Betrachtungen über Verlogenheit

Der erste Band über den ehemaligen Gestapochef Heinrich Müller war auch das erste Buch, das der Autor je schrieb. Aufgrund der kontroversen Natur des Quellenmaterials war eine sorgfältige Recherche unabdingbar, da bereits absehbar war, daß die Veröffentlichung in gewissen Kreisen viel Staub aufwirbeln würde.

Die Dokumente, auf die sich das Buch stützte, wurden von verschiedenen Stellen und Experten genauestens untersucht. So wurden zum Beispiel die CIC-Dokumente über Globocnik, seinen Schatz und seine Zusammenarbeit mit britischen und amerikanischen Nachrichtendiensten von jedem nur möglichen Gesichtspunkt aus beleuchtet: die Schreibmaschinen stammten aus der Zeit, die betroffenen Personen waren auch zu den genannten Zeiten vor Ort, ihre Handschrift war identisch mit Beispielen in den offiziellen US-Archiven, und eine Computeranalyse des Schreibstils der beiden Verfasser ergab eine hundertprozentige Übereinstimmung mit bekannten Originaldokumenten. Sie sind heute unter dem Stichwort „Sereny Akte" bekannt.

Bei den Mitschnitten, die die deutsche Abwehr von dem Gespräch zwischen Churchill und Roosevelt am 26. November 1941 machte, handelt es sich um ein Originaldokument. Die Papierzusammensetzung wie auch die benutzte Schreibmaschine deuten darauf hin, daß die Niederschrift tatsächlich damals gemacht wurde.

Die Authentizität der Globocnik-Papiere wurde von der britischen Zeitung „The Independant on Sunday" in einem ausführlichen, reich bebilderten Artikel am 19. Juli 1992 dokumentiert. Autorin des Artikels war Gitta Sereny. Aufgrund der positiven Kommentare über die Echtheit der Globocnik-Dokumente sahen sich drei Verleger veranlaßt, das Manuskript zu publizieren.

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Aus Höflichkeit - leider erwies sich diese im Nachhinein als Fehler - dankte der Autor Frau Sereny besonders dafür, daß sie den Anstoß für die Herausgabe des ersten Bandes der Müller-Papiere gegeben hatte.

Das Buch wurde als deutsche Ausgabe vom Druffel-Verlag herausgegeben. Es verkaufte sich sehr gut und gehörte innerhalb von sechs Monaten zu den gefragtesten Neuerscheinungen. Die englische Ausgabe (herausgegeben von Bender Publications) verkaufte sich anfangs nicht so gut. Dies änderte sich jedoch, als positive Buchbesprechungen und Annoncen erschienen. Beide Verlage haben ebenso wie der spanische Verleger die Erfahrung gemacht, daß besonders Mundpropaganda den Absatz förderte. Die Verkaufszahlen ging vor allem nach oben, als eine private Stiftung fast die halbe Auflage kaufte, um die Bücher Universitäten und Büchereien zu schenken.

Die Leserbriefe an Autor und Verleger waren größtenteils positiver Natur. Es gab jedoch auch einige bemerkenswerte Ausnahmen.

Gitta Sereny veröffentlichte in einem britischen Boulevardblatt eine Buchbesprechung, in der sie das Gegenteil von dem behauptete, was sie 1992 geschrieben hatte. So seien alle angeführten Dokumente Fälschungen und das gesamte Buch sei „erstunken und erlogen". Der Autor war gezwungen, gegen Frau Sereny und ihren Verleger rechtliche Schritte wegen übler Nachrede einzuleiten. Da der Fall noch nicht abgeschlossen ist, kann an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden.

Frau Sereny behauptete unter anderem, sie habe stichhaltige Beweise dafür, daß Globocnik in britischer Gefangenschaft gestorben sei. Ihre „Beweise" sind Fotos, auf denen der angebliche Leichnam von Globocnik zu sehen ist, eingehüllt in einen Teppich. Die Fotos sind sehr unscharf und eigentlich ein schlechtes Zeugnis für die technischen Fähigkeiten moderner Dienststellen. Schon früher tauchten ähn-

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liche Fotos auf, die sich aber als Fotomontagen erwiesen. Die neuen Fotos scheinen von den gleichen Stellen zu kommen.

