Josef Stalin, der Störenfried

Eine der wesentlichen Aufgaben von Stalins NKWD war die Beseitigung seiner Feinde, und dies sowohl in der Sowjetunion als auch im Ausland.

F: Wir stehen hier doch vor dem Problem, daß viele der sowjetischen Agenten Decknamen benutzen.

M: Nicht nur das, sie änderten ihre Namen auch aus politischen Gründen. Nur ein Beispiel: Trotzki hieß ursprünglich Bronstein, Lenin hieß Ulanow, und Stalin war einst als Dschugaschwili bekannt. Am häufigsten änderten aber die Juden ihre Namen, da sie russischer erscheinen wollten. Dies führte zu großer Verwirrung was die eigentliche Identität gewisser Leute betraf. Für mich arbeiteten einige sehr fähige ehemalige Geheimdienstleute der Sowjetunion, und sie mußten mir Listen aufstellen über die verschiedenen Namen ein und derselben Person. Das konnte sehr verwirrend sein. Ich verbrachte genauso viel Zeit damit, die Namen der Spieler herauszufinden, wie ich Zeit brauchte, um hinter ihr Spiel zu kommen.

F: Wir standen des öfteren vor diesem Problem. Wie oft wurden die Namen gewechselt?

M: Innerhalb Rußlands nicht oft. Für Geheimdienstaktivitäten im Ausland - so oft sie wollten. Wenn man zum Beispiel herausfand, daß ein gewisser Jaroslawski eigentlich ein geborener Gubelmann war, oder jemand mit dem russischen Namen Alexander Orlow ursprünglich Lew Feldbin hieß, dann hatte man einen Anfang gemacht.

F: Pash stand vor dem gleichen Problem, als er als Sicherheitschef das Manhattan Projekt betreute. Die deutschen Flüchtlinge benutzten immer ihre echten Namen, während die Russen fast immer Phantasienamen angaben. Sie behaupteten, daß sie damit den Nachstellungen von russischen

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Agenten in den USA entgehen wollten, aber Pash war der Meinung, daß die meisten von ihnen selbst sowjetische Agenten waren. Als ich am Nürnberger Prozeß arbeitete, hatte ich mit einigen Russen zu tun, die nach unserer Meinung alle NKWD-Leute waren, und ich wußte nie... Kennen Sie zufällig den Namen Zaitzev?

M: Oh, sehr gut sogar. Einer der besten Killer von Berija. Sein Name ist allerdings nicht Zaitzev sondern Leonid Fe-dorowitsch Raikhman. Sie verkehrten mit ihm? Ein professioneller Killer der übelsten Sorte. Gemeinsam mit Eitingon war er an der Ermordung von Trotzki in Mexiko beteiligt; er war es, der auf direkten Befehl von Stalin die polnischen Offiziere in Katyn hinmetzelte...

F: Oh mein Gott! Und ich habe mit ihm zu Mittag gegessen... !

M: Sie haben auch mit mir zu Mittag gegessen. Mochten Sie ihn?

F: Nein, ein widerlicher, vulgärer Mensch. Er war mit einer Ballerina verheiratet...

M: Der Lepeschinskaja. Schwierig auszusprechen. Russisch hört sich immer an, als ob man einen Mund voll Nesseln ausspucken wollte.

F: Was sie betrifft, haben Sie glaube ich recht. Ich kann mich an den Namen nicht mehr erinnern...

M: Ich erinnere mich an alles. Was trieb er in Nürnberg?

F: Er arbeitete mit der sowjetischen Mannschaft unter Rudenko. Er beschaffte zahlreiche Papiere, die im Prozeß verwendet wurden. Ich fürchte, daß die meisten gefälscht waren...

M: Oh ja, die Sowjets lieben es, Dokumente zu fälschen. Sie tun dies schon seit Jahren bei ihren großen Schauprozessen. Wußten Ihre Leute dies?

F: Aber natürlich. Fragen wurden jedoch nicht gestellt.

M: Und wieviele Leute hängten Sie auf mit Hilfe der Fälschungen des Parteigenossen Raikhman?

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F: Ihre Beweiskraft war immer ausschlaggebend. Ich gehe davon aus, daß dies auf alle, die gehängt wurden, zutraf.

M: Und Sie hatten nie Gewissensbisse, daß Sie mit Hilfe gefälschter Beweise Leute umbrachten? In dem Augenblick wurden Sie doch zum Komplizen Stalins.

F: Die Regierung verfolgte damals diese Politik, und ich hatte darüber keinerlei Kontrolle. Aber Raikhmans Rolle überrascht mich überhaupt nicht.

M: Er stand auch hinter dem versuchten Attentat auf Botschafter von Papen in Ankara. Stalin wollte, daß sich die Türkei entweder neutral verhalten sollte oder auf seiner Seite sei. Und so beschloß er, daß von Papen daran glauben mußte. Von Stalin ging der Befehl an Berija, von diesem an seinen Glaubensgenossen...

F: Raikhman war also auch Jude?

