Raoul Wallenberg - Auszüge

Der am 4. August 1912 geborene Raoul Wallenberg entstammte einer wohlhabenden, einflußreichen schwedischen Bankiersfamilie. Im Jahre 1944 wurde er vom schwedischen Außenminister Günther auf einen relativ unwichtigen diplomatischen Posten nach Budapest entsandt. Nach dem Krieg verschwand Wallenberg. Die Frage nach seinem Schicksal ist mehr als ein halbes Jahrhundert lang Thema wilder Spekulationen gewesen.

F: Ihr Mann, Eichmann... Er war doch Ihr Mann, oder nicht?

M: Ja, er hat für mich gearbeitet. Als mir das Einwanderungsproblem 1939 zuviel wurde, habe ich schließlich Eichmann damit beauftragt. Während des Krieges hatte er die Aufgabe, Arbeiter für SS-Projekte zu finden; er war aber auch für die Evakuierung der Juden in den von uns besetzten Gebieten verantwortlich. Sie haben ihn noch nicht gefunden, oder nicht? Wer weiß, vielleicht ist er schon tot.

F: Nein, Ich glaube nicht, daß wir ihn schon gefunden haben, aber wir sind eigentlich auch gar nicht an ihm interessiert. Soweit ich weiß, befaßte er sich 1944, als er in Ungarn war, doch auch mit Raoul Wallenberg von der schwedischen Gesandtschaft.Wissen Sie mehr darüber?

M: Ziemlich viel sogar. Was wollen Sie wissen?

F: Die Schweden stellen Nachforschungen über Raoul Wallenberg an, und da dachte ich, daß Sie vielleicht mehr über ihn wissen. Es gibt Gerüchte, daß die Sowjets ihn irgendwo versteckt halten.

M: Nein, ich bin mir ziemlich sicher, daß sie ihn nicht haben - zumindest nicht lebendig.

F: Meinen Sie, daß sie ihn umgebracht haben?

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M: Nein, das nicht. Wallenberg war nur ein kleines Faustpfand in einem sehr großen Spiel.

F: Was?

M: Wallenberg ist genauso tot wie Bormann.

F: Sind Sie sich sicher?

M: Das müßte ich sein, wenn man die Umstände betrachtet. Wie heißt es doch so schön: Wissen ist Macht, oder etwa nicht? Ich frage mich, warum Sie an einer unbedeutenden Einzelperson interessiert sind, die während der Massenvernichtung einer ganzen Gesellschaft verschwand. Ich sagte doch, daß er tot ist, und er bleibt auch tot.

Was wissen Sie über diesen Mann?

F: Die Sowjets behaupten, daß Szalasis* Leute ihn umbrachten, weil er sich in die Deportation ungarischer Juden einmischte.

M: Nein, die Ungarn hatten mit Wallenbergs Abschied aus diesem Leben nichts zu tun. Ich kann dies aus gutem Grunde sagen, da ich dafür sorgte, daß Wallenberg erschossen wurde.

F: Mein Gott, sagen Sie doch so etwas nicht. Das beschwört schreckliche Probleme herauf...

M: Nicht, wenn Sie keinem Menschen etwas davon sagen.

F: Können Sie mir sagen, wie es dazu kam?

M: Warum nicht? Wenige Sätze genügen, da Sie nichts davon in die Akten aufnehmen, wie ich mir sicher bin. Ich kann Ihnen aber auch einige Hintergrundinformationen dazu geben, wenn Sie wollen. Das interessiert Sie aber, glaube ich, nicht...

F: Betreff Wallenberg? Natürlich nicht, ich mache mir aber wegen Ihnen Sorgen...

M: Wie rührend. Ich wußte nicht...

h Ferenc Szalasi war ungarischer Premierminister. Er löste 1944 Admi-ral Horthy ab und war Kopf einer rechtsextremen politischen Bewegung

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F: Aber bitte, hier ist kein Platz für Ihren seltsamen Humor. Es geht mir um Ihren Ruf, sollte ich hinzufügen.

M: Wie ich schon sagte, wie rührend von Ihnen. Wollen Sie nun die Geschichte hören, oder wollen Sie mir Komplimente machen?

F: General...

