Mussolinis Ende

Der Duce war der wichtigste Alliierte Hitlers, obwohl er sich noch vor dessen Machtübernahme unter Freunden über ihn lustig gemacht hatte. Tatsache ist aber auch, daß außer seinen engsten Freunden nur sehr wenige Menschen Hitler überhaupt ernst nahmen. Als sie ihren Fehler bemerkten, war es schon zu spät. Der Duce war ein Intellektueller, ein begabter Politiker, ein ehemaliger Sozialist, der die faschistische Bewegung in Italien gründete und das Pech hatte, Italiener regieren zu müssen. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges stellte die Bevölkerung im allgemeinen und das Haus Savoyen im besonderen mit Schrecken fest, daß Italien seine Kolonie Libyen verloren hatte, den Luftangriffen der Alliierten ausgesetzt war und in Rußland große Verluste an Menschen verzeichnen mußte, ja daß sogar eine Invasion drohte. Wie sich herausstellte, besaßen sowohl Müller als auch der amerikanische Vernehmungsbeamte aus erster Hand Wissen über die Lage in Italien, der eine vor dem Fall Mussolinis, der andere danach.

F: Soweit ich weiß, hatte die Gestapo Insiderinformationen über die schlechte Stimmung in Italien, bevor Mussolini gestürzt wurde.

M: Das stimmt. Aber nicht nur die Gestapo sondern fast alle Dienste waren im Besitz dieser Informationen, wie das Außenministerium, die Abwehr, der SD usw. Ganz offensichtlich wuchs der Widerstand gegen die weitere Beteiligung Italiens am Krieg, aber auch gegen Mussolini selbst. 1942 wurde er 60 Jahre, hatte chronische Magenbeschwerden, die wahrscheinlich psychosomatisch waren.

F: Hitler hatte doch das gleiche Problem?

M: Ja. Morell, sein Arzt, sagte mir, er könne gar nicht begreifen, daß Hitler nach all dem Druck, unter dem er

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stand, überhaupt noch am Leben war. Hitler mußte sich ja um alles selbst kümmern. Die Arbeitsbelastung hätte einen anderen schon längst umgebracht. Ich glaube, das gleiche traf auch auf Mussolini zu, mit dem Unterschied, er wußte sehr genau, daß seine Umgebung ihn loswerden wollte. Hitler stützte ihn natürlich, und Mussolini glaubte schließlich, daß die starke deutsche Präsenz in Italien einen Umsturz verhindern könnte. Auf der anderen Seite war es jedenfalls für mich ganz klar, daß die Italiener uns haßten und unsere Präsenz einen negativen Effekt haben könnte. Diese Feindseligkeit rührt übrigens vom Sieg der Deutschen bei Capo-retto im Ersten Weltkrieg her, als uns die Österreicher gegen die Italiener zu Hilfe riefen. Wir haben sie damals vernichtend geschlagen. Das haben sie uns nie vergessen.

F: Die Italiener waren aber auch keine besonders guten Soldaten. Soweit ich weiß, wurden sie 1941 von einer schlecht ausgerüsteten griechischen Armee wochenlang in Schach gehalten...

M: Die Griechen kapitulierten schließlich vor uns, vor Sepp Dietrich um es deutlich zu sagen, und ich weiß, daß Hitler sehr großen Respekt vor ihnen hatte und sehr empört war, als Mussolini sie angriff. Sein gesamter Plan für das Vorgehen im Osten wurde über den Haufen geworfen. Im übrigen zog er die Griechen den Italienern sowieso vor. Gute Soldaten waren sie wirklich nicht. Auf dem Balkan schlachteten sie entweder die Zivilbevölkerung erbarmungslos ab, oder sie schlössen sich ihnen bei der Plünderung an. Für Deutschland wäre es viel besser gewesen, wenn sich Italien aus dem Krieg herausgehalten hätte und neutral geblieben wäre. Schließlich bestand immer noch die Möglichkeit, daß Italien mir nichts dir nichts die Seiten wechselte.