M: Fast alle NKWD-Leute, aber auch die Kommissare und die Funktionäre in den Gefängnissen waren Juden. Dies gilt auch für die Attentäter Trotzkis und die NKWD-Killer in Katyn. Der Vorfall um von Papen war eher makaber. Die tatsächlichen Attentäter sollten um des Aufsehens willen den Botschafter in aller Öffentlichkeit erschießen und dann Rauchbomben werfen, um im Nebel zu verschwinden. Unglücklicherweise für sie warf der Hauptattentäter zuerst die Bombe und wurde von ihr in Stücke zerrissen. Der zweite Attentäter wurde mit Gehirnmasse bespritzt und war so schockiert, daß er zu schießen vergaß und sehr schnell gefaßt werden konnte. Wie Sie sich vorstellen können, handelte es sich keineswegs um Rauchbomben. Soviel zur Loyalität gegenüber den eigenen Leuten! Stalin war auf Unruhen aus, er wollte aber nicht mit den Morden in Verbindung gebracht werden. Die Mörder sollten sich daher selbst in die Luft jagen, aber natürlich erst, nachdem sie den Botschafter beseitigt hatten. Lassen Sie uns aber für einige Augenblicke zum Nürnberger Prozeß zurückkommen. Erstens mal, die sogenannten Prozesse waren nicht legal, zumindest nicht

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nach Ihrem Rechtssystem. Es handelte sich um ex post facto Verurteilungen, und selbst Ihre Regierung muß einsehen, daß man jemanden nicht für etwas belangen kann, das nicht illegal war. Nehmen Sie zum Beispiel Streicher. Ich gebe zu, daß er kein angenehmer Mensch war. Ein Mensch von rohem Charakter, würde ich sagen, aber kein Kriegsverbrecher, auch nicht bei weitester Auslegung. Der Grund, warum Sie ihn folterten und schließlich aufhängten, war seine Zeitung. Jeder wußte, daß Streicher ein furchtbarer Antisemit war. Wenn darauf jedoch die Todesstrafe stände, würde die Hälfte der Politiker in Ihrem Land, in Südafrika und sonstwo an Straßenlaternen baumeln.

F: General, wir haben hier nicht die Plattform, um über die Vergangenheit zu diskutieren...

M: Aber alles, worüber Sie mich ausfragen, betrifft doch die Vergangenheit!

F: Sie wissen genau, was ich meine.

M: Natürlich, und Sie wissen, worum es mir geht. Sie aßen also mit der Chefhyäne zu Mittag? Wußten Sie, daß er persönlich das Massaker in Katyn überwachte?

F: Nein, das wußte ich nicht.

M: Hätten Sie auch dann noch mit ihm gegessen, wenn Sie es gewußt hätten? Ich weiß, daß Sie kein Pole sind, aber ich glaube, Sie hätten den Blutgeruch Ihres Gegenübers gerochen.

F: Es waren noch andere Leute am Tisch. Es war ein offizielles Essen und keine private Einladung.

M: Nun, da hatten wir also noch einen mit falschem Namen.

F: Glauben Sie, daß er in Nürnberg irgendetwas ausheckte? Mit Ausnahme der gefälschten Papiere, selbstverständlich.

M: Wer weiß. Stalin war davor für eine ganze Reihe von politischen Attentaten verantwortlich, aber was wollte er in Nürnberg mit einem Killer? Außer natürlich die führenden Deutschen mit falschen Papieren zu ermorden.

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* F: Mir fiel auf, daß die Russen in der Öffentlichkeit keinen Zweifel daran ließen, daß Hitler tot war, aber im Privaten legten diejenigen, mit denen ich zu tun hatte, großen Wert auf die Feststellung, daß Hitler nicht tot sei. Sie investierten viel Zeit, Geld und Wodka, um von unserer Seite Informationen zu diesem Thema zu bekommen.

M: Wir haben gegenseitige Interessen hier, nicht wahr? Keiner wollte, daß Hitler noch lebte; alle wollten ihn tot sehen. Ich glaube, wenn Stalin erfahren hätte, daß Hitler noch lebte, dann hätte ihn ein Mann wie Raikhman erledigt. Schließlich wollte Stalin einst Roosevelt umbringen lassen...

F: Also wirklich, General, ich muß Sie schon bitten, uns hier mit Ihrem seltsamen Humor zu verschonen.

M: Ich treibe mit solchen Sachen keine Scherze, wie Sie wissen müßten. Aber das gehört nicht zur Sache. Ich sagte, daß Stalin beabsichtigte - man kann auch sagen, er erwog den Gedanken - Roosevelt umbringen zu lassen. Nach der Art, wie es geplant war, zu schließen, hätte es geklappt.

F: General, ich würde es begrüßen, wenn Sie uns nicht einfach einen Köder hinwerfen und sich dann lächelnd zurücklehnen. Erklären Sie zumindest, womit Sie angefangen haben.

M: Es ging nicht darum, Roosevelt zu entfernen, weil Stalin ihn nicht mochte oder Angst vor ihm hatte. Für Stalin war Roosevelt ein guter und sehr kooperativer Freund. Das Problem war, wie lange er sich auf Roosevelt verlassen konnte. Gerüchte tauchten auf - selbst wir in Deutschland hörten davon -, daß Roosevelt sehr krank sei und bald sterben würde. Die Frage des Nachfolgers stellte sich. Die Sowjets waren mit Roosevelt sehr zufrieden, und sie wären auch von Wallace als Präsidenten entzückt gewesen. Aber Roosevelt stand 1944 zur Wiederwahl, und was, wenn ein anderer als Wallace sein Nachfolger werden würde? Wer könnte dies sein? Jemand wie Wallace, den die Kommunisten in der Tasche hatten, oder irgendein Unbekannter? Und

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was, wenn Roosevelt nicht wiedergewählt werden würde? Nicht sehr wahrscheinlich, aber immerhin möglich.

