Das NS-Gold und die Schweizer Banken

Ebenso wie die Menschen benötigen auch Regierungen Geld, um überhaupt existieren zu können. Sie beziehen dabei ihre Finanzmittel aus unterschiedlichen Quellen, wobei die Steuern die Haupteinnahmen bilden. Demokratien sind über ihre Ausgaben und Einnahmen rechenschaftspflichtig. Wie in den Vereinigten Staaten wird es allgemein hingenommen, daß die Regierung das Sozialbudget und die Pensionsrücklagen angreift, bis nur noch eine hohle Fassade zurückbleibt, die ein Windhauch zum Einsturz bringen kann. Die Sache sieht jedoch anders aus, wenn beispielsweise eine Regierung aus Drogenverkauf an ihre Bürger Nutzen ziehen würde. Geheimdienste verabscheuen es, wenn sie den Verwaltern der öffentlichen Gelder darüber Rechenschaft ablegen müssen, wofür sie ein bestimmtes Budget brauchen. Was folgt, ist ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas auf höchster Ebene geregelt wird.

F: Wir haben zwar schon darüber gesprochen, General, trotzdem möchte ich noch einmal auf das Thema zurückkommen. Ich meine die Geheimkonten. Das Geld...sie können es auch Beute nennen..., das prominente Nazis in schweizer Banken deponiert haben.

M: Ich nehme an, Sie meinen damit auch meine Gelder?

F: Natürlich nicht. Ich dachte an die Gelder von Göring und anderen.

M: Er ist tot - nun gut -, aber er hat Erben. Seine Frau und seine Tochter überlebten.

F: Sicherlich gibt es Erben. Es kann aber nicht sein, daß die Verwandten prominenter Nazis dieses Blutgeld bekommen.

M: Das war ich ja zumindest nicht, ein prominenter Nazi! Sie müssen das schon mit den Schweizern aushandeln. Sie kontrollieren schließlich die Banken und nicht ich.

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F: Sie haben aber einmal angedeutet, daß Ihr Dienst diese Transaktionen im Auge behielt...

M: Ich habe gesagt, daß es illegal war, deutsches Geld außer Landes zu bringen. Das Finanzministerium war dafür verantwortlich. Ich gestehe aber ein, daß wir bei der Beobachtung bestimmter Teilbereiche behilflich waren.

F: Sie wußten aber, wieviel Geld von Deutschland aus auf schweizer Banken transferiert wurde?

M: Ja, natürlich wußte mein Dienst Bescheid.

F: Warum sind Sie dann nicht eingeschritten, wenn dies gegen Ihre Gesetze verstieß?

M: Geld, besonders, wenn es sich um große Summen handelt, entwickelt ein Eigenleben. Glauben Sie vielleicht, ich hätte Bormann festnehmen können, wenn ich herausgefunden hätte, daß er Geld in die Schweiz brachte? Was für ein Unsinn!

F: Ich verstehe. Sie wußten aber über alles Bescheid? Haben Sie nicht sogar einmal Geld konfisziert?

M: Nun, ich hatte ein paarmal Glück und konnte Geld konfiszieren, bevor es ins Ausland transferiert werden konnte. Nachdem es erst einmal auf einer schweizer Bank ist, ist es aber nahezu unmöglich, das Geld wiederzubekommen. Man muß vorher daran kommen.

F: Aber General, es geht doch darum, ob Sie Aufzeichnungen über derartige Transaktionen haben...Einlagen, Kontonummern, die Namen der Inhaber usw.?

M: Nichts ist unmöglich.

F: Rein hypothetisch, würden Sie uns die Informationen geben, wenn Sie sie hätten?

M: Warum?

F: Ganz einfach, weil wir an das Geld der Nazis wollen.

M: Welche Nazis? Entweder sie sind tot oder im Gefängnis.

F: Es handelt sich um unrechtmäßig erworbenes Geld, General, das weder diesen Leuten noch ihren Familien gehört.

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M: Jedes große Vermögen beruht auch auf großen Verbrechen.

F: Das ist nicht besonders originell und stimmt auch nicht.

M: Was das erste betrifft, so haben Sie recht, nicht aber beim zweiten Punkt. Trotzdem führt es zu nichts. Die Schweizer werden es nicht zulassen, daß Sie zur Jagd auf die Gelder ihrer Kunden blasen- und das wissen Sie ganz genau.

