Staatsstreich in Rußland und in den Vereinigten Staaten

Heinrich Müller wurde als einer der herausragenden Experten für das politische System der Sowjetunion und ihrer Geheimdienste angesehen. Er hatte sich ausführlich mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt und verfügte zum Zeitpunkt des Interviews im Jahre 1948 über einen so tiefen Einblick in sein inneres Gefüge wie kein anderer in US-Ge-heimdienstkreisen. Seine Interpretation der Machtergreifung Lenins im Jahre 1917 als einem glänzend durchgeführten Staatsstreich ist verknüpft mit Hinweisen, wie ein solcher Staatsstreich auch von Stalin oder sonst jemandem in den Vereinigten Staaten oder einem anderen demokratischen Staat durchgeführt werden könnte.

M: Die Frage, auf welche Art und Weise Stalin unsere Gesellschaft tödlich treffen könnte, ist mehr als berechtigt. Wenn wir uns näher damit beschäftigen, wie es den Kommunisten gelingen konnte, in verschiedenen Ländern an die Macht zu kommen, dann ist dies umso leichter zu begreifen. Haben sie erst einmal den Staatsapparat unter ihrer Kontrolle, werden sie ihre Macht konsolidieren.

Im Jahre 1917 waren in Petrograd - und das merkte sich Stalin ganz genau - die Menschewiki, also die Gemäßigten, unter Kerenski an der Macht. Lenin, der gerade aus dem Exil in der Schweiz zurückgekehrt war, wollte die Macht für sich, aber Kerenski befand sich in der Hauptstadt in einer sehr starken Position. Er hatte die gesamte Staatsmacht hinter sich, das heißt das Militär und die Polizei. Dazu kam, daß die strategisch wichtigen Gebiete in Petrograd unter seiner Kontrolle standen. Lenin fürchtete um sein Leben und floh erst nach Finnland. Später kehrte er dann nach Petrograd zurück, wo er sich in den Vororten versteckte, übri-

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gens getarnt mit einer scheußlichen Perücke. Die wahre Revolution - und ich schlage vor, daß Ihre Leute sich mit diesem Aspekt näher beschäftigen - wurde nicht von Lenin, dem Mann des Wortes, sondern von Trotzki, dem Mann der Tat, durchgeführt. Trotzki war ein brillanter, labiler Jude, der sofort durchschaute, mit welchen Mitteln die sich in der Minderheit befindlichen Bolschewiki, denen man allgemein mißtraute, den konservativen bis gemäßigten Menschewiki die Macht entreißen konnten. Während Lenin und seine Freunde noch Schlachtpläne für eine echte Volkserhebung entwarfen, plante Trotzki schon den Umsturz mit Hilfe von nicht mehr als 1000 Mann. Und diese sollten gegen mehr als 20.000 loyale, bewaffnete Truppen, Polizisten usw. antreten, die die Stadt in ihrem Besitz hatten.

Lenins Pläne hätten zur Katastrophe geführt, denn sie basierten auf dem gängigen Revolutionsbegriff. Dieser war im utopistischen Unsinn eines Marx' verkörpert, der immer von einer Massenerhebung der unteren Klassen gegen die Oberschicht geträumt hatte. Die Dinge entwickeln sich nun mal nicht so; Marx war ein intellektueller Schwätzer, der keinen Bezug zur Realität hatte. Sein Glaubensgenosse Trotzki dagegen sah sofort, wie die Machtergreifung durchgeführt werden konnte: man benötigte nur eine kleine, gut ausgebildete Elitetruppe bestehend aus Stoßtruppen, Technikern usw. Trotzkis Strategie bestand darin, Schlüsselpositionen herauszusuchen, seine Männer in kleinen Gruppen in eine Stadt zu schicken, die voller Deserteure, verängstigter Arbeiter usw. war, und diese Stoßtruppen sollten dann die Schlüsselpositionen infiltrieren. Sie sollten keinen Versuch unternehmen, diese einzunehmen; es ging nur um eine militärische Aufklärungsaktion.

Während Lenin noch damit beschäftigt war, eine Massenerhebung zu planen, führten Trotzki und seine Männer eines Tages ohne Vorankündigung ihren Schlag gegen das Establishment aus, besetzten die Schlüsselpositionen und ließen Lenins

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schwerfällige Einheiten ein, die derartiges gegen die gut organisierten Verteidiger nie hätten schaffen können.

Nach erfolgreicher Durchführung übergab Trotzki Lenin die Stadt und schließlich später ganz Rußland. Ich betone nochmals, daß Trotzki ein sehr gefährlicher Mann war. Es ist daher von größter Wichtigkeit, sich eingehend mit seinen Vorstellungen zu beschäftigen, wenn man den einzigen Weg kennenlernen will, wie man entweder einen Staatstreich schnell und effektiv durchführt oder sich dagegen verteidigt.

F: Könnte eine solch kleine Gruppe auch in westlichen Ländern erfolgreich sein?

M: Sie wäre überall erfolgreich, besonders aber in einem wohl geordneten, gesetzestreuen Land, denn dessen Bürger sind es gewohnt, ihren Institutionen zu trauen, und wenn sie zusammenbrechen, wissen sie nicht, was sie tun sollen. Die Bienen verlieren ihre Königin, und das Bienenvolk kann sich nicht verteidigen.

Trotzki war wie ein wertvolles Werkzeug, da er diese Dinge durchführen konnte, aber auf lange Sicht gesehen war Lenin weitaus erfolgreicher. Dies gilt noch mehr für Stalin, da er kein versponnener Intellektueller ist, selbstverliebt in die eigenen Worte, sondern er ist ein praktisch veranlagter, entschlossener georgischer Bauer, der Schritt für Schritt vorgeht, um Macht zu bekommen und vor allem um sie zu erhalten. Trotzki versuchte, wie Sie wissen, ihn 1927 zu stürzen, aber Stalin vernichtete ihn voll und ganz, und zwar mit Methoden, die typisch für Stalin sind, und die daher auch sorgfältig analysiert werden sollten.