Wissen Sie, Stalin ist ein Mensch, der an die Zukunft denkt und dementsprechend handelt. Roosevelt und Churchill waren anders. Roosevelt wollte einen nutzlosen Völkerbund, und Churchill wollte ein morsches Weltreich zusammenhalten. Stalin ging es um Sicherheit für Rußland und für sich; Sicherheit war gleichbedeutend mit Pufferstaaten zwischen ihm und dem Westen, der in Rußland eingefallen war. Es ging ihm natürlich auch darum, das deutsche Industriegebiet an der Ruhr an sich zu reißen. Darum hat er ja auch die Verschwörung von Stauffenberg angestiftet. Stalin war sich bewußt, - dies wußte ich natürlich von meinen eigenen Quellen, das heißt umgedrehten bzw. gefangenen Agenten -, daß Roosevelt und Wallace nützliche und schon bekannte Werkzeuge waren. Stalin ging es überhaupt nicht um Churchill, den er als verrückten Säufer einschätzte...

F: Roosevelt sagte in etwa das gleiche.

M: Ja, und Stalin brauchte für seine Expansionsbestrebungen nach dem Krieg Sicherheit und Unterstützung. Roosevelt oder Wallace hätten diese Pläne ohne Zweifel unterstützt -ein anderer aber vielleicht nicht. Stalin hatte natürlich recht. Als Roosevelt starb, war Wallace nicht Vizepräsident, und Ihr Präsident Truman war von Anfang an ein Gegner Stalins. Ihre Presse sollte nicht vergessen, daß Truman dafür verantwortlich ist, daß die Rote Fahne nicht über dem Weißen Haus weht. Sie sollte aufhören, Truman so anzugreifen. Aber in der Presse gibt es ja so viele Freunde von Stalin, oder etwa nicht?

F: Ja, und die Filmleute sind am schlimmsten. Fahren Sie aber bitte mit dem Thema der Ermordung Roosevelts fort. Wenn Sie dies beweisen können...

M: Das kann ich, wenn ich es will.

F: Für die Akten dann bitte. Sie haben einige Gründe angeführt, die Sinn machen. Ich gehe davon aus, daß die Nach-

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folge von Roosevelt geregelt gewesen wäre, wenn er, aus welchen Gründen auch immer, getötet worden wäre?

M: Wallace war nicht nur verrückt, er war auch viel gesünder als Roosevelt. Das gab Stalin genug Spielraum für Planspiele, ohne daß jemand sich eingemischt hätte. Folgendermaßen sollte vorgegangen werden - ich betone aber noch einmal, daß sich noch alles in der Planungsphase befand. Während sich Roosevelt mit seinem Gefolge Ende 1943 in Teheran aufhielten, würde sich Stalin ein Bild über die Haltung Roosevelts und über seinen Gesundheitszustand verschaffen. Stalin würde auch versuchen herauszufinden, ob sich Roosevelt 1944 nochmals zur Wiederwahl stellen wollte, und zwar mit Wallace als Vizepräsidenten. Die Gesundheit Roosevelts war eine Sache, wichtiger war, ob Wallace 1944 oder 1945 als Nachfolger in Frage kam, ein Zeitraum, der für Stalin kritisch werden konnte. Anscheinend machte Roosevelt während der Konferenz nicht den Eindruck eines kranken Mannes, er war Stalin gegenüber sehr aufgeschlossen und deutete auch an, daß er sich 1944 mit Wallace als Vizepräsidenten zur Wiederwahl stellen wollte.

Stalin war nun mehr oder weniger beruhigt, und der Plan zur Ermordung Roosevelts wurde auf Eis gelegt.

F: Wie sollte das Attentat vonstatten gehen? In Teheran?

M: Oh nein, Stalin ist viel zu ausgekocht, um etwas so Verräterisches zu machen. Sein Plan - der rein technisch gesehen etwas für sich hat - sah vor, daß Roosevelt auf dem Flug von Teheran von einer deutschen Maschine abgeschossen werden sollte. Natürlich waren die Flugzeuge echt, nur die Besatzungen bestanden aus Russen. Die Sowjets hatten einige deutsche Flugzeuge in ihre Hand gebracht und benutzten sie für geheimdienstliche Operationen, so wie auch wir uns im Besitz von einigen US-Flugzeugen befanden, die wir im Krieg ähnlich nutzten. Die Sache war im Grunde ganz einfach: Roosevelt würde auf dem Heimflug angegriffen, abgeschossen, und die Deutschen wären schuld daran.

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Hitler war gegen diese Art von Maßnahmen, - die Russen sprachen davon übrigens als „Störenfriedaktion" - ich kann Ihnen aber eines versichern, wenn wir die Flugroute von Roosevelt gekannt hätten, dann hätten wir ihn abgeschossen, ob Hitler nun dafür oder dagegen war. Die Russen kannten die genaue Flugroute und den Zeitplan. Die Durchführung wäre also ein leichtes gewesen. Ich habe gehört, daß Stalin eine noch interessantere Idee hatte. Die Sowjets besaßen einige amerikanische und britische Flugzeuge, und ein Vorschlag war, diese mit alliierten Hoheitszeichen zu übermalen. Roosevelt sollte dann „aus Versehen" abgeschossen werden. Große Verwirrung wäre entstanden, besonders wenn es sich beim Angreifer um ein britisches Flugzeug gehandelt hätte. Wie ich schon sagte, war Stalin sehr durchtrieben und äußerst schlau.

Wie sich zeigte, merkte Stalin auf der Krimkonferenz schließlich, daß Roosevelt nicht nur sterbenskrank war, sondern seinen Verstand und auch noch Wallace verloren hatte. Der neue Vizepräsident war für ihn ein unbekannter Faktor, und Stalin haßt nichts mehr als das. Von dieser Warte aus betrachtet, hatte er in Teheran eine Fehlentscheidung getroffen.

F: Sie sprachen eben davon, daß die Deutschen amerikanische Flugzeuge benutzt haben. Es gab Gerüchte, daß es so etwas während des Krieges gegeben hatte. Flugzeuge wurden gesichtet, die unseren Bombern auf ihren Einsätzen folgten, und wir vermuten, daß größere Flugzeuge wie z. B. große Bomber zum Transport von Agenten benutzt wurden.

