Eine zeitgeschichtliche Analyse

Die Vernehmungen Heinrich Müllers wurden größtenteils von James Kronthal, dem CIC-Residenten in Bern, geleitet. Gegen Ende der ausführlichen Niederschriften taucht ein weiterer, höherrangiger CIA-Beamter auf, der auf Bitte von Admiral Hillenkoether, dem damaligen Direktor des CIA, aus Washington eingeflogen worden war. Er wird in den Niederschriften unter seinem militärischen Rang geführt. Kronthal firmiert im folgenden unter dem Kürzel „Fl", der Neuankömmling unter „F2".

Fl: Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt haben, kann mein Kollege nun direkt zu den Punkten übergehen, zu denen er noch Fragen hat. Falls Sie nichts dagegen haben...

M: Ganz bestimmt nicht. Ich gehe davon aus, daß Sie gut untergebracht sind, Oberst. Falls Sie noch irgendwelche Wünsche haben, lassen Sie es mich wissen. Aber, machen wir nun im Text weiter.

F2: Danke. Was die Unterbringung betrifft, so bin ich damit mehr als zufrieden. Vielleicht können wir unser Gespräch ja noch etwas ausdehnen, damit ich sie wirklich genießen kann. Nun... (Pause) lassen Sie uns einige Punkte abhaken, um deren Klärung man mich gebeten hat. Soweit ich weiß, hat mein Kollege die finanzielle Seite bereits mit Ihnen abgeklärt.

Fl: Ja, diesen Punkt haben wir bereits erledigt.

M: Ich bin damit einverstanden - unter meinen Bedingungen natürlich.

F2: Bedingungen?

Fl: Ich hatte sie Ihnen gegenüber schon erwähnt. Es geht um seine Agenten.

F2: Aber natürlich, das geht in Ordnung. Washington hat damit keine Probleme. Nachdem wir das erledigt haben...

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M: Könnten wir vielleicht weitermachen?

F2: Zu Beginn möchte ich Ihnen einige Probleme aufzeigen, die wir in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren auf dem Gebiet der internationalen Spionage hatten. Sie können dann Ihre Kommentare dazu abgeben. Wir benötigen dazu einige Zeit. Möchten Sie sich vielleicht Notizen machen? Ich kann bestimmte Punkte auch wiederholen, wenn Sie wollen.

M: Das ist nicht nötig. Ich habe ein gutes Gedächtnis und benötige keine Notizen. Fahren Sie bitte fort.

F2: Sehr gut. Das Grundproblem ist der ehemalige Präsident Roosevelt und seine Haltung gegenüber dem internationalen Kommunismus. Was die Innenpolitik betrifft, so war Roosevelt, wie Sie vielleicht wissen, ein sehr scharfsinniger Politiker, der ganz klar erkannte, daß die amerikanischen Kommunisten in den Gewerkschaften und auch in anderen Organisationen großen Einfluß besaßen. Er warb daher bei den Wahlen um ihre Gunst. Roosevelt wurde auf dem Höhepunkt der Depression Präsident. Da er in der Wirtschaft nicht sehr viel Erfahrung hatte, suchte er den Rat der eher radikalen Volkswirtschaftler, der äußerst Linken, um genau zu sein. Als diese dahinter kamen, daß Roosevelt von Wirtschaft nichts verstand und ihnen gegenüber offen war, brachten sie immer mehr Gleichgesinnte in den neuen Ämtern unter, die Roosevelt eingerichtet hatte.

Gleichzeitig drängte in den Sozialhilfeprogrammen die radikale jüdische Lobby in die Regierung. Mit ihnen kamen ihre Freunde, Verwandte und politischen Gesinnungsgenossen. Das heißt, bereits vor Kriegsausbruch wurde die Verwaltung von der äußersten Linken kontrolliert und bestimmt. Die extreme Linke ist vielschichtig. Eine Ebene -ich nenne sie die Verwaltungsebene - wurde von den politischen Aktivisten, den Kommunisten oder Radikalsozialisten - der Unterschied ist minimal - kontrolliert. Sie überzeugten Roosevelt von der Richtigkeit ihrer Ziele, die er in den

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meisten Fällen unterstützte. Die zweite Ebene bestand aus konfusen Intellektuellen, die sich überall dort einmischten, wo es ihrer Meinung nach um Unterdrückung ging. Die Kombination beider Ebenen führte zu einem parasitären Wachstum innerhalb des Gemeinwesens, wie man es sich nicht vorstellen kann.

M: Ich kann es mir gut vorstellen. Denken Sie nur an das mittelalterliche Spanien.

F2: Ein guter Punkt. Spanien wurde quasi von den Marra-nen regiert.

M: Solange bis ihnen die Inquisition ein Ende machte.

F2: Ein weiterer Punkt für Sie. Damit Spanien zu einem großen katholischen Land werden konnte, war es nötig, daß sozusagen der Stall ausgemistet wurde.

M: Durch Ausweisungen und den Scheiterhaufen.

F2: Soweit wollen wir nun nicht gehen. Trotzdem meine ich, wenn einige Tausend Amerika freiwillig verließen, würde das dem Land nicht schaden.

M: Darin sind wir einer Meinung.

F2: Als der Krieg ausbrach, aktivierte Stalin viele kommunistische Intellektuelle. Er schickte aber auch viele eigene Agenten ins Land. Stalin wollte sich der Unterstützung Roosevelts sicher sein. Gleichzeitig wollte er herausbekommen, wieviel der amerikanische Geheimdienst wußte. Roosevelt setzt Donovan als Chef der OSS ein. Er machte ihm gegenüber deutlich, daß nach seiner Meinung Kommunisten am besten wüßten, wie man mit den Partisanen in Osteuropa umgehen sollte. Tatsächlich gab der Präsident Donovan die Anweisung, so viele Kommunisten wie möglich in den OSS aufzunehmen.

M: Ich weiß davon aus eigener Erfahrung und stimme völlig mit Ihrer Analyse überein. Die Agenten, die wir faßten und töteten, waren zweifellos alle für Moskau tätig.

F2: Nicht die Vereinigten Staaten sondern Moskau stand für sie an erster Stelle.

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M: Nach meiner Erfahrung stand sowohl für die Kommunisten als auch für die Juden Moskau bzw. ihre Glaubensgenossen an erster Stelle. Loyalität gegenüber ihrem Heimatland kannten sie nicht.

F2: Ihrem Aufnahmeland, wie sie sagten.

M: Genau.

F2: Die Geheimdienste, einschließlich ihrer militärischen Arme, wußten natürlich genau, was gespielt wurde. Wir fanden aber ziemlich schnell heraus, daß jeder Versuch der Enttarnung oder auch der Strafverfolgung sowjetischer Spione mit der eigenen Entfernung aus dem Dienst endete. Als wir herausbekamen, daß sogar unter den Mitarbeitern des Atombombenprojektes Spione waren, wurde uns gesagt Roose-velt persönlich habe es untersagt, diese Leute anzutasten. Man verbot es uns strengstens, ihre Funkkontakte mit Moskau abzuhören. Aber natürlich haben wir uns nicht daran gehalten, denn schließlich hatte der Präsident über diesen Bereich keine Kontrolle. Ich kann mich gut daran erinnern, wie der Abschirmdienst der Armee einmal Frau Roosevelt abhörte, wie sie eine lesbische Beziehung mit ihrer Sekretärin in einem Hotelzimmer hatte. Die Kollegen suchten eigentlich nach Joe Lash, einem kommunistischen Agenten, der freundschaftliche Beziehungen zu Frau Roosevelt pflegte, und sie hofften, daß sie vielleicht auf diesem Wege mehr herausbekommen würden. Als der Präsident davon hörte, war er wochenlang verärgert. Er verfügte Disziplinarmaß-nahmen über jeden, der ihm in die Finger geriet. Die Bandaufnahmen gibt es immer noch. Ich habe sie mir angehört, und ich würde sagen, Eleanor sollte wirklich einen Schauspiellehrer nehmen.

M: Wenn jemand in Deutschland Eva Braun abgehört hätte, hätte man mir sofort befohlen, die Leute einen Kopf kürzer zu machen. Demokratien verzeihen so schnell.