M: Komplimente können nachgereicht werden. Wallen-berg stammte also aus einer schwedischen Bankiersfamilie. Er war überdies ein überzeugter Kommunist. Keine Unterbrechung bitte. Ich sagte schon, ein überzeugter Kommunist. Er kannte die sowjetische Botschafterin Frau Kollon-tay. Botschafterin in Schweden. Eine beeindruckende Frau. Hochintelligent, mit schneller Auffassungsgabe. Man hielt Wallenberg für ein gutes Werkzeug. Frau Kollontay sprach mit Günther, dem schwedischen Außenminister, und überredete ihn, Wallenberg nach Budapest zu schicken, um den ungarischen Juden zu helfen. Günther bereitete dies aufgrund der herausragenden Stellung der Familie keinerlei Schwierigkeiten.

Es spielen dabei jedoch noch andere Dinge eine Rolle, die wichtiger sind, als ein schwedischer Jude in Budapest. 1943 machte Stalin uns über Frau Kollontay ein Friedensangebot. Hitler lehnte es grundweg ab, aber Himmler... Himmler sah dies anders. Er dachte an seine eigene Zukunft, und für ihn war eine enge Anbindung an Schweden sehr wichtig.

Während Eichmann die Juden aus Ungarn abtransportierte,- übrigens sollte man hinzufügen, daß dies auf dringende Bitten der eigenen Regierung geschah - richtete dieser Wallenberg seine private Paßagentur ein und verkaufte unterschiedliche Pässe und Bescheinigungen an Juden, aber auch an jeden anderen, der dafür bezahlen konnte.

F: Nach meinem Wissen verschenkte er sie...

M: Ja, gegen Geld. Eichmann rief mich an und fragte, was mit diesem Mann geschehen sollte, der sich langsam zu einer Plage entwickelte. Auch die Ungarn waren wütend auf ihn,

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da er auf alle möglichen Arten versuchte, die Vertreibung ihrer Juden zu verhindern. Was die Ungarn von irgend jemandem hielten, interessierte mich nicht im geringsten. Als ich jedoch erfuhr, daß Wallenberg zu einem gewissen Zeitpunkt in seinem Leben enge Beziehungen mit den Sowjets gepflegt hatte, sah die Sache schon anders aus.

Die Sache verschlimmerte sich, so daß ich damit schließlich zu Himmler ging, der mich schulmeisterlich behandelte. Ganz offensichtlich wollte Himmler einen guten Eindruck auf die Schweden machen; er legte mir nahe, die Sache mit Vorsicht zu behandeln und Eichmann zu instruieren, daß er den jungen Wallenberg in Ruhe lassen sollte. Zu dem Zeitpunkt war schon für jeden vernünftigen Menschen klar, daß der Krieg nicht gut für uns lief. Himmler hatte viele Eisen im Feuer, und er wollte sich raushalten. Er sagte mir also: „Müller, wir müssen die Zukunft Deutschlands und unserer Denkart im Auge behalten. Es hat so lange gedauert, bis wir alles aufgebaut haben, und wenn wir nicht auf der Hut sind, kann alles in Sekundenschnelle zusammenbrechen. Wir müssen an die Zukunft denken. Selbst ein Verhandlungsfriede ist nicht zu verachten."

An diese Worte erinnere ich mich noch gut, besonders weil ich mir später am Tag darüber Notizen machte. Ich befahl Eichmann, mir alle Informationen über Wallenberg zu beschaffen, die er bekommen konnte, und sie mir zukommen zu lassen... was er auch machte. Ich hatte gute Beziehungen zur ungarischen Polizei und nutzte sie aus, um mehr herauszubekommen. Schließlich bot sich mir das Bild eines intellektuellen, reichen jungen Mannes mit einer Neigung für die Radikalen, genau die Art von Rohmaterial, den eine meisterhafte Bildhauerin wie Frau Kollontay besonders liebte. Damals konnten wir in Ungarn nicht noch mehr sowjetische Spione brauchen, besonders solche, die unter dem Deckmantel der diplomatischen Immunität falsche Papiere an Gott und die Welt verkauften. Ich ließ mir die Sache eini-

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ge Tage durch den Kopf gehen und beschloß dann - Himmler hin oder her -, mich selbst der Sache anzunehmen. Ich kontaktierte einen meiner verläßlichen Männer und befahl ihm, Wallenberg und seine Leute still und heimlich ins Jenseits zu befördern. Ich wollte auch alle Papiere haben, die man finden konnte. Die Betonung lag auf „still und heimlich", das können Sie mir glauben. Später sagte man mir, daß alles reibungslos vonstatten gegangen und Wallenberg tot sei.

F: War Ihre Quelle zuverlässig?

