Wer war Müllers Vernehmer?

Die Arbeiten über Heinrich Müller beruhen auf ausführlichen Vernehmungen, die 1948 in Genf stattfanden. Aus den Vernehmungsprotokollen läßt sich der Schluß ziehen, daß der federführende Vernehmungsbeamte dem neugegründeten CIA angehörte. Ansonsten taucht er in den Schriftstücken nur als „Welborn II" auf. Die Protokolle geben keine weiteren Hinweise darauf, um wen es sich bei „Welborn II" genau handelte, oder für welchen amerikanischen Dienst - wenn überhaupt - er arbeitete.

Aus Bemerkungen am Rande und aus eingestreuten Kommentaren wissen wir über diesen Mann nur folgendes: er war hochgebildet, hatte eine Ausbildung in Kunstgeschichte, war Mitglied der OSS und arbeitete während des Krieges in Norditalien. Mit Allen Dulles, dem OSS-Amtschef von Bern, war er gut bekannt. Er nahm an den Vernehmungen in Nürnberg teil, war Göring gegenüber wohlgesonnen und hatte einen Lieblingsonkel, der während der großen Spanische Grippe-Epidemie 1918 verstarb.

Die Stenotypistin wurde ohne weitere Identifikationsmerkmale als „Frl. Irmgard Krieger" aufgeführt.

Kritiker des ersten Buches wiesen natürlich sofort darauf hin, daß nach ihrer Meinung die nicht erfolgte Identifikation des Vernehmungsbeamten und seines Dienstes ein gewaltiges Informationsdefizit darstellte, durch das der Wahrheitsgehalt insgesamt in Frage gestellt würde. Wenn es sich bei „Welborn II" um einen Mitarbeiter des CIA handelte, so konnten sich die Kritiker wohlgefällig zurücklehnen, denn eines war dann sicher: der CIA würde unter keinen Umständen weder die Existenz von „Welborn II" noch seine Mitarbeit zugeben oder abstreiten. Hätte der CIA dies getan, so wäre eine verhängnisvolle Verbindung zwischen dem CIA und dem Chef der gefürchteten Gestapo offenbar ge-

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worden, eine Verbindung, die bei ihrem Bekanntwerden wahrhaft katastrophale Dimensionen in sich barg.

Die amerikanischen Medien machten sehr viel Aufhebens um das erste