Brownings Version:
Fragen zu den Quellen

In seinem 1992 veröffentlichten Buch "The Path to Genocide"1 schreibt Dr. Christopher Browning: "Im Sommer 1941 - wahrscheinlich im Juli - stimmte Hitler der Vorbereitung eines Plans zum Massenmord an allen europäischen Juden in den von den Nazis besetzten Ländern zu. Die Frage, wann und wie Himmler und Heydrich darüber informiert wurden, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden."

Die Wahrscheinlichkeit einer derartigen Zustimmung wurde im folgenden Werk Brownings ("The Euphoria of Victory and the Final Solution"2 zum Faktum, wie folgendes Zitat beweist: "Als Hitler Mitte Juli seine Sieges-Rede hielt, in der er zur sofortigen Durchführung der Endlösung auf sowjetischem Gebiet aufhetzte...". Angesichts der Tatsache, daß es in den offiziellen deutschen Dokumenten keinen derartigen Befehl gibt, ist diese Rede mit all ihren Implikationen ein äußerst wichtiges historisches Dokument. Die gleiche Aufmerksamkeit verdienen aber auch alle Reden, die Hitler im Laufe des Sommers 1941 gehalten hat.

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion am 21. Juni hielt Hitler bis Oktober 1942 überhaupt keine öffentlichen Reden. Anläßlich des Beginns des Winterfeldzuges sprach er zwar am 3. Oktober im Berliner Sportpalast; in dieser Rede ging es jedoch nur um die Erfolge der Deutschen im Osten. Sie enthielt keinerlei Hinweise auf die "Endlösung"3. Der

  1. "The Path to Genocide", Cambridge, 1992, S. 25.
  2. "The Euphoria of Victory and the Final Solution: Summer-Fall 1941", German Studies Review, Oktober 1994, pp. 473-481.
  3. VB Nr. 278 vom 5. Oktober 1941; Domarus "Hitlers Reden und Proklamationen 1932-1943", Vol. II, Mfinchen, 1965, pp. 1758-1767.

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Autor bekam auf seine Nachfrage, wann denn diese "Siegesrede" gehalten worden sei, am 23. November 1994 von Dr. Browning einen Brief, wonach er die betreffende Rede dem Dokument Nr.221-L zu den Nürnberger Prozessen entnommen habe. Er führte in seinem Brief weiter aus, daß es sich bei seiner Belegstelle nicht wirklich um eine Rede handele, sondern um einen Monolog Hitlers vor einem begrenzten Publikum.

Die Suche in den deutschsprachigen Unterlagen des Internationalen Militärtribunals förderte das Dokument 221-L in Band 38 auf den Seiten 86 bis 94 zutage (siehe S. 48 ff).

Dr. Browning hatte in seinem Brief nur zum Teil recht. Bei der Rede" handelt es sich um Aufzeichnungen des Reichsleiters Martin Bormann - Hitlers Sekretär -, die er sich von internen Gesprächen am 16. Juli 1941 in Hitlers Hauptquartier gemacht hatte.

Es handelte sich also weder um eine Rede noch um einen Monolog, sondern um die Zusammenfassung einer Konferenz auf höchster Ebene, die sich vor allem mit Fragen der Verwaltung der neugewonnenen Territorien in Rußland befaßte. Die Zusammenfassung spricht für sich, und es besteht überhaupt nicht die Notwendigkeit der Interpretation. Der Text liegt vor, so daß sich der Leser selbst ein Bild dessen machen kann, was Dr. Browning als "Durchführung der Endlösung" bezeichnet.

Dr. Browning richtet in seinem Artikel das Hauptaugenmerk auf die Entscheidung zugunsten der "Endlösung", die er definiert, als den Versuch der Deutschen, "alle Juden in Europa auszurotten". Er behauptet, daß es zwei Beschlüsse zur Durchführung der Endlösung gegeben habe. Der erste sei Mitte Juli 1941 getroffen worden und zielte insbesondere auf den "Massenmord an allen sowjetischen Juden" ab.

  1. Brief von Dr. Christopher Browning an den Autor vorn 23. November 1994.

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Befassen wir uns also mit diesem ersten Beschluß.

