Kunstschätze als Handelsobjekte

Während des Zweiten Weltkrieges, so wird den Deutschen vorgeworfen, sollen sie sich systematisch alle Kunstschätze angeeignet haben, derer sie habhaft werden konnten. Länder wie Frankreich, Belgien, Holland, Polen, die Sowjetunion und später auch Italien wurden angeblich ausgeplündert; Gemälde, Skulpturen, Gobelins, Silber, Möbel, Münzen, seltene Waffen und Rüstungen, Schnitzereien, Drucke und alles, was irgendeinen künstlerischen Wert hatte, verschwand. Die besten Stücke gingen angeblich an Hitler; sie sollten später in einem riesigen Museumskomplex ausgestellt werden, der in der Stadt seiner Kindheit, Linz, auf ehemals österreichischem Boden, errichtet werden sollte. Dieses Projekt lief unter dem Namen „Sonderauftrag Linz". An seiner Spitze stand ein Dr. Hermann Posse, der früher an der Staatsgalerie in Dresden gearbeitet hatte.

Nach Kriegsende gab es zwischen den Kunstexperten der Alliierten und anderen Personen, die nicht aus altruistischen Motiven handelten, große Meinungsverschiedenheiten darüber, wie man diese Kunstschätze auffinden und sie - so zumindest die offizielle Kommission - ihren ursprünglichen Eigentümern zurückgeben sollte.

Ein Großteil dieses gewaltigen Schatzes wurde wiedergefunden, aber zahlreiche Stücke verschwanden spurlos und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Zumindest einige der verschwundenen Stücke spielten im Kalten Krieg eine wichtige Rolle.

F: Das Problem ist doch, General, daß sich manche Stücke nur schwer veräußern lassen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

M: Aber ja doch. Sie sind eine Vermögensanlage, oder nicht?

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F: Ja, natürlich, aber manchmal muß man die Rücklagen angreifen und in bares umwandeln. Aber wie macht man das mit Objekten, die sehr leicht zu erkennen sind?

M: Ich dachte, Sie seien ein Kunstliebhaber. Warum stellen Sie mir so dumme Fragen? Es gibt reiche Sammler, die alles kaufen werden, nur um es zu besitzen; sie bewahren ihre Besitztümer so gut versteckt auf, daß nur sie diese betrachten können. Irgendwo hinter einer Täfelung oder in einem Geheimraum.

F: Man kann aber nicht einfach rumgehen und die Dinge offen anbieten.

M: Sie können das vielleicht nicht, aber ich kann es.

F: Da bin ich mir sicher.

M: Vielleicht. Ich bin ein Sammler von Stücken, die nirgendwo ausgestellt werden, was Sie sehr wohl wissen. Wollen Sie mich ein bißchen ärgern?

F: Aber weit gefehlt. Nur ein paar Erkundigungen über Beziehungen auf diesem Gebiet.

M: Ich dachte schon, Sie würden wieder moralische Werturteile abgeben.

F: Ich versuche, das zu vermeiden.

M: Keine schlechte Idee. Trotzdem, wir haben voneinander profitiert, oder nicht? Gestern habe ich in der Zeitung einen Artikel gelesen über einen gewissen prominenten Schweizer, der auf einer Wandertour verschwunden ist. Eine schreckliche Tragödie für die Betroffenen. Man wird wochenlang die Seen mit Schleppnetzen absuchen und in den Schluchten forschen. Verschafft den Leuten Arbeit, es muß also einen Sinn haben. Soweit ich mich erinnere, habe ich doch Ihnen gegenüber den Namen vor einigen Wochen erwähnt?

F: Ich kann mich nicht daran erinnern.

M: Vielleicht irre ich mich auch. Trotzdem, Moskau wird Trauer tragen, glauben Sie mir. Eine ihrer besten Quellen ging im Wald spazieren.

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F: In diesem Fall haben Sie wohl recht. Ich habe eine Frage. Wenn Sie gewußt haben, wer er war, und was er tat, warum hat ihn dann nicht einer Ihrer Leute besucht?

M: Er wußte nicht, daß ich hier bin, und er hat nicht mich ausspioniert sondern Sie. Einige Agenten der Sowjets sind hier in den letzten Jahren verschwunden, und ich würde lügen, wenn ich dies bedauerte.