F: Wenn wir aber über mehr Informationen verfügten, könnten wir sie ...sagen wir einmal...davon überzeugen, daß sie uns das Geld geben.

M: Und Sie würden es also in Washington schön aufbewahren? Sozusagen vor Diebstahl schützen?

F: Besser es ist dort als hier. Rein theoretisch könnte man da etwas machen. Wenn Sie für uns arbeiteten, wäre denn der Anreiz uns zu helfen nicht größer?

M: Wenn der „Anreiz" groß genug ist...

F: Man muß auch das Unmögliche andenken.

M: Das stimmt. Aber vergessen Sie nicht, daß ich hier nur geduldet bin. Ich werde mir meine Gastgeber doch nicht zum Feind machen, indem ich Ihre Leute auf ihr heiliges Bankensystem loslasse.

F: Sie müssen natürlich fort von hier...

M: Das ist mir schon klar. Das Haus hier gehört mir jedoch, und ich würde schon gerne hierher zurückkommen. Man müßte so vorgehen, daß die Schweizer nicht schlecht auf mich zu sprechen sind. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.

F: Hoffen wir es.

M: Wie Sie wissen sind auf schweizer Geheimkonten Milliarden schweizer Franken deponiert. Einige Milliarden liegen auf den Konten von Nazigrößen, weitaus mehr kommen jedoch aus ganz anderen Quellen; so unterhalten zum Beispiel viele ausländische Geschäftsleute Konten in der Schweiz, um auf dem europäischen Markt leichter agieren

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zu können oder auch, um in ihren Heimatländern keine Steuern zahlen zu müssen.

F: Was ist mit den Geld von Leuten, die zu Hause strafrechtliche Verfolgung und die Konfiszierung ihres Geldes fürchten?

M: Die gibt es auch...nehme ich an. Sie unterscheiden also auf der einen Seite das Blutgeld der Nazis und auf der anderen das unantastbare Geld ihrer Opfer. Das stimmt doch?

F: Geld bleibt Geld.

M: Ja, wie ich schon sagte, Milliarden schweizer Franken. Geht es Ihnen um das Geld, das hier von jüdischen Emigranten, die vor Hitler fliehen mußten, deponiert wurde? Dann natürlich Hitlers Geld - schließlich hatte er hier welches -, aber sein Feinde....

F: Opfer! Seine Opfer.

M: Sozialdemokraten, Kommunisten und vielleicht auch Juden?

F: Ja, ich meine Geld im allgemeinen.

M: Sie müssen schon genauer sein. Also Geld, das ausschließlich mit dem Dritten Reich zu tun hatte? Ist das richtig?

F: Ja natürlich. Es geht uns zum Beispiel nicht um die Gelder eines südamerikanischen Diktators.

M: Gut. Das heißt also, es geht Ihrem Dienst bzw. Ihrer Regierung um Gelder, die direkt aus den Beziehungen mit dem Dritten Reich bzw. im Dritten Reich angehäuft wurden? Stimmt das?

F: Aber ja doch, das meinte ich. Ganz genau.

M: Sollten wir zu den Namen der Nazigrößen und ihrer Feinde die Namen ihrer Freunde hinzufügen? Ich meine damit jene Freunde des Dritten Reiches, die aus dieser Freundschaft Kapital schlugen?

F: Aber ja doch. Gelder von Nazikollaborateuren oder ausländischen Agenten des Dritten Reiches gehören auch dazu.

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M: Sie haben wohl noch nicht an die Konsequenzen gedacht? Sie müßten doch etwas von Banken verstehen, mein Freund, seien Sie also vorsichtig. Man muß hier sehr sorgfältig operieren, oder der Patient stirbt.

F: Ich verstehe nicht, was Sie meinen.

M: Das passiert sehr oft, macht aber nichts. Einige jener Leute, die aus den Beziehungen zu meiner Regierung gewaltig Kapital geschlagen und ihre Profite in die sichere Schweiz gebracht haben, haben bestimmt etwas dagegen, wenn man ihnen ihr Geld wegnimmt. Sie könnten das auch gar nicht. Sie würden so gewaltigen Krach schlagen, daß das ganze Projekt wie eine Seifenblase zerplatzen würde, und Sie würden dabei draufgehen. Entweder schauen Sie sich das Gras von unten an, oder Sie zählen die Pinguine in der Antarktis.