F2: Genau darum geht es. Da standen wir also mit unserem Wissen, daß Sowjetagenten ungehindert in Washington

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agierten, daß sie im Pentagon ein- und ausgingen, durch unsere geheimsten Papiere schnüffelten, und wir konnten nichts dagegen tun, ohne daß wir sofort von ganz oben dafür bestraft wurden. Am Tag, als Roosevelt starb, haben in den Offiziersmessen die Champagnerkorken nur so geknallt, das kann ich Ihnen versichern. Wir wußten nichts von Tru-man, aber wir dankten Gott, daß der verrückte Kommunist Wallace nicht an die Macht gekommen war. In den oberen Etagen gab es sogar ernsthafte Gespräche, ob man dem neuen Präsidenten - falls er in etwa gleich dachte - nicht eine Säuberung in Washington vorschlagen sollte, und zwar eine Säuberung, wie sie Hitler 1934 durchgeführt hatte. Die Erschießung von etwa 200 Anhängern des New Deal wäre ein Vergnügen gewesen.

M: Nun, ich teile Ihre Meinung. Derjenige, der sich bei uns um Kommunisten und Sowjetagenten kümmerte, war ich, und ich ging dabei ein bißchen feinfühliger vor. Aber sehr viel mehr als 200 von ihnen wanderten hinter Gitter oder machten Bekanntschaft mit dem Messer. Ich habe deswegen sehr gut geschlafen. Ich liebe zwar Hunde, aber tollwütige müssen sofort erschossen werden, um die anderen zu schützen. Trotzdem glaube ich kaum, daß Sie ein Blutbad m Washington planen.

F2: Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen. Im übrigen ist es schon zu spät dafür.

M: Meine Erfahrung hat gezeigt, daß man nicht das Militär rausschicken muß, damit sie die Menschen auf der Straße erschießen. Mir ging es immer mehr um die öffentliche Ordnung. Wenn es dann doch nötig war, einen Verräter, der an prominenter Stelle saß, zu entfernen, so genügte ein Herzinfarkt, ein Autounfall oder ein Selbstmord. Ein Herzinfarkt ist am besten. Ich hatte unter mir einen Arzt, der sich schon darüber beschwerte, daß sein Daumen von den vielen Injektionen ganz taub geworden sei. Schlicht und einfach ein sauberer Herzinfarkt, der kein Aufsehen erregt.

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Autounfälle waren eine unsaubere Sache und Selbstmorde bedurften der sorgfältigen Vorbereitung. So habe ich mich auf Herzinfarkte verlegt. Denken Sie nur daran, wie schwierig es ist, einen 70jährigen Behinderten in die Berge zu locken und ihn dann einen Steilhang hinunterzustoßen. Es gibt immer Zeugen und unbequeme Verwandte, die sich fragen, was Onkel Hans mit seinem Rollstuhl auf dem Watzmann zu suchen hatte. Wer würde aber Fragen stellen, wenn Onkel Hans nach einem Herzinfarkt tot im Bett aufgefunden würde?

Der Arzt war übrigens Franzose. Er mußte aus Frankreich fliehen, weil zu viele reiche Leute unter seinen Patienten einen Herzinfarkt bekommen hatten und ihren reichen Erben wurden unbequeme Fragen gestellt. Er war mir sehr nützlich. Übrigens war er ein guter Koch. Er konnte köstliche Salate zubereiten, aber er machte uns in Berlin auch ausgezeichnete Mittagessen. Ich weiß noch genau, wie sein Lamm mit Knoblauch schmeckte.

F2: Der Mann könnte uns interessieren. Sie wissen nicht...

M: Oh, ich bin sicher, daß er seine medizinischen und auch seine kulinarischen Talente Ihrem Hauptquartier zur Verfügung stellen würde.

F2: Sprechen wir später davon. Funktioniert es eigentlich immer? Gibt es keine Spuren?

M: Die Antwort auf die erste Frage lautet ja und auf die zweite nein. Schließlich war ein Fachmann am Werk.

F2: Sie meinen den Arzt?

M: Nein, mich! Glauben Sie vielleicht, ich hätte einen Metzger genommen, der den Leuten Hundeurin ins Herz injizierte?

Fl: Ich bitte Sie, General...

M: Mein Freund hier ist so empfindlich. Machen wir weiter.

F2: Das geht schon in Ordnung. Der General ist einfach erfrischend offen. Wir haben natürlich schon einige kleine-

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re Operationen gegen Agenten vor Ort durchgeführt, aber Ihr Mann käme gerade richtig.

Um den Faden aufzugreifen. Truman begann sehr vorsichtig, diese Leute bei passender Gelegenheit zu entfernen. Sein Problem bestand jedoch darin, daß er als Demokrat den Kreis um Roosevelt nicht angreifen konnte, ohne die Unterstützung seiner Partei zu verlieren. Selbst eine Welle von Herzinfarkten konnte das Problem nicht lösen. Manche Agenten schieden recht unerwartet aus dem Leben, aber man kann doch nicht den Wirtschafts- oder den Arbeitsminister erschießen. Das tut man einfach nicht.

M: Ein Einbrecher erschießt vielleicht jemanden zufällig, aber ich bin Ihrer Meinung, daß man die ehemaligen Kabinettsmitglieder nicht auslöschen kann.

F2: Zum Beispiel gehörte sogar einer der führenden Männer des FBI zu ihnen. Wie kommt man an ihn heran? Wenn wir Hoover informiert hätten, wäre seine Reaktion unberechenbar gewesen.

M: Ich stimme mit Ihnen überein, daß eine Nacht der langen Messer kontraproduktiv ist. Auf der anderen Seite wird man die Verräter los, ohne daß man ihnen lange den Prozeß machen muß, und die Überlebenden bekommen gehörig Angst. Sie tauchen dann natürlich ab, und man muß sie wieder mühsam suchen und sie irgendwie loswerden.

F2: Wie wäre es mit Gas, General?

M: Sie sind aber auch unfreundlich, Oberst! Höre ich da vielleicht eine Anspielung auf die Juden heraus?

F2: Die meisten Spione sind Juden.

M: Diese Erfahrung habe ich nicht gemacht. In Deutschland waren die Juden Aktivisten. Der NKWD Stalins wurde zum größten Teil auch von Juden getragen. Aber bei uns waren die meisten Verräter deutsche Intellektuelle. Ich habe Ihrem Kollegen schon gesagt, daß ich mit der Judenverfolgung nichts mehr zu tun haben will.

F2: Ich wollte nur einen Witz machen.

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M: Wo waren die Agenten denn sonst noch eingesetzt, außer in der Verwaltung und in der engsten Umgebung des Präsidenten?

F2: Einige waren im Militär, sehr viele an den Universitäten und die meisten in der Filmindustrie. Oh natürlich auch noch in den Gewerkschaften. Sehen Sie, zuerst haben wir sie neutralisiert, indem wir ihnen den Zugang zu Geheimdokumenten versperrten. Außerdem unterstützten wir antikommunistische Gewerkschaftsführer und ermutigen sie, alle New Deal Kommunisten fortzujagen. Auf diesem Gebiet waren wir ziemlich erfolgreich. Die Universitäten und die Filmindustrie sind weitaus schwieriger.

M: Wenn Sie all dies an die Öffentlichkeit bringen und die öffentliche Meinung gegen diese Leute mobilisieren, könnten Sie vielleicht eine Säuberungswelle auslösen.

F2: Genau das wollen wir erreichen. Wenn wir von Ihnen stichhaltiges Material bekommen und es mit unserem eigenen kombinieren, können wir diese Schweine angreifen und sie loswerden.

M: Sie dürfen sie nicht selbst angreifen. Sie müssen jemand anders oder eine ganze Gruppe, die nichts mit der Regierung zu tun hat, dafür benutzen. Dann können Sie die positiven Resultate der Enthüllungen für sich beanspruchen, ohne die Verantwortung für die negativen Folgen auf sich nehmen zu müssen. Ein religiöser Prediger könnte zum Beispiel gegen diese Pest mit Hilfe Ihrer Informationen loslegen. Wie wäre es mit Vater Coughlin?

F2: Roosevelt hat ein Abkommen mit dem Papst getroffen. Er wurde zurückgepfiffen. Vielleicht können wir ja einen Kongreßabgeordneten dafür benutzen. Tydings fällt mir ein, es gibt aber auch noch andere.

M: Versorgen Sie sie mit Informationen, damit sie aktiv werden können. Sie können als neutraler Beobachter daneben stehen und im richtigen Moment eingreifen.