Frau Sereny gibt sich wohl der Hoffnung hin, daß ihr 1992 erschienener Artikel über die CIC-Papiere in Vergessenheit geraten ist. Oder aber sie hat schon längst vergessen, was sie geschrieben hat - auch, daß der Artikel noch unsichere Verleger von der Echtheit von Dokumenten überzeugte, die von zentraler Bedeutung waren. Vielleicht ist es für den Leser ganz interessant, Auszüge aus dem ursprünglichen Zeitungsartikel zu lesen sowie die Uminterpretationen von Frau Sereny in ihren Artikeln 1996.

Frau Sereny behauptete, daß sie eine Kopie des CIC-Be-richts von einer amerikanischen Quelle - nicht vom Autor dieses Buches!- erhalten habe und von den Implikationen fasziniert gewesen sei. Sie war sich der Echtheit der Dokumente so sicher, daß sie die Londoner „Sunday Times" überzeugte und einen Vorvertrag über 30.000 britische Pfund abschließen konnte. Frau Sereny setzte ihre Recherchen fort, die sie schließlich nach Washington DC führten.

„Der erste, an den ich mich wandte, war Dr. Robert Wolfe vom Nationalarchiv in Washington, ein weltweit anerkannter Experte für das Dritte Reich und seine Nachwirkungen. Als er das Dokument sah, war er schockiert: Denn sollte es wirklich echt sein, dann war es ein Beweisstück für die schändlichen Taten der Amerikaner und Briten nach dem Krieg. Es mag zwar zutreffen, daß die Sprache an manchen Stellen übertriebene Formulierungen beinhaltete, aber viele CIC-Agenten waren Ausländer, deren Englisch recht gestelzt sein konnte. Die Tatsache, daß das Dokument aufgrund von,Bereinigungen' manchmal bruchstückhaft wirkte, könne auch auf die Unerfahrenheit oder gar die Interesselosigkeit der Angestellten zurückzuführen sein, die nach dem Beschluß zur Informationsfreiheit Dokumente für die Veröffentlichung vorbereiteten. Angesichts der Tatsache,

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daß damals gerade der CIC wegen seines Fehlverhaltens im Falle Klaus Barbie ins Zwielicht geraten war, schien es überaus wahrscheinlich, daß die Dokumente tatsächlich echt waren.

Dr. Wolfe zeigte dann die Dokumente dem Direktor des Geheimdienstarchivs in Fort Meade, Oberst Walsh. Dieser meinte, die Dokumente könnten echt sein, das einzige, was ihn störte, war das Fehlen eines Stempels, der die Geheimhaltung aufhob. (Aber auch dies war schon in anderen Fällen vorgekommen.) Oberst Walsh wollte einen Mitarbeiter beauftragen, nach dem Original zu suchen bzw. nach weiteren Dokumenten, die für die Echtheit sprechen würden."

„Dr. Wolfe stieß im Nationalarchiv bald auf einen Bericht des Spezialagenten Severin Wallach über das Attentat auf Hitler am 20. Juli. Aus dem Bericht ging hervor, daß Wallach zum Zeitpunkt der Berichtabfassung tatsächlich in Berlin gewesen war. Dr. Wolfe hatte zwar darum gebeten, daß die Nachforschungen in Fort Meade mit allem Nachdruck geschehen sollten, trotzdem schien man nur mit halbem Herzen daran zu gehen.

Ende April war für Wolfe der Moment gekommen, seine Zurückhaltung aufzugeben. Er verfaßte ein offizielles Schreiben und bat um jegliche Informationen, die es über Müller und Globocnik gab. Oberst Walsh war zwar in Urlaub, aber schon wenige Tage später erhielt Dr. Wolfe von einem Mitarbeiter die telefonische Mitteilung, es gäbe keinerlei Informationen über Müller, den ehemaligen Gestapo-Chef. Es war einfach unglaublich. Nun folgte auch noch ein Brief, wonach auch über Globocnik jegliche Informationen fehlten: man behauptete allen Ernstes, daß es über den Mann, der für die Vernichtung der Juden in Polen verantwortlich war, keinerlei Aufzeichnungen gäbe."

Frau Sereny verweist dann auf den Appendix, der vom Vorgesetzten von Wallach im Berliner CIC, Hauptmann Andrew L. Venters, verfaßt wurde.

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„Dieses Dokument gab noch mehr Anlaß zu Zweifeln, da es angeblich von Wallachs Vorgesetztem, Andrew Venters, geschrieben wurde. Die Richtigkeit seiner Unterschrift wurde anhand von bekannten Dokumenten sofort als echt bestätigt."

