch größerem Umfange stammte es aus gefälschten britischen Pfundnoten, die die Deutschen sehr erfolgreich nachmachten.

M: In gewissem Sinne war meine Untersuchung der Korruption auf höchster SS-Ebene bei Kriegsende meine Rettung. Diese Leute brachten enorme Geldmengen zur Seite, um nach Kriegsende überleben zu können, falls wir den Krieg nicht gewinnen sollten, was ja immer offensichtlicher wurde. Das Geld wurde in den meisten Fällen auf speziellen Konten der Reichsbank deponiert; einiges wurde aber auch auf schweizer Geheimkonten transferiert. Meine Kontakte in der Schweiz hielten mich darüber auf dem laufenden. Ich wußte auch genau, wieviel Geld sich auf den Berliner Konten befand. Als ich mich aus dem Staub machte - man mußte den richtigen Moment abpassen -, konnte ich fast die gesamten Berliner Konten abräumen, aber auch einen Gutteil der schweizer. Die Schweizer haben mich durch meine Leute wissen lassen, daß alle an die Honigtöpfe ran wollen. Es ist aber nicht mehr viel da. Sie sollten sich lieber an Globoc-nik und seine Leute halten, statt die Schweizer zu belästigen.

Ein paar Millionen hier und da sind unwichtig. Im übrigen sind die meisten, die hier ihre Millionen versteckt haben, sowieso tot oder im Gefängnis. Ich weiß, daß Ihre Leute den Rest der Beute suchen... schließlich mußten wir ja etwas zurücklassen, damit Sie zufrieden sind.

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F: Darüber müssen wir noch reden. Wir brauchen das Geld, und warum sollten die Briten es bekommen, obgleich sie es jetzt nötig hätten. Irgendeine jüdische Organisation interessiert sich schon dafür. Im Augenblick kümmert sich aber noch keiner darum.

M: Das wird sich noch ändern. Ich habe etwas, das Sie interessieren könnte. Wie wir wissen, haben die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei ergriffen. Sie stürzten Masaryk aus dem Fenster, und die neue Regierung hat dann etwas ganz ungewöhnliches angestellt mit ihrer Ausrüstung und den Waffen.

F: Um Gottes willen, General, sprechen wir nicht darüber.

M: Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß das Spiel noch lange nicht vorbei ist. Ich sehe schon, Sie wissen, worum es geht. Warten Sie nur, bis Genösse Josef herausfindet, daß seine braven Genossen ihr neues Land all seiner Waffen entledigten und sie den Zionisten schickten! Sie wissen doch auch, wer die Anführer dieses Coup waren? Genösse Josef wird sie erschießen lassen, sobald er es herausgefunden hat. Irgendwer wird ihm schon davon erzählen, jemand, der nur sein Bestes im Sinn hat.

F: Kommen wir doch zum Geld zurück.

M: Für einen hochgebildeten, korrekten jungen Mann haben Sie entschieden zuviel Interesse am Geld. Ich will immer über Religion, Philosophie und die Aufklärung mit Ihnen sprechen, Sie aber interessieren sich nur für Attentate, gestohlene Kunstwerke, verschwundenes Geld usw. Sie hören sich schon wie ein schweizer Bankier an. Sprechen wir trotzdem über Geld. Wir können uns ja ausmalen, wie-viele tschechische Zionisten ihn in ihren Nacken bekommen, den berühmten russischen Kuß.

Kommentar:

Die Ursache aller Kriege liegt in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Ob es nun um die Inbesitznahme der Weideflä-

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chen eines schwächeren Stammes geht oder um die Zerstörung der Produktionsstätten des Gegners, Krieg ist nach Clausewitz immer die logische Fortsetzung politischer und wirtschaftlicher Absichten. Bei einem Krieg gegen ein ungeliebtes Staatsoberhaupt oder ein politisches System geht es um rein wirtschaftliche Vorteile. Die allgemeinen Floskeln vom gerechten Krieg sind Verschleierungstaktiken, die sich Historiker zurechtgebogen haben.