Auf den Punkt gebracht war Stalin ein Stratege und Trotzki ein Taktiker. Die Art, wie Stalin den Putsch verhinderte, ist sehr lehrreich. Er arbeitete im Schatten, während Trotzki offen agierte. Stalin spionierte und intrigierte, Trotzki hielt Reden und intrigierte. Stalin brachte seine Leute in die richtigen Positionen, besonders Menschinski, Kopf

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der G.P.U, d. h. der Geheimpolizei. Damit gelang ihm ein Glanzstück, denn Menschinski konnte so ein geheimes Telefonnetz aufbauen, sozusagen als Antipode zur Geheimarmee Trotzkis. Damit hatte er seine eigene Geheimarmee, die Trotzki und seinen Freunden immer einen Schritt voraus war. Mit dieser Macht im Rücken ging Stalin daran, die öffentliche Meinung gegen die Trotzki-Fraktion aufzubringen. Er entzog ihm damit den Rückhalt der Massen. Stalin hatte damit keine Probleme. Trotzki war Jude, ebenso wie fast alle seine Anhänger. Stalin trat einfach eine Welle des Antisemitismus, der in Rußland allgegenwärtig ist, gegen die Verschwörer los. Trotzki erwies sich dann einen Bärendienst, als er Rußland verließ, um die revolutionären Aktivitäten im Westen zu unterstützen. Während seiner Abwesenheit ging Stalin daran, seine Freunde zu isolieren; er entfernte sie aus allen wichtigen Positionen und wandte sich dann gegen Trotzki, der als Militärchef entmachtet wurde. Wie Sie wissen, war Trotzki ein wahrer Held aus den Anfängen der Revolution, da er sehr erfolgreich gegen die Weißen gekämpft hatte und bei den aktiven Revolutionären sehr populär war. Aber ebenso wie Rohm ging es Trotzki um permanente Revolution und Anarchie, in denen er zu schwelgen schien. Sowohl Stalin als auch Hitler sahen, daß die Bürger sehr schnell die Lust am andauernden Kampf verloren und sich nach Ruhe und Frieden sehnten. Stalin machte sich ebenfalls diesen Wunsch zunutze.

Als Trotzki im November 1927 zum Gegenschlag ausholte, hatten Stalins eigene Stoßtruppen bereits von Trotzki gelernt und mit kleinen ausgewählten Spezialeinheiten die Schlüsselstellungen in Moskau besetzt. Eine Demonstration auf dem Roten Platz wurde schnell vereitelt; Trotzki mußte fliehen. Das war das Ende, und wie wir wissen, verfolgte Stalin Trotzki bis nach Mexiko, wo er ihn ermorden ließ; einmal aus Rache, aber auch, um zu verhindern, daß sein brillanter Feind jemals wieder zuschlagen könnte.

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Es geht aber nicht um Lenin oder Marx, die sich vor dem genialen Trotzki vorsehen müssen. Solche Staatsstreiche sind überall möglich, selbst in Ihrem friedlichen Land.

F: Könnten Sie in dieser Hinsicht Ihre Bemerkungen noch vertiefen? Mehr ins Detail gehen?

M: Mit Vergnügen. Gewisse Voraussetzungen müssen gegeben sein, bevor ein Putsch erfolgreich durchgeführt werden kann. Ein plötzlicher Abfall des Lebensstandards zum Beispiel, der das Mißtrauen gegenüber der Regierung wachsen läßt; dies wiederum führt dazu, daß die Regierung repressive Maßnahmen gegen die unzufriedenen Bürger erläßt. Wenn diese Repressionen oder als solche empfundene Maßnahmen von einer schwachen Führung getroffen werden, wird die Öffentlichkeit unsicher, unzufrieden, und sie verlangt nach Änderungen. Regierungsapparate können nicht, wie wir beide wissen, auf die berechtigte Unzufriedenheit der Öffentlichkeit reagieren. Ihre Antwort auf das, was als laute Unmutsäußerungen beginnt und später in kleinen Sabotageakten mündet, besteht darin, die Kontrollmechanismen zu verschärfen. Die Führung bekommt Angst und verlangt nach immer mehr Polizei, was dazu führt, daß sie die Öffentlichkeit noch mehr gegen sich aufbringt.

Es kommt zu Ausbrüchen von zivilem Ungehorsam, der schnell erstickt wird, zu Untergrundzeitungen, zu heimlichen Treffen unzufriedener Bürger und dann zu den genannten repressiven Maßnahmen. Religiöse Kräfte engagieren sich gegen die Regierung, die nun einen kardinalen Fehler begeht, indem sie versucht, alle zu unterdrücken. Diejenigen, die sich bisher neutral verhielten, sind nun aufgebracht; sie schlagen sich auf die Seite der Kirchen, und an einem bestimmten Punkt wird jemand oder eine Gruppe durch einen Putsch die Macht an sich reißen.

F: Meinen Sie damit einen von Kommunisten durchgeführten Putsch hier im Lande?