Fl: Ich habe Ihnen doch gesagt, daß der Mann Spitze ist?

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M: Hören Sie auf, mich in meiner Gegenwart zu loben, sonst werde ich noch zu stolz. Ich habe diesen Kerl doch nur mit Spitzenweinen und guten Zigarren bestochen.

F2: Nein, er hat recht. Da keiner von uns die Verantwortung für das Ausmisten des Stalles übernehmen kann, müssen wir ein effektives, langfristig angelegtes Programm ausarbeiten, das ohne Gefahr für die wichtigen Leute durchgeführt werden kann.

M: Wie rücksichtsvoll, Oberst. Wie weit wird der Präsident dabei gehen, das heißt wird er hinter den Angriffen auf Roosevelts Leute stehen?

F2: Er wird voll und ganz dahinter stehen, vorausgesetzt - ich betone dies noch einmal - nichts läßt sich auf ihn zurückverfolgen.

M: Könnten wir uns an Hoover halten?

F2: Nein, das glaube ich kaum. Truman müßte ihn entlassen, wenn es herauskäme, und Hoover hat doch seit Jahren die Bonzen in Washington erpresst. Schon beim ersten Anzeichen, daß Truman ihn feuern möchte, würde Hoover beim halben Senat seine Runde machen und allerlei Enthül-lungsstories erzählen. Der Senat würde Truman solange unter Druck setzen, bis er Hoover verschont.

M: Hoover hat wohl in seinem Safe eine Sammlung ihrer kleinen Geheimnisse. Ich habe es jedenfalls so gehalten. Wenn Sie den Safe knacken und die Unterlagen stehlen, haben Sie Hoover in der Tasche.

F2: Andere sollen die Dreckarbeit machen und dann auch dafür gerade stehen.

M: Man sollte sich zurücklehnen und einfach abwarten. Lassen Sie Ihren Savanarola für sich arbeiten und genießen Sie eine gute Zigarre.

F2: Wenn der Angriff von Washington ausginge, wäre es besser. Ein Prediger glaubt am Ende noch selbst, was er predigt. Ich habe schon ein oder zwei Kandidaten im Auge. Wir müssen unsere Unterlagen genau vergleichen. Sie können

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uns Namen liefern - ich habe einige davon schon zu Gesicht

bekommen.

M: Waren Sie überrascht?

F2: Nein, überhaupt nicht. Ich war nur überrascht, daß Frau Roosevelt nicht dabei war. Natürlich ist sie ein bißchen verrückt und ich glaube, selbst Stalin hat an ihr kein Interesse. Franklin ist ja tot und damit hat sie keinerlei Macht mehr. Soll sie doch herumreisen und Vorträge halten. Als sie damals mit Frauen poussierte, hat es mich überrascht, daß sie nicht mit einer „Pickaninny" nach Hause kam.

M: Einer was?

F2: Einer Negerin. Sie in Deutschland waren damit ja nicht gestraft.

M: Während der französischen Besetzung des Ruhrgebiets waren auch schwarze Soldaten dabei. Sie hinterließen uns einige braune Babies.

F2: Schokoladenfarbig sagen wir.

M: Eine treffende Bezeichnung. In Deutschland gibt es nur wenige, die Franzosen scheinen sie zu mögen.

F2: Die Franzosen sind verrückt nach allem ungewöhnlichen. Sie essen sogar Schnecken. Kommen wir aber auf unser Thema zurück. Wenn wir unser Wissen zusammentun, sollten wir mehr als genügend Beweismaterial an der Hand haben, um sie ein für allemal mit Stumpf und Stiel auszurei-ßen.

M: Vergessen Sie nicht, wenn man das Unkraut nicht mit der Wurzel rausreißt, wächst es nach. Aus Nissen entstehen Läuse.

F2: Ihnen muß der Boden unter den Füßen so heiß werden, daß sie entweder nach Moskau oder Jerusalem abhauen. Dann können wir beruhigt weiterleben.

M: Ich will ja nicht negativ sein, Oberst, aber diese Ideologen hatten - wie lange war es noch - ja sie hatten 12 Jahre Zeit sich einzunisten. Als Lehrer auf Lebenszeit sitzen sie

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im Erziehungssystem, und wenn sie heute noch nicht die Medien kontrollieren, werden sie es bald tun. Wie Sie so schön sagten, können Sie vielleicht das Unkraut herausreißen, die Wurzeln sind jedoch noch im Boden, und sie wachsen nach. Mein Vorschlag wäre, so viele von ihnen wie möglich einzusperren, den Rest auszuweisen und den „Garten" sorgfältig im Auge zu behalten, damit nichts nachwächst. Wenn man das wirklich wollte, müßte man ein System wie die Gestapo aufbauen, das immer Wache hält. Ich habe meine Zweifel, ob die öffentliche Meinung in Ihrem Land lange mitmachen würde. In Deutschland hatten wir die Presse unter unserer Kontrolle. Goebbels regierte sie mit eiserner Hand. Mit der Presse hatten wir nie Probleme. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie einen Wachhund einsetzen wollen, der immer aufpaßt, daß die Schweine den Garten nicht verwüsten - und sie müssen sich schnell entscheiden. Die Staatsfeinde, die Verräter und Internationalisten, die Sie trotz aller Bemühungen nicht loswerden können, müssen solche Angst davor haben, sich regierungsfeindlich zu betätigen oder für den Feind zu spionieren, daß sie zu Hause bleiben und ihrem Papagei Flüche beibringen.

F2: „Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit".

M: Genau. Wenn Sie glauben, mit einem Hausputz wäre alles sauber, dann täuschen Sie sich. Sie müssen immer auf der Hut sein. Solange Stalin in Moskau sitzt, wird er immer wieder versuchen, Ihr Land zu infiltrieren, um es von innen heraus zu zerstören. Dort sitzt der Feind und nicht der Freund. Wenn der Feind gewinnt, wird er Sie schneller zerstören, als Sie es sich vorstellen können. Schauen Sie doch nur, was in Rußland nach der Oktoberrevolution geschah. Reißt sie mit Stumpf und Stiel aus und vernichtet sie, oder Ihr werdet es euer Leben lang bereuen. Testen Sie diese Methode mit Hilfe einer verläßlichen Quelle. Vielleicht ein Minister oder ein Senator, wie Sie andeuteten. Warten Sie die Reaktionen ab. Wenn die Öffentlichkeit sie wirklich los-

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haben will, dann können Sie unbesorgt weitermachen. Sie leben schließlich in einer Demokratie, das heißt, Sie müssen Ihr Handeln dem System anpassen. Sicher hat die Demokratie ihre Vorteile, ich persönlich habe aber noch meine Schwierigkeiten damit. Hier in der Schweiz existiert die einzig wahre Demokratie. In Amerika haben Sie eine Republik, keine Demokratie. Der Unterschied ist gewaltig. Ich bin jedoch vom Fach und werde daher meine Instruktionen zur Gänze ausführen. Ich wollte Ihnen einfach mal meine Meinung darlegen.

F2: Akzeptiert. Ich wurde in dieses System - nennen Sie es Demokratie oder Republik - hineingeboren, während Sie in anderen Systemen groß geworden sind. Im Grunde können wir die Diskussion unter dem Begriff „Fachleute" zusammenfassen. Schließlich ist unser Dienst ebenso fachmännisch wie Ihrer. Wir wollen uns jedoch nicht über politische Anschauungen streiten.

M: Nein, keineswegs. Überlassen wir dies den Intellektuellen und den Produzenten von Propagandafilmen. Übrigens sollten wir unsere besondere Aufmerksamkeit den Regisseuren und Zeitungsherausgebern widmen. Stalin hat darauf ebenso wie Lenin sein Augenmerk gelegt. Die Menschen lernen zwar einiges in den Schulen, die richtige Ausbildung erfolgt jedoch durch den Film und die Presse. Wie sieht es heute mit der Presse in Amerika aus?

F2: Sie ist anti-Roosevelt eingestellt, aber die Filmindustrie ist äußerst links. Ich erinnere nur an den Film „Früchte des Zorns", der reine kommunistische Propaganda betreibt. Haben Sie ihn gesehen?