Der Haß, der durch die amerikanische und britische Propagandamaschinerie vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gegen Hitler geschürt wurde, hatte seine Ursache in der erfolgreichen Wirtschaftspolitik von Hitler. Er hatte nichts zu tun mit seinem persönlichen Haß auf die Juden oder der von ihm ausgehenden vermeintlichen Gefahr für die Demokratien Zentraleuropas.

Nach dem Ersten Weltkrieg stand Deutschland ohne Kolonien und Goldreserven da. Es mußte daher in den Vereinigten Staaten und England umfangreiche, hochzinsige Anleihen aufnehmen, um überhaupt die notwendigen Importe bezahlen zu können. Nach der Machtergreifung zahlte Hitler die Anleihen zurück und führte dafür ein System multilateraler Tauschgeschäfte ein. So bekam Deutschland zum Beispiel für seine Lokomotiven Rindfleisch und Getreide aus Argentinien. Zuvor hatten beide Länder bei den großen internationalen Banken Anleihen mit hohen Zinssätzen aufnehmen müssen, um die jeweiligen Importe bezahlen zu können.

Das Tauschsystem stellte daher für die internationale Bankenwelt eine gewaltige Bedrohung dar. Kein Wunder daß sich die großen Banken bei ihren jeweiligen Regierungen laut und deutlich beschwerten und deren Eingreifen verlangten.

Zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler bezeichneten den darauf folgenden Boykott deutscher Erzeugnisse durch die Vereinigten Staaten und England als Wirtschaftskrieg. Die

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Briten hatten schließlich Erfahrung damit, wie man einen Wirtschaftskrieg effektiv durchzieht, vor allem, wie man die Währung des Konkurrenten kaputt macht: man überschwemmt einfach den Markt mit gefälschten Zahlungsmitteln. Im amerikanischen Bürgerkrieg warfen die Briten so viele gefälschte Banknoten auf den Markt, daß die amerikanische Währung praktisch wertlos wurde und der Begriff „keinen Continental wert" sprichwörtlich wurde. Als dann die Franzosen die Amerikaner im Bürgerkrieg unterstützten, verärgerten sie die Briten so sehr, daß sie schlecht gefälschte französische Goldmünzen auf den Markt war-fen.

Als Vergeltungsmaßnahme gegen Napoleon, der ein französisch dominiertes Kontinentalsystem unter Ausschluß der Briten errichten wollte, fälschten diese französische Assignaten und Banknoten. Napoleon revanchierte sich und ließ englische Banknoten drucken. Im gleichen Jahrhundert brachte die US-Regierung Unmengen von konföderiertem Geld in Umlauf.

Als die Sowjets in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts amerikanische Dollarnoten fälschten, ging es ihnen nicht darum, die amerikanische Wirtschaft zu zerstören, sie mußten schlicht und einfach ihre zahlreichen amerikanischen Agenten bezahlen. Viele Agenten waren in höchsten Stellen der Roosevelt-Regierung angesiedelt und daher auch teuer. Stalins Fälscher konzentrierten sich daher auf die Herstellung von 100 Dollar Goldzertifikaten. Da sie mit der Herstellung des amerikanischen Banknotenpapiers Probleme hatten, wurden einfach niederwertigere Dollarnoten gebleicht und überdruckt.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, legten britische und amerikanische Wirtschaftsberater ihren jeweiligen Regierungen nahe, die deutsche Reichsmark zu fälschen und die Welt damit zu überschwemmen. Die Währung würde zusammenbrechen und die Inflation gewaltig ansteigen. Die

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Briten fälschten tatsächlich das deutsche Militärersatzgeld, nutzten aber die freie Rückseite für Propaganda. Von Flugzeugen aus wurden sie dann über Deutschland abgeworfen. Auf die Bevölkerung war die Auswirkung gleich Null, die deutsche Führung nahm die Sache jedoch sehr ernst.