F: Wir wissen schon, wie wir Nazisympathisanten unter Druck setzen. Enthüllungen über sie ist nur ein Weg...

M: Denken Sie doch einmal nach, um Gottes Willen. Während des Krieges haben doch Ihre Presse und Ihr Präsident Zeder und Mordio gegen die Teufel in Berlin geschrien, gleichzeitig haben aber viele Ihrer Leute aus den Handelsbeziehungen mit uns gewaltige Profite eingestrichen. Auch schon vor dem Krieg, aber nach der Kristallnacht, da ist die Presse doch wie die Geier über uns hergefallen; aber diese Geier hatten nichts dagegen, hintenrum an uns zu verdienen. Soll ich Ihnen Beispiele nennen? Das mach' ich doch gerne. Sir Henry Deterding von Royal Dutch Shell hat die ganze Zeit über mit uns Handel betrieben und seine riesigen Gewinne auf schweizer Banken deponiert. Wollen Sie ihm sein Geld wegnehmen? Schießlich mußten Sie doch vor der Bombardierung der Ölfelder von Ploesti mit uns aushandeln, welche Raffinerien Sie übriglassen wollten. Und während der Luftangriffe war der beste Luftschutzkeller Kölns die Fabrikhalle von Ford. Botschafter Kennedy hat aufgrund von Informationen, die wir ihm zukommen ließen, während der Sudetenkrise Millionengewinne an der Börse gemacht.

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Und I.G. Farben brachte ihm auch Millionen ein. Herr Wat-son von IBM hat auch wärend des Krieges ganz normal Geschäfte gemacht. Mein ganzes Abhörsystem war doch davon abhängig, daß wir über die Schweiz IBM-Teile bekamen. Während sich der Botschafter von Hitler fernhielt, hat Wat-son von Hitler persönlich eine hohe Auszeichnung bekommen. Und was war mit den Leuten von General Motors? Ich kann Ihnen auf den Pfennig genau sagen, wieviel diese Leute auf schweizer Konten einhamsterten. Wollen Sie auch an dieses Geld? Das kann ich mir kaum vorstellen. Die Rothschilds und die Weiß' hatten hier auch Geld. Sind Sie auch dahinter her? Sie haben schließlich auch mit uns Geschäfte gemacht...aber natürlich nur, weil sie mußten. Trotzdem könnte man diese Gewinne auch als Blutgeld bezeichnen.

F: Nun, General, wir beide wissen, daß man manchmal einfach nicht nachfragen sollte. Sie wissen, was ich meine.

M: Wenn wir die britischen, schwedischen, schweizer, amerikanischen usw. Geschäftsleute weglassen, bleiben nur noch die bösen Nazis und ihre Opfer. Aber Sie wollen doch sicher nicht auch noch die Opfer ausrauben?

F: Wer kann beweisen, was woher stammt? Wir sollten nicht päpstlicher als der Papst sein.

M: Kann man nicht, wenn man habsüchtig ist. Schließlich begehren wir doch alle das eine und das andere, oder nicht? Es muß sich nicht unbedingt um Geld handeln. Auf anderen Dingen liegen noch mehr Tabus.

F: Wie Beutekunst?

M: Ich könnte Ihnen darauf ganz schön Kontra geben, aber lassen wir das. Sie wissen ja, was ich meine. Schlagen Sie bei Marc Aurel nach, wenn Sie mehr über Neid wissen wollen. Wissen Sie im 19. Jahrhundert war das Sujet des ungebetenen Gastes beim Hochzeitsmahl sehr beliebt.

F: Ich verstehe schon...

M: Ja, das strahlende Brautpaar im Vordergrund, die Gesichter voll Liebe und Vertrauen in die Zukunft, und direkt

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hinter ihnen der grinsende Todesschädel in schwarz. Der Tod als Gast.

Die ganze Habsucht war umsonst. Immer wieder findet man Töpfe voll Gold und Silber, die irgend jemand vergraben hat, damit sie ja sicher sind. Ich habe noch nie gehört, daß im Himmel die Wolken aus Banknoten bestehen - Sie etwa?

F: Sie lenken immer wieder ab.

M: Sie wollen das Geld der bösen Nazis, aber auch das ihrer heiligmäßigen Opfer. Sie wissen, daß irgendwo noch Millionen liegen, an die Sie nicht rankommen. Was soll geschehen?