F: Wieviel meinen Sie mit „einige"?

M: Dutzende. Mehrere Dutzend vielleicht. Das Alter, zu gutes Essen, zuviel Sport, Nasenprobleme. Das kann tödlich sein. Ich kann in Ihrem Gesicht lesen, daß Sie lieber über etwas anderes reden wollen. Kunst.

F: Ja. Beziehungen sind immer wichtig. Der Verkauf gewisser Anlagen...

M: Das könnte schwierig werden, besonders, wenn man sie nicht bis zu Ihnen zurückverfolgen darf.

F: Sie haben einige wirklich schöne Stücke, ich muß schon sagen... .

M: Aber ja. Ich habe im Laufe der Zeit die Kunst schätzen gelernt, besonders als mir klar wurde, daß sie leicht zu transportieren und zu verkaufen ist. Sie stellt eine Investition in meine Gegenwart und auch in meine Zukunft dar. Banken sind zwar auch passabel, aber Kunst ist schöner. Sie waren in das Linz Projekt involviert, oder etwa nicht? Da müssen Sie einige schöne Dinge gesehen haben. Es gab damals sehr viele davon.

F: Zu viele.

M: Haben Sie aus Ihrer Zeit im Dienst einige Erinnerungsstücke behalten?

F. General, ich muß...

M: Nein, bestimmt nicht. Sie waren natürlich auf seiten der Engel. Aber welch eine Versuchung für einen Mann mit Geschmack und ohne Geld. Wie Sie wissen, komme ich aus keiner reichen Familie. Mein Vater hätte einen Spitzweg gewollt, höchstens...

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F: Scheußliches Zeug. In den Staaten gibt es einen Maler namens Rockwell, der diese Art Kunst produziert. Sieht auf der Titelseite der „Post" ganz gut aus, wäre aber nichts für mich.

M: Hitler liebte diese Sachen. Wer sein Herz schnell gewinnen wollte, mußte ihm nur einen Spitzweg schenken. Damals wurden sie überall gefälscht. Nein, ich glaube nicht, daß ich mich für diese Stilrichtung begeistern könnte.

F: Das kann ich mir denken.

M: Und wenn ich mal Ihr wunderbares Land besuchen komme, will ich einige meiner besten Stücke mitbringen. Mehr zu meiner Gesellschaft als für sonst was. Ich habe die Behälter für zwei besondere Stücke anfertigen lassen. Die Münzen kann ich in einem Koffer transportieren.

F: Ich kann mir vorstellen, welche zwei Sie wollen.

M: Teilen Sie meine Meinung?

F: Ist auch der Bellini dabei?

M: Nein. Ich werde das heilige Bild hier lassen und das profane mitnehmen.

F: Den Signorelli? Der wäre meine erste Wahl.

M: Ja, zumindest in der Kunst sind wir einer Meinung... und bei den Komponisten.

F: Warum nennen Sie es das profane?

M: Beim Bellini handelt es sich um eine Madonna, während es bei Signorelli um die Darstellung des heidnischen Pan geht. Ein Scherz. Wenn ich damals, als ich in Rom war, gewußt hätte, was ich heute weiß, dann wäre ich zum Orviete gefahren, um mir die Signorelli-Fresken anzuschauen. Das bedauere ich wirklich, daß ich es nicht getan habe.

F: Das spricht für Sie General. Ich habe sie gesehen, und sie sind wirklich überwältigend, aber der Pan ist bei weitem das beste. Seine früheste Schaffensperiode.

M: Das sei dahingestellt. Aber ich bin Ihrer Meinung, daß es sich um eines seiner ersten Werke handelt. Daher hängt

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es auch in meinem Schlafzimmer, wo ich es sehen kann, bevor ich einschlafe und als erstes, wenn ich aufwache.

F: Ich beneide Sie.

M: Tun Sie das nicht. Ich hatte einfach Glück, daß ich im richtigen Augenblick in Berlin war und einen Freund hatte, der mich um einen großen Gefallen bat. Die Bezahlung war hervorragend, nicht wahr? Sie kennen natürlich das andere Bild.

F: Der Raffael.