Wer nun im Dritten Reich tatsächlich das Programm zur Fälschung britischer Banknoten initiierte, ist nicht bekannt. Alfred Naujocks, SS-Sturmbannführer im SD, hat für sich beansprucht, den Plan 1940 in die Tat umgesetzt zu haben. Naujocks war ein alter Freud von Reinhard Heydrich, dem Chef des SD. Und es war auch Heydrich, der ursprünglich den Startschuß für die Herstellung britischer Pfundnoten gegeben hatte. Die Operation lief unter dem Codenamen „Andreas".

Viel wurde geschrieben, daß die Operation „Andreas" eigentlich den Zweck hatte, gefälschte Pfundnoten über England abzuwerfen, um ein Wirtschaftschaos hervorzurufen. Ein viel glaubwürdigeres Szenario, das auch durch Zeitdokumente gestützt wird, geht davon aus, daß die SS-Führung mit Hilfe der Pfundnoten Geld für ihre Organisation auftreiben wollte.

Die SS war Teil der NSDAP und bezog ihre Finanzmittel von der Partei. Die Waffen-SS konnte auf die finanzielle Unterstützung der Regierung zurückgreifen, da es um militärische Belange ging. In diesem Kampf um Geld erwies sich die Tatsche, daß Himmler die Konzentrationslager unterstanden, als besonderer Pluspunkt.

Das Konzentrationslagersystem geht auf Lord Kitchener zurück, der dieses im Burenkrieg in Südafrika einführte, um die Zivilbevölkerung unter Kontrolle zu halten. In den Konzentrationslagern gab es sehr unterschiedliche Insassen. Dazu gehörten Verbrecher, Kommunisten und andere politische Gegner, aber auch Juden und Angehörige anderer ethnischer und religiöser Gruppen. Zu Kriegsbeginn gab es in sechs Lagern insgesamt 21.300 Insassen. Während des Krie-

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ges stieg diese Zahl auf über 400.000, die alle in einem riesigen Lagersystem in Europa und im Osten verteilt waren.

Dieses riesige Arbeitskräftereservoir wurde von SS-General Oswald Pohl und seinem Stellvertreter Richard Glücks organisiert, und zwar als Einkommensquelle für die SS. Als „Andreas" durch „Bernhard" abgelöst wurde, griff der SD auf genau dieses Zwangsarbeitersystem zurück.

Die Operation „Bernhard" war nach ihrem neuen Chef SS-Hauptsturmführer Bernhard Krüger vom SD benannt. Krüger wurde am 26. November 1904 in Reise/Sachsen geboren. Er war spezialisiert auf die Fälschung von Dokumenten und der Sektion VI F4 des RSHA zugeteilt, wo er eine umfangreiche Sammlung ausländischer Dokumente angelegt hatte, die jederzeit für die Einsätze von Agenten kopiert werden konnten.

Die Versuche, in der Operation „Andreas" britische Banknoten zu fälschen, waren an technischen Problemen gescheitert, ja sie hatten dadurch die Konflikte innerhalb des RSHA nur verstärkt. Zu Beginn war es fast unmöglich das richtige Papier herzustellen, da dieses, im Gegensatz zum Original, unter ultraviolettem Licht nicht fluoriszierte. Es stellte sich auch als äußerst schwierig heraus, ein richtiges Nummerie-rungssystem zu finden. In 18 Monaten konnte die Operation „Andreas" nur Pfundnoten im Wert von einer halben Million herstellen. Wenn sie dann von harmlosen schweizer Banken bei der Bank von England eingetauscht werden sollten, wurde ihnen aber die Echtheit bescheinigt.

Die persönlichen Spannungen zwischen Heydrich und Naujocks führten schließlich dazu, daß „Andreas" eingestellt werden mußte. Die Operation „Bernhard" lief erst nach der Ermordung Heydrichs durch britische Agenten im Sommer 1942 an. SS-Sturmbannführer Hermann Dörner vom RSHA begann damals, ein Spezialistenteam aus KZ-Insassen zusammenzustellen. Der Grundstock wurde am 23. August 1942 im KZ Oranienburg, nördlich von Berlin, ge-

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legt. Im nahegelegenen KZ Sachsenhausen wurden die Spezialisten schließlich in Block 18 und 19 angesiedelt.