F: Napoleon sagte einmal, daß, wenn die Italiener am Schluß auf der gleichen Seite waren wie am Anfang, sie zweimal die Seiten gewechselt haben mußten.

M: Ein kluger Mann. Er war ja selbst Italiener.

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F: Lassen Sie das nur keinen Franzosen hören.

M: Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß man einem Franzosen nichts vormachen kann. Ich würde sie den Italienern als militärischen Bündnispartner vorziehen. Sie sind gute Soldaten, und man sollte sie nicht nach 1940 beurteilen. Sie waren nicht so richtig für den Krieg. Die Briten hatten sie hineingezogen und sich dann selbst überlassen.

F: Um auf Mussolini zurückzukommen, wie sehen Sie den Zusammenbruch des Faschismus?

M: Er zerplatzte wie eine Seifenblase. Einundzwanzig Jahre - und im nächsten Augenblick war alles vorbei. Zeigt uns nur, daß alles vergänglich ist, nicht wahr? Nun zu den Beobachtungen... . Die oberste Führung der Partei, vor allem Dino Grandi, war jahrelang gegen Mussolini. Wie auch der König und sein engster Kreis war diese von Anfang an gegen den Krieg. Ich kann sie dafür nicht verurteilen, aber nachdem sich Italien nun einmal entschieden hatte, mußten sie auch dafür gerade stehen. Eine Invasion war absehbar, und wir waren an einer anderen Front beschäftigt. Da war es doch besser, daß die Italiener an unserer Seite kämpften, egal was sie davon hielten, denn zumindest theoretisch waren sie damit für uns. Als dann klar wurde, daß sie ihre Kolonien in Afrika verloren hatten und selbst bombardiert wurden, schwand die Unterstützung für Mussolini ganz schnell. Die meisten Verschwörungen, ihn zu beseitigen und dann Frieden zu schließen, konzentrierten sich um den König. Von dem kann ich Ihnen etwas Interessantes erzählen. Er war klein, verschlossen und überhaupt nicht vertrauenswürdig. Er und sein Kreis haßten uns. Sie warteten nur darauf, Mussolini loszuwerden und vor den Alliierten zu kapitulieren. Sie mußten ja nicht befürchten, von den Russen eingenommen zu werden. Die Wahl fiel ihnen also leicht. Die Briten standen dem Kreis um den König sehr nahe. Sie hatten schon seit langem mittels reichlicher Bestechungsgelder die Opposition gegen den Krieg unterstützt. Churchill war selbst dar-

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an beteiligt. Schließlich war er im Ersten Weltkrieg genauso vorgegangen und wollte es wieder tun. Es gibt da gewisse Briefe...

F: Oh ja, wenn Sie fertig sind, können wir darüber sprechen. Haben Sie die Briefe zufällig selbst?

M: Nein, Sie etwa?

F: Nein. Wir waren lange hinter ihnen her. Wir nahmen an, daß Mussolini sie hatte und deshalb erschossen wurde. Fahren Sie bitte fort.

M: Wir nahmen die Unterlagen des italienischen Außenministeriums an uns, aber viele der wichtigen Dokumente wurden beiseite geschafft, bevor wir kamen. Also, um es deutlich zu sagen. Die Italiener sind Verräter, gegenüber uns, gegeneinander, gegenüber Mussolini usw. Die Monarchisten wollten Mussolini loswerden, um die Herrschaft des Hauses Savoyen zu sichern. Die Faschisten wiederum wollten ihn loswerden, um ihre Macht zu erhalten, und die Armee stand hinter dem König. Im Oktober 1942 ging Himmler nach Rom, um nach dem Rechten zu sehen. Hitler hatte ihn darum gebeten. Himmler hatte schließlich eine Nase für Verschwörungen, war er doch immer selbst damit beschäftigt. Vielleicht wollte er ja ein paar gute Ratschläge für seinen eigenen kleinen Umsturzplan, wer weiß. Zu der Zeit war ich in Portugal, sodaß ich alles aus zweiter Hand habe. Außenminister Ciano begrüßte ihn am Bahnhof mit großem Gefolge, falschem Lächeln und vielen Treueschwüren. Himmler war kein Dummkopf, aber aus seinen späteren Kommentaren - auch mir gegenüber - zu schließen, war er keinen Deut besser als Marschall Kesselring, der sich auch weigerte zu glauben, daß die Italiener ihr Wort über eine einseitige Kapitulation brechen würden.