M: Ja. Warum auch nicht? Es ist ein herrliches Bild und seine Geschichte so vielschichtig. Aus der Sammlung Czar-toryski ging das Bild zu Frank, dann nach Berlin, dann zurück nach Polen, schließlich zurück nach Deutschland und in meine Hände. Zu schade, daß ich nicht auch noch den Leonardo mitnehmen konnte. Das war wirklich ein überwältigendes Bild. Mein Kollege nannte es „Dame mit Ratte", aber vergessen Sie's. Ich mußte mich mit dem Raffael zufrieden geben. Für einen armen bayerischen Polizisten habe ich mich ganz gut gehalten.

F: Angeberei ist beleidigend...

M: Besonders, wenn man sich wünscht, man hätte genauso gut abgeschnitten. Doch zurück zum Geschäft. Ich habe es so verstanden, daß Ihre Leute nach einem sicheren Platz für gewisse Kunstgegenstände suchen. Sie wollen den Profit einstreichen; aber den Arger bzw. die Gefahr, die entstehen könnte, falls die Objekte zu einem amerikanischen Nachrichtendienst zurückverfolgt werden könnten, wollen Sie vermeiden. Sie müßten allerlei Kunsthändler, ihre Freundinnen oder Geliebten, Zwischenhändler usw. loswerden. Ich kann Ihnen helfen, wenn Sie es wollen, aber das kostet etwas.

F: Wie soll die Abmachung aussehen?

M: Halbe, halbe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich stehe für die sichere Abwicklung gerade und garantiere den höchsten Preis. Ist das annehmbar? Vielleicht könnten wir noch ein paar Geschäftchen machen.

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F: Den Signorelli?

M: Nein, auch nicht den Raphael. Ich könnte Ihnen die Bernsteintäfelung von Mon Bijou besorgen, über die wir gesprochen hatten. Es fiel mir plötzlich ein, wo sie sein könnte.

F: In Deutschland? Zuletzt soll man sie in Königsberg gesehen haben...

M: Berlin. Dann im Raum München und jetzt hier. Ich dachte daran, sie hier anbringen zu lassen, aber ich glaube, das war kein guter Gedanke. Übrigens habe ich die Möbel nicht, und ein Zimmer nur mit Täfelung, aber ohne Möbel sähe nicht gut aus. Es gibt hier in der Schweiz einen Sammler, der alles kaufen würde. Drei Stücke würde ich gerne für meine eigene Sammlung behalten, und Ihre Leute bekommen den Rest gegen schweizer Goldfranken. Ich werde Ihnen einen guten Preis machen. Ich wäre sogar bereit auf 25 Prozent Profit runterzugehen, wenn Ihre Leute mir den Dürer aus der Berghof-Sammlung überlassen würden. Schütteln Sie doch nicht den Kopf... ich weiß doch, daß Sie ihn haben. Sie könnten ihn sowieso nicht verkaufen, und ich hätte ihn gerne. Überlassen Sie ihn mir, dazu drei Stücke der Täfelung nach Wahl, und ich garantiere, daß Sie sich Millionen in die Tasche stecken können. Ist das nicht fair?

F: Ja, Sie könnten sich uns gegenüber wirklich dankbar zeigen und auf den Dürer verzichten.

M: Es war in erster Linie Dankbarkeit, die mich veranlaß-te, Ihnen diesen riesigen Profit in Gold zuzuschanzen. Ich weiß, daß Sie Handlungsvollmacht haben, und ich schlage Ihnen einen einfachen Handel vor. Wenn Sie einverstanden sind, dann bringen Sie mir den Dürer, und innerhalb von 24 Stunden haben Sie das Geld in bar... in Gold. Sie müssen nie erfahren, wer der Käufer ist.

F: Ich denke, wir können uns einigen. Zwei Zeichnungen von Leonardo sind auch noch da.

M: Bringen Sie mir die Bilder. Sie kennen doch den Ablauf.

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F: Vielleicht sind Sie an ihnen interessiert.

M: Vier gerahmte Gemälde von Renoir, ein Monet und ein ziemlich guter Fragonard plus eine kleine Goldarbeit von Cellini. Die künstlerische Arbeit ist ausgezeichnet, aber nicht reizvoll.