M: Natürlich gab es das. Wir benutzten aber nie amerikanische Flugzeuge, um den Vatikan oder ein ähnliches Ziel zu bombardieren; wir beschossen auch nie Ihre Flugzeuge. Diese Flugzeuge wurden nur zu Geheimdienstzwecken benutzt. Ich gestehe, daß ich als Pilot und Flugzeugtechniker von einigen Ihrer Militärmaschinen fasziniert war. Die beste war, glaube ich, der Bombertyp „Flying Fortress". Ein-

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mal bin ich mit einem geflogen, und zwar als Kopilot. Ein ausgezeichnetes Flugzeug, gut gemacht und sehr verläßlich. Es war viel besser als unsere 177, die andauernd Feuer fing. Wir benutzten sie für Aufklärungsflüge, besonders aber, um unsere Agenten vor der Englandinvasion abzusetzen. Das andere Flugzeug, das auch sehr gut war, war die 51...

F: Die P-51 Mustang.

M: Ja. Ein fabelhaftes Flugzeug. Ich bin zwar nie in einem geflogen, habe sie aber beim Flug beobachtet. Unsere Dora war genauso gut, aber die P-51 hatte schon etwas für sich. Sie merken, daß ich sehr objektiv sein kann, wenn ich will. Ich meine schließlich zwei Flugzeugtypen, mit denen hun-derttausende von deutschen Zivilisten getötet wurden, einmal mit Bomben und das andere Mal durch gezieltes Erschießen der Leute auf der Straße - und trotzdem kann ich ihre Konstruktion würdigen, nicht aber, was man mit ihnen machte.

F: Sind Sie sich sicher, daß Stalin beabsichtigte Roosevelt umzubringen? Sie werden sicher noch später dazu befragt.

M: Kein Problem. Bestimmt haben die Briten ein Interesse daran. Schließlich haben sie auf diese Art und Weise einige Leute umgebracht. Ich meine unbequeme Zeitgenossen. Stalin würde seine Mutter umbringen, nur weil ihr das Essen mißlingt; er würde aber einen Weg finden, um seinem Gegner die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich bin sicher, daß er Truman gerne loswerden würde. Es wäre aber schwierig, in den Vereinigten Staaten an ihn heranzukommen. Truman sollte nicht mehr nach Europa fliegen. Ich habe keine Macht mehr, aber nach dem, was ich hier und da aufgeschnappt habe, haßt Stalin Truman, der dabei ist, die Top-agenten Stalins aus Ihrer Regierung zu entlassen; ich versichere Ihnen auch auf der Ministerebene... ich glaube Sie nennen sie Kabinettminister.

F: Kabinettminister? Sie meinen Außenminister oder Wirtschaftsminister?

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M: Oder Finanzminister, oder wie Sie wollen. Oh ja, Stalin hat viele Freunde. Er benutzt den Köder des Antifaschismus, um einige in seine Arme zu locken.

F: Ich glaube, ich könnte einen guten Tip abgeben, aber heben wir uns das für später auf.

M: Schreiben Sie es auf Ihren Block, und geben Sie ihn mir. Wir werden dann sehen, ob Sie gut geraten haben. Dies ist aber nicht für die Akten bestimmt.

F: Warum nicht?

(Pause)

M: Bei einem Namen haben Sie falsch geraten, die beiden anderen stimmen aber. Ich sehe, daß keiner von ihnen mehr Minister ist. Glauben Sie, daß Truman gut unterrichtet war oder einfach Glück hatte?

F: Gut unterrichtet und absichtlich.

M: Ich bin der gleichen Meinung.

F: Nun zu Namen. Hier sind mehrere Listen, die ich gerne mit Ihnen durchgehen möchte. Ich werde diese Namen in die Akten aufnehmen, das heißt, ich gebe dem Stenographen eine Kopie und Ihnen auch. Wenn Sie so gut wären und sich die erste Liste anschauen. Sie enthält die Namen von deutschen und österreichischen Flüchtlingen. Vielleicht erkennen Sie einige, die während ihres Aufenthaltes in Deutschland oder Österreich Beziehungen zu Kommunisten pflegten. Das wäre also die erste Liste. Nachdem Sie sie durchgelesen haben, sagen Sie mir diejenigen Namen, die Sie erkennen. Wir sind aber nicht daran interessiert, ob jemand feindlich gegenüber dem Dritten Reich eingestellt war.

M: Ich gehe davon aus, daß Sie nach Kommunisten und anderen asozialen Elementen suchen.

F: Man könnte so sagen. Hier ist die Liste. Wenn Sie so nett wären, sie durchzuschauen, würde ich das zu schätzen wissen.

M: Selbstverständlich.

F: Danke.

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(Es folgt eine Kopie der betreffenden Liste)

Andras AngyalRudolf Ladenburg
Reinhold BaerRolf Landshoff
Max BergmannErich Marx
Peter BergmannLothar Nordheim
Felix BernsteinFritz Reiche
Eric BethMarcel Schein
Konrad BlochKlaus Schocken
Walter BurgGuenther Schwarz
Hans CasselMartin Schwarzschild
Alexis DemberHertha Sponer
Immanuel EstermannOtto Stern
James Franck

(Das Verhör wird wieder aufgenommen)

M: Gut, ich habe mir die Liste angesehen und einige Namen angestrichen, von denen ich weiß, daß sie Beziehungen zu Kommunisten haben. Fünf weitere haben Verbindungen zu radikalen zionistischen Organisationen. Die ersten habe ich mit einem „k" gekennzeichnet, die zweiten mit einem „z". Möchten Sie nun darüber sprechen?