M: Ich glaube, Sie kennen ihn ganz gut.

F: Wen?

M: Wollen Sie wirklich wissen, wer ihn in den Kopf schoß und unter einem Misthaufen in den Vororten von Budapest vergrub?

F: Ich muß dies wissen. Ich muß schließlich wissen, mit wem ich es zu tun habe.

M: Unser gemeinsamer Freund Willi.

F: Mein Gott. Sie meinen Krichbaum?

M: Wenn Gehlen und Ihre Leute ihn so mögen, dann vergessen Sie alles. Falls die Sache mit Wallenberg jedoch herauskommt, dann gibt es Probleme.

F: Manchmal habe ich vor diesen Treffen richtig Angst.

M: Na, na, in einem Moment erzählen Sie mir, wie sehr Sie mich schätzen und im nächsten denken Sie an Scheidung. Wie inkonsequent. Wer Fragen stellt, erhält Antworten, auch wenn er sie nicht mag...

F: In diesem Falle nicht. Ich hoffe, Sie sind mit den Problemen, die Sie uns bereiten könnten, durch.

M: Ich bereite Ihnen keine Probleme. Wallenberg stellte für Deutschland ein Problem dar, und ich persönlich sorgte dafür, daß dieses Problem gelöst wurde. Mögen Sie dieses Wort? Hört sich „ausradiert" besser an? Oder „liquidiert"?

F: Sie haben doch nicht etwa wirklich den armen Mann unter einem Misthaufen vergraben?

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M: Fragen Sie Willi danach. Ich hätte nichts dagegen, wenn er mich angelogen hätte.

F: Wollen wir das Thema nicht fallen lassen?

M: Aber ja. Bleiben Sie heute Abend zum Essen? Oder geht es Ihnen schlecht?

F: Nein, ich habe nur etwas den Mut verloren. Was waren das übrigens für Mafiosi, die den Hintereingang betraten, als ich herfuhr?

M: Mafiosi? Ich dachte alle Mafiosi seien in Chicago. Wen meinen Sie?

F: Männer in schwarz mit Koffern, die aussahen, als enthielten sie Waffen. Sie bereiten doch keine krummen Dinger vor? Ein St. Bartholomäusfest als Dessert?

M: Ah, jetzt weiß ich, was Sie meinen. Das waren die Musiker mit ihren Instrumentenkästen. Ich dachte mir, eine nette musikalische Abendunterhaltung würde sich nach dem Abendessen ganz gut machen. Sie mögen doch Musik, oder nicht?

F: Oh, ja natürlich. Sie sahen unheimlich aus.

M: Sie sind schon zu lange im Dienst.

F: Welches Programm geben sie?

M: Na hören Sie; verrate ich Ihnen sonst schon das Me-nue im voraus? Sie sind doch immer überrascht darüber, was auf den Tisch kommt!

F: Darüber kann ich mich nicht beklagen.

M: Hätten Sie gerne russische Volksmusik? Afrikanische Kriegstänze? Vielleicht etwas Mozart oder Bach? Etwas Negerjazz? Seien Sie so gut und lassen Sie sich überraschen. Sie hatten doch noch einige Fragen zu wirklich wichtigen Dingen, oder nicht? Sind Sie immer noch an toten bolschewistischen Intellektuellen interessiert?

F: Ja. Ich meine nein, so etwas interessiert mich nicht. Und um Gottes willen, sprechen Sie nicht über diese Dinge, wenn nächste Woche die Leute des Admirals kommen. Wir verstehen Ihre Art von Humor, die aber nicht.

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M: Wie schade. Ach übrigens, der Schlips, den Sie heute tragen, ist wirklich nett. Wo haben Sie ihn gekauft?

F: In London. Wollen Sie einen? Ich habe mir drei davon gekauft.

M: Wie vorausschauend, junger Mann. Ein Kompliment wäre mir lieber gewesen, aber ein Schlips tut's auch. Machen wir weiter?

Kommentar:

Raoul Wallenberg nimmt in den historischen Berichten über den Zweiten Weltkrieg eine untergeordnete Stellung ein. Er soll tausende ungarischer Juden gerettet haben, nachdem 1944 die ungarische Regierung und die deutsche SS deren Deportation beschlossen hatten. So heißt es Wallenberg habe eine große Menge schwedischer Papiere verschenkt, nach denen die Träger schwedische Staatsbürger waren und somit von der Deportation und ihren Folgen verschont bleiben mußten.