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M: Nein, nicht unbedingt. Wenn die Kommunisten nicht direkt daran beteiligt sind, ist ein Putsch der Rechten die beste Voraussetzung. Die Öffentlichkeit will wieder Stabilität, und nur ein Diktator kann diese schaffen. Sie übergeben ihm nur allzu gerne alle Macht, wenn er nur die Verantwortung übernimmt. Er tut dies, und die Ordnung ist wiederhergestellt. So geschah es in Deutschland, ich sollte aber hinzufügen, daß Hitler, statt die Menschen im allgemeinen zu unterdrücken, so schlau war, sich ihnen als ihr Verteidiger gegen die Mächte der Dunkelheit von innen und außen zu präsentieren. Die Kommunisten und ihre sowjetischen Herren stellten eine echte Bedrohung dar, während die Juden nur in Hitlers Kopf als Feinde existierten. Der Antisemitismus trug dazu bei, das Land zu einigen, aber langfristig gesehen fügte er mehr Schaden zu, als daß er nützte. Ich meine dies rein professionell. Hätten wir nur die Kommunisten dä-monisiert, wäre alles gut gegangen. Die meisten Deutschen konnten sich noch sehr wohl an die kommunistischen Aufstände von 1918 erinnern, die ihnen große Angst gemacht hatten. Glauben Sie mir, diese Leute hätten sich weitaus besser dazu geeignet, als Kristallisationspunkt zu dienen denn die Juden. Hitlers Unglück bestand darin, daß er seine persönlichen Vorurteile zur Politik erhob.

Doch zurück zu Ihrer Frage. Ein Putsch kann von jedem politischen Extrem ausgehen, dem rechten als auch dem linken. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie dies in Ihrem Land vor sich gehen könnte, wenn Sie daran interessiert sind...

F: Aber ja, fahren Sie fort.

M: Je weniger Verschwörer, desto besser. Geheimnisse bleiben nur schwer geheim, und wir hätten es ja, zumindest in der Theorie, mit einer Regierung zu tun, die auf der Hut ist. Ein paar Spezialeinheiten des Militärs, am besten Elitetruppen, in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt, einige Spezialeinheiten für das Fernmeldewesen - und schon kann ein

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Putsch erfolgreich durchgezogen werden. Die erste Frage lautet: Wie werden heute in Ihrem Land die Nachrichten kontrolliert?

F: Nachrichten? Überhaupt nicht. In jeder größeren Stadt gibt es Zeitungen und Radiostationen; die meisten sind unabhängig. Natürlich gibt es einige Ketten, wie die von Hearst zum Beispiel, aber sie kontrollieren die Nachrichten nicht. Es stimmt schon, daß die Radiostationen den großen Sendern gehören, aber sie können keinen Putsch durchführen.

M: Das stimmt, aber sie könnten in den ersten kritischen Geburtsstunden einen solchen Putsch unterstützen. Die Medien könnten die Leute ruhig halten. Damit hätten die Anführer des Futsches den Rücken frei, bis sie ihre Macht konsolidiert haben. Natürlich wären sie keine direkten Mitwisser der Verschwörung. Ihre Beteiligung beruhte auf Unwissenheit und Glaube.

F: Das ist keine realistische Annahme, wie Sie sehr wohl wissen, General! Unsere Presse wird nicht vom Staat kontrolliert wie früher in Deutschland.

M: Aber ja doch. Sie wird es immer! Nicht in einem so großen Ausmaß, wie Sie vielleicht denken, aber sie steht dennoch unter Kontrolle. Die Öffentlichkeit bezieht doch alle ihre Informationen aus den Zeitungen und vom Radio, nicht wahr? Und bitte sagen Sie mir, woher bekommen diese Gruppen ihre Nachrichten, die sie drucken oder über Radio ausstrahlen?

F: Sie haben natürlich Reporter...

M: In der ganzen Welt? In jeder Stadt des Landes?

F: Nein. Die Reporter sind für die Lokalnachrichten zuständig...

M: Ich weiß. Ich spreche von Nachrichten auf nationaler Ebene. Sagen Sie mir bitte, woher diese kommen?

F: Es gibt Nachrichtenagenturen, die Hintergrundinformationen herausgeben...

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M: Genau darum geht es. Die Nachrichtenagenturen übermitteln ihren Abnehmern das Hintergrundmaterial telegraphisch, nicht wahr?

F;Ja"

M: Wieviele Nachrichtenagenturen gibt es, und wo sitzen

sie?

F: Die meisten sind in New York; ich glaube, es gibt etwa zehn große Agenturen, zum Beispiel Associated Press, United Press, Scripps-Howard usw. Viel zuviele, um sie alle zu kontrollieren.

M: Und wenn, aus irgendeinem Grund, die Geschäfte dieser Agenturen schlecht gingen oder sie sich zusammenschlössen, so daß, sagen wir, nur noch drei übrigblieben? Langfristig gesehen nicht unmöglich. Dann müßte man nur noch folgendes tun: ein paar bewaffnete Experten in die Hauptsendestationen schicken, die dann im kritischen Augenblick die richtigen Nachrichten rausbringen. Man braucht keine Zeitungen oder Radiostationen zu untergraben, wenn man die Nachrichten kontrolliert, verstehen Sie?

F: Ein interessanter Gedanke. Und der Rest?

M: Wenn die Anführer des Putsches eine Rechtfertigung für ihre Taten haben, wird die Öffentlichkeit nicht sofort reagieren, und der Prozeß der Gleichschaltung kann beginnen. Natürlich muß es einen gemeinsamen Feind geben, gegen den die neue Regierung rücksichtslos vorgehen kann, um den Menschen, denen sie ja dienen, wieder zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Und es wäre dann ihre Pflicht, einen Weg zu finden, wie die wirtschaftliche Lage verbessert werden könnte, so daß die Löhne etwas angehoben werden und die Unzufrieden verstummen. In unserem Land wurden die Juden als Feind gewählt, in Ihrem Land könnten es die Schwarzen und die Hispanos sein. Ich habe lange Berichte gelesen über die Unruhen von Belle Isle in Detroit im Jahre 1943 und die Aufstände gegen die Mexikaner in Kalifornien. Es kam in beiden Fällen zu zahlreichen Morden. Wie nann-

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ten Sie noch mal das mexikanische Problem? Es war ein blöder Begriff, den ich vergessen habe.