SS-Hauptsturmbannführer Krüger versprach seinen KZ-Spezialisten gute Unterkunft, bessere Verpflegung, Zigaretten, Zeitungen, gute Kleidung, die Erlaubnis zum Empfang von Päckchen, keine Mißhandlungen und was am wichtigsten war, er versprach ihnen, daß sie überleben würden. Dafür verlangte er engste Zusammenarbeit bei den Fälschungen und die Einhaltung strengster Sicherheitsnormen. ,

Ende 1942 wurde die 200 Pfund schwere Druckpresse Stenzt Monopol Type 4 von ihrem ursprünglichen Standort in der Berliner Fälscherzentrale nach Sachsenhausen geschafft. Neben der Herstellung von Druckplatten bester Qualität war für die Produktion von gefälschten Pfundnoten, die von echten nicht mehr zu unterscheiden waren, die Bereitstellung des Banknotenpapiers von höchster Wichtigkeit. Britische Banknoten wurden auf Papier mit einem hohen Anteil von Hadern gedruckt, und zwar von Portal, einer englischen Firma in Laverstoke, die dieses Papier für die Bank von England seit Beginn des 18. Jahrhunderts produzierte.

Für die Herstellung amerikanischer Noten wird ein 17 Pfund Banknotenpapier benutzt, das von der Firma Crane für das US-Schatzamt hergestellt wird. Als sich der SD 1943 auch der Fertigung von amerikanischen Banknoten zuwandte, waren die gleichen Firmen (Spechthausen & Schlichter und Schall), die schon das Portal-Papier kopiert hatten, auch in der Lage, „echtes" Grane-Papier herzustellen. Das gefälschte Papier für die Pfundnoten mußte nicht nur die richtige Textur und das genau gleiche Erscheinungsbild haben, nötig war auch die identische Anbringung des Wasserzeichens. Überdies mußte es auch noch in genau der gleichen Weise fluoriszieren wie das echte Papier. Die Deutschen lösten auch dieses Problem, indem sie das Wasser, das zur Herstellung des englischen Originals verwandt wurde, einer genauen Analyse unterzogen.

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Bevor die Druckplatte für die Pfundnoten fertiggestellt wurde, wurden Tausende von Banknoten, die sich in deutscher Hand befanden, ganz genau geprüft. Die Bank von England hatte 156 verschiedene Identifikationsmerkmale auf ihren Druckplatten angebracht, und die Fälscher konnten jedes einzelne von ihnen exakt kopieren.

Das Kopieren der Buchstaben und Nummern auf dem Original stellte für Krügers Experten kaum ein Problem dar. Anders sah es mit der Vignette der Britannia, die sich auf allen Banknoten befindet, aus. Das gleiche Problem tauchte übrigens auch bei den Portraits auf den amerikanischen Geldscheinen auf. Auf den Pfundnoten besteht die Vignette aus einem Kranz, über dem eine Krone schwebt. Im Kranz selbst ist eine sitzende Britannia dargestellt, die in der Linken einen Speer hält und in der Rechten einen Blumenzweig. Nach unendlich vielen Ausbesserungen wurde schließlich eine exakte Kopie angefertig. Das exakte Nummerierungs-system für die Pfundnoten wurde von deutschen Mathematikern ausgearbeitet, während man bei den US-Banknoten auf Veröffentlichungen in Amerika zurückgreifen konnte.