F: Der Leonardo ist schließlich unbezahlbar! Sie wollen einen Renoir dafür? Unsinn!

M: Der Cellini ist soviel wert wie die Zeichnungen. Ich sammle Drucke, und vielleicht können mich die Zeichnungen über den Verlust der Stücke von Frank hinwegtrösten. Ich lasse es mir heute Nacht durch den Kopf gehen, wir können dann später darüber reden.

F: Was die Gemälde betrifft, so können wir, glaube ich, sofort einig werden.

M: Sie haben wohl ein Problem mit Ihrem Jahresbudget?

F: Nachrichtendienste haben es schwer, ihre Ausgaben zu rechtfertigen...

M: Sie brauchen mir darüber nichts zu erzählen. Wir hatten manchmal ähnliche Probleme. Die Ehefrau von einem Ihrer Vorgesetzten ist eine bekannte Pianistin. Ich habe einige Originalpartituren von Chopin. Sie sind ein Geschenk von mir für ihn.

F: Das wäre gewiß hilfreich.

M: Und hören Sie damit auf, nach dem Malachitkästchen des Zaren zu schielen. Ich mag Sie ganz gerne, der Brocken ist aber zu groß für Sie. Ein schöner Smaragdring, ein Geschenk des Zaren an einen deutschen Prinzen... ein Verwandter seiner Frau. Sie war Deutsche, wissen Sie...

F: Hessen.

M: Prinz Phillip von Hessen kam ms Konzentrationslager, da er Informationen an die Briten weitergegeben hatte. Er wird den Ring nicht vermissen. Ein Geschenk für Sie.

F: Nach meiner Erfahrung sind die Bayern hervorragende Gastgeber.

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M: Als ich noch in Amt und Würden war, hätte ich mir nie träumen lassen, daß ich je so etwas tun würde. Ich gebe aber zu, daß ich gegen Kriegsende alles daran setzte, meine eigenen finanziellen Verhältnisse abzusichern, falls ich überleben sollte, und so führte eines zum anderen. Aus einem armen, schwer arbeitenden bayerischen Polizeibeamten ist allmählich ein Kunsthändler geworden.

F: Sie haben jedenfalls genug Geld konfisziert. Warum haben Sie sich eigentlich mit der Kunst eingelassen?

M: Ganz einfach, ich mochte sie immer mehr. Ich war immer ein sehr bedachter Mensch, der genau wissen will, was er tut und der Fehler vermeidet. So begann ich den Markt zu studieren, und wenn man dies richtig tun will, muß man mehr über den Handel wissen. Ich fand heraus, daß es viel lohnender ist, echte Kunstwerke zu besitzen als ihre Fotos in Büchern anzuschauen. Ich genieße meine kleine Sammlung, und da ich heute nicht mehr so hart arbeiten muß wie früher, wird dies zu einer Beschäftigung. Ich gehe davon aus, daß durch die Arbeit für Ihren Dienst meine Zeit als Sammler beschnitten sein wird, aber das heißt nicht mein Interesse.

F: Sie haben Zugang zu ziemlich vielen wertvollen Kunstwerken, die nicht besonders bekannt sind. Ich meine, im Gegensatz zur „Dame mit Hermelin" sind viel kleinere, aber nicht weniger wertvolle Werke entweder durch Ihre Hände gegangen, oder sie sind noch in Ihrem Besitz. In Banktresoren oder wo Sie sie auch versteckt haben. Man hat mich gebeten, Sie zu fragen, ob nicht aus professionellen Gründen einige kleinere, aber wertvolle Stücke uns zugänglich gemacht werden sollten.

M: Erwarten Sie, daß daraus Geschenke werden, oder was bieten Sie als Gegenleistung?

F: Wir haben einiges, das sozusagen durch den Rost fiel, und ich glaube nicht, daß es uns gelegen käme, wenn dies jemand herausfände. Wir könnten einige Teile der heißen

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Ware gegen Stücke austauschen, die weniger problematisch sind, wenn Sie verstehen, was ich meine.