F: Die „Zoot Suit"-Aufstände. Die Mexikaner trugen sogenannte Zoot Kostüme. Sehr lange Mäntel, kurze Hosen und abgeflachte Hüte. Sehr typisch und etwas primitiv.

M: Der Feind ist ausgemacht. Sie griffen also weiße Seeleute in einer Marinebasis an, und es kam zu Unruhen, in deren Verlauf viele Mexikaner getötet bzw. verwundet wurden, nicht wahr?

F: Ja, und die Regierung untersuchte damals sowohl die Probleme der Schwarzen als auch der Mexikaner.

M: Pressezensur etwa?

F: In gewisser Weise ja, aber die Interessen der nationalen Sicherheit...

M: Ein Beispiel, über das Sie nachdenken sollten.

F: Wir mußten an der Heimatfront den Frieden wahren, General,...

M: Und die Notwendigkeit kennt kein Gesetz, das stimmt doch oder etwa nicht? Wollen Sie noch mehr darüber wissen, wie in Ihrem Land ein Putsch durchgeführt werden könnte?

F: Fahren Sie fort. Aber es wäre von Vorteil, wenn Sie die Art und Weise definieren könnten, wie die Kommunisten an die Macht kommen könnten.

M: Sowohl die extreme Rechte wie die extreme Linke sind beide Fleisch vom gleichen Fleische, aber wir können die Putschisten Kommunisten nennen, wenn Sie so wollen.

F: Es würde meinen Vorgesetzen besser gefallen.

M: Wir sprechen über die Durchführung eines Putsches. Ich habe vieles vereinfacht dargestellt, und Ihr Land ist sehr groß und verschiedenartig. Lenin meinte, daß die Farmer der Trockengebiete revoltieren würden oder die Arbeiter in den Automobilfabriken oder den Kohlegruben. Er müßte warten, bis die Hölle zufröre, wenn er sich auf solch schwerfällige Bundesgenossen verlassen würde. Nein, intellektuel-

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le Dummköpfe wie Lenin und Marx sind langfristig gesehen sicher gefährlich, denn sie appellieren an die Schwachsinnigen und geben eine Rechtfertigung für anti-soziales Verhalten, aber Männer wie Trotzki stellen eine größere Gefahr für die unmittelbare Sicherheit des Staates dar. Die Grundlagen einer Revolution oder einer Massenbewegung werden von Männern mit Ideen und Worten gelegt, aber die Umsetzung geschieht durch Männer, die handeln. Und diese sind am gefährlichsten. Nehmt euch vor solchen Männern in acht, und wenn ihr merkt, daß sich ihr Verhalten so entwickelt, wie ich es angedeutet habe, dann sperrt sie als Vorsichtsmaßnahme ein, wie ich es tat, oder tötet sie - wie es euch am besten paßt. Ihr könnt euch unsere Nacht- und Nebelaktionen als Vorbild nehmen, wir schnappten uns die Leute und ließen sie spurlos in einem Lager verschwinden. Niemand hörte je wieder von ihnen. Die Anhänger wurden verunsichert, sie gerieten in Panik. Und man kann immer ausstreuen, daß ihr Anführer die Seiten gewechselt und alle verraten hat. Auch das versetzt die Leute in Panik, und die Panik führt dazu, daß sie zu Ihnen eilen und alles gestehen, um ihre Haut zu retten.

Ich würde mir keine allzu großen Sorgen um die verschiedenen linksgerichteten Verrückten in Ihrem Land machen, die sich dank Roosevelt in der Regierung eingeschlichen haben. Man kann diese Leute sorgfältig überwachen und sich dann mit ihnen befassen, wenn sie mehr tun als vor Studenten zu schwätzen oder vor gleichgesinnten Verrückten. Habt ein Auge auf den Mann der Tat. Und vergeßt nicht, daß der Mann der Worte sehr oft vom revolutionären Weg abgebracht werden kann, indem man ihm Aufmerksamkeit schenkt und ihn lobt. Diese Schlangen saugen Lob auf und werden damit ungefährlich. Zu Beginn schenkte niemand Marx irgendwelche Aufmerksamkeit, da er keinen vernünftigen Eindruck machte. Dies machte ihn noch ärgerlicher, und er prangerte eben jenes System, das ihn wie einen Schar-

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latan und Heuchler behandelte, der er auch war, umso heftiger an.

Ich sollte noch ein weiteres Problem ansprechen, das leicht auftauchen kann. Wenn man eine Geheimpolizei einrichtet, die sich mit diesen Problemen befassen soll, kann es sehr leicht passieren, daß man ihr zuviel Macht zugesteht und ihrer Ehrlichkeit zu sehr vertraut. Die zaristische Geheimpolizei wurde zum Staat im Staate, sie erfand Verschwörungen gegen den Zaren und die Regierung, um mehr Macht zu erlangen. Sie tötete ihre eigenen Leute, um interne Rivalen loszuwerden und um zu beweisen, daß eine Bedrohung wirklich existierte. Ich hielt in der Gestapo immer Ausschau nach solchen Tendenzen, aber ich führte die Geschäfte selbst und erlaubte mir den Luxus solch gefährlicher Praktiken nicht. Der SD dagegen schlitterte in dieses Fahrwasser, und wir mußten sehr wachsam sein, um Arger zu vermeiden. Sie mischten sich in die Außenpolitik, fälschten britische und amerikanische Banknoten, die sie für sich ausgaben... und beschäftigten sich mit allerlei Unternehmungen, die außerhalb ihrer Pflichten lagen.