Dr. Browning schreibt: "Überzeugt davon, daß der Feldzug bald vorbei sein würde und der Sieg unmittelbar bevorstand, gab Hitler Mitte Juli in Hochstimmung den Startschuß zur beschleunigten Befriedung und rassischen 'Säuberung' der neuerworbenen Territorien im europäischem Teil Rußlands". Er fährt fort: "Als Hitler Mitte Juli seine 'Sieges'-Rede hielt, in der er zur sofortigen Durchführung der Endlösung auf sowjetischem Gebiet aufhetzte ..."

Die genau Analyse der Quelle Dr. Brownings (Dokument 221-L zum Nürnberger Prozeß) hält dieser Behauptung jedoch nicht stand. Bei der betreffenden Konferenz - also keiner Rede - ging es ausschließlich um Fragen der Verwaltung der neuerworbenen Territorien. Die einzigen Themenbereiche, die sich, wenn auch am Rande, mit den von Dr. Browning aufgeführten Behauptungen befassen, betreffen den Einsatz gegen die jüngst gebildeten sowjetischen Partisanengruppen, die Einrichtung eines Schutzsystems in den besetzten Gebieten und die Evakuierung der Sowjets von der Krim, die von Deutschen kolonisiert werden sollte.

In den Textunterlagen zu dieser Konferenz findet sich kein einziges Wort, das sich mit den Juden befaßt oder mit Plänen zur Massenvernichtung von Juden in den ehemaligen sowjetischen Gebieten oder sonstwo. Die einzig mögliche Verbindung, die sich ziehen lassen könnte, wäre die Diskussion um den rücksichtslosen Kampf gegen die Partisanen, die von Politkommissaren und hohen kommunistischen Funktionären angeführt wurden. Dabei fielen Worte wie "Erschießen" und "Ausrotten". Da sich die Führung der Partisanen, das heißt die Kommissare und und Parteifunktionäre, fast ausschließlich aus Juden zusammensetzte, könnte der weithergeholte Zusammenhang hergestellt werden, daß mit der Vernichtung der Partisanengruppen

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Hitler gleichzeitig zur Vernichtung der Juden im Osten aufrief.

Was nun die angebliche Diskussion um die Endlösung der Judenfrage durch die Konferenzteilnehmer betrifft, so findet sich in den Notizen kein einziges Wort dazu, das einen unvoreingenommenen Leser vom Gegenteil überzeugen könnte.

Eine irrationale, verdrehte Logik wird zum Kennzeichen sogenannter Historiker, halbseidener Journalisten und Ideologen, wenn sie sich mit dem Thema der Judenverfolgung in Europa und Rußland zwischen 1933 und 1945 beschäftigen.

Sowohl der Artikel von Dr. Browning als auch der im gleichen Buch veröffentlichte Aufsatz von Richard Breitmann ("Plans for the Final Solution in early 1941") enthalten zahlreiche Passagen, die den Schluß nahe legen, daß die Verfasser derartiger Artikel sich auf Vermutungen, Theorien und in vielen Fällen auf freie Erfindungen und die Verknüpfung nicht zusammenhängender Fakten verlassen.

In Dr. Brownings Artikel finden sich folgende Sätze, die diese Hypothese zu bestätigen scheinen: "Gingen der Entscheidung Hitlers zugunsten der Endlösung nicht schon lange zuvor 'grundsätzliche' Beschlüsse und 'Geheimpläne' voraus? Hier muß sich der Historiker auf Spekulationen verlassen ..." ... "Meine Überlegungen dazu sind zugegebenermaßen rein spekulativ, was übrigens auch auf die Theorien~anderer Historiker zutrifft, die sich mit dem Thema befassen." Dr. Browning bietet "Gedankenspiele" an, die für einen Drehbuchautor oder einen Schriftsteller interessant sein könnten, sie können jedoch einem Menschen, der sich mit historischen Fakten befaßt, keinesfalls genügen. Das Wort "anscheinend" taucht mehrfach auf: "... Himmler hat anscheinend gewußt ..." und "Hitler ... hat anscheinend Mitte Juli ähnliche Pläne für die Ermordung der europäischen Juden angeregt."