F: Wenn Sie uns nähere Informationen über diese Leute geben könnten, würde ich das sehr schätzen.

M: Aber sicher. Bei den meisten handelt es sich um deutsche Juden, und alle Namen, die ich erkannt habe, stehen mit Physik in Verbindung. Arbeiten sie an Ihrem Atombombenprogramm mit, oder können Sie darüber nicht sprechen?

F: Einige ja, andere nicht. Belasten wir uns damit nicht. Ich sollte vielleicht anmerken, daß einige Namen sozusagen nur zu Testzwecken eingefügt wurden.

M: Aha, Sie trauen mir also noch nicht ganz.

F: Darum geht es nicht. Sie haben bereits eine Bemerkung gemacht, die mir zeigt, daß Sie wissen, was wir warum wollen. Sie haben vorher erwähnt, daß Sie eine gewisse Liste

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haben und uns diese auch aushändigen würden. Um es ganz klar zu machen, um was für eine Liste handelt es sich dabei, und woher haben Sie sie?

M: Gerne. Es handelt sich dabei um eine Liste von amerikanischen Staatsbürgern, die nach unseren Erkenntnissen für die Sowjets arbeiteten. Die Sowjets hatten sie selbst als verläßliche Quellen und Sympathisanten der Sowjetregierung klassifiziert. Die Namen tauchten bei unterschiedlichen Kontakten mit Moskau immer wieder auf. Wir haben ihren Funkverkehr von Amerika und Kanada aus abgehört. Die Namen sind das Ergebnis dieser Quellen, einschließlich der Informationen, die ich bei verschiedenen Verhören gewann. Sie sind nach keinem bestimmten System aufgelistet, weder nach Namen noch nach Position, aber Sie werden ebenso wie ich sofort merken, daß einige wirklich dicke Fische darunter sind.

F: Und Sie haben sie wirklich als kommunistische Agenten enttarnt?

M: Nein. Sie stellen für die Sowjets sehr wichtige Quellen dar, und ich weiß, daß einige in der Tat von Moskau bezahlt werden. Sollten sich unsere Verhandlungen positiv gestalten, werde ich Ihnen sagen, wer was ist.

F: Ich werde veranlassen, daß die Liste den Aufnahmen beigefügt wird.

(Es folgt eine Kopie der betreffenden Liste)
Benjamin CohenBerater des Präsidenten
Adolf Berle Jr.Unterstaatssekretär
Herbert FeisBerater für Wirtschaftsfragen im Außenministerium
William BullittBotschafter in Frankreich und Rußland
Botschafter SteinhardtBotschafter in Rußland
Henry Morgenthau Jr.Finanzminister
Henrietta KlotzMitarbeiterin des Finanzministers

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Anna MichenerMitarbeiterin des Forschungsdirektors
Harold NathanStellvertretender Direktor des FBI
Alger HissStellvertretender Rechtsreferent im Justizministerium
Nathan MargoldRechtsreferent im Innenministerium
Louis BeanBerater für Wirtschaftsangelegenheiten / Landwirtschaftministerium
M. S. EisenhowerDirektor für Öffentlichkeitsarbeit im Landwirtschaftsministerium
Nathan GoldenDirektor der Abteilung für Filmindustrie im Handelsministerium
Frances JurkowitzMitarbeiterin des Arbeitsministers
Lester HerzogVerwaltungsbeamter im Staate New York, WPA
Jacob VinerUnterstaatssekretär im Finanzministerium
Boris KostelanetzStellvertretender Justizminister
Nathan StraussVerwaltungsbeamter im Bauministerium
Louis DomeratzkyAbteilungsleiter im Handelsministerium
Benjamin FrankBerman Handelsministerium
Frances PerkinsArbeitsminister
Anna WeinstockAmtsleiterin im Arbeitsministerium
E. A. GoldenweiserZentraler Ausschuß für Statistik, FEA

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Michael StraussDirektor für Öffentlichkeitsarbeit, FEA
Joel David WolfsohnLeitender Beamter, FEA
Jacob BakerStellvertretender Verwaltungsbeamter, FEA
Harold L. PosnerStellvertretender Direktor, FEA
Abe FortasGeneralstaatsanwalt, FEA, später im Obersten Gerichtshof
David SapossVolkswirtschaftler, Nationaler Ausschuß für Arbeitsfragen
Joseph P. Lashehem. kommunistischer Jugendführer
Harold IckesInnenminister
Frieda MillerAmtsleiterin für Arbeitsfragen, New York State
Oberst William 
F. FriedmannKriegsministerium, Abteilung für Dekodierung
Louis ResnickDirektor für Öffentlichkeitsarbeit, Sozialhilfe
Samuel DicksteinKongreßabgeordneter für New York, 12. Distrikt
Leo WolmanVereinigung der Textilarbeiter
Vito MarcantonioInternationaler Gewerkschaftsverband
Dr. Alexander SachsDirektor, Forschungsabteilung NRA
Max LernerHerausgeber von „The Nation"
Jerome FrankVorsitzender, Ausschuß für Sicherheit und Außenhandel

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Harry Dexter WhiteMitarbeiter des Finanzministers
Dr. Robert OppenheimerPhysiker, Manhattan Projekt
Dr. Edward TellerPhysiker, Manhattan Projekt

(Das Verhör wird fortgesetzt)

F: Die Namen haben mir einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Natürlich sind mir viele geläufig. Ich muß sicher sein, daß Sie sich auch nicht irren. Schließlich sind zwei Kabinettsmitglieder und ein hoher FBI-Beamter darunter. Sind Sie sich ganz sicher?