Wenn Sie die Polizeikräfte verstärken, um sich zu schützen, laufen Sie Gefahr, daß diese schließlich glauben, daß sie das Land besser regieren könnten als die Politiker. Obgleich Stalin die Politik der Sowjetunion fest im Griff hat, wird die Geheimpolizei in dem Augenblick, in dem er stirbt, versuchen, ihren Einfluß zu erweitern und die Erben Stalins davon überzeugen, daß nur die Geheimpolizei sie beschützen kann. Schließlich wird der NKWD Rußland beherrschen und seinen eigenen Interessen dienen und nicht den Interessen des Staates. Und glauben Sie mir, die Korruption wird wachsen und sich ausbreiten.

Demokratie oder nicht, Sie werden in Ihrem Land das gleiche Problem haben, wenn Sie einem Organ, das Sie eigentlich beschützen soll, zuviel Macht geben. Das FBI ist viel stärker geworden, seit es deutsche Spione jagt, die nicht exi-

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stieren, und es ist absehbar, daß es noch stärker wird, wenn es Kommunisten und andere angebliche Staatsfeinde verfolgt. Und Ihr eigener Verein, der im Ausland arbeiten soll, kann dem Staat gefährlich werden, wenn seine Intellektuellen zum Schluß kommen, daß sie mehr von Außenpolitik verstehen als die Staatsführer und wenn sie ihre eigenen Interessen still und heimlich durchzusetzen beginnen.

F: Sie begeben sich auf gefährliches Gebiet, General, und Sie wissen das. Im Augeblick kann ich persönlich diese Art von Eingriff durch unseren Dienst oder durch das FBI auf die Exekutive noch nicht sehen. Ich glaube, Sie haben zu viel Erfahrung mit der etwas abwegigen europäischen Denkweise, und ich würde vorschlagen, daß Sie solche Gedanken außerhalb dieses Zimmers für sich behalten; lesen Sie auch etwas mehr über die zeitgenössische amerikanische Geschichte, damit Sie unsere nationale Psyche besser verstehen lernen.

M: Ich habe mich über dieses Thema schon ausgiebig belesen, und glauben Sie mir, ich weiß viel über Ihr Land. Wie kommen Sie darauf, daß Sie anders sind als wir alle?

F: Nun, zum Beispiel ist unser Land kein Land, von dem Aggressionen ausgehen. Wir fallen nicht in unsere Nachbarstaaten ein und erobern sie; wir verstricken uns auch nicht aus nationalistischen Erwägungen heraus in eine endlose Reihe von Kriegen.

M: Na hören Sie mal, behandeln Sie mich nicht wie einen jungen Studenten. Sie wissen sehr wohl um die Aggressionen, die von den Vereinigten Staaten allein in diesem Jahrhundert ausgingen. Ich nenne nur einige Beispiele, und Sie sagen mir, ob ich recht habe. Wir könnten uns über den Krieg mit Spanien unterhalten, denn dieser trug sich kurz vor der Jahrhundertwende zu. Warum nicht? Sie führten mit Spanien Krieg, nutzten den Vorwand eines in ihren Gewässern versenkten Schlachtschiffes, ergriffen Besitz von Kuba und Puerto Rico, griffen in Manila eine spanische Flotte an, die vom Krieg über-

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haupt nichts wußte und metzelten sie nieder, entsandten Truppen nach Nicaragua und Haiti, attackierten Mexiko, sowohl jenseits Ihrer Grenzen als auch in Vera Cruz, schickten Truppen nach China und plünderten die Verbotene Stadt, schickten 1919 Truppen nach Rußland, ergriffen Besitz vom Königreich Haiti, entrissen Griechenland und Island der legitimen Regierung von Dänemark; Roosevelt und Churchill hatten im letzten Krieg vor, in das neutrale Irland einzufallen und dort Militärbasen zu errichten. Ganz besonders Churchill war dafür, denn er verabscheute die Iren und suchte nach einer Gelegenheit, mehr von ihnen umzubringen. Der einzige Grund, warum es nicht so weit kam, ist, daß Roosevelt bei seinen Plänen für eine Wiederwahl die Stimmen der Iren in Amerika ins Kalkül ziehen mußte.

Es gibt noch weitere Fakten, die ich anführen könnte, sie alle stammen aus Ihren Geschichtsbüchern und sind, mit Ausnahme der Irlandinvasion, wohlbekannt. Wollen Sie sich nun mit mir anlegen?

F: Dies ist eine Frage der Interpretation, General. Die Ursachen für unseren Krieg mit Spanien sind sehr komplexer Natur, und unsere Besetzung Haitis und anderer lateinamerikanischer Staaten geschah nur, um eine stabile, demokratische Regierung zu gewährleisten.

M: Ah, das sind genau die gleichen Gründe, die auch Hitler und Ribbentrop für die Invasion in Jugoslawien, Griechenland, Kreta und die Unterstützung einer nationalistischen Rebellion im Irak anführten. Die gleichen Gründe, ohne Zweifel. Wir sind im Unrecht und Sie im Recht, einzig weil wir den Krieg verloren und Sie ihn gewonnen haben. Stalins Gründe für den Griff nach Polen, den baltischen Staaten, Ungarn und Rumänien sind genau die gleichen, in jeder Hinsicht. Dies ist natürlich keine Rechtfertigung, aber wer in einer Situation wie wir ist, sollte lieber nicht mit Schmutz aufeinander werfen, sonst werden wir beide dreckig. Oder etwa nicht?

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F: Sie sollten mit Leuten, die sich Ihrer Dienste bedienen wollen, nicht so reden. Ich schlage vor, Sie gehen vom Grundgedanken aus, daß Sie kein Nazi, sondern ein katholischer Konservativer sind, der uns seine Kenntnisse im Kampf gegen den Kommunismus zur Verfügung stellt.