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Richard Breitmanns Artikel in der gleichen Ausgabe der "German Studies Review" ist von der gleichen Machart wie der von Dr. Browning.5

Es finden sich Zitate wie "Es ist überaus schwierig und rein subjektiv, hinter Hitlers genaue Absichten zu einem bestimmten Zeitpunkt zu kommen, da er die Gewohnheit hatte, strikte Geheimhaltung zu üben und keine expliziten schriftlichen Befehle erteilte". "Als Grundschema lassen sich euphemistische Umschreibungen von Maßnahmen gegen Juden (und andere Opfer) aufzeigen." Breitmann kommentiert mehrere Treffen der Führer des Dritten Reiches mit folgenden Worten: "Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wer außer Hitler noch anwesend war oder was genau besprochen wurde", und "Über den Inhalt dieser Treffen maßgeblicher Organisatoren der Endlösung gibt es keine Aufzeichnungen - zumindest kennen wir keine". Breitmann spricht von "zweideutiger Sprache, Euphemismen und Verschleierungstaktik". Sein vorletzter Absatz beginnt so: "Nach meinem Wissen haben weder Heydrich noch Himmler in irgendeiner Weise so konkret über den Zeitablauf der Pläne für die Endlösung gesprochen, daß es der Nachwelt überliefert ist. Das gleiche gilt auch für Hitlers Zustimmung."

Kurz gesagt, sowohl Browning als auch Breitmann kommen zum gleichen Schluß, daß es keinen schriftlichen Beweis gibt. Was so aussieht, ist weder schlüssig noch überzeugend, es sei denn, man nimmt sehr dürftige Andeutungen zuhilfe, die sich eher auf Wunschdenken denn Fakten stützen.

Franciszek Piper geht auf dieses Thema in seinen Texten über die Zahl der Opfer des Antisemitismus im Dritten

  1. Plans for the Final Solution in early 1941", German Studies Review, Oktober 1994, pp. 483-493.

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Reich ein. Er erwähnt, daß sich die Forscher verlassen müssen auf "sich widersprechende, unpräzise Daten in Zeugenaussagen und eidesstattlichen Erklärungen von Zeugen, ehemaligen Gefangenen und Nazifunktionären, aber auch auf Gerichtsentscheidungen und bruchstückhafte, unvollständige Aufzeichnungen in Lagerregistraturen, Archiven und anderen Institutionen."6

In sowjetischen Archiven finden sich die vollständigen Unterlagen der deutschen Konzentrationslager. Sowjetische Truppen brachten sie 1945 im Lager Oranienburg an sich. Es handelt sich dabei nicht um bruchstückhafte sondern um vollständige Unterlagen, und aus ihnen wird ersichtlich, daß die Todesrate in allen Lagern von Kriegsanfang bis Kriegsende bei etwa 400.000 lag.7

Jeder Forscher, der versuchte, an Fakten über dieses Thema heranzukommen, wird bestätigen können, daß es seit Beginn des Krieges und bis in die heutige Zeit eine wahre Flut von Veröffentlichungen gegeben hat. Da Historiker gewöhnlich, ohne rot zu werden oder in Fußnoten darauf hinzuweisen, voneinander abschreiben, ist es mühselig, spezifische Quellen über Absichtserklärungen, Befehle und Statistiken herauszubekommen.

  1. "Anatomy of the Auschwitz Death Camp", Hrsg. Gutmann und Berenbaum, Indiana University Press, 1994, S. 62
  2. Am 3. März 1991 erschien in der "New York Times" ein Artikel über Archivmaterial in den ehemaligen sowjetischen Archiven; dabei war die Rede von einer Gesamtzahl von 400.000 Toten in den Lagern "im Dritten Reich". Die 70.000 Toten in Auschwitz werden dabei besonders erwähnt.
    Auf den Mikrofilmen des Archivmaterials der ehemaligen Sowjetunion ist aber von einer etwas höheren Zahl in Auschwitz die Rede, und zwar von 73.000 Toten. Eine Erklärung für diese doch erstaunliche Gesamtzahl liegt darin, daß "Geheimlisten" nicht berücksichtigt werden konnten, da diese nun mal geheim und damit unauffindbar sind.