M: Nein. Ich habe das Buch gelesen. Steinbeck ist wirklich ein guter Schriftsteller, aber eben ein linker Ideologe. Ich habe festgestellt, daß dies auf die meisten Künstler zutrifft. Sie verspüren eine unendliche Liebe zu den unteren Klassen und wollen ihnen auf ihrem Weg ins vermeintliche Paradies beistehen, der Weg führt jedoch für uns alle ins

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Grab. Ich hasse es, wenn man Zeit verschwendet. Und genau darum geht es doch mit dem idealistischen Unsinn.

F2: Henry Wallace und sein Freund Rex Tugwell sind die besten Beispiele für Leute, denen es nur um Geld geht. Sie können auch noch Macleish hinzufügen. Den Dichter des Volkes.

M: Die Sowjets haben dafür Ehrenburg. Wir könnten sie beide im Zoo in den Löwenkäfig stecken. Mal sehen, ob die Löwen mit den Lämmern weiden oder sie auffressen. Kommen wir nun von den wichtigen Einzelheiten zum interessanten Allgemeingültigen. Lassen Sie mich einige Vorschläge machen, wie wir unsere spezifischen Fachgebiete integrieren können. Auf dieser Grundlage können wir dann eine gemeinsame Strategie entwickeln. Ich möchte noch darauf hinweisen, daß ich mit den Besonderheiten Ihres Landes nicht so vertraut bin, aber man kann ja hinzulernen. In den letzten Monaten hat sich mein Englisch verbessert, und unser gemeinsamer Kollege kann bestätigen, daß ich fleißig amerikanische Geschichtsbücher studiere. Fragen Sie nur.

F2: Ich glaube Ihnen auch so. Schließlich habe ich Sie ja schon abgefragt.

M: Das stimmt.

Die Bandaufnahmen sind an dieser Stelle unterbrochen. Sie werden fortgeführt mit einem Gespräch zwischen Müller und dem ersten Fragesteller.

M: Ich muß mich bei Ihnen für das, was geschehen ist, entschuldigen.

F: Warum?

M: Wir sind hier in meinem Haus. Das Verhalten Ihres Kollegen ist inakzeptabel. Ich habe ihm natürlich nichts zu sagen, aber um korrekt zu sein möchte ich Ihnen meinen Standpunkt klarmachen. Es geht um einige Bemerkungen Ihres Kollegen. Wenn er sie privat zu mir macht, ist das eine Sache, vor Ihnen jedoch ist es schlechter Geschmack.

F: Ich glaube nicht, daß er etwas gegen mich hat.

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M: Das macht die Sache ja noch schlimmer. Er sitzt hier und schwingt antisemitische Reden, und dies in Gegenwart von jemandem, dessen Hintergrund er doch kennen muß. Das tut er doch nicht ohne Hintergedanken! Wir Deutsche wurden beschuldigt, die schlimmsten Antisemiten der Welt zu sein, ich habe jedoch den Eindruck, daß die Amerikaner noch schlimmer sind. Wenn ein hochrangiger amerikanischer Beamter so redet, heißt dies, daß alle Amerikaner so denken?

F: Leider ja. Als ich vorher sagte, er habe es nicht persönlich gemeint, meinte ich damit, daß er nichts gegen mich hat. Das Establishment und dabei ganz besonders die Offizierskaste, denken alle so.

M: Trotzdem ist es taktlos. Gibt es eigentlich Schwarze in vergleichbaren Positionen wie Sie?

F: Wie ich? Nein, keinen.

M: Aber sicher Juden?

F: Ja, einige.

M: Und hochrangige Regierungsbeamte führen vor Ihnen solche Reden? Ihr Vorgesetzter hätte doch nur zu gerne in Amerika Pogrome durchgeführt. Glauben Sie das wirklich?

F: Um Ihre Frage zu beantworten, so glaube ich, daß sie es gerne täten, aber - wie er selbst sagte - sie dürfen es nicht.

M: Sie würden also schon gerne! Wir sprechen doch von einem Land, das immer noch expandiert und dabei nicht weiß, wie es alleine zurechtkommen soll. Sie wollen aus Amerika alle Kommunisten jagen, aber auch die Juden und ganz gewiß die Schwarzen. Es ist unmöglich, selbst eine der Gruppen loszuwerden. Wenn man es wirklich wollte, bräche Anarchie aus. Die meisten Bürger würden sich einem solchen Vorgehen widersetzen. Folglich müßte die Armee immer repressivere Maßnahmen ergreifen. Ich habe das gleiche schon einmal erlebt. Ich kann es kaum glauben, daß irgend jemand ernsthaft meint, wenn ein Prediger auf die Kanzel geht oder ein Senator das Wort ergreift, um gegen die

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Kommunisten zu wettern, daß sich dann alle wie ein Mann erheben und die Kommunisten vernichten. Glauben Sie mir, wenn sie mit den Angriffen gegen die Kommunisten beginnen, sind die Juden auch damit gemeint. In Ihrem System ist das nur Wunschdenken von bigotten Menschen. Sie wissen, daß ich die Kommunisten nicht mag und um ihre Gefährlichkeit weiß, da sie allein gegenüber der Sowjetunion loyal sind, aber selbst ich konnte mit dem Gewicht meiner Position im damaligen Deutschland nicht einfach alle bekannten Kommunisten und deren Sympathisanten festnehmen und in Lager stecken. Zwar haben wir die Spione, die Verräter und auch die aktivsten, aggressivsten Sympathisanten der Kommunisten ausgeschaltet, aber die anderen mußten wir solange beobachten, bis sie Fehler machten. Die Gestapo hat übrigens auch nicht einfach deutsche Juden aus ihren Häusern gezerrt und in Lager verschleppt. Sehr viele deutsche Juden überlebten den Krieg unbehindert in Deutschland.

Es gab natürlich schon antijüdische Gesetze in Deutschland, nach denen sie nicht geschäftlich aktiv werden oder Deutsche heiraten durften. Unsere Dienststellen wurden von Beschwerden wegen Gesetzesüberschreitungen überhäuft. Wir als Gestapo mußten diesen Beschuldigungen nachgehen. Wenn wir aber herausfanden, daß die Beschuldigungen unbegründet waren und nur aus Eifersucht oder sonstigen Motiven heraus geschahen, so steckten wir den Denunzianten ins Gefängnis, und der Beschuldigte wurde auf freien Fuß gesetzt. Wenn wir in Deutschland schon keine Massenverhaftungen und Massenhinrichtungen angeblicher Kommunisten durchführen konnten, so frage ich mich, wie Sie dies in den Vereinigten Staaten bewerkstelligen wollen und auch, wie Sie mit Ihrem Hintergrund überhaupt noch für solche Leute arbeiten können?

F: Gestatten Sie mir eine Frage. Wenn Sie etwas gegen ihre Einstellung haben, warum wollen Sie dann für sie arbeiten?

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M: Ich habe zuerst gefragt.

F: Nicht alle sind gleich. Und ich habe eine wichtige Stellung in einer bedeutenden, neuen Dienststelle.

M: Mit Leuten wie diesen als Ihre Vorgesetzten werden Sie es nie sehr weit bringen. Sie sind nur ihr Alibi. Setzen Sie sich ab, machen Sie etwas anderes. Ich meine es gut mit Ihnen. Nun zu meiner Antwort. Ihr Land ist angenehm, und es tut mir gut. Ich spreche englisch so gut ich kann, aber viele Leute hier sprechen deutsch, und das hat etwas für sich. Es könnte hier für mich aber gefährlich werden, wie Sie sehr wohl wissen. Wenn ich in Ihr Land ginge, müßte Amerika für meine Sicherheit sorgen - was ich hier nicht haben kann. Überdies sind eine Million Dollar sowie ein Jahreseinkommen von 50.000 Dollar sehr verlockend. Ich habe zwar viele Führer des Dritten Reiches abstoßend und widerlich gefunden, trotzdem habe ich für den Staat gearbeitet. Dabei habe ich ganz gut abgeschnitten. Ich bin kein Jude, und anfangs mußte ich stundenlang den antisemitischen Haßtiraden zuhören, die mich nicht interessierten. Wenn mein neuer Arbeitgeber das gleiche macht, so kenne ich das schon und werde mich auch dieses Mal nicht darum kümmern. Ihr Freund sprach über professionelles Arbeiten, dabei verhält er sich wie ein Laie. Bildung hat er auch nicht. Man kann zweifellos kommunistische Agenten enttarnen und entfernen. Es ist jedoch etwas anderes, wenn es sich um marxistische Intellektuelle oder gewogene Schriftsteller handelt. Man kann sie schon weghaben wollen, es wird jedoch beim Vorsatz bleiben, denn die Umsetzung ist unmöglich und birgt häßliche Implikationen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, Ihren Leuten mit Rat und technischer Hilfe zur Seite zu stehen. Ich stimme mit Ihnen überein, daß die Führungsschicht Ihrer Regierung von kommunistischen Agenten durchsetzt ist - nicht von marxistischen Intellektuellen -, und sie sollten so schnell wie möglich entfernt werden. Ich bin mir sicher, daß Stalin Amerika haßt und es nun, da