M: Ich bin natürlich kein Dummkopf. Unser Gespräch bleibt unter uns; ich weiß sehr wohl, daß ich meinen Hut nehmen könnte und als Idiot oder Idealist gelten würde, -was sich ja gleich bleibt -, wenn ich öffentlich so reden würde. Ich weiß, was ich zu sagen habe, genauso wie Sie auch. Natürlich sind meine Bemerkungen rein privater Natur. Wollen wir uns nun weiter über den Putsch unterhalten?

F: Ja, dieses Thema ist von großem Interesse. Während wir uns unterhielten, habe ich mir einige Notizen gemacht; vielleicht könnten Sie mir einen persönlichen Abriß über die technische Durchführung eines solchen Futsches geben. Mich würde ganz besonders der technische Ablauf eines solchen Planes interessieren, viel mehr als die Gründe dafür oder den politischen Hintergrund jener, die eine solche Operation durchführen oder ihre Motive dafür.

M: Ich werde mich auf die Taktik konzentrieren und nicht die Strategie. Darum geht es Ihnen doch zweifellos. Ihre Vorgesetzten werden dies wohl zu den Akten legen wollen, um in Zukunft darauf zurückgreifen zu können, wenn ich mich nicht täusche. Ideologie hat damit nichts zu tun, zumindest sehe ich es so. Aber bitte halten Sie mir keinen Vortrag darüber, daß ein Putsch in Ihrem Land nicht eines Tages vonnöten sein könnte. Wir können auf der Grundlage von Vergangenheit und Gegenwart kluge Vermutungen über die Zukunft anstellen, aber nur Gott allein kennt die Zukunft. Ich werde also für Sie alles von einem taktischen Gesichtspunkt aus betrachten.

F: Auch um Ihretwillen. Einverstanden?

M: Aber ja doch.

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F: Es gibt noch einen weiteren Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte. Ich meine die Frage von Waffen in den Händen von Privatpersonen. War das in Deutschland erlaubt?

M: Ja, aber es gab zahlreiche Einschränkungen für den Waffenbesitz, und die Waffen mußten bei der örtlichen Polizei registriert werden. In Deutschland gab es kaum Verbrechen unter Anwendung von Waffen, mit Ausnahme der kommunistischen Aufstände nach dem Krieg.

F: Wie stehen Sie zur Frage, jegliche Waffen im Privatbesitz zu verbieten?

M: Wir hatten keine Probleme damit, eben weil wir sie unter Kontrolle hatten. Gibt es in Ihrem Land ein derartiges Problem?

F: Im Augenblick nicht, es gab aber Bestrebungen, den Waffenbesitz strenger zu kontrollieren. Im Augeblick werden die Gesetze recht locker gehandhabt. Glauben Sie, daß eine bewaffnete Öffentlichkeit gefährlich werden könnte?

M: Das ist doch ganz klar. Nach meiner Meinung liegt die Gefahr nicht so sehr in den Waffen selbst als in der Einstellung ihrer Besitzer. Beziehen Sie sich auf Kriminelle oder politische Gruppen? Man sollte auf keinen Fall zulassen, daß kommunistische Fanatiker sich bewaffnen können; es ist jedoch eine andere Sache, wenn ein Mann gerne jagen geht, oder wenn jemand eine Waffe im Haus haben will, um sich - oder seine Familie - vor Kriminellen zu schützen. Wenn die Polizei jedoch gut funktioniert, dann müssen ehrliche Bürger nicht zur Selbstverteidigung greifen. Ihr Amerikaner habt doch eine Geschichte voller Gewalt und regierungsfeindlicher Aktionen. Ich meine Revolutionen, Bürgerkriege, gewalttätige Ausschreitungen usw.

F: Nun, kurz vor den Sezessionskriegen hatten wir bewaffnete Milizen in den Kolonien. Es handelte sich dabei meist um die Bewohner abgelegener Gebiete, die sich zusammen taten, um sich gegen die Indianer zu wehren. Sie

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waren bewaffnet und an Disziplin gewöhnt. Während des Krieges wurden die meisten dieser Gruppen in die Armee integriert.

M: Wir hatten auch solche Gruppen in Deutschland. Ich glaube, daß ihre Gefahr mehr in ihrem Mangel an richtiger Ausbildung lag, als in einer eventuellen Bedrohung für die Regierung. Die meisten dieser kleinen Farmer und Geschäftsleute standen doch eher auf Seiten der Regierung und waren im Grundcharakter konservativ, oder nicht?

F: Damals ja. Natürlich hat sich unser Land zwischenzeitlich gefestigt; es ist urbanisiert, aber man findet trotzdem noch einige wenige streitbare Farmer draußen auf dem Land.

M: Und Sie wollen diese entwaffnen? Das wäre nicht sehr klug. Ihr Nationalcharakter ist Revolutionen nicht abgeneigt, die Farmer würden zurückschlagen.

F: Darum geht es eigentlich nicht. Aber durch Sie sehe ich die Sache etwas anders.

M: Solange solche Leute potentielle Anhänger der Regierung sind und solange sie willens sind, diese physisch zu unterstützen und im Kriegsfall bzw. bei Unruhen zumindest eine halbwegs ausgebildete Mannschaft aufstellen können, sollte man ihnen keine Steine in den Weg legen und ihnen von offizieller Seite helfen. Diese Leute erwiesen sich in der Vergangenheit bei uns immer als nützlich. Staatsbürger, die sich aktiv für die Verteidigung ihres Vaterlandes einsetzen, sollte man unterstützen ... und kontrollieren.

F: Dies birgt jedoch eine Gefahr in sich.