Unsere Leute in Rom waren auch nicht gerade die besten. Dollmann vom SD war ein schwuler Kunsthändler, der schon durch und durch italienisch geworden war. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Kappler war nicht schlecht, aber

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Canaris stand auf Kriegsfuß mit seinem Gegenüber in Italien. Er drängte ihn immer wieder, Mussolini zu stürzen und einen Separatfrieden zu schließen. Wie ich schon sagte, fielen Himmler Entscheidungen schwer. Nachdem Mussolini gestürzt war, und Italien von uns besetzt wurde, fanden wir im Volk kaum Unterstützung, denn für das Volk waren wir dafür verantwortlich, daß ihr Land zum Schlachtfeld geworden war. Echte Probleme bereiteten uns jedoch die Kommunisten. Im März 1944 zündeten sie in der Via Rasella eine Bombe, die mehr als 30 SS-Soldaten tötete, die gerade von einer Schießübung in ihre Quartiere zurückkehrten. Es war die reinste Hölle. Hitler verlangte Vergeltungsmaßnahmen, die gemäß internationalem Recht auch möglich waren. Zivilisten, die militärische Einheiten angriffen, konnten dafür bestraft werden. Auf Anweisung von oben griff Kappler von den Geiseln - die meisten waren Kommunisten - jeden zehnten heraus und erschoß sie. Selbst der Papst erhob keine Einwände. Wie Sie wissen, war Pacelli während der Räterepublik Nuntius in Deutschland gewesen, und er haßte die Kommunisten. Ich war einmal zusammen mit anderen zu einer Audienz bei ihm. Seine Meinung zu diesem Thema war eindeutig. Es wurden also um die 300 dieser Verbrecher auf einen Platz getrieben und erschossen.

Danach war es ruhig in Rom, nur im Norden gab es noch Schwierigkeiten mit den Kommunisten.

F: Was wissen Sie über die Brigade Roter Stern? Als ich im OSS war, hatte ich mit ihnen zu tun.

M: Wo operierten sie?

F: Nördlich von Bologna, in den Bergen. Monte Sole. Marzabotto.

M: Sagt mir nichts. Soweit ich mich entsinne, kam es im September oder Oktober 1944 zu einem größeren Aufstand. Die Brigade Roter Stern könnte damit zu tun gehabt haben.

F: Ein Kommunist namens Wolf, El Lupo, war der Chef.

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M: Ich spreche nicht italienisch. Deutsch schon, selbst hochdeutsch, englisch selbstverständlich, wenn es sein muß, und etwas russisch. Welch theatralische Namen. Die „Volks-befreiungsbrigade von Minsk": eine Handvoll verängstigter Bauern, fanatischer Kommunisten und kleiner Jungs. Nicht mehr als 30 Leute. Sie kannten diese Leute? Warum fragen Sie nach ihnen?

F: Angeblich wurden dort Ende 1944 Tausende von italienischen Zivilisten von SS-Leuten umgebracht.

M: Damals wurden überall Menschen umgebracht. Nachdem wir die besetzten Gebiete geräumt hatten, schlachteten sich Franzosen und Italiener wegen irgendwelcher alten Schulden gegenseitig ab. Manchmal ging es dabei um Politik, manchmal auch nur um den Besitz einer Kuh. Wenn es ein derartiges Massaker gegeben hätte, hätte ich gewiß davon gehört. Ich kann mich aber nicht daran erinnern. Das heißt noch lange nicht, daß es keines gab, aber von so vielen Toten hätten wir gehört. Kannten Sie Herrn Wolf?

F: Wir arbeiteten mit ihm zusammen und versorgten ihn mit Waffen.

M: Die sie heute gegen Sie oder die italienische Regierung richten. - Aber das bleibt sich ja das gleiche.