M: Ja. Um es noch einmal zu sagen, später werde ich Ihnen mitteilen, wer zu den Sympathisanten zählte, wer gar nicht wußte, daß er bzw. sie es mit Agenten Stalins zu tun hatten, und wer von allen echte Spione waren. Übrigens gehörten drei Viertel zur letztgenannten Kategorie.

F: Ich glaube fast, daß Sie die Liste als Köder benutzen, trotzdem werde ich sie per Telegraphen weiterleiten.

M: Tun Sie das, aber treffen Sie Vorkehrungen, daß die Sowjets nicht dahinter kommen. Ein Bote ist in der heutigen Zeit viel sicherer. Haben Sie übrigens eine Liste der Briten, die ich mir ansehen sollte? Damit kenne ich mich besser aus. Ich kann Ihren Leuten einen sehr wichtigen Namen nennen: Victor Rothschild! Kennen Sie ihn?

F: Der Name ist natürlich ein Begriff. Welche Stellung hat er... ich nehme an in England?

M: Ja. Eine sehr hohe Position beim britischen Geheimdienst.

F: Hatte oder hat er diese?

M: Sie müssen mir das sagen. Über das „hatte" bin ich mir sicher, das „hat" müssen Sie mir beantworten.

F: Keine Sorge, wir finden das heraus. Wir trauen den Briten keineswegs, aber es geht doch um die Frage: Spähen sie uns nun für England oder für Rußland aus?

M: Besteht denn zu diesem Zeitpunkt ein Unterschied?

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F: In der Tat nicht, aber wir müssen schon genaueres wissen. Ich bin sicher, Sie verstehen, was ich meine.

M: Natürlich.

F: Da wir gerade darüber sprechen: ich habe hier eine lange Liste amerikanischer Organisationen, die Sie anschauen sollten. Sie werden dafür etwas Zeit benötigen. Wir können dann später darüber sprechen. Ich glaube eigentlich nicht, daß Sie uns dabei viel helfen können. Es handelt sich um eine inneramerikanische Angelegenheit; das FBI hat uns schon informiert, aber trotzdem wäre jede Information, die Sie beitragen könnten, sehr hilfreich.

(Siehe die Liste im Anhang S. 300ff).

M: Sie machen genau das richtige, indem Sie diese Leute aufspüren und mundtot machen. Glauben Sie mir, während der Weimarer Republik hatten wir es in Deutschland mit dem gleichem Problem zu tun. Sowjetische Attentäter trieben sich im Land herum und brachten willkürlich Menschen um. Kommunistische Gruppen, deklariert als intellektuelle Unterstützungsgesellschaften, sprießten in jeder Großstadt aus dem Boden; sie wurden alle direkt von Moskau geführt. Wußten Sie, daß wir 1941, als wir die sowjetische Botschaft in Paris besetzten, eine Todesfabrik vorfanden? Todeszellen, Krematorien, Folterkammern usw.? Es sah darin aus wie in einem Schlachthaus. Die Russen sind von Natur aus brutal - wie übrigens alle Slawen -, aber der kommunistische Ableger ist nur einen Schritt vom Höhlenmenschen entfernt. Die Geschichte des Bolschewismus in Rußland... und auch in Ungarn... ist eine Geschichte voll von ungebändig-tem Sadismus, Brutalität und Entartung. Sie kennen doch Bela Kun in Ungarn. Ich selbst weiß, wie es zuging, als die Russen in München ihre kriminelle Räterepublik einsetzten. Wenn Sie den Wahnsinn und die verbrecherische Brutalität erlebt hätten, würden Sie verstehen, warum ich diesen Abschaum verachte, und es zu meiner Lebensaufgabe gemacht habe, sie auszurotten und zu zerstören. Bei der Zusammen-

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arbeit mit Ihnen geht es nicht ums Geschäft. Für mich ist dies wie ein unberührtes Gebiet, von dem man Schmutz und Verderbtheit fernhalten muß. Die zweite Atombombe hätten Sie auf Moskau werfen sollen und nicht auf die Japaner. Eine war ausreichend für die Japaner, und die zweite hätte in Sekunden die Abwasserratten im Kreml eingeäschert. Sie werden es noch bedauern.

Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Stalin nicht in die Vereinigten Staaten einfallen wird, solange er in Washington einen Staat im Staate hat. Wir wissen beide, daß dem so war, als Roosevelt noch auf dem Thron saß. Heute ist er nicht mehr im Besitz des Machtzentrums, halten Sie daher Ausschau nach seinen Ratten, die sich immer tiefer in Ihre Regierung und in das Herz der Gesellschaft bohren und sie von innen her zerstören wollen. Die professionellen sowjetischen Agitatoren - und Ihr Land ist voll davon, getarnt als Gewerkschaftsführer, intellektuelle Aktivisten, Schriftsteller und Filmproduzenten - werden den kleinsten Spalt aufspüren, um ihren Fuß in die Tür zu bekommen. Sie werden eine Gruppe gegen die andere ausspielen, sie werden die öffentliche Meinung gegen die Regierung aufbringen und das System auf jede erdenkliche Art angreifen. Ihr wichtigstes Ziel ist es, Ihr Regierungssystem zu diskreditieren und dann ihren eigenen Mist als Non plus Ultra zu präsentieren. Wenn diese Kreaturen schließlich die Oberhand gewonnen haben, werden sie in Ihrem Land ein Schreckensregime errichten, gegen das sich das heutige Rußland ausnimmt wie der sonntägliche Ausflug des Kirchenchors ins Grüne.