F: Die Opfer sind doch alle längst tot - was soll's also?

M: Es gibt Erben.

F: Wenn sie aber nichts vom Geld wußten und auch keine Ansprüche anmeldeten, was dann?

M: Die Schweizer geben ihnen keine Auskunft, und wenn sie den Code nicht kennen, bekommen sie nichts. Das beweist nichts.

F: Es gab immer wieder Ansprüche auf Herausgabe, die auch erfüllt wurden.

M: Manche Verwandten waren informiert. Und was wichtig ist, sie konnten stichhaltig nachweisen, daß sie Anspruch auf die Konten hatten. Zwar nicht alle, aber doch einige Nazis konnten sich mit ihrem Geld eine neue Existenz in Südamerika oder sonstwo aufbauen. Die meisten Konten gehören aber Juden. Die Überlebenden haben zweifellos ihre Konten aufgelöst und das Geld nach Amerika oder Kanada mitgenommen. Für die Toten erheben also Sie Anspruch auf das Geld?

F: Wäre das möglich?

M: Nichts ist unmöglich. Sie müssen mit den Schweizern reden.

F: Das haben wir schon gemacht, aber sie geben nichts raus. Sie wollen ihre Unterlagen nicht durchschauen. Nur

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wenn wir ihnen Namen und Nummern nennen, werden sie uns helfen.

M: Sie sind also in der Sackgasse. Wollen wir uns nicht Themen zuwenden, die wirklich wichtig sind?

F: Nein, denn die Frage des Geldes ist für uns wichtig. Sie sprachen von Namen und Nummern. Ich bin mir sicher... Washington meint, ...daß Sie über diese Informationen verfügen. Zumindest über einen Großteil. Könnten Sie uns dabei helfen? Ich meine, konkret?

M: Nun, konkret. Sollte ich diese Informationen haben, so könnte ich vielleicht manche Schweizer davon überzeugen, daß sie die Konten freigeben, aber vorher sollten wir uns über die Konditionen unterhalten.

F: Natürlich, Sie haben freie Hand.

M: Wenn ich es mir so überlege...haben Sie Handlungsvollmacht?

F: Das wissen Sie doch. Wir haben das schon durchgekaut, General.

M: Ich könnte Ihnen schon helfen. Ich gebe Ihnen nicht die Kontonummern in der Schweiz, dafür aber habe ich eine Namensliste...und was noch wichtiger ist...eine Aufstellung der Kontostände. Die Namen prominenter Amerikaner oder Briten führe ich nicht auf. Einverstanden? Ja. Dann werde ich persönlich für Sie die Verhandlungen aufnehmen, um dieses Geld freizubekommen. Die Aufteilung soll so sein: Sie bekommen 30 Prozent, die zweiten 30 Prozent gehen an den schweizer Bankier und die dritten an mich...

F: Das ist völlig ausgeschlossen. Sie können nicht ein Drittel bekommen, und im übrigen haben Sie sich verrechnet. Drei mal dreißig macht neunzig und nicht einhundert. Sie meinten doch dreiunddreißig und ein Drittel?

M: Nein, ich habe die 10 Prozent schon einkalkuliert. Diese restlichen 10 Prozent können auf verschiedenen schweizer Banken liegen bleiben, damit die Schweizer sie irgendwann einmal großzügig zurückgeben können.

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F: Würden die Schweizer darauf eingehen?

M: Es bleibt ihnen ja nichts übrig, aber wir sollten trotzdem diplomatisch vorgehen. Man sollte sich immer einen Fluchtweg vorbehalten, sonst macht man vielleicht aus Verzweiflung Fehler.

F: 10 Prozent?

M: Ein Zeichen des Mitgefühls.

F: Ich bin mir sicher, daß Sie uns sehr helfen könnten -wenn die Aufteilung andernorts akzeptiert wird, würden Sie dann mitmachen?

F: Wenn möglich würde ich dieses Land gerne vor Abschluß der Aktion per Flugzeug verlassen.

F: Kein Problem. Sie müssen sowieso nach Berlin zurück, um an Ihre Unterlagen heranzukommen, bevor alles vorbei ist. Das können wir arrangieren.

M: Man muß den schweizer Behörden klarmachen, daß hinter allem Ihre Regierung steht. Sie würden mich sonst sofort ins Gefängnis werfen und ausweisen lassen, wenn ich ohne diesen Rückhalt ein Angebot unterbreiten würde. Ich würde mein Abkommen mit ihnen verletzen.