M: Welche? Kriminelle muß man natürlich unter Kontrolle halten und ihnen zeigen, daß ihr Verhalten nicht geduldet wird. Als Hitler 1933 an die Macht kam, war in Deutschland das Verbrechen außer Kontrolle. Schwerverbrechen wie Raub, Mord, Vergewaltigung usw. waren an der Tagesordnung. Als erstes errichtete Hitler Lager, um diese verderbten Verbrecher umzuerziehen; die Lager wurden dann später mit Berufskriminellen aufgefüllt. Ein oder zwei

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Jahre im Steinbruch oder beim Trockenlegen von Sümpfen hatte auf die meisten einen fabelhaften Einfluß. Bei einem Rückfall standen ihnen vier oder mehr Jahre bevor. Ich stehe hinter solchen Maßnahmen, denn ich kann Ihnen nur sagen, daß es im Dritten Reich kaum Verbrechen gab, da jeder wußte, wie wir mit unsozialen Elementen umgingen. Natürlich würden Ihre Liberalen sich furchtbar aufregen, wenn Sie in Ihrem Land etwas ähnliches machen wollten. Wollten Sie Freiwillige ausheben, um gegen Kriminelle vorzugehen? Das wäre ein schlechter Gedanke. Überlassen Sie diese Dinge der Polizei. Wenn die Polizei nicht in der Lage ist, effektiv mit Kriminellen umzugehen, steht es schlecht um Ihr Land. Dann kann man auch Bürgerwehren einsetzen.

F: Wir nennen sie Milizen.

M: Wir hatten den Ausdruck auch. Das Grundkonzept ist in Ordnung - aber nur in Notzeiten. Eine gesunde Gesellschaft benötigt solche Einheiten nicht, aber in unruhigen Zeiten würden sich viele Bürger durch den Mangel an Schutz durch die Regierung bedroht fühlen und ohne Zweifel solche Einheiten bilden. Wenn es sich dabei um eine linksgerichtete Regierung handelt, würden sie solche Privatarmeen sehr fürchten, da eine große Bedrohung von ihnen ausgeht. Solche Freizeitsoldaten müßten dann natürlich aufgelöst und entwaffnet werden, damit sie nicht zum Ausgangspunkt einer Rebellion werden könnten. Wenn die Zentralregierung in Berlin von den Freikorps und verschiedenen örtlichen Milizen 1918 im Kampf gegen die versuchte kommunistische Machtübernahme keine Unterstützung bekommen hätte, wäre das ganze Land schließlich unter die Kontrolle von Moskau gekommen. Ich würde sagen, daß der Knackpunkt die Frage der Loyalität dieser Gruppen zur Regierung ist. Eine stabile, konservative Regierung würde ganz selbstverständlich von solchen Gruppen unterstützt werden, aber eine repressive, radikale nationalistische Führung würde

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letztendlich selbst zum Ziel werden und diese Gruppen sofort zu entwaffnen suchen.

F: Letztendlich hängt also alles davon ab, wer die Oberhand hat.

M: Ich habe einige Arbeiten zum Volkssturm, die ich Ihren Leuten zur Lektüre überlassen kann.

F: Das wird gerne angenommen. Wir haben den Faden etwas verloren. Sie wollten doch über Taktik sprechen.

M: Ja, Sie interessierten sich für das Thema Machtergreifung, oder etwa nicht? Natürlich, rein theoretisch.

F: Selbstverständlich.

Kommentar:

Historische Ereignisse gleichen einem Kaleidoskop für Kinder. Man kann die Formen und Farben der Glasstückchen im Spielzeug genau beschreiben, wenn die Spiegel dann aber in die richtige Position gebracht werden, kann niemand mehr voraussagen, welche Figuren beim Rotieren erscheinen. Die Historiker können die Faktoren und Kräfte definieren, die Veränderungen hervorrufen. Sie können aber nie genau voraussagen, wann oder wie sie zusammenwirken oder welche Konsequenzen sie haben werden.

Putsch und Machtergreifung gehören zur Geschichte, seit sich der Mensch gesellschaftlich organisiert hat. Jene, die wissen, was sie wollen, greifen die Selbstzufriedenen an, manchmal mit Erfolg, aber genauso oft auch vergebens. Was sich im instabilen und zerrütteten zaristischen Rußland erfolgreich durchsetzte, muß in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit noch lange nicht ebenso erfolgreich sein. Müller weist zurecht darauf hin, daß der fanatische Aktivist Trotzki viel gefährlicher war als der intellektuelle Aktivist Lenin. Aktivisten wie Trotzki führen einen Putsch aus, während solche wie Lenin darüber endlos diskutieren.

Das Interesse, das der Vernehmungsbeamte am Wissen des ehemaligen Gestapo-Chefs über die Taktik eines Staatsstrei-

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ches bekundete, kann in reiner Neugier begründet sein. Es könnte aber ebenso ein Indiz dafür sein, daß die praktische Kenntnis der Technik einer Machtübernahme für einzelne Mitglieder der Regierung von Interesse war.

Im Jahre 1948 gab es keinen Grund, warum irgendein Mitglied der amerikanischen Geheimdienste ein Interesse an einem Staatsstreich gegen die Regierung des Demokraten Harry Truman haben konnte. Ein solcher Plan wäre vielleicht in der Roosevelt Ära überlegenswert gewesen, aber diese Zeit war vorbei, und die Vereinigten Staaten rüsteten sich für den wirtschaftlichen Kampf gegen die Sowjetunion.