M: Aber natürlich. Ich weiß, daß zur Linz-Sammlung sehr viele kleinere Werke gehörten. Rupprecht war so nett, mir einige Kisten davon zukommen zu lassen, zumindest soweit es im Bereich des möglichen war. Sie haben einige Waffen und Rüstungen in der Halle gesehen, und ich kann Ihnen versichern, daß Rupprecht zu den besten seines Berufes gehörte. Bei anderen Stücken ging er einfach nach Inventarlisten vor.

F: Wie bei der Münzsammlung.

M: Ja. Die Rothschilds werden sie kaum vermissen, und es ist ausgeschlossen, daß sie zurückverfolgt werden können. Wenn ich in ein paar Jahren soweit bin, werde ich sie zur Auktion freigeben, genauso wie ich es mit anderen Werken mache, die sicher sind. Wenn ich Ihre 50.000 US-Dollars pro Jahr nehme, sie über Auktionshäuser verdreifache und die Zinsen meiner anderen Investitionen hinzufüge, dann verdiene ich pro Jahr mehr als Ihr Präsident. Es ist zu schade, daß ich nicht an Globocniks Schatz herankam, aber es gibt zuviele Rivalen.

F: Leider kommen wir auch nicht ran. Die Briten graben wie wild rund um den Weißensee, sie haben aber noch nichts gefunden.

M: Sie haben meine Sympathie. An welchen Gegenständen wären Sie interessiert?

F: Kleine Stücke, am liebsten Goldarbeiten. Es gelang uns, einiges vom Reichsbankgold abzuzweigen, aber das Schmuggeln in die Vereinigten Staaten war verdammt schwer. Ich werde Ihnen später mal davon erzählen. Das Gold muß geschmolzen werden, dann folgt die Läuterung, verschiedene Metalle werden hinzugefügt, um so die Zusammensetzung zu verändern, damit eine spätere Analyse seinen Ursprung nicht erraten kann.

M: Sie können mir glauben, daß ich derartige Schwierigkeiten kenne. Ich kann Ihnen eine interessante Geschichte

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über das Vichy-Gold erzählen und was daraus wurde. Ich flog es in einer Tante Ju aus Spanien raus. Das war vielleicht abenteuerlich, aber zu lang für heute. Es mußte genau so bearbeitet werden, wie Sie sagten. Franco bekam seinen Teil, dann einige Leute vom SD und einiges gelangte in den Besitz einer kleinen Gesellschaft, an der ich Anteile besitze. Kleine Kunstwerke, sagen Sie?

F: Ja. Und noch etwas. Haben Sie irgendwelche kleineren Kunstgegenstände, die wir verschiedenen Kongreßabgeordneten schenken könnten? Unter der Hand natürlich.

M: Erleichtert die Bewilligung von Geldern, nicht wahr?

F: Immer.

M: Ich habe einige Werke aus Florenz, die für Linz bestimmt waren oder irgendwie nicht dorthin gelangten. Eine sehr schöne Sammlung von kleinen Della Robbia Werken. Diese wären fabelhaft dafür geeignet, da viele nach Gußformen gemacht sind, und wenn es keine besonderen Merkmale bzw. Fotos davon gibt, kann keiner sagen, woher sie kommen. Sie wären für religiöse Leute sehr geeignet, aber ich könnte mir denken, daß die jüdischen Kongreßabgeordneten Geld vorziehen würden. Wir werden uns darüber schon einig. Es überrascht mich schon, daß Ihre Leute vom OSS nicht mehr auf die Seite schaffen konnten, als sie bei der Rückgabe der Kunstwerke an ihre ursprünglichen Eigentümerländer halfen.

F: Die höheren Dienstgrade der Armee nahmen sich, worauf sie nur Hand legen konnten. General Clay stahl so viel, daß er einen Sonderzug brauchte, um alles zum Hafen zu schaffen. Mein Gott, der ist wirklich ein richtiger Hamster. Er stahl Türen, Beleuchtungskörper, Teppiche, Gemälde, Porzellanvasen, Silberbesteck, Wandbehänge und alles, was ihm in die Hände fiel. Verdammt noch mal, einen ganzen Zug voll. Das meiste war nicht einmal echte Kunst. Clay hat überhaupt keinen Geschmack.