Frau Sereny schreibt weiter, Wolfe habe gemerkt, daß er unmöglich die Mauer des Schweigens in Fort Meade durchbrechen könne. Daher habe er Kontakt aufgenommen zur OSI (Abteilung für Sonderermittlungen), einer Abteilung des amerikanischen Justizministeriums, die sich mit der unerlaubten Einreise von Personen befaßt, die wegen angeblicher Kriegsverbrechen gesucht wurden. Die OSI hatte weitaus bessere Nachforschungsmöglichkeiten als Wolfe. Sie fand heraus, daß man in Fort Meade sehr schnell Unterlagen über Müller und Globocnik gefunden hatte. Wolfe bekam jedoch keine zu sehen. Frau Sereny fährt fort: „Die OSI wollte offizielle Nachforschungen anstellen. Auf ihrer Agenda stand der Zugang zu den Archiven in Fort Meade, forensische Untersuchungen durch das FBI und eine psycho-linguistische Analyse der Dokumente, die ich vorgelegt hatte."

„Der Bericht des FBI war nicht überzeugend: Da die Dokumente mehrfach kopiert worden waren, ließe sich keine forensische Untersuchung vornehmen, jedoch stammten die Schreibmaschine und die Schriftart aus der Zeit. Die OSI verfügte auch über Informationen über die mutmaßlichen Unterzeichner der Dokumente, obwohl beide bereits tot waren. Severin Wallach und Andrew Venters, der als Vorgesetzter Offizier den ersten Bericht gegengezeichnet hatte und den Appendix verfaßte, waren beide zur fraglichen Zeit in Berlin gewesen und hatten dort als Team gearbeitet. Es war auch durchaus normal, daß ein Spezialagent einen Bericht verfaßte, während der Vorgesetzte den Appendix als Erklärung und Erläuterung des Berichts schrieb."

„In Washington waren einige ehemalige CIC-Offiziere kontaktiert worden. Manche waren verständlicherweise

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sehr zurückhaltend. Aber sie alle hatten Angst davor, daß es zu skandalösen Enthüllungen kommen könnte - diese Möglichkeit stellte niemand in Frage. Severin Wallach war in Wien geboren worden. Er war Anwalt von Beruf und wurde beschrieben als brillant, aber ein Einzelgänger, der von der Bedrohung durch die UdSSR überzeugt war. Er führte je nach Lage 30 bis 60 Agenten. Einige der Projekte lagen ihm besonders am Herzen. Venters, der angeblich den Appendix verfaßt haben soll, drückte sich anscheinend gerne geschwollen aus.

In Deutschland besuchte ich einen ehemaligen ClC-Offi-zier, der mit beiden Männern jahrelang eng zusammengearbeitet hatte. Dieser lieferte die maßgeblichen Anhaltspunkte: ,Sehr außergewöhnlich', sagte er. ,Wer auch immer dies fabriziert hat, muß entweder Mitarbeiter von Region VIII gewesen sein oder von jemandem aus Region VIII beraten worden sein. Das Format stimmt, die Methodik ist korrekt, und wer die Persönlichkeit der beiden Leute kennt, die den Bericht angeblich verfaßt haben, kann sagen, daß alles paßt.'"

Die ungenannte Quelle von Frau Sereny behauptete auch, daß Wallach österreichischer Jude gewesen sei.

Selbst die oberflächliche Lektüre von Frau Serenys Bewertung des CIC-Berichts vermittelt dem Leser den Eindruck, daß die amerikanischen Experten und Regierungsbeamten zwar über den Inhalt des Berichts schockiert waren, es aber keinerlei Beweise dafür gab, daß sie gefälscht waren. Tatsache ist jedenfalls, daß der Autor 1993 aufgrund des Artikels von Frau Sereny an Robert Wolfe schrieb und von diesem auf dem offizielle Briefbogen des Nationalarchivs die Antwort bekam: „... wenn man alle Beweise von internen Stellen berücksichtigt, so scheinen die Dokumente echt zu sein."

Auf der Grundlage des Artikels von Frau Sereny und des Briefes von Dr. Wolfe wurden die CIC-Dokumente im Müller-Buch als echt aufgenommen. Querverweise wurden ebenfalls gemacht.