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Hitler tot ist, als seinen Hauptfeind betrachtet. Er wird alles in seiner Macht stehende tun, um Amerika zu zerstören. Nachdem er gesehen hat, wozu Ihr Land fähig ist, wird er es nicht direkt angreifen, sondern sich darauf konzentrieren, das Establishment mit seinen Agenten oder mit Personen, die seinem System positiv gegenüber stehen, zu unterminieren. Ich habe Sie schon früher davor gewarnt. Ihr Militär und dessen Umkreis mögen Witze über sowjetische Panzer in Washington reißen, trotzdem wird Sie Stalin, wie ich es skizzierte, schlagen. Seine Waffen sind Infiltration, Sabotage und Propaganda, nicht Panzer und Soldaten. Hier kann ich etwas bewirken. Da ich niemals eine vergleichbare Position wie in Deutschland begleiten werde, bleibt mir nur, Sie über die kommunistische Ideologie aufzuklären und Sie auf Ihre eigenen Schwachstellen aufmerksam zu machen. Aufgrund meiner Vergangenheit kann ich mich nicht direkt einmischen, und es paßt mir überhaupt nicht, daß ich meine Pläne nicht selbst in die Tat umsetzen kann, sondern von einem Haufen Menschen abhängig bin, die meine Ideen verzerren können, wie es ihnen gefällt. Ich glaube nicht, daß wir sehr lange zusammenarbeiten werden, sie werden mir jedoch auf meinem Weg helfen, und ich nehme mir, was ich kann.

Was Sie betrifft, - und ich möchte Ihnen wirklich einen freundschaftlichen Rat erteilen - so sollten Sie sich nach einer Arbeit auf dem Kunstmarkt umsehen, wo Sie unter ihresgleichen sind, oder vielleicht könnten Sie ins Geschäftsleben einsteigen wie in der Welt der Banken und der Börse, oder Sie könnten unterrichten. Darin liegen Ihre Stärken, Sie tun sich aber nichts gutes, wenn Sie bleiben, wo Sie nicht erwünscht sind. Bin ich Ihnen zu nahe getreten?

F: Nein. Ich weiß Ihre Bemühungen zu schätzen. Sie meinen es nur gut, ich bin jedoch m meiner Arbeit gefangen.

M: Werden Sie darüber mit Ihrem Kollegen, dem Oberst, sprechen?

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F: Nein, natürlich nicht. Die wollen Sie haben und für eine gewisse Zeit werden sie Sie benützen. Mein Rat an Sie ist, ziehen Sie soviel wie möglich für sich heraus, und setzen Sie sich dann in aller Gemütsruhe in den Vereinigten Staaten zur Ruhe. Man wird Ihr Geheimnis wahren, denn wenn man Sie verriete, würden alle große Probleme bekommen. Ein freundschaftlicher Rat nur. Sind Sie deswegen beleidigt?

M: Wie meinen Sie? Sie haben doch nur Fakten erwähnt. Beleidigt bin ich deswegen bestimmt nicht. Bleiben Sie mit mir in Kontakt, und wenn Sie meine Hilfe benötigen, lassen Sie es mich wissen. Ihr Freund, der Judenhasser, kommt gleich zurück. Machen wir ihm die Freude und tun so, als wären wir ernsthaft bei der Arbeit. Ich habe bemerkt, daß Sie sich Sorgen machen wegen der Stenographin. Vergessen Sie es. Sie weiß genug, um uns beide ins Grab zu bringen. Seien wir also nett zu ihr, und wenn Sie zum letzten Mal herkommen, vergessen Sie nicht, ihr Blumen mitzubringen.

Die folgenden Gesprächsmitschnitte umfassen mehr als 150 Seiten. Die angeführten Auszüge sind von Interesse, da es in ihnen darum ging, wie nach dem Kriege Flüchtlinge aus Osteuropa und dem Balkan für Geheimdiensteinsätze benutzt werden könnten.

F2: Wir sind vor allem daran interessiert, wie man die Osteuropäer für mögliche Aufstände gegen die Sowjets gebrauchen könnte. Was haben Sie über sie?

M: Nach meiner Meinung sollten Sie sich mit keinem dieser Leute einlassen.

F2: Und warum?

M: Meine Erfahrung hat mir gezeigt, daß man keinem von ihnen, insbesondere nicht die Jugoslawen, trauen kann. Die Balten und Ukrainer waren dafür berüchtigt, daß sie alle umbrachten, die sie nicht mochten, einschließlich der Ba-bies. Im Rußlandfeldzug benutzten wir viele von ihnen als

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Hilfstruppen. Sie waren wirklich erstklassige Soldaten. Ich denke dabei besonders an die Polizei und die politischen Gruppen wie die Ustascha oder die baltische Polizei, nicht vergessen werden sollten auch die ukrainischen Polizisten. Wir hatten mit ihnen während des Krieges viele Probleme. Wenn wir sie nicht ganz genau im Auge behielten und deutsche Offiziere und Unteroffiziere zur Kontrolle einsetzten, hausten sie wie die Barbaren. Sie brachten Juden um, weil sie meinten, sie täten uns damit einen Gefallen. Sie schlachteten aber auch Bauern, Händler usw. ab. Sie ließen eine blutige Todesspur hinter sich. Man konnte glauben, daß man im Mittelalter sei.

F2: Nach unserer Meinung könnte gerade von ihnen die Revolution in Rußland ausgehen. Können Sie diese Ansicht nicht teilen?

M: Ich bin mir sicher, daß sie sich Ihnen so präsentiert haben, aber nach meiner Erfahrung - zugegeben sie ist nicht direkt - kann man sich auf die meisten nicht verlassen. Wenn Sie sich dieser Flüchtlinge bedienen, könnten Sie in gewaltige Schwierigkeiten geraten, sollte sich herausstellen, daß zum Beispiel der Anführer des freien Volkes der Serben oder der Banater Heuschober angezündet hat, in denen sich die Bauern versteckt hielten, oder daß er Hunderte von unbewaffneten Juden in Pinsk erschlagen ließ. Was würden Sie dann machen? Ich kann mir nicht vorstellen, daß dies Ihren Generälen schmecken würde. Wie wollen Sie bei der großen Menge überhaupt die Monster unter den Unschuldigen erkennen?

F2: Ist eine Überprüfung überhaupt notwendig? Reicht der Anti-Kommunismus nicht?

M. Natürlich sind viele Antikommunisten darunter, aber die meisten sind dumme, böse Bauern, kleine Faschisten, Verrückte, Vergewaltiger usw. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie allzu viele in Ihrem Dienst haben wollen. Ich persönlich würde auf sie verzichten.

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F2: Mit der richtigen Ausbildung...

M: Mit der richtigen Ausbildung bringt man einem Hund Männchen bei. Es bleibt aber ein Hund.

F2: Das Konzept des Einsatzes von Guerillas erwies sich im Krieg gegen die Deutschen als erfolgreich, sowohl in Rußland wie auf dem Balkan. Nicht so in Frankreich, denn die Franzosen sind alle Feiglinge...

M: Dem kann ich nicht zustimmen. Die Franzosen sind keine Feiglinge. Die meisten waren gegen den Krieg und wollten sich nicht in Guerillaaktionen hineinziehen lassen. Aus Ihren früheren Bemerkungen schließe ich, daß Sie bei der OSS waren. Liege ich da richtig?

F2: Das ist nicht falsch.

M: Sie sind Oberst. Waren Sie beim Militär?

F2: Das ist doch nicht wichtig.

M: Wir sprechen ja schließlich von Militäroperationen, oder nicht?

F2: Geheimdienstaktionen sind nicht das gleiche.