F: Das glaube ich nicht. Die ganze Einheit wurde von Kampftruppen ausgelöscht.

M: Das haben sie gut gemacht. Wenn Sie meinen, daß ich nun weinen würde, dann können Sie lange warten. Sie kennen meine Meinung darüber. Die ganzen Kriminellen werden sich nun an die amerikanischen Truppen halten. Sie werden nachts nicht mehr sicher sein. Ich sehe es schon kommen, daß Sie sich um Rat, wenn nicht sogar um Hilfe an uns wenden.

F: Warum glauben Sie wohl, daß ich hier bin?

M: Nun, es ist ja offensichtlich. Haben Sie noch Fragen zu Mussolini?

F: Soweit ich weiß, wollte er sich doch zur Ruhe setzen, nachdem ihn Skorzeny gerettet hatte.

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M: Das stimmt. Er stand einfach nicht mehr hinter der Sache. Skorzeny hat ihn ja fast umgebracht, als er noch ins Flugzeug kletterte, während es schon abhob. Otto mußte nur noch bei Hitler vorbeischauen und sich das Ritterkreuz abholen.

F: Wenn man bedenkt, wie er starb, wäre es besser gewesen, wenn Mussolini damals umgekommen wäre.

M: Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß die Italiener alle Verräter sind? Ihn einfach wie einen Kadaver mitten auf dem Marktplatz aufzuhängen! Was wollten Sie mir über seine Unterlagen erzählen?

F: Ach ja. Die OSS war in Norditalien sehr aktiv. Wir hatten von ganz oben spezifische Anweisungen, Mussolini festzusetzen und die Dokumente von Churchill aufzuspüren. Die Anweisungen lauteten, daß wir als erstes die Papiere finden und dann Mussolini kurzerhand erschießen sollten. Sowohl Roosevelt als auch Churchill haßten ihn wirklich.

M: Da war Roosevelt aber schon tot.

F: Ja, aber nicht Churchill. Über ihn haben wir ja schon gesprochen.

M: In der Tat, ja. Sie haben ihn also aufgespürt?

F: Nein. Wir arbeiteten damals mit einer kommunistischen Partisanengruppe zusammen, die ihn gefangen nahm. Wir selbst konzentrierten uns auf die Suche nach den Dokumenten. Gefunden haben wir sie nicht. Wir sagten den Kommunisten, daß sie ihn und alle, die mit ihm gefangen wurden, so schnell wie möglich umbringen sollten. Was sie an Gold fanden, durften sie behalten.

M: Die Frauen auch, nehme ich an.

F: So lauteten unsere Anweisungen.

M: Ziemlich primitiv.

F: Wohl kaum, wir hatten schließlich Krieg...

M: Zu dem Zeitpunkt aber nicht! Bestimmt nicht! Erschießen Sie einfach unbewaffnete alte Italiener und Frau-

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en, nur weil dies irgendein verrückter Politiker befohlen hat?

F: Haben Sie nicht das gleiche gemacht?

M: Persönlich nicht, und nicht auf diese Art. Sie haben also keinerlei Dokumente gefunden?

F: Nein.

M: Dann haben Sie sie also umsonst umgebracht.

F: Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Ihre Leute haben diese Dokumente nicht zufällig gefunden?

M: Sie haben mich dies schon einmal gefragt.

F: Und Ihre Antwort?

M: Ich kann mich an nichts mehr erinnern.

F: General, Sie erinnern sich doch an alles! Ich bin mir sicher, daß Sie sich noch genau an die Adresse jeder Wohnung, in der Sie je gelebt haben, erinnern können, ja sogar an die Nummer jedes Ihrer Autos, an alle Ihre Telefonnummern und sogar an die Geburtstage Ihrer Haustiere.

M: Sie schmeicheln mir. Ich habe ein gutes Gedächtnis, doch kann ich mich nicht an alles erinnern. Ab und zu ist ein Gedächtnisverlust ganz bequem - kann ich Ihnen nur empfehlen. Sprechen wir nicht mehr über den Duce und seine Dokumente, denn dabei kann ich Ihnen nicht helfen. Da Sie jedoch in Italien gelebt haben und die Italiener mögen, werde ich meinem Koch sagen, daß er an einem der nächsten Tage mal richtig italienisch für Sie kochen soll.