Da die Briten für den Druck ihrer Geldscheine in Deutschland hergestellte Tinte verwandten, war auch dieses Problem gelöst. Der erste Ausstoß an Banknoten, den hochrangige Regierungsbeamte im RSHA in Berlin zu sehen bekamen, war zwar in rein technischer Hinsicht perfekt. Die Banknoten sahen aber nicht wie Geldscheine aus, die schon lange im Umlauf waren. Als Soloman Somolianov, ein Fälscherprofi, zur Gruppe in Sachsenhausen stieß, wurde auch dieser Mangel behoben. Somolianov, ein russischer Jude, hatte sich auf die Fälschung von Pfundnoten spezialisiert und brachte es fertig, daß die Geldscheine genau das richtige Maß an Patina bekamen, um als echt durchzugehen. Übrigens gelang es ihm später auch, „echte" Dollars herzustellen.

Nachdem die Banknoten gedruckt und auf alt gemacht worden waren, wurden sie an das RSHA geschickt, wo sie

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von SS-Oberführer Walter Schellenberg, dem Chef der Sektion VI des RSHA und des Auslandsgeheimdienstes, auf unterschiedlichste Weise in Umlauf gebracht wurden. Selbst heute sind manche Verfahrenswege noch unbekannt.

Über lange Jahre war der Vers „Ein Pfund ist ein Pfund, ist ein Pfund,... " ein Zeichen der Vorherrschaft der britischen Währung in der ganzen Welt. Das Ergebnis der Operation „Bernhard" bekam sein „Echtheitszertifikat", als die Geldscheine problemlos das für seine Sicherheitskontrollen bekannte schweizer Bankensystem durchliefen und schließlich bei der Bank von England landeten. Mit der Gewißheit, daß die Scheine für echt gehalten wurden, überfluteten Schellenbergs Agenten schließlich die Welt mit über 300.000.000 britischen Pfundnoten, deren Wert von 5, 10, 20, 50 bis 100 Pfund variierten, und auch unterschiedlich in der Qualität waren.

Die Banknoten bester Qualität, die von echten nicht zu unterscheiden waren, wurden zum Ankauf von Gold, Juwelen und harter Währung in neutralen Ländern benutzt. Geldscheine, die nicht ganz dem höchsten Standard entsprachen, wurden für weniger anspruchsvolle Kunden benutzt, wie zum Beispiel die Partisanen Titos, denen die SS riesige Mengen an Waffen abkaufte, die die Jugoslawen auf Schleichwegen von den Briten und Amerikanern bekommen hatten.

Im Frühjahr 1943 wurde in Sachsenhausen mit der Produktion von 100-Dollar Goldzertifikaten begonnen. Ihnen folgten 50 und 20 Dollar Silberzertifikate. Detaillierte Informationen über die Höhe der gefälschten US-Banknoten wurden zwar vom amerikanischen Schatzamt zurückgehalten, jedoch kommt eine sehr konservative Schätzung, basierend auf den Zeugenaussagen überlebender Deutscher und auf verschiedenen Dokumenten, auf insgesamt etwa 50.000.000 Dollar.

Als 1945 die Rote Armee immer näher an Berlin herankam, wurde die Gruppe am 12. März 1945 von Sachsenhau-

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sen nach Mauthausen in der Ostmark gebracht, und später dann am 21. März nach Redl-Zipf, nördlich von Salzburg.

Am 24. April ordnete Krüger schließlich an, daß die Gefangenen nach Ebensee transportiert wurden, wo die Amerikaner sie befreiten. Krüger hatte sein Wort gehalten. Im November 1943 gelang es ihm sogar, aus Berlin die offizielle Genehmigung zur Vergabe von 12 Kriegsverdienstmedaillen und sechs Eisernen Kreuzen zweiter Klasse an verdiente Fälscher zu reichen. Die Ausgezeichneten durften ihre Dekorationen im Lager tragen. Die meisten waren Juden, und man kann sich vorstellen, was der Lagerkommandant davon hielt.

Den befreiten Angehörigen der Operation „Bernhard" stand die Welt offen. Es gibt Anhaltspunkte, daß viele von ihnen ihr künstlerisches Handwerk unter anderer Federführung weiterhin ausübten.