M: Wenn man sich dabei nicht an militärische Richtlinien hält, führt das ms Chaos und verschlingt einen selbst. Deshalb habe ich mich auch nach Ihrem militärischen Hintergrund erkundigt. Eine legitime Frage, die Sie bestimmt zulassen werden.

F2: Ich war bei der Marine.

M: Nun, ich war im Ersten Weltkrieg Pilot, habe also keine Bodenerfahrung, aber wie ich schon sagte, Soldaten müssen im Guerillakampf eingesetzt werden. Es ist besser, wenn Sie ihre eigenen Truppen, also Amerikaner, schulen und sich nicht auf andere verlassen. Glauben Sie mir, die Sicherheitskontrollen in Rußland sind so scharf, daß es einfach nicht zu einer Revolution von innen kommen kann, es sei denn das Zentralkomitee und damit meine ich Stalin und die Geheimpolizei, werden abgelöst. Doch dazu wird es kaum kommen. Stalin ist nicht mehr jung. Er wird wie wir alle sterben, nur wissen wir nicht wann, wo und wie. Wollen Sie

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vielleicht diese bewaffneten Flüchtlinge auf dem Roten Platz absetzen?

F2: Aber ich bitte Sie, General. Es geht uns nur um Ihr Wissen über potentielle Mitarbeiter.

M: Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einem ausgebildeten Agenten und einem bewaffneten Bauern. Wenn Sie wissen, was ich meine.

F2: Ich glaube, wenn wir in der Sowjetunion oder sonstwo das Startsignal gäben, wird sich das Volk wie ein Mann erheben und unsere Geheimarmee wäre dann lebensnotwendig zum Sturz der Roten.

M: Oberst, oder wie Sie sich auch nennen mögen, vergessen Sie nicht, daß Sie diese Leute gekauft haben. Ich glaube wirklich, daß es im Sowjetimperium erst dann zu Revolutionen kommen wird, wenn Moskau den eisernen Griff lockert, in dem es alle hält. Wenn Sie in Ihrem Land derartige Gruppen aufbauen wollen, warne ich Sie davor sie zu bewaffnen, denn Sie würden es wahrscheinlich mit dem Leben bezahlen. Der zeitlich begrenzte Einsatz der klügeren Köpfe als Agenten wäre viel vernünftiger, und wir sind doch schließlich alle vernünftig.

F2: Es geht nun um die Aufstellung von Grundkonzepten, die für uns und unser Programm von größter Wichtigkeit sind. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine.

M: Gewiß doch. Aber ich glaube, daß Sie besseres tun können, als Slawen auszubilden, damit sie Ihre Flagge in den Straßen Belgrads hissen. Die meisten von ihnen würden sowieso zu Stalin überlaufen, der sie sofort erschießen lassen würde. Ihre Schlacht gegen Stalin sollte mit wirtschaftlichen Waffen nicht mit militärischen geschlagen werden. Rußland wird nie die gleiche Wirtschaftsmacht erreichen wie Amerika. So können Sie ihn schlagen, aber doch nicht mit Hilfe irgendwelcher Banditen in den Wäldern. Es gibt immer noch irgendwo in den Wäldern Ukrainer, die gegen die Sowjets kämpfen. Aber was

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nützt das alles? Sie sollten Clausewitz lesen und nicht Karl May.

F2: May? Clausewitz kenne ich.

M: May schrieb Abenteuerbücher über den Wilden Westen. Ich meine Cowboys und Indianer. Seine Bücher waren im letzten Jahrhundert in Deutschland bei den Kindern aber auch bei anderen sehr beliebt.

F2: Das ist abwegig. Es geht hier nicht um ein romantisches Abenteuer, sondern wir befinden uns im Krieg gegen die Kommunisten.

M: Oberst, ich habe nicht Krieg gespielt. Seit ich erwachsen bin, war ich im Krieg gegen die Kommunisten, und dies mit Erfolg. Heute bin ich Berater, und alles was ich mache, ist Sie zu beraten.

F2: Ich verstehe, was Sie meinen. Trotzdem sollten Sie Ihre Ansichten für sich behalten. Es steht zuviel auf dem Spiel.

M: Natürlich, was für einen Nutzen habe ich aber für Sie, wenn ich nur Ihre Ideen absegnen soll? Sagen Sie es mir im Vertrauen. Sie wollen mich doch nicht als Ja-Sager?

F2: Darum geht es nicht. Wir können später darüber sprechen. Wir verstehen uns doch?

M: Ich denke ja. Sind Sie wie Ihr Kollege Akademiker?

F2: Ich habe Jura studiert.

M: Ah, ein Anwalt! Hitler hatte so seine Meinung über die Juristen, die wir hier nicht erörtern müssen. Ich will Ihnen keinen Ärger machen, aber ich kann meine Ansichten mit Fakten untermauern, wenn Sie wollen.

F2: Kommen wir später darauf zurück. Wir sollten uns wieder den Listen von Kollaborateuren zuwenden, die Sie haben.

M: Aber gewiß doch, Oberst, Europa ist voll von ihnen. Zigaretten genügen und Sie finden genügend Kollaborateure. Der Patriotismus ist tot, Geld allein zählt, und Amerika ist reich.

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Kommentar:

Auf den ersten Blick mögen der offensichtliche Zorn und die Frustration, die in den Äußerungen des Vertreters von Admiral Hillenkoethers zum Ausdruck kommen, unverständlich erscheinen. Zu jener Zeit waren sie jedoch nicht ungewöhnlich. Es steht außer Frage, daß sich in der Regierungszeit von Roosevelt viele radikale Linke dem New Deal anschlössen. Viele Amerikaner fühlten sich durch ihre unpopulären Aktivitäten mehr als verärgert. Eine Demokratie wird normalerweise mit solchen Auswüchsen leicht fertig. Roosevelt wußte jedoch geschickt, die Karte einer erneuten Depression im Jahre 1938 sowie die Gefahren rechtsgerichteter Diktaturen in Deutschland, Italien und in Japan zu spielen. Diese beiden Faktoren - wirtschaftlich und ideologisch - waren dafür verantwortlich, daß Roosevelt weiterhin im Amt blieb, obwohl seine Popularität nach dem 1936 erfolgten diktatorischen Versuch, durch den Kongreß den Obersten Gerichtshof unter Kontrolle zu bekommen, ständig abnahm.

Nachdem 1939 die Vereinigten Staaten in den Krieg einbezogen worden waren - übrigens hatte Roosevelt dem mit allen Mittel Vorschub geleistet - war seine Amtszeit bis Kriegsende gesichert. Jene Historiker, die Roosevelt als großen Politiker darstellen, behaupten, er habe Amerika in den Weltkrieg verwickeln müssen, um zu verhindern, daß Deutschland und Japan ihr Vorhaben der Invasion der Vereinigten Staaten durchführen konnten. Anhaltspunkte für derartige Invasionspläne gibt es aber nicht. Nach dem Krieg wurde in den Archiven Deutschlands und Japans ausführlich nach den kleinsten Beweisen dafür gesucht. Die Suche war jedoch vergebens. Es trifft zu, daß Roosevelt die Deutschen geradezu haßte, dies ist jedoch eher auf den Einfluß seiner Mutter als auf politische Grundüberzeugungen zurückzuführen. Sara Delano Roosevelt war keine besonders gescheite Frau. Was sie sich aber vorgenommen hatte,

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führte sie wie ein schweizer Uhrwerk durch. Roosevelt wurde sein ganzes Leben von seiner Mutter dominiert, deren Lebenanschauungen von starken persönlichen Vorurteilen geprägt waren. Während ihrer alljährlichen Europareise zog es Frau Roosevelt vor, sich unter die gute englische Gesellschaft zu mischen. Den Hotelaufenthalt in Deutschland fand sie abscheulich. Frau Roosevelt pflegte einen starken Antisemitismus. Die schwarzen Amerikaner waren für sie nur „Nigger". Übrigens teilte ihr Sohn im privaten in beiden Fällen ihre Meinung.

Die Tatsache, daß linke Gedanken in Washington prächtig gediehen, verärgerte zwar viele Amerikaner. Da der Präsident aber sehr populär war, waren sie machtlos und konnten ihn nicht abwählen. Die daraus resultierende Frustration erzeugte eine Welle haßerfüllter Kommentare, die gegen Roosevelt gerichtet waren. Die extrem linken Regierungsmitarbeiter wurden wegen ihrer schrillen Aufdringlichkeit geschnitten.