Während wir gerade über das Thema feindlicher Aktivitäten von Ausländern im Lande sprechen, dürfen wir die Briten nicht außer Acht lassen. Sie mögen moralisch und auch finanziell am Ende sein, aber trotzdem hassen sie euch noch, und ich weiß es sicher, daß sie euch ausspionieren. Ich glaube, sie werden euch nie vergeben, daß ihr sie zu Beginn des Krieges finanziell ruiniert habt.

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F: Ich glaube wirklich, daß Sie übertreiben. Sie brauchten damals Hilfe, die wir ihnen auch gaben. Aber selbstverständlich mußten die Rechnungen bezahlt werden...

M: Oh ja, und sie wurden es auch. In einem der Gespräche zwischen Churchill und dem britischen Botschafter in Washington ging es darum, wie Roosevelt dem britischen Weltreich das Genick gebrochen hatte. Ich werde Ihnen eine Kopie davon als Bettlektüre überlassen. Ich hoffe, daß Sie sich darüber genauso amüsieren wie ich vor sechs Jahren. Doch zurück zu unserem eigentlichen Thema. Ich werde Ihnen eine Liste mit den Namen aller sowjetischen Spitzenagenten geben, einschließlich ihrer verschiedenen Decknamen. Diese Liste wird für Ihre Leute ganz bestimmt interessant sein. Heute abend schaue ich mir auch die Liste der Gruppierungen an. Ich glaube, wir haben beide eine interessante Bettlektüre vor uns.

F: Sie wollen mich wohl desillusionieren, General.

M: Nein. Ich zeige Ihnen nur gerne hin und wieder die Realität.

F: Schließen wir das Kapitel ab.

Kommentar:

Mit dem Zusammenbruch in Rußland ist - im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten - Historikern und Forschern eine immer größer werdende Menge von Informationen und Dokumentationen zugänglich geworden. Es gilt jedoch große Sorgfalt walten zu lassen, da die Nachfolgeorganisation der gefürchteten NKWD, der KGB, zwar reorganisiert wurde, aber trotzdem noch immer über die Sicherheit seiner Archive wacht. Dokumente, die aus dieser Quelle stammen, sollten mit größter Vorsicht genossen werden, besonders was die Detailtreue betrifft. Diese Organisation, die für Stalins mörderische Säuberungen Wagenladungen von gefälschten Unterlagen herstellte, liefert auch heute noch falsche Papiere, und zwar immer entsprechend der Bedürfnisse.

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Aus- und inländische Journalisten zahlen gut in harter Währung und erhalten dafür Kisten voller Papiere für Forschungszwecke und zur Publikation. Auch die Stasi soll einst die gefälschten Hitler-Tagebücher gegen dringend benötigte westliche Devisen verkauft haben.

Was die kommunistische Frühgeschichte und deren Organisationen betrifft, so werden viele der Informationen als harmlos eingestuft und freigegeben, ohne daß - wie in späteren bzw. jüngsten Unterlagen - daran herummanipuliert wird. Unterlagen über Attentate, über sowjetische Spitzenagenten im Ausland, über sowjetische Pläne betreffs Subversion und Aggression und über die geheimdienstlichen Kontakte zu Ausländern, die mit den Zielen der ehemaligen Sowjetunion sympathisierten, werden ganz gewiß nicht freigegeben. Ein dickes Dossier über Lee Harvey Oswald wurde zwar präsentiert, aber von niemandem geöffnet. Das gleiche gilt für Dossiers über Politiker wie Willy Brandt, den ehemaligen deutschen Bundeskanzler, oder über den US-Präsidenten Bill Clinton, die alle der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Obgleich mindestens ein amerikanischer Nachrichtendienst fest davon überzeugt gewesen war, daß der Chefberater von Roosevelt, Harry Hopkins, auf der Gehaltsliste der Russen stand, haben die Russen nicht einmal zugegeben, daß es überhaupt ein Dossier über ihn gab, obwohl Hopkins doch über längere Zeit in direktem Kontakt mit Stalin gestanden hatte.

Es sollte nicht vergessen werden, daß die sowjetischen Geheimdienste umfangreiche Dossiers über jeden anlegten, der für sie von Interesse sein konnte. Dossiers über Personen, die erwiesenermaßen eine antisowjetische Einstellung hatten, sind ebenso weggeschlossen wie die Dossiers über Personen, die als prosowjetisch bekannt waren bzw. offen mit der Ideologie und den Intentionen der Sowjetunion sympathisierten.

Die postkommunistischen russischen Geheimdienste haben einen schönen Profit eingestrichen, als sie Massen von ge-

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fälschten Dokumenten an Journalisten verkauften. Die meisten Papiere wurden während des Kalten Krieges gefälscht. Sie befassen sich mit verschiedenen hohen Persönlichkeiten des Dritten Reiches. Militärische Aufmarschpläne, Tagebücher von Prominenten, Briefwechsel, in denen von Massakern an Zivilisten etc. die Rede war, wurden von der Fälschermaschinerie des KGB produziert und weggeschlossen, bis man sie für Propagandazwecke benötigte. Als die Sowjetunion zerfiel, wurde Deutschland nicht länger als Alliierter der Vereinigten Staaten angesehen, den man verunglimpfen mußte, sondern als wohlhabender potentieller Handelspartner, gegen den man diese Waffen in Papierform nicht mehr nötig hatte.

Auch wenn heute die Archive der ehemaligen Sowjetunion geöffnet werden, so sollte doch keiner überrascht sein, wenn sich Beweise dafür finden, daß auf Stalins Befehl seine Killerkommandos im In- und Ausland Mordanschläge und Attentate verübten. Es mag für Stalins NKWD (nach Stalins Tod wurde nur der Name in KGB geändert, sonst aber nichts) relativ einfach gewesen sein, polnische Kriegsgefangene, Dissidenten oder widerspenstige ukrainische Kulaken zu liquidieren, er fand aber immer auch Mittel und Wege, um gefährliche Gegner außerhalb des kommunistischen Blocks umzubringen.