F: Es wäre schon gut, wenn wir die Dokumente bekommen könnten.

M: Besser wäre es, wenn wir über etwas anderes sprächen. War das alles zu Mussolini?

F: Lassen Sie uns doch zu den Erschießungen in Rom zurückkommen. Was wußten Sie damals darüber? Ich meine damit, wer gab den Befehl?

M: Der Befehl erging von Hitler an den Stadtkommandanten von Rom, einem Luftwaffengeneral, aber auch von Hitler an Himmler und von diesem an den SD in Rom, das

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heißt an Kappler. Ob ich davon wußte? Natürlich. Ich sagte Himmler, daß wir genauso gut alle Kommunisten in Rom zusammenfangen könnten, um die Zahl zu vervollständigen, er aber war anderer Meinung. Ich glaube fast, daß Himmler manchmal vor mir Angst hatte, denn er glaubte immer, was ich sagte. Himmler war ein Lehrertyp, penibel, pedantisch und rechthaberisch. Wenn er auf meinen Rat gehört hätte, sähe die Lage in Italien heute ganz anders aus. Oder kränke ich Sie damit? Schließlich haben Sie doch die Kommunisten mit Waffen beliefert, wahrscheinlich haben Sie sogar mit ihnen fette Würste am Lagerfeuer verspeist. Wie bei den Pfadfindern, nicht wahr?

Als wir gegen diese Monster kämpften, hatten wir den Befehl, alle alliierten Verbindungsleute, die in unsere Hände fielen, zu erschießen. Ziemlich viele haben wir erledigt. In Jugoslawien unten endeten einige als Mahlzeit für die Würmer und Maden. Wer mit dem Feuer spielt, kann sich verbrennen. Auf einigen Inseln im östlichen Mittelmeer kapitulierten einige italienische Garnisonen vor den Briten und stellten sich dem Kampf gegen uns zur Verfügung. Als wir dann Inseln wie Leros oder Kos wieder einnahmen, behandelten wir zwar die Briten als rechtmäßige Kriegsgefangene, die Italiener aber erschossen wir alle, darunter mindestens einen Admiral. Über mindestens ein Vorkommnis weiß ich genau Bescheid, da ich für kurze Zeit als Stellvertreter Himmlers agierte. Damals bekam ich von da unten ein Telex über die Ereignisse. Ich kann mich noch genau an meine Antwort erinnern, die lautete: „Alle erschießen". Schockiere ich Sie? Geht es Ihnen nicht gut? Vielleicht war das Frühstück zu üppig. Vielleicht war das, was wir taten schrecklich. Wenn Ihre Leute jedoch so vorgingen, dann war es natürlich erlaubt und wurde sogar gelobt. Nach Dieppe verhörten wir zahlreiche Kanadier, die wir gefangen genommen hatten. Als ich hörte, daß sie den Befehl hatten, selbst gefesselte Gefangene und Zivilisten, die ihnen im Weg stan-

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den, zu töten, habe ich Hitler dringend geraten, daß wir diese Kriminellen loswerden sollten. Dies ist kein Krieg, sondern Banditentum! Ich bin der Meinung, solches Verhalten sollte sofort bestraft werden, indem man die Schuldigen auf der Stelle erschießt. Hitler war grundsätzlich meiner Meinung und gab einen entsprechenden Befehl heraus. Ich glaube, es war im Oktober 1942, als er den Befehl herausgab, daß Partisanen, nicht jedoch rechtmäßige Kriegsgefangene, bei Gefangennahme sofort zu erschießen seien. Ein Krieg läuft schließlich nach gewissen Gesetzen ab. Gesetze, die von zivilisierten Völkern auch eingehalten werden.