F: Das sollte eigentlich die geringste unserer Sorgen sein.

M: Ich habe hier einige Kunstwerke auf den Banken deponiert. Wenn wir uns einig werden, müßten diese mit in die USA. Ich könnte sie dann vielleicht in einer Zweigstelle der Mellon Bank aufbewahren. Wollen Sie wissen, warum ich gerade diese Bank ausgewählt habe?

F: Wir haben ja schließlich über ziemlich heißes Material gesprochen...

M: Nach dem Essen können wir ein bißchen im Garten spazieren gehen, dann erzähle ich Ihnen, was wirklich heißes Material ist.

F: Eher nicht. Wir sind uns aber im Prinzip einig?

M: Ich glaube ja. Aber trotz allen Geldes ist das Skelett doch beim Bankett.

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Kommentar:

Man hat lange darüber spekuliert - und dies zurecht -, daß die Mitglieder der Schweizer Bankenvereinigung (SBA) Milliarden schweizer Franken verwalteten, die auf verschiedenen Geheimkonten deponiert waren. Die schweizer Bankgesetze sind sehr streng. Es ist äußerst schwierig, an Informationen über diese Konten heranzukommen. Die Bankiers haben sich standhaft geweigert, an Erben oder an Regierungsstellen irgendwelche Informationenm über die Konten zu geben, wenn keine Beweise für die Konten vorgelegt werden konnten wie Kodenamen, Kontonummern und Höhe der Einlagen.

Nach Kriegsende wurden 1945 einige Guthaben, die Nazigrößen gehört hatten, offiziellen Stellen übergeben. Die Familien jüdischer Flüchtlinge hatten jedoch bei ihrer Suche nach dem Familienvermögen in der neutralen Schweiz nicht so viel Glück.

Wie Müller schon angedeutet hatte, wurde das Problem der Geheimkonten erschwert durch die Tatsache, daß zahlreiche amerikanische und britische Geschäftsleute, die durch Handelsbeziehungen mit dem Dritten Reich ein Vermögen angehäuft hatten, ihr Geld ebenfalls auf diversen Konten deponiert hatten. Wenn die Schweizer Bankenvereinigung nun sämtliche Daten über Geheimkonten offengelegt hätte, so hätte dies in der Politik und der Finanzwelt zahlreicher Länder gewaltigen Staub aufgewirbelt.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1948 wurde das zwischen Müller und Kronthal getroffene Übereinkommen in die Tat umgesetzt. Das heißt, die Guthaben von Größen aus der Politik und der Geschäftswelt des Dritten Reiches wurden still und leise aufgelöst und entsprechend der mit Müller vereinbarten Aufteilung an Kronthals Dienst transferiert. Die Transaktionen wurden fast alle von einem gewissen Herrn Rudolf Stottlemeier - einer der zahlreichen Decknamen Müllers -durchgeführt. Die Gelder wurden auf einem Sonderkonto unter dem hochtrabenden Namen „Schweizer-amerikanisches

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Handels- und Bankenkonsortium" bei der „Credit Suisse" in Zürich deponiert. Es ist bekannt, daß größere Summen in den letzten Jahrzehnten abgeschöpft und für besondere Anliegen transferiert wurden. Manche „Erfolglaufbahn", manches „Wirtschaftswunder" wird vor diesem Hintergrund erklärbar. Die Müller-Akten geben darüber entscheidende Hinweise.

Geplündert wurden alle Guthaben toter bzw. inhaftierter Nazigrößen. Aber auch die Konten von Juden, die bekanntermaßen tot waren, oder auf die bis 1948 niemand Anspruch erhoben hatte, gehörten dazu. Des weiteren gehörten dazu Konten verschiedener deutscher Unternehmen -wie LG. Farben - , die nicht mehr existierten und die Konten von Ausländern, die mit dem Dritten Reichen engen Kontakt gehabt hatten, aber verstorben waren, und auf deren Rücklagen niemand Anspruch erhoben hatte.

Man kann davon ausgehen, daß die Schweizer Bankenvereinigung dafür Sorge trug, daß nach Beendigung der Aktion keine Spur des Beweises übrig blieb. Die von Müller erwähnten 10 Prozent wurden nur für den Fall zurückgelassen, daß irgendwann einmal Gelder freigegeben werden mußten.