Als Roosevelt 1945 unerwartet starb, war sein Nachfolger Harry Truman für alle eine unbekannte Größe. Truman, der beileibe kein Freund von Stalin oder seiner Ideologie war, begann vorsichtig, die Aktivisten des New Deal aus ihren Machtpositionen zu entfernen. Damit zog er sich den Haß einiger Bereiche der Medien zu, insbesondere der amerikanischen Filmindustrie, die für ihre Vorliebe linker Anliegen bekannt war.

Die Unterhaltung zwischen Müller und dem CIA-Mann fand unmittelbar vor den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1948 statt. Die wichtigsten US-Medien, die noch immer die Anti-Roosevelt-Linie vertraten, prophezeiten damals, daß Truman durch den farblosen Thomas Dewey geschlagen würde.

Die konservativen Kreise innerhalb der US-Regierung vertraten damals die Meinung, daß Dewey Truman vorzuziehen wäre und sein Einverständnis für eine große Säube-

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rungswelle geben würde. Der Demokrat Truman war zwar ein Antikommunist, trotzdem mußte er um die Gunst seiner Partei buhlen. Er war gezwungen, sehr sorgfältig ans Werk zu gehen, wollte er nicht innerhalb der Partei jeglichen Rückhalt verlieren.

Die verbalen Ausfälle des Senators von Wisconsin, Joseph McCarthy, wurden von manchen mit dem Auftauchen eines Verrückten auf der sozio-politischen Ebene verglichen. Der Senator aus Wisconsin wurde als machthungriges Individuum dargestellt, das grundlos völlig unschuldige Menschen beschuldigte, Kommunisten zu sein. Tatsächlich hatte McCarthy ausgezeichnete Informationen, die zum Teil schon dem offiziellen Washington bekannt waren; manche wurden auch erst durch Untersuchungsausschüsse aufgedeckt. Einen Großteil seiner Informationen bezog er aus höchsten katholischen Kirchenkreisen in Washington, die wiederum von anonymen aber doch offiziellen Quellen mit Informationen versorgt wurden. Zweifellos hatte Müller sehr gute Beziehungen zur Kirche und eine Übersicht über einige seiner Notizen aus der Nachkriegszeit läßt die Vermutung zu, daß ein Großteil der Informationen, die er und seine Leute vor bzw. nach dem Krieg zusammengetragen hatten, McCarthy in die Hände gespielt wurden und von diesem auch ge- bzw. mißbraucht wurden. Die Behauptung, mit der McCarthy zum Schlag gegen die amerikanischen Kommunisten ausholte, lautete, daß mehr als 80 Kommunisten im US-Außenministerium tätig wären. Und sie war korrekt. Vielleicht wußte er es nicht, oder er hat es einfach vergessen zu erwähnen, daß diese Personen bereits enttarnt und aus der OSS entfernt worden waren, als sie 1945 von Truman aufgelöst wurde. Sie warteten nur noch auf ihre Verabschiedung.

Truman und Dwight Eisenhower waren zwar laut Angaben ihrer Biographen und nach Darstellung von Historikern über das Vorgehen McCarthys entsetzt, dennoch unternahm keiner von ihnen den geringsten Versuch, ihn zum Schwei-

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gen zu bringen, obwohl es dafür gewiß ausreichend Material gegeben hätte. McCarthy, der ein starker Trinker war, bekam schließlich von seinen Quellen nichts mehr geliefert, er verlor den Überblick, und der Zorn des Senats brach über ihm zusammen.

Einige ideologisch beeinflußte Historiker und Journalisten haben versucht, McCarthy als den Repräsentanten des amerikanischen Antikommunismus darzustellen. Dies wäre aber ein großer Irrtum. Die Analyse der Bänder von Müller zeigt eindeutig, daß innerhalb der Vereinigten Staaten der Antikommunismus sehr verwurzelt war, und wenn es nicht McCarthy gewesen wäre, der zum Sturm auf die Ultralinken geblasen hätte, dann wäre es eben ein anderer gewesen -mit vielleicht noch brisanteren Informationen.

Müllers Verhalten gegenüber Kronthal, dem ersten Vernehmungsbeamten, und seinem Vorgesetzten aus Washington drückt zwar seine persönlichen Gefühle aus, es sagt aber nichts über sein Handeln aus.

Kronthal war vor dem Krieg von der deutschen Polizei in Berlin wegen seiner Homosexualität verhaftet worden, er kam jedoch auf Intervention Hermann Görings wieder frei, für den er konfiszierte jüdische Kunstgegenstände verschoben hatte. Müller war sich der Problematik von Kronthal durchaus bewußt, ja in den Niederschriften finden sich immer wieder Andeutungen darauf. Sein Sarkasmus paßt zu seiner Persönlichkeit, trotzdem ist offensichtlich, daß er den gebildeten, intelligenten Kronthal mochte.

Kronthal hätte Müllers Ratschlag befolgen und den CIA verlassen sollen. Das tat er jedoch nicht. Nachdem Müller im November 1948 die Schweiz verlassen hatte, um über Berlin, wo er seine Unterlagen abholte, in die Vereinigten Staaten zu fliegen, schickte er ein Päckchen mit einer Notiz an Kronthal in Bern:

„Für meinen Freund aus - wie er meint - guten Kreisen. Ich habe die Schweiz und mein schönes Haus verlassen und

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werde mich in einem tropischen Garten niederlassen, wo immer die Sonne scheint. Ich hoffe, daß ich mich damit verbessere; vielleicht finde ich in Zukunft ja noch Geschmack an Kokosnüssen. Mit diesem Brief will ich meine Wertschätzung dafür ausdrücken, daß Sie sich mir gegenüber anständig verhalten haben. Ich habe aber auch Ihre Gesellschaft genossen. Es tut mir leid, daß ich Ihnen gegenüber manchmal etwas kurz angebunden war, aber so bin ich nun einmal. Es war nicht persönlich gemeint. Wenn ich Sie nicht sympathisch gefunden hätte, hätte ich Sie erst gar nicht in mein Haus eingeladen. Ich bedauere, daß der Kontakt mit Ihren Landsleuten nicht so angenehm sein wird wie mit Ihnen. Von ihrer Bildung und ihrem Charakter habe ich keine allzu hohe Meinung.

Anbei finden Sie die Zigarrenkiste des Zaren, die Sie so oft bewundert haben. Und ich hoffe, daß Sie ein längeres und angenehmeres Leben haben werden als ihr Vorbesitzer. Vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder und spielen wieder Schach miteinander. Sollte es aber nicht dazu kommen, so hoffe ich, daß Sie mich stets in angenehmer Erinnerung behalten.

Mit dem Ausdruck größter Hochachtung

Müller"

Der sowjetische Geheimdienst fand sehr schnell die Schwächen Kronthals heraus und versuchte, ihn zur Mitarbeit zu zwingen. Am 1. April 1953 beging er Selbstmord. Kronthal hatte leider nicht mehr Glück als der Vorbesitzer der Zigarrenkiste aus Gold und Malachit. Wie der letzte Zar fiel auch Kronthal den Kommunisten zum Opfer.

Aus den Aufzeichnungen ergibt sich, daß es sich bei dem mit dem Kürzel „F2" bezeichneten Offizier um Frank Wis-ner handelt. Wisner wurde nach Gründung des CIA verantwortlich für die Geheimdienstoperationen.

Wisner, ein ehemaliger Korvettenkapitän der US-Marine, war von Beruf Anwalt. Während des Krieges gehört er

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dem OSS an und war Resident in Bukarest. Wisner war ein überzeugter Antikommunist. Er brachte schließlich das Nationale Sicherheitskomitee der Vereinigten Staaten dazu, sein O.K. für Untergrundaktivitäten gegen die sowjetischen Streitkräfte in Osteuropa zu geben. Grundlage dafür waren die Aktivitäten der Wlassow-Armee, als diese im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen zusammenarbeitete. Der ehemalige Sowjetgeneral Wlassow hatte aus ehemaligen Sowjetsoldaten eine Armee gebildet, die nach der Invasion der Deutschen in der Sowjetunion 1941 mit diesen kooperierte.