M: Mein Lieber, wer hat schon welchen! Außer uns natürlich. Ich habe doch gesehen, wie Sie zittern, wenn ich

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Ihnen etwas Interessantes zeige. Das Pistolenpaar von Bou-tet zum Beispiel, die er für Fouche anfertigte. Er war Polizeiminister unter Napoleon; zwischen uns besteht eine gewisse Affinität.

F: Haben Sie die Biographie von Zweig über ihn gelesen?

M: Ja. Sie war verboten, wie Sie wissen. Zweig war nun mal Jude, aber ich habe sein Buch genossen. Eher ein professionelles Interesse.

F: Ja, die Pistolen waren wirklich herrlich.

M: Ich besitze ein Jagdschwert, das Napoleon geschenkt bekam. Es ist wirklich ein Meisterstück. Er ging natürlich nie zur Jagd, aber das Schwert ist ein Meisterwerk der Handwerkskunst. Und vergessen Sie seinen Orden der Ehrenlegion nicht. Als Deutscher habe ich in bezug auf Napoleon gemischte Gefühle, aber als Sammler kann ich einiges vergeben. Ein Schweizer will über einen meiner Mittelsmänner eine sehr schöne Sammlung griechischer Münzen gegen einige deutsche Holzschnitzereien aus dem sechzehnten Jahrhundert eintauschen. Bei einer Schnitzerei handelt es sich meines Erachtens um eine wunderschöne Madonna von Stoß, die ich gerne behalten möchte, aber vielleicht sind die Münzen sie doch wert. Wirklich eine sehr schöne Sammlung.

Sie sollten auf jeden Fall eine Liste der Gegenstände aufstellen, die Sie veräußern wollen, und es würde mich freuen, wenn ich Ihnen bei einem diskreten Austausch behilflich sein kann. Wir sollten auf jeden Fall bemüht sein, Ihre Politiker bei Laune zu halten, denn wenn sie guter Laune sind, werden sie Ihnen auch helfen wollen. Sie sollten aber heimlich Dossiers über sie führen, falls einer plötzlich moralische Bedenken bekommt. Ich habe es immer so gehalten.

Kommentar:

Die Plünderung von Kunstgegenständen durch siegreiche Armeen hat ihren Anfang nicht im Jahre 1939; die Deutschen gingen jedoch organisierter und effektiver vor als zum

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Beispiel Napoleon oder die Alliierten Truppen, die im Jahre 1900 die Verbotene Stadt Peking in China plünderten, nachdem sie erfolgreich den Boxeraufstand niedergeschlagen hatten. Hitler beabsichtigte, in der Kleinstadt Linz, in der er seine Kindheit verbracht hatte, einen riesigen Museumskomplex zu errichten. Er richtete daher das Projekt „Sonderauftrag Linz" ein, um die von seinen Agenten in ganz Europa ausfindig gemachten Kunstgegenstände zu katalogisieren und sie schließlich in den geplanten Museen auszustellen. Als Sammler hatte Hitler auch Rivalen - Hermann Göring war der prominenteste -, aber im großen und ganzen gelang es, durch das Projekt Linz eine gewaltige Sammlung der kostbarsten Kunstwerke der Welt zusammenzutragen. Nach Kriegsende konnten verschiedene alliierte Kommissionen, die meistens von Amerikanern angeführt wurden, einen Großteil der Kunstwerke wieder ausfindig machen und sie ihren ursprünglichen Besitzern zurückgeben. Viele Kunstgegenstände verschwanden aber auch spurlos; vor Kriegsende unter Mithilfe von Deutschen, die nach leicht zu transportierenden Schätzen Ausschau hielten, und nach dem Krieg durch die Befreier, die genau die gleichen Motive hatten. Große Teile des Reichsbankgoldes verschwanden in den Taschen von Einzelpersonen, aber auch von Nachrichtendiensten, und zahlreiche Gemälde, Skulpturen, seltene Bücher, Manuskripte und andere Wertgegenstände sind seit Kriegsende nie wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht.

Die sorgfältige Analyse der in diesen Gesprächen erwähnten Besitztümer Müllers legt nahe, daß er im Besitz äußerst wertvoller Kunstgegenstände war und offensichtlich auch damit Geschäfte betrieb.