Die Führer der Weißen in Paris, Leo Trotzki im Exil in Mexiko und unbequeme Ausländer wurden erschossen, vergiftet, erschlagen bzw. entführt oder in den sowjetischen Botschaften in speziell dafür vorgesehenen Räumen zerstückelt. Im Gegensatz zu Roosevelt und Churchill, die beide einen begrenzten Horizont hatten und von Rachegedanken getrieben wurden, war sich Stalin über seine eigenen Ziele klar, und seine Massaker und Attentate beruhten auf rein pragmatischen Erwägungen, und nicht auf Rache oder Mord um des Mordes willen.

Müllers Kommentare über das Abhören von Botschaften, die sowjetische Agenten aus den USA und von Kanada aus

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nach Moskau schickten, sind gerade in der heutigen Zeit von großem Interesse. Es wurde behauptet, daß die US-Stellen große Schwierigkeiten hatten, die aufgefangenen Nachrichten zu dekodieren. Die gesamte Aktion lief unter dem Namen „Venona Projekt". Gerüchte wollen wissen, daß das Nationale Sicherheitsbüro der Vereinigten Staaten - ein Nachrichtendienst, der bekannt ist für seine Erfolge im Abhören und Dekodieren und auch über die beste Ausrüstung verfügt - mehr als 30 Jahre gebraucht haben soll, um den Code der Sowjets zu knacken. Es heißt sogar, daß in der ganzen Zeit nur Teilstücke entschlüsselt werden konnten. Die Tatsache, daß es den Deutschen gelang, identische Botschaften, die mit einem anderen Code von Kanada aus gesendet wurden, abzufangen und auch zu entschlüsseln, wird nicht einmal erwähnt. Material über das „Venona Projekt" wird aus unerfindlichen Gründen einfach nicht veröffentlicht. Nur ein Schluß ist daher möglich: die von den Amerikanern aufgefangenen Meldungen beweisen, bis zu welchem Grad die Sowjets bereits auf den höchsten Ebenen der Nachrichtendienste, des Militärs und der Politik mitspielten. Das Material ist erschütternd, besonders wenn die Namen von Lichtgestalten aus der Zeit von Roosevelts New Deal auftauchen. Das verzögerte Veröffentlichen von Material über das „Venona Projekt" ist wohl als Präventivmaßnahme zu verstehen, um den politischen Schaden so gering als möglich zu halten. Es geschieht bestimmt nicht aus nachrichtenspezifischen Gründen. Das „Manhattan Projekt" über den Bau der Atombombe wurde aufs Spiel gesetzt, denn einige sowjetische Agenten saßen bereits mitten drin, und andere standen in engstem Kontakt mit führenden Vertretern der Regierung Roosevelt, des OSS, des FBI, des Finanz- und des Kriegsministeriums.

Selbst Roosevelt, der gewiß kein Kommunist war, sah überhaupt keine Probleme darin, die Dienste von Kommunisten in Anspruch zu nehmen, um seine Macht zu erhalten

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und Josef Stalin beizustehen, der im Krieg gegen den verhaßten Hitler sein engster Verbündeter gewesen war. Der OSS war so sehr von Kommunisten durchsetzt, daß Harry Truman ihn so schnell als möglich auflöste, als er 1945 an die Macht kam. Beamte auf Kabinettsebene, die unter Verdacht standen für Stalin zu arbeiten, wurden still und leise in den Ruhestand versetzt. Sehr diskret wurden personelle Umbesetzungen vorgenommen.

Es ist wohlbekannt, daß es in der Regierung Roosevelt Sympathisanten aber auch Agenten der Sowjets gab. In den zahlreichen Listen, die Müller zusammengetragen hat - und von denen wir auch nur wenige publizieren -, finden sich viele Namen prominenter Quellen der Sowjets. Bei aller Fairness sollte aber der Unterschied zwischen Quelle und Agent klargemacht werden.

Als Quelle wird jemand bezeichnet, der ein Sympathisant des Sowjetsystems ist. Dabei kann es sich um einen Regierungsbeamten handeln, der offen mit dem ehemaligen Verbündeten zusammenarbeitete, aber auch um einen Mitarbeiter im Stabe Roosevelts, der als offizieller Mittelsmann zwischen dem Präsidenten und der Sowjetregierung füngierte, oder einfach um einen Namen, den ein ehrgeiziger Sowjetagent weitergegeben hatte, um Moskau mit seinen Kontakten zu beeindrucken.

Wenn man das von der amerikanischen Nationalen Sicherheitsbehörde veröffentlichte Material über das „Veno-na Projekt" vergleicht mit den Mitschnitten, die die Deutschen während des Krieges machten, wird sofort deutlich, daß echte Agenten niemals mit ihren Klarnamen genannt wurden. Sie hatten immer Decknamen. Dagegen wurden Quellen fast immer mit ihren Eigennamen bezeichnet. Die genauere Analyse der deutschen und amerikanischen Mitschnitte zeigt auch, daß aus einer Quelle oft ein Agent wurde. In diesem Augenblick bekam er jedoch einen Decknamen. Sowjetische Agenten zeichneten sich aber in der Regel

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nicht durch allzu große Intelligenz aus. Selbst diese Decknamen konnten durch Querverweise auf vorherige Berichte etc. leicht identifiziert werden.

Stalin hat uns eine Armee von Spionen hinterlassen. Die Furcht vor Veröffentlichungen über sie ist der Grund, warum die Öffentlichkeit so spärlich mit Informationen versorgt wird.

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