Wisner war fest davon überzeugt, daß die ehemaligen Alliierten der Deutschen, die sich im Kampf gegen die sowjetische Partisanenbewegung in Osteuropa hervorgetan hatten, ein gewaltiges Agentenpotential darstellten. Er glaubte auch, daß sie die antikommunistische Propaganda verbreiten würden und sich aus ihnen ein Stamm von Agenten herausbilden würde, der in den sowjetischen Satellitenstaaten Sabotage betreiben und Anschläge vorbereiten würde.

Am 10. Juni 1948 billigte das SANACC (Gemeinsamer Ausschuß für Angelegenheiten des Staates, der Armee, der Marine und der Luftwaffe) unter Beteiligung der Generalstabschefs die „Operation Bloodstone". Damit hatten die USA die Verwendung von Antikommunisten aus dem sogenannten Ostblock für Spezialeinsätze, das heißt u.a. verdeckte Ermittlungen, Sabotage und Anschläge, abgesegnet.

Präsident Harry Truman gab im Juni 1948 durch die Entschließung 10/2 des Nationalen Sicherheitsrates seinen offiziellen Segen dazu. In der Entschließung werden als Ziele unter anderem definiert „Propaganda, Wirtschaftskrieg, Präventivmaßnahmen einschließlich Sabotage, Gegensabotage, Sprengstoffanschläge und Evakuierungsmaßnahmen" sowie „subversive Maßnahmen gegen Feindstaaten. Dies beinhaltet auch die Unterstützung von Untergrundbewegungen und Guerillas".

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Dieses Programm wurde von Wisner geleitet und genoß die besondere Aufmerksamkeit von Konteradmiral Roscoe Hillenkoether, dem CIA-Direktor.

Unter der Leitung von Wisner wurde eine Abteilung für Koordination („OPC") geschaffen, deren Aufgabe es war, die einzelnen Maßnahmen aufeinander abzustimmen. Um die Geheimaktionen besser organisieren zu können, hatte Wisner auch Zugang zum Zentralregister für Kriegsverbrechen und der als Sicherheitsrisiko eingestuften Personen (CROWASS). Das Zentralregister war ursprünglich eingerichtet worden, um deutsche Kriegverbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Für Wisner und seine Leute wurde es dann allmählich zu einem Reservoir potentieller Guerillakämpfer.

1952 und 1953 startete Wisner eine groß angelegte Aktion, durch die Tausende von Flüchtlingen aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten geschleust wurden. In manchen Fällen war dies die Belohnung für erbrachte Dienste, in anderen wurden die Leute im Rahmen seines Programms für den Untergrundkrieg gegen die Sowjets ausgebildet. Die genaue Zahl der von Wisner rekrutierten Personen wird noch immer geheimgehalten, sie gehen jedoch sicher in die Zehntausende.

Wisners Aktivitäten sind mitverantwortlich für den fehlgeschlagenen Ungarnaufstand 1956, ein Aufstand, der nicht die Unterstützung der Regierung Eisenhower fand. Die blutige Niederschlagung kostete 12.000 Ungarn und 3.000 Sowjetsoldaten das Leben.

Mit diesem Fehlschlag sank der Stern von Frank Wisner. Er wurde unberechenbar, betrank sich bis zum Exzeß, und im August 1958 hatte er einen völligen Zusammenbruch. Man mußte ihn schließlich gewaltsam aus dem Büro entfernen. Nachdem er sich größtenteils erholt hatte, wurde Wisner als kommissarischer Resident des CIA nach London versetzt. Man mußte ihn jedoch wieder recht schnell abziehen,

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da er durch sein irrationales Verhalten von den Briten zur persona non grata erklärt worden war.

Am 29. Oktober 1965 erschoß sich Frank Wisner mit einer Schrotflinte.

Sehr moderate Schätzungen gehen davon aus, daß Wis-ners Politik der Sabotage und Anschläge 3.000 Menschen das Leben kostete - ohne das Ungarnabenteuer dazuzurechnen.

Wisner war nicht nur ein ausgesprochener Antikommu-nist, er vertrat auch extrem antisemitische Ansichten, eine Geisteshaltung, die er mit vielen Mitgliedern der osteuropäischen Organisationen teilte, um die er im Laufe seiner Karriere so heftig bemüht war.

Wisner schätzte unter anderem folgende Organisationen:

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Angesichts ihres Antikommunismus rückte der Antisemitismus immer mehr in den Hintergrund.

Im Nachhinein ist es leicht, Frank Wisner zu verurteilen. Die Tatsache, daß er sich dieser Gruppen bediente, macht noch lange keinen Anhänger des Dritten Reiches und seiner Rassenlehre aus ihm. Geradezu gebetsmühlenartig wiederholen die Linken ja gerne, daß ein Antikommunist auch gegen Rußland ist, womit er automatisch zu einem antisemitischen Befürworter des Faschismus wird.

Sowohl Heinrich Müller als auch Frank Wisner (den Müller widerlich fand) waren Statisten. Für beide stand die Sicherheit des Staates über allem. Müller, der nicht unbedingt ein Antisemit war, dafür aber Wisner an Professionalität einiges voraus hatte, zeigte deutlich die Schwierigkeiten auf, die sich aus dem Einsatz von Flüchtlingen ergeben könnten. Wisner wies diese Vorbehalte sofort zurück.

Zur gleichen Zeit, als Harry Truman im Juni 1948 die Entschließung 10/2 des Nationalen Sicherheitskomitees autorisierte, setzte er einen Sonderausschuß für Geheimdienste und Außenpolitik ein, der ihm in allen Gebieten, in denen er keine persönliche Erfahrung hatte, beistehen sollte. Truman hatte nicht zum engsten Kreis um Roosevelt gehört, und als er Präsident wurde, hatte er zum Beispiel vom Atombomben-

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Programm keine Ahnung. Zwar war er im Ersten Weltkrieg Artillerieoffizier gewesen, aber von militärischen Angelegenheit, insbesondere auf höchster Ebene, wußte er wenig.

Vorsitzender des Ausschusses wurde General Walter Bedell Smith, einst Generalstabschef von Eisenhower, ein Karriereoffizier, der unter George Marshall und Eisenhower gedient hatte und später Chef des CIA wurde. Der Ausschuß unterstand direkt dem Präsidenten. Er rangierte noch über den Generalstabschefs. Eine offizielle Funktion hatte er nie, obwohl er in der Innen-, Außen und Sicherheitspolitik eine maßgebliche Rolle spielte.

Als Heinrich Müller 1948 vom CIA vernommen wurde, erkannten die maßgeblichen Stellen in Washington sehr schnell, daß ihnen der ehemalige Gestapo-Chef sehr nützlich sein konnte. Der Ausschuß sorgte dafür, daß Müller unter seine Kontrolle geriet. Grund dafür war der Sicherheitsaspekt, denn wenn ausländische Regierungen herausgefunden hätten, daß Müller nun in den Diensten Amerikas stand, wäre ein Schrei der Empörung durch die Öffentlichkeit gegangen. Nach dem Krieg hegten die britischen und deutschen Behörden große Zweifel, daß Müller wirklich in Berlin gestorben war. Sie vermuteten, daß er für die Amerikaner arbeitete. In den Unterlagen der US-Behörden finden sich immer wieder Hinweise auf diese Verdachtsmomente. Leider können diese Dokumente von Forschern nicht ein-gesehen werden, da sie noch immer unter Verschluß sind.

Erst in der Reagan-Zeit kam ein Begriff wie „plausibles Dementi" auf, er wäre aber gerade auf Heinrich Müllers Existenz mehr als zutreffend. Den Anfangskontakt zu Müller hatte ein hoher Geheimdienstoffizier namens James Jesus Angleton hergestellt, der ebenso rücksichtslos wie Smith war, dafür aber noch intelligenter.

Truman wußte genau, womit sich der Sonderausschuß im einzelnen befaßte. Die Existenz Müllers wäre von ihm jedoch immer geleugnet worden.

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Müller war ein intelligenter, ehrgeiziger Mensch mit großen Fähigkeiten. Es ist daher auch kaum verwunderlich, wenn man von Geheimdienstquellen hört, daß er mit der Zeit nicht mehr Schachfigur war, sondern zum Schachspieler wurde. Es bleibt weiteren Veröffentlichungen überlassen, Licht auf die Nachkriegsaktivitäten des Gestapochefs zu werfen.

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