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Die Arbeit des Zurückverfolgens ist äußerst zeitraubend und kaum von Erfolg gekrönt und schließlich bleibt nur eine Schlußfolgerung, zu der wohl auch die Herren Browning, Breitmann et al. gekommen sind: Nichts genaues weiß man nicht.

Dieser Mangel an Beweisen wurde so erklärt, daß gewisse Worte als Synonym für Massenmord benutzt wurden. "Deportation" ist dabei gleichbedeutend mit dem Transport nach Auschwitz und der Massenvergasung; "Zwangsarbeit" bedeutet das gleiche ebenso wie "Auswanderung", "Umsiedlung" usw. Die Tatsache, daß in den von den Alliierten beschlagnahmten riesigen deutschen Archiven keinerlei Originaldokumente zu finden sind, in denen staatlicherseits ausdrücklich Deportation und Massenmord an der jüdischen Zivilbevölkerung (im Gegensatz zu jüdischen Partisanen) angeordnet wird, läßt zwei Schlußfolgerungen zu: Entweder waren die Forscher unglaublich dumm, oder es gab einfach diese Dokumente niemals, da ein derartiges offizielles Programm nicht existierte.

(Der deutsche Verlag hat hier neun Zeilen aus den Druckfahnen gestrichen, um der Gefahr der Beschlagnahme des II. Bandes vorzubeugen, nachdem Band I am 29. Juli 1996 beschlagnahmt worden ist.)

[Webmaster: Der ausgelassene englische Text lautet:

"There is no question that Jews, both in Germany and, in fact, throughout Europe, were deported by official order. Most of these Jews were sent to the Auschwitz camp and many died while imprisoned and forced to work as laborers. But, to date there has never been one authenic document produced by any researcher or historian that establishes the existence of an official governmental policy of mass murder of Jews as a racial entity."

Deutsch:

Es steht außer Frage, daß Juden sowohl in Deutschland als auch überall sonst in Europa auf offiziellen Befehl hin deportiert wurden. Die meisten dieser Juden wurden ins Lager Auschwitz geschickt, und viele starben während ihrer Inhaftierung und Zwangsarbeit. Aber bis heute wurde von keinem Forscher oder Historiker ein authentisches Dokument vorgelegt, das die Existenz einer offiziellen Regierungspolitik des Massenmords an den Juden als rassischer Gruppe beweist.]

Wenn eine renommierte Zeitschrift für Geschichte den Artikel eines ebenso renommierten Wissenschaftlers publiziert, der behauptet, daß ein offizielles Dokument spezielle Anweisungen Hitlers zur Vernichtung der Juden enthält und wenn dann dieses Dokument bei näherem Hinsehen absolut nichts enthält, das die These des Autors bekräftigen würde, stellt sich die Frage, in wievielen anderen Fällen das gleiche Thema ebenso verzerrt behandelt wurde.

Das Grundmotiv scheint in etwa folgendes zu sein: jeder weiß, daß es diese furchtbaren Massaker nach übereinstimmender Meinung gegeben hat, also folglich muß es beweiskräftige Dokumente zur Untermauerung dieser Theorien

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geben. Da es aber keine Beweise gibt, können Historiker, die ihre Theorien unbedingt beweisen wollen, sagen - was ja immer wieder geschieht - daß es derartige Beweise geben muß, und da es sie geben muß, muß man dafür sorgen, daß es sie gibt. Erfindergabe ersetzt schließlich die Objektivität, und dies letztlich zum Schaden des Rufes der Historiker aber auch der Wahrscheinlichkeit ihrer Theorie.

Anmerkung des Verlages zur deutschen Ausgabe: Sollte der amerikanische Verfasser in diesem Kommentar sich nicht ausreichend von den Auslassungen Heinrich Müllers distanziert haben, so holt dies der Verlag gerne nach. Selbstverständlich stellt der Verlag die in den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland, dem freiesten Staat der deutschen Geschichte, festgestellten historischen dicta und facta nicht in Abrede.

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