Was Bernhard Krüger betrifft, so waren sowohl die Sowjets wie die Amerikaner äußerst interessiert daran, ihn zu finden. An den Pfundnoten hatten sie kaum Interesse, dafür umso mehr an den amerikanischen Dollars.

Die sich zurückziehenden SS-Einheiten hatten riesige Summen von gefälschten Pfundnoten in österreichische Seen und Flüsse geworfen. Das wassergetränkte Geld wurde quasi zu einem Symbol der Vergänglichkeit des einst mächtigen britischen Pfundes. Übrigens ist es schon bemerkenswert, daß kein einziger US-Dollar jemals offiziell als Produkt der Fälscher des KZ Sachsenhausen identifiziert wurde.

Sowohl die Sowjets als auch die Amerikaner wollten unbedingt die gefälschten Dollars finden. Noch mehr interessierten sie aber die Druckplatten und das Banknotenpapier. Da die Mitglieder der Operation „Bernhard" mitsamt ihres Gepäcks den Amerikanern in die Hände fielen, hatten die Sowjets das Nachsehen. Sie konnten zwar einige Fälscher dingfest machen, nicht aber ihre Erzeugnisse. Offiziell tauchten weder Druckplatten, Banknotenpapier noch die

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Unterlagen der Deutschen dazu je wieder auf. Umso bemerkenswerter ist es daher, daß plötzlich riesige Mengen von US-Dollar zur Unterstützung von US-Geheimdienstoperationen im Nahen Osten, insbesondere im Libanon unter der Ägide des Mufti von Jerusalem Haj Amin-El Husseini auftauchten. Besonders gerne benutzt wurden dabei 100-Dollar Goldzertifikate.

Im Nachhinein fällt auf, daß Deutschland nicht als einziges Land großzügig gefälschte Währungen einsetzte, um seine Agententätigkeit zu finanzieren, aber auch um persönlich ein Vermögen aufzubauen. Der grundlegende Unterschied dabei ist, daß die Deutschen ihre eigene Währung nicht fälschten.

Diese Form des Wirtschaftskrieges endete bestimmt nicht mit dem Niedergang des Dritten Reiches. Nach ernstzunehmenden Berichten gelang es der iranischen Regierung, fast perfekte 100-Dollarnoten herzustellen. Diese waren auf der ganzen Welt im Umlauf und führten schließlich dazu, daß das US-Schatzamt neuformatierte Banknoten herausgeben mußte, um so in der Lage zu sein, die alten Banknoten einzubehalten und sie auf ihre Echtheit hin zu überprüfen.

Im Jahre 1984 wurde in Elmali in der Türkei ein riesiger Schatz von über 2000 äußerst seltenen, tadellos erhaltenen griechischen Silbermünzen aus dem Jahre 465 vor Christus gefunden. In Umgehung der türkischen Gesetzeslage wurde der Schatz sehr schnell auf dem internationalen Markt angeboten. Für viele Münzen wurden immense Summen gezahlt. Als die empörte türkische Regierung herausfand, daß ihre nationalen Schätze geplündert worden waren, setzte sie Himmel und Hölle in Bewegung, und es gelang ihr wirklich, auf legalen, diplomatischen Kanälen fast den gesamten Schatz wiederzubekommen. Als einige der selteneren Stück im Britischen Museum in London untersucht wurden, stellte sich schließlich heraus, daß der gesamte Schatz erst vor kurzem auf Anweisung des Geheimdienstes vom bulgari-

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sehen Münzamt geprägt worden war, um so an dringend benötigte harte Währung heranzukommen. Als die Fachwelt davon erfuhr, stürzte der Kurs seltener griechischer Münzen so tief in den Keller wie das Pfund im Jahre 1945.

Ein makabrer Aspekt der Operation „Bernhard" sei zum Schluß erwähnt: die gefälschten 5-Pfundnoten sind heute auf dem Raritätenmarkt mehr wert als zu ihren besten Zeiten.

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