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Am 21. April 1996 verfaßte Frau Sereny eine Folge von Buchbesprechungen, wobei es ihr um Bücher ging, die ihr Lieblingsthema, den Holocaust, nach ihrer Meinung nicht kritisch genug behandelten. In einem Rundumschlag, der literarische Fähigkeiten aber auch Selbstdisziplin vermissen läßt, behauptet Frau Sereny, das gesamte Müller-Buch bestehe aus lauter Lügen. Die CIC-Dokumente über die Festnahme von Globocnik, seinen angeblichen Selbstmord und die Plünderung seines Schatzes durch britische Beamte seien Fälschungen, die dem Autor auch bekannt gewesen seien. Wie Frau Sereny zu solch einer verqueren Schlußfolgerung kommen konnte, ist leicht nachvollziehbar. In ihrem ersten Artikel liefert sie darauf die Antwort:

„An dem Wochenende sprach ich in Washington mit vier führenden Vertretern des OSI über die Angelegenheit. Wir waren uns einig, daß derart brisante Dokumente, die den Ruf der britischen und amerikanischen Regierung gewaltig schädigen konnten, mehr als nur genau untersucht werden mußten."

Wenn die Untersuchung - was aber nicht der Fall war -zutage gefördert hätte, daß es sich bei den Dokumenten um Fälschungen handelte, wäre der Fall abgeschlossen gewesen. Frau Sereny hätte noch einen schönen Artikel darüber verfaßt, wie es ihr gelungen war, einen gewaltigen Schwindel aufzudecken. Damit hätte sie gleichzeitig eine Rechtfertigung für Ausgaben in Höhe von 30.000 Pfund gehabt. Aber leider konnte sie einen derartigen Artikel gar nicht verfassen, da alle ihre Recherchen nur den gegenteiligen Schluß zuließen. Wenn es ihr dennoch gelungen wäre, ihren Verleger davon zu überzeugen, daß sie mit dem Vertuschen von Beweisen maßgebend dazu beitrug, die britische und amerikanische Regierung vor peinlichen Enthüllungen zu bewahren, hätte man alles vergessen können, und sie hätte den Vorschuß auch nicht zurückgeben müssen.

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Frau Sereny führt in ihrem gehässigen Angriff weiter aus: „... maliziös dankt er mir für meine ,Recherchen über die Echtheit von Schlüsseldokumenten, ohne die dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können.'" Ganz offensichtlich fühlte sich Frau Sereny durch die offizielle Verknüpfung ihres Namens mit den CIC-Dokumenten dazu veranlaßt, sich vehement von der Schlußfolgerung zu distanzieren:

„Viele Fragen, die durch das Verhalten von Betroffenen bei Nachfragen aufgeworfen wurden, bleiben unbeantwortet. Warum ging das OSI zum Beispiel nur halbherzig an die Spurensuche, schließlich war nur ein einziger Mitarbeiter damit beauftragt, dazu noch in seiner Freizeit? Warum sagte Fort Meade Dr. Wolfe gegenüber die Unwahrheit über die Existenz von Akten über zwei wichtige Nazis? Warum hat Washington nie den Versuch unternommen, die angeblich gefälschten Dokumente auch offiziell bloßzustellen?"

Im Müller-Buch ist das Schreiben abgedruckt, in dem Dr. Wolfe die Echtheit bestätigt. Frau Sereny muß dieses Schreiben gelesen haben, da sie in die Unterlagen, zu denen auch dieses Schreiben gehörte, Einblick genommen hatte. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, daß nach Bekanntwerden des Schreibens von Dr. Wolfe und der Veröffentlichung des Artikels von Frau Sereny, weder Frau Sereny noch ein Vertreter ihrer Zeitung versuchten, Dr. Wolfe zu kontaktieren, um sicher zu gehen, daß das Schreiben auch von ihm war.

Aus der abgedruckten Dokumentation geht klar hervor, daß die offiziellen Akten über Heinrich Müller auch Berichte über seine Aktivitäten nach dem Krieg beinhalten. Diese werden jedoch aus Gründen der nationalen Sicherheit zurückgehalten. Darin ist wohl auch der Grund zu sehen, warum sich bisher weder die britische noch die amerikanische Regierung geäußert haben. Sollten sie dies tun, käme wohl noch schwerwiegenderes Material zutage, als bisher in dem

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kurzen CIC-Bericht enthalten ist. Aus den gleichen Gründen versucht wohl auch Frau Sereny verzweifelt, sich von ihrem ersten Artikel zu distanzieren, indem sie eine bösartige Diffamierungskampagne startete.