Im Jahre 1940 gaben spanische und portugiesische Konsu-larbeamte in Frankreich vielen Juden derartige Papiere, die es ihnen gestatteten, über Spanien und Portugal in sichere Länder zu reisen. Als Deutschland 1943 Vichy-Frankreich besetzte, retteten italienische Diplomaten Tausenden von verzweifelten französischen Juden auf gleiche Weise das Leben, und ein japanischer Diplomat leistete im Baltikum ähnliche humanitäre Dienste. Leider mußten amerikanische Diplomaten der Anordnung von Breckenridge Long, einem höheren Beamten des Außenministeriums, Folge leisten, nach der sie jüdischen Flüchtlingen keinerlei Transitpapiere ausstellen durften. Als prominente amerikanische Juden die Aufmerksamkeit Präsident Roosevelts darauf lenkten, unterstützte dieser die Vorgehensweise Longs.

Eines muß hervorgehoben werden: Bei ihren humanitären Bemühungen hatten die verschiedenen Diplomaten nicht den Profit im Sinn.

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Wallenberg verschwand gegen Kriegsende. Über sein Verschwinden sind inzwischen mehrere Versionen im Umlauf. Nach einer haben ihn die Ungarn ermordet, da er sich in die Deportationen einmischte, nach der anderen nahmen ihn die Sowjets später gefangen. Der unglückselige Menschenfreund soll 1947 in einem sowjetischen Gefängnis gestorben sein. Mit dem Aufkommen von Glasnost gaben die Russen 1989 seiner Familie einige persönliche Gegenstände zurück

Es steht zu bezweifeln, daß Müller die Verantwortung für eine Tat übernehmen sollte, die schwerwiegende propagandistische Folgen hätte haben können. Aber zur Zeit der Verhöre hatten die Amerikaner ganz andere Probleme als die Lösung der Wallenberg-Affäre. Aus dem Verhalten und den Bemerkungen des Fragestellers ist zu ersehen, daß man auf dieses Thema keinen Wert legte.

Die Russen behaupten heute, daß sie Wallenberg gefangen genommen hatten und daß er in Gefangenschaft gestorben sei. Eine Erklärung dafür, warum sie ihn überhaupt hätten festnehmen sollen, gibt es nicht, aber die gewundenen Gedankengänge höherer sowjetischer Dienste entziehen sich jeder rationalen Analyse.

Müller wurde immer als unnachgiebiger Nationalist eingestuft, der strikt gegen jeden Verhandlungsfrieden mit den USA oder der Sowjetunion war. Er hinterging bei jeder sich bietenden Gelegenheit derartige Angebote, die alle von Stalin ausgingen, und verfolgte rücksichtslos jeden Deutschen, der sie durchsetzen wollte. Aufgrund seiner strikten Ablehnung des Kommunismus und des sowjetischen Systems grenzt die US-Desinformationspolitik, Müller habe nach dem Krieg für Stalin gearbeitet, genauso an das Idiotische wie die hartnäckige Theorie der „einen Kugel", die während der Untersuchungen über die Ermordung von Präsident Kennedy die Runde machte.

Dieses Fragment verdeutlicht sehr anschaulich die Rücksichtslosigkeit, mit der Müller beruflich vorging, und die im

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Gegensatz steht zu seinem kultivierten, privaten Umgang. Die Einstellung seines Gastes gegenüber dem Verhalten Müllers wird auch offensichtlich.

Bei dem erwähnten Admiral handelt es sich um Admiral Roscoe H. Hillenkoether, der Direktor des CIA war.

Müller war ein vollendeter klassischer Pianist. Sein Vorgesetzter, Reinhard Heydrich, spielte ausgezeichnet Bratsche, und wenn es die Zeit erlaubte, veranstalteten die beiden mit zwei anderen Musikern musikalische Abende. In einer Bemerkung des verantwortlichen amerikanischen Fragestellers heißt es: „Als ich am Samstag kam, war General Müller in kreativer Stimmung. Er unterhielt uns mit einer Vorstellung des gesamten Klaviersolos aus Bachs Brandenburgischen Konzerten Nr. 5, allegro. Eine Glanzleistung... " Weiter unten heißt es: „Auf das Abendessen folgte ein Konzert, in dem uns unter anderem eine ausgezeichnete Darbietung von Telemanns Violinenkonzert in G geboten wurde, das laut Müller sein Lieblingsstück ist und das, obwohl es sehr kurz, wunderbar interpretiert wurde."

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