1996 wurden im Rahmen des „Freedom of Information Act" - ein überaus zweischneidiges Schwert - die Akten der „Operation sicherer Hafen" freigegeben. Sie erwiesen sich für jüdische Gruppen wie den Jüdischen Weltkongreß („Jewish World Council") als probates Mittel, um die zögerlichen Schweizer dazu zu bewegen, daß sie schließlich doch Informationen über jüdische Konten herausrückten und Guthaben zurückerstatteten, die eindeutig identifiziert werden konnten.

Nach Presseberichten sollen die Schweizer 32 Millionen Dollar auf verschiedenen Konten „gefunden" haben. Dieses Geld wird entweder den Erben der Kontoinhaber oder verschiedenen jüdischen Organisationen zurückerstattet.

Aus den Unterlagen Müllers wurden Stück für Stück Listen von Kontoinhabern, deren Codewörter - soweit dies möglich war - und die Höhe der Einlagen herausgefiltert. Unter sei-

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nen Dokumenten finden sich aber auch Listen von anderen Kontoinhabern wie ausländischen Geschäftsleuten, Einzelpersonen, Flüchtlingen oder einfach Leuten, die die Sturm und Drang-Zeit der dreißiger und vierziger Jahre dieses Jahrhunderts sicher überwintern wollten. Schon in grauer Vorzeit haben ja Menschen ihre Gold- und Silberschätze im Wald vergraben, um sie vor marodierenden Armeen zu schützen. Aber wenn die Gefahr vorrüber war, waren nur allzu oft die Besitzer des Schatzes schon längst tot oder vermißt. Genau so war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg 1948. Das Risiko, daß irgend jemand dahinter kommen würde, daß der Schatz geplündert worden war, war relativ gering - und die Geldmengen, um die es dabei ging, gewaltig: Stottlemeier hatte daher auch kaum Schwierigkeiten, die Schweizer Bankenvereinigung von einer Zusammenarbeit zu überzeugen, besonders nachdem sie gemerkt hatten, wieviel er wirklich wußte.

In der folgenden Liste sind nur Staatsangehörige des Deutschen Reiches aufgeführt. Sie beinhaltet nicht die Guthaben von Heinrich Müller, zu denen sieben Geheimkonten und zahlreiche Schließfächer gehören, in denen Beutekunst, kompromitierende Dokumente und andere wertvolle und interessante Unterlagen ruhen.

Die Liste folgt weder einer alphabetischen Reihenfolge noch ist sie nach der Höhe der Einlagen aufgestellt:

Effekten der Reichsbank

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Otto Gruber" Höhe: 223.892.000 Schweizer Franken

Hermann Gönng, Selbstmord 1946

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Medici" Höhe: 25.000.000 Schweizer Franken

Adolf Hitler

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Wolf" Höhe: 188.457.332 Schweizer Franken

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Ernst Kaltenbrunner, Chef des RSHA, 1946 hingerichtet Das Codewort des größten Guthabens lautet „Schönthal" Höhe: 1.238.492 Schweizer Franken

Walter Funk, Wirtschaftsminister, Präsident der Reichsbank, verurteilt in Nürnberg, 1960 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Hoffmann"

Höhe: 8.000.000 Schweizer Franken

Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank, Vorgänger von Funk, 1970 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Engel"

Höhe: 321.000 Schweizer Franken

Oswald Pohl, SS-Obergruppenführer, 1948 hingerichtet Das Codewort des größten Guthabens lautet „Schiffmann" Höhe: 17.581.000 Schweizer Franken

Josef Terboven, Gauleiter des Ruhrgebiets, Hochkommissar in Norwegen, 1945 Selbstmord

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Bock"

Höhe: 722.000 Schweizer Franken

Hans Frank, Generalgouverneur in Polen, 1946 hingerichtet Das Codewort des größten Guthabens lautet „Richter" Höhe: 15.820.000 Schweizer Franken

Schickeneider, Chef von Ruhr Stahl

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Stahl" Höhe: 3.800.000 Schweizer Franken

Verschiedene Mitglieder des Konzerns Krupp von Bohlen und Halbach

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Hugel-

mann"

Höhe: 136.932.000 Schweizer Franken

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Fritz Thyssen, deutscher Industrieller, früher Anhänger von Hitler, mußte später das Land verlassen und starb 1951 in Südamerika