Es war wohl eher intellektuelle Neugier, daß das Thema überhaupt aufkam. Aber die langanhaltende Diskussion über die Frage, ob Zivilisten Waffen tragen sollten, ist viel interessanter. Die Vorstellung einer bewaffneten Bürgerwehr in den Vereinigten Staaten geht zurück auf die Milizen in den ländlichen Gebieten zu Zeiten der Kolonisierung, als die Bewohner der kleinen Ansiedlungen - nicht so sehr die städtischen Gebiete oder die Garnisonen - ihre Familien, ihren Besitz und sich selbst gegen die Angriffe feindlicher Indianer wehren mußten. Diese Milizen nahmen an Stärke zu, und für sie wurden schließlich die Briten zum eigentlichen Feind.

Die Tatsache, daß die erste Regierung der Vereinigten Staaten den Bürger als Soldaten oder als Mitglied einer Bürgerwehr als wesentlichen Teil der Verteidigung betrachtete, zeigt sich in der Verfassung, wo dieses Thema gesondert ausgewiesen ist.

Obgleich Müller mehr abstrakt über die feindselige Haltung einer Regierung sprach, die von öffentlicher Kontrolle abhängig ist und den Gefahren, die von bewaffneten Bürgern ausgehen, so ändern sich die Zeiten und oft wird das, was vor fünfzig Jahren ein abstraktes Gedankenspiel war, plötzlich Wirklichkeit.

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In den Tischgesprächen sagte Hitler einmal, der Zweck der Polizei liege darin, den Bürger zu schützen und nicht ihn einzuschüchtern. Müllers Bemerkungen über die Gefahr, die entsteht, wenn die Polizei ihre Schutzbefohlenen nicht mehr beschützen kann, haben für jeden erkennbar auch fünfzig Jahre, nachdem er sie machte, noch immer ihre Berechtigung.

In Zeiten relativer Stabilität kommt es nicht zu einem Putsch oder zu Aufständen. Erst wenn die große Masse der Mittelklasse plötzlich merkt, daß sie selbst und ihre Institutionen angegriffen und nicht verteidigt werden, erst dann kommt der Gedanke der Selbstverteidigung auf. In einer Gesellschaft gibt es keine gewalttätigen Umbrüche ohne Vorzeichen. Bevor ein Vulkan ausbricht, gibt es fast immer drohende Vorzeichen einer bevorstehenden Katastrophe. Und sehr oft werden diese Vorzeichen, selbst wenn sie noch so offensichtlich sind, aus Furcht vor radikalen Veränderungen ignoriert, einer Furcht, die die Selbstzufriedenen in der Geschichte immer wieder gezeigt haben.

Trotzki hat diese Furcht vor Veränderungen sehr klar erkannt und sie sich zunutze gemacht, als er in Rußland die Macht ergriff. Bis die Öffentlichkeit gemerkt hatte, was passiert war, war es für Gegenreaktionen fast schon zu spät. Und bis die Öffentlichkeit, deren Mitglieder doch meist nur an ihrem Überleben und den täglichen Bedürfnissen interessiert waren, an Gegenreaktionen dachte, waren die Militanten schon am Drücker, und ihre Macht wuchs von Tag zu Tag.

Eine konservative Regierung kann schwerfällig sein, aber sie strebt im allgemeinen nur in dem Maße nach Kontrolle über die Bürger, wie es zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung notwendig ist. Eine radikale Regierung dagegen kann ihrer Macht nur sicher sein, wenn sie das Volk allumfassend kontrolliert. Die Verfügungsgewalt über Waffen muß das erste Ziel einer solchen Regierung sein; damit

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einher geht die Diskreditierung und letztliche Zerstörung jeder Institution, die sich dagegen wehren könnte. Das erste Ziel wären religiöse Gruppen, die die Ziele oder Mittel der Regierung aus moralischen, das heißt aus religiösen Gründen ablehnten. Das zweite Ziel wäre jede Organisation, die sich eventuell wehren könnte.

In einer Monarchie hat das Volk keinen Einfluß auf die Nachfolge. Ein guter König, der nur kurz regiert, kann von einem schlechten abgelöst werden, der sehr lange an der Macht ist. In einer Republik können Mißwirtschaft und Verlogenheit am Wahltag korrigiert werden. Wenn dieses Sicherheitsventil geschlossen wird, muß es zur Explosion kommen.

Müllers Anmerkungen über die Bedeutung der Presse oder der Medien als Mittel zur Kontrolle der Öffentlichkeit sind voll gültig.

Derjenige, der den Willen und auch die Fähigkeit dazu hat, kann die Presse leicht kontrollieren.

Regierungen können auf fast jeden Bereich der Medien großen Einfluß ausüben, da sie die Macht haben, Senderechte zu vergeben, und sie regulieren den Zugang zu offiziellen Nachrichten. Durch die de facto Kontrolle der Nachrichten kann eine Regierung, die totale Kontrolle ausüben will, ihre Ziele relativ leicht umsetzen, vorausgesetzt die Zuhörer sind passiv und empfänglich.

Gefälschte Umfragen und regierungsfreundliche Berichterstattung mögen auf eine Öffentlichkeit, die keine andere Informationsmöglichkeit hatte, einen großen Einfluß ausgeübt haben. Mit dem Aufkommen von alternativen Informationsquellen wie Computer, Telefax und Kopierer wird es für die Propaganda schwieriger, ihre Kontrolle auszuüben, und Kontrolle mittels Propaganda ist ebenfalls erschwert.

Die Vorstellung zivilen Ungehorsams ist ein Greuel für verwurzelte Systeme, wie wir sie bei urbanen, stabilen Ge-

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Seilschaften in den Führungsstrukuren von Politik und Wirtschaft finden. Ihre Angehörigen gehören dem Orden der Heiligen Präjudiz an, denn ihr Wahlspruch lautet: Schaut zurück, und ihre Parole heißt: Es kann nicht sein, was nicht schon war.

Trotzki und seinesgleichen wissen solche Blindheit sehr wohl auszunutzen.

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