Die meisten Grausamkeiten dieser Art begannen 1870, als in Frankreich die Kommunarden deutsche Soldaten erschossen, die in Zivil waren. Die Partisanen wurden sofort erschossen, wenn wir sie fanden. Ich sollte darauf hinweisen, daß Zivilisten nicht gegen Soldaten kämpfen dürfen, mögen sie sich nun „Rote Brigaden" oder sonstwie nennen. Als Hitler den Befehl gab, entflohene britische Kriegsgefangene zu erschießen, - meine Leute waren übrigens nicht daran beteiligt - habe ich mich strikt dagegen ausgesprochen, denn nach meiner Meinung hat ein Gefangener das Recht auf Fluchtversuch. Der Reichsmarschall teilte meine Meinung, Hitler war jedoch nicht umzustimmen. Der SD machte die Drecksarbeit.Und wenn Roosevelt nun den Befehl gab, Mussolini und die Frauen umzubringen, dann befolgten Sie selbstverständlich seine Befehle, oder nicht? Natürlich haben wir dann den Krieg verloren.

Was nun Mussolini angeht, so glaube ich, daß er in den zwanziger Jahren das Leben der Italiener wirklich verbessert hat. Er war der Mann zur richtigen Zeit, so wie Franco in Spanien. In beiden Ländern ging es drunter und drüber. Es fehlte ihnen eine starke Zentralregierung. Darüber hinaus wurden die Länder durch kommunistische Agitatoren geschüttelt. Vergleichen Sie einmal Spanien und Italien sowie Franco und Mussolini. Der eine weigerte sich, in einen

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Krieg auf deutscher Seite verwickelt zu werden, aufgrund dessen sein Land von den Alliierten angegriffen und damit schrecklichen Verwüstungen ausgesetzt werden könnte. Aus rein pragmatischer Sicht hätte Italien neutral bleiben sollen. Mussolini war jedoch auf Hitler eifersüchtig und wollte um jeden Preis den militärischen Glanz, einen Glanz, den das Töten von Äthiopiern ihm nicht geben konnte. Wenn er nicht wie eine Hyäne über das geschlagene Frankreich hergefallen wäre und sich aus Griechenland herausgehalten, einfach die Neutralität Italiens gewahrt und seinen Lebensstandard aufrechterhalten hätte, dann könnte er heute noch an der Macht sein, dann wäre er nicht an einer Tankstelle an den Füßen aufgehängt worden. Wäre Ihr Land in Italien eingefallen? Das Land ist mit seinen Bergen einfach nicht für Invasionen geeignet. Schauen Sie nur nach Spanien. Das blieb verschont. Natürlich sind die Spanier viel bessere Soldaten als die Italiener, aber niemand hat überhaupt eine Invasion versucht. Um moralische Fragen ging es dabei nicht. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß sowohl Churchill als auch Roosevelt ernsthaft daran dachten, in Länder wie das neutrale Portugal, Irland, die Azoren, die Kanarischen Inseln und was weiß sonst noch einzufallen. Die Moral hatte bei Gott nichts mit ihrer Zurückhaltung zu tun. Es ging rein um Taktik. Nein, wenn sich Mussolini aus dem Krieg herausgehalten hätte, wäre Hitler zwar ärgerlich darüber gewesen, es wären dem Land aber Luftangriffe, das Leid der Zivilbevölkerung und die Zerstörung großer Kunstwerke erspart geblieben. Übrigens waren viele unserer Verbündeten an der Front mehr als wertlos. Die Schweden, die Dänen und Wallonen waren erstklassige Soldaten, aber es war der Zusammenbruch der Italiener vor Stalingrad, der das Ende einläutete. Sie wissen, wie es ihnen mit den Briten in Libyen erging. Als Folge des Krieges haben sie alle ihre Kolonien verloren. Wenn sie sich herausgehalten hätten, dann wären sie heute noch Kolonialherren und würden das Mit-

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telmeer beherrschen. Ihre Stunde ist heute vorbei. Auch die Briten haben ihre Macht verloren und zählen nicht mehr. Diese Region ist von Ihrem Land viel zu weit entfernt, als daß es Sie interessieren könnte. Ein Vakuum ist entstanden, und es stellt sich die Frage, wer oder was es füllen wird. Die Briten haben die Kommunisten - oder eher Stalin - in Griechenland geschlagen. Also werden es nicht die Russen sein. Vielleicht werden die Juden einen mächtigen Staat bilden, aber es ist wohl eher wahrscheinlich, daß die zahlenmäßig bedeutenderen, die Araber, das Rennen machen werden. Besonders wenn es zu einer Art religiöser Erweckung kommt. Der neue jüdische Staat könnte dafür das Signal sein - viel Gutes kann dabei nicht herauskommen. Denken Sie nur daran, was geschah, als die Mohammedaner das letzte Mal ihre Fesseln sprengten.