Was die Frage historischer Genauigkeit betrifft, so hat nur die ehemalige Sowjetunion mehr Lügen verbreitet als die offiziellen britischen Stellen. Einige britische Offiziere hatten mit Globocnik nach seiner Festnahme direkt zu tun. Ihre Namen hat Frau Sereny in einem Artikel veröffentlicht, in dem sie das Ergebnis ihrer Recherchen vorstellte. Es handelt sich dabei um Brigadegeneral Guy Wheeler von der militärischen Abwehr, Leutnant Ted Burkett, ebenfalls von der militärischen Abwehr, Major Ken Hedly vom 4. Husarenregiment und Major Alex Ramsay von den britischen Sondereinheiten.

Es wäre bestimmt interessant, einmal mehr über die Vermögensverhältnisse dieser Herren herauszufinden und der Frage nachzugehen, wer von ihnen sich nach dem Krieg große Güter in Schottland und Irland kaufen konnte.

Das Gehalt britischer Offiziere reichte auf jeden Fall für solche Extravaganzen nicht aus. Sollte es zutreffen, daß sich - wie in einem CIC-Bericht festgehalten ist - einer von ihnen, wenn nicht gar alle, am Globocnik-Schatz bereichert haben, so müssen sie Spuren hinterlassen haben.

Als das Buch zuerst erschien, gaben die US-Quellen keine offizielle Erklärung ab. Die Veröffentlichung äußerst kompromittierender Schriftwechsel mit dem CIA, aus dem ganz klar hervorgeht, daß Müller für die Amerikaner arbeitete, hat jedoch zur Entlassung von mindestens zwei hohen CIA-Beamten geführt.

Die meisten Dienststellen hatten nie von Heinrich Müller gehört und interessierten sich nicht für ihn. Viele glaubten, daß alles ein großer Schwindel sei oder eine absichtlich gelegte Fährte, denn ihre eigenen Akten - natürlich mit Ausnahme der Akten des US-Geheimdienstes in Fort George

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Meade in Maryland und natürlich des CIA - enthielten keinerlei Hinweise auf Heinrich Müller. Gegenüber allen Zweiflern wurde vom Autor nochmals versichert, daß der ehemalige Gestapochef bestimmt nicht unter seinem richtigen Namen für die Amerikaner gearbeitet hat. Nachdem diese Erkenntnis schließlich doch bis in die letzten Amtsstuben gedrungen war, wuchs das Interesse.

Das vorliegende Buch befaßt sich unter anderem auch mit der Nachkriegskarriere Müllers. Karl Müller, der Neffe des ehemaligen Gruppenführers, hat mit seinem Wissen viel dazu beigetragen.

Der Autor aber auch sein Verleger wurden mit Briefen von Leuten bombardiert, die vorgaben Historiker zu sein. Sie alle hatten sehr „wertvolles" Material über Müller, das sie nur allzu gerne weitergeben wollten. Sie machten aber alle zur Bedingung, daß sie vorher gerne alle Müller-Akten, das heißt mehr als 800 Mikrofilme, durchschauen wollten, um „bei den Nachforschungen weiterzukommen". Da keiner der Briefeschreiber selbst die einfachsten Fragen über Müller beantworten konnte und auch keiner je Fotos oder Dokumente, die sie angeblich besaßen, vorzeigte, landeten diese plumpen Annäherungsversuche im Papierkorb.

Ziel dieser „Briefschreiber" ist es, Zugang zu den Dokumenten zu bekommen. Danach folgt ein Bericht an ihre Auftraggeber, die dann so viel Druck auf die Behörden ausüben, bis aus Gründen der „nationalen Sicherheit" die gesamten Unterlagen konfisziert werden. Es ist vernünftig, wenn man von Neugierigen alle Versuchungen fernhält. Sollen sie doch andere Mitbürger belästigen, die sie nicht so schnell durchschauen.

Der Handvoll gereizter Akademiker, die ebenfalls den Autor besuchten und die Dokumente einsehen wollten, sei gesagt, daß man keinem Akademiker wertvolle Unterlagen anvertrauen sollte. Sie würden bestimmt nicht die Dokumente stehlen, dafür aber Kopien machen. Der Inhalt wür-

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de nur allzu schnell gedruckt, passend ausgeschmückt von einem studentischen Mitarbeiter.

Wer einem Akademiker etwas zeigt, das sich zu Geld machen ließe, stellt selbst die Leiter auf, über die ein Einbrecher ins Haus gelangt.

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