Bei dem erwähnten Signorelli handelt es sich um „Die Schule des Pan", eines seiner frühen Werke, das zu seinen Meisterwerken gezählt wird. Es verschwand 1945 aus Berlin, nachdem es aus dem Besitz des Kaiser Friedrich-Museums entwendet worden war. Der Bellini, eine Madonna,

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verschwand zur gleichen Zeit aus dem gleichen Besitz. Der erwähnte Raffael gehörte der wohlhabenden polnischen Familie Czartoryski. Zusammen mit dem berühmten Gemälde Da Vincis „Dame mit Hermelin" war es von den Deutschen entwendet worden und gelangte in den Besitz von Hans Frank, dem Generalgouverneur des ehemaligen Polen. Dieser nahm es mit sich nach Deutschland, da er seinen Posten verlassen mußte, als die Sowjets weiter heranrückten. Die Gestapo nahm Frank den Raffael ab, die Amerikaner nahmen den Da Vinci an sich und gaben ihn später den Polen zurück. Das Gemälde Raffaels „Portrait eines Herrn" ist immer noch auf der Liste der verschwundenen Gemälde.

Von weitaus größerem historischen Interesse sind die von Müller erwähnten sogenannten Täfelungen von Mon Bijou, die angeblich zum Verkauf standen. Es gibt nirgendwo Aufzeichnungen über derartige „Mon Bijou Täfelungen". Die Forschung hat jedoch herausgefunden, daß König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Vater Friedrichs des Großen, im Jahre 1716 dem russischen Zaren Peter dem Großen eine Jacht und Täfelungen sowie Möbel aus Bernstein aus seinem Berliner Schloß „Mon Bijou" schenkte, und zwar als Gegenleistung für großwüchsige russische Soldaten für die Langen Kerls des preußischen Königs. Diese Täfelungen wurden im sogenannten Bernsteinzimmer des Zarenpalastes bei St. Petersburg angebracht und 1941 von den Deutschen entfernt. Die Russen nahmen die Möbel aus Bernstein mit sich, bevor die Deutschen kamen, aber Teile der Täfelung mußten zurückgelassen werden. Sie wurden von den Deutschen abgenommen und nach Deutschland gebracht. Sie sind nie wieder aufgetaucht und sind zum Zankapfel zwischen den beiden Ländern geworden.

Die erwähnten Rothschild-Münzen bestanden aus einer Sammlung von über 2000 seltenen Goldmünzen. Sie gehörten dem Wiener Zweig der Rothschild Familie und wurden aus Sicherheitsgründen im Kloster Hohenfurth in der Tsche-

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choslowakei aufbewahrt. Diese Münzen wurden in den letzten Kriegsmonaten der Linz-Sammlung entnommen, und zwar von Dr. von Hummel, dem Sekretär Bormanns, und Dr. Rupprecht, Hitlers Kurator für seine Sammlung von Rüstungen und einem guten Freund Müllers. Die Sammlung wurde per Auto nach Berchtesgaden gebracht und ist seitdem verschwunden.

Der Wert der Bernsteintäfelung läßt sich unmöglich bemessen, die Münzsammlung stellt jedoch allein einen Wert von über vier Millionen Dollar dar. Die Münzen selbst lassen sich auf dem internationalen Numismatikmarkt leicht zu Geld machen.

Sowohl der Raffael als auch der Signorelli lassen sich unmöglich in einer öffentlichen Auktion versteigern. Es gibt jedoch genügend reiche Sammler, die entzückt wären, solche Gemälde ihrer Privatsammlung hinzuzufügen.

Ein Großteil der weniger bekannten Kunstgegenstände, die gegen Kriegsende aus der Linz-Sammlung verschwanden, aber auch Werke, die von den siegreichen Armeen aus Frankreich, Italien und Deutschland entwendet wurden, sind zweifellos durch die Hände der großen internationalen Auktionshäuser und Galerien gegangen. Diese Häuser veröffentlichen gewöhnlich gut illustrierte Kataloge, und es wäre sicher interessant, wenn man sich einmal die alten Ausgaben anschaute und die angebotenen Objekte mit der Liste der in den entsprechenden Ländern gestohlenen Kunstwerke vergliche.

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