Ich weiß, daß Churchill Kontakt zu Mussolini hatte und versuchte, ihn aus dem Krieg zu kaufen. Ihre Bemerkungen, daß es einen Befehl gab, den Duce zum Schweigen zu bringen und in den Besitz der Dokumente zu gelangen, kann ich voll nachvollziehen. Mussolini war eine große Persönlichkeit. Ich habe ihn mehrfach getroffen und hatte keinen schlechten Eindruck von ihm als Mensch. Es war einfach abstoßend, wie er enden mußte.

Vergessen Sie nicht, wer ihn tötete und ziehen Sie daraus ihre eigenen Schlüsse.

F: Ich hoffe, Sie meinen nicht mich.

M: Nicht persönlich. Ich dachte an die Kommunisten. Sie haben sie vielleicht dazu vermutigt, obwohl ich das bezweifle. Einen Kommunisten muß man nicht ermutigen, damit er jemanden umbringt.

Kommentar:

Die Erschießung von Geiseln nach dem Bombenanschlag in der Via Rasella hat seit Kriegsende immer wieder Schriftsteller zu antideutschen Ausbrüchen veranlaßt. Die Fakten

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über den Vorfall und die Partisanenkämpfe in Norditalien entsprechen aber im wesentlichen der Darstellung Müllers. Die sogenannte „Brigade Roter Stern" operierte vor allem in den Bergen Norditaliens und konzentrierte ihre Attacken auf die sich zurückziehende deutsche Armee. Der deutsche Kommandeur Feldmarschall Kesselring reagierte auf die Übergriffe, indem er Stoßtrupps aussandte mit dem Befehl, gegen die Partisanen vorzugehen. In den darauf folgenden blutigen Gefechten wurden fast alle Mitglieder der Brigade sowie zahlreiche Zivilisten getötet. Natürlich trugen die meisten Partisanen keine Uniformen, die sie bei Gefangennahme vielleicht vor der Exekution bewahrt hätten. Im übrigen fanden die Deutschen in den zahlreichen kleinen Bau-ernhäuser der Umgebung Waffen und Munition.

Es gibt zahlreiche Spekulationen über die angeblichen Kontakte zwischen Churchill und Mussolini. So heißt es, Churchill habe gehofft, Mussolini mittels Bestechung aus dem Krieg heraushalten zu können, so wie es den Briten schon einmal im Ersten Weltkrieg gelungen war. Nach dem Sturz Mussolinis im Jahre 1943 stürzten sich die deutschen Dienststellen, einschließlich der Gestapo, auf die verschiedenen italienischen Behörden in Rom und beschlagnahmten alles belastende Material, das sie finden konnten. Eine Aufstellung der Dokumente legt den Schluß nahe, daß die Churchill-Papiere vollständig verschwunden waren. Man vermutete, daß Mussolini diese Papiere als eine Art Lebensversicherung auf die Seite geschafft hatte, sein Ende legt jedoch nahe, daß sowohl für Roosevelt als auch für Churchill sein Tod wichtiger war als die diskriminierenden Papiere, die er haben mochte. Keines der Dokumente, die angeblich bis zum Ende im Besitz Mussolinis waren, ist je wieder aufgetaucht. Es hat den Anschein, daß auch die Alliierten nicht fanden, was sie so verzweifelt gesucht hatten. Wenn Müller sie gehabt hätte, so wären sie ebenso in seinem Archiv wie viele andere historisch interessante Dokumente, die jeder Historiker gerne hätte.

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