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Kohler"

Höhe: 16.000.000 Schweizer Franken

Kurt von Schröder, Kölner Bankier

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Westbank" Höhe: 2.100.000 Schweizer Franken

Emil Kirdorf, Deutscher Industrieller, verstorben 1938 Das Codewort des größten Guthabens lautet „Goldmann" Höhe: 11.600.000 Schweizer Franken

Albert Speer, Architekt, Rüstungsminister, in Nürnberg verurteilt, 1971 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Oswald

Kronberg"

Höhe: 830.298 Schweizer Franken

Alfred Rosenberg, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, 1946 hingerichtet

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Fischer"

Höhe: 4.000.000 Schweizer Franken

Martin Bormann, Hitlers Sekretär, 1945 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Edelmann" Höhe: 128.477.921 Schweizer Franken

LG. Farben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Gomez" Höhe: 900.000.000 Schweizer Franken (LG. Farben war der größte deutsche Chemiekonzern. Er wurde nach dem Krieg aufgelöst. Joseph Kennedy aber auch prominente Schweizer hielten große Aktienpakete. Die Anteile Kennedys wurden zurückerstattet, nachdem John F. Kennedy Präsident der Vereinigten Staaten geworden war.)

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Martin Mutsckmann, Reichsstatthalter von Sachsen, angeblich 1948 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Handwerk"

Höhe: 750.000 Schweizer Franken

Herbert Backe, Reichslandwirtschaftsminister, 1947 Selbstmord

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Walter

Bauer"

Höhe: 250.000 Schweizer Franken

Philip Bouhler, Chef von Hitlers Reichskanzlei, 1945 Selbstmord

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Speck"

Höhe: 250.887 Schweizer Franken

Leonardo Conti, Chef des nationalen Gesundheitsdienstes, 1945 Selbstmord

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Lugano

Arbeitsgemeinschaft"

Höhe: 1.620.000 Schweizer Franken

Franz Xavier Schwarz, Schatzmeister der NSDAP, 1947 verstorben

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Olsen"

Höhe: 8.175.000 Schweizer Franken

Wilhelm Zangen, deutscher Industrieller und Bankier, einige Guthaben bekam Zangen nach dem Krieg zurück

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Beckmann"

Höhe: 22.876.901 Schweizer Franken

Friedrich Flick, führender deutscher Industrieller, vor 1948 wurde ein Teil der Guthaben zurückerstattet

Das Codewort des größten Guthabens lautet „Corvinus"

Höhe: 350.116.256 Schweizer Franken

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Diese Guthaben belaufen sich allein auf über 2 Milliarden Schweizer Franken; der Schweizer Bankenverein hat bisher nur zugegeben, daß 32 Millionen Dollar existierten. Diese Zahlen beinhalten nicht die Guthaben von Ausländern, so daß sich die Summe der wirklichen Einlagen der Flüchtlinge, bei denen es sich zumeist um Juden oder um Geschäftsleute der Allierten handelte, sehr wohl verdreifachen könnte. Es ist mehr als zweifelhaft, daß die Schweizer irgendwelche Beweise zurückbehielten, welche Konten abgewickelt wurden. Daher ist es auch höchst unwahrscheinlich, daß es je zu einer vollständigen Rückerstattung kommen wird. Wieviel Beutekunst immer noch in den Schweizer Schließfächern schlummert, kann niemand sagen.

Unsere Liste sagt auch nichts aus über die gewaltigen Mengen von Gold aus Deutschland, Vichy-Frankreich und anderen Ländern, die vor Kriegsende in die Schweiz gebracht worden sein sollen. Die Schweiz hatte zwar ihre Neutralität erklärt, trotzdem hatte das Land keine Bedenken, gewaltige Mengen von Schwarzgeld reinzulassen, während gleichzeitig die Berner Regierung die Grenzen dichtmachte vor den verzeifelten jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland, das 1940 in Frankreich eingefallen war. Die Schweizer machten es nicht wie Stalin, der seinen Grenzposten befohlen hatte, flüchtige polnische Juden, die 1939 auf sowjetisches Territorium fliehen wollten, zu erschießen; die Schweizer gaben ihren Grenzern lediglich die Anweisung, den Juden die Einreise zu verweigern. Aber in beiden Fällen war der Effekt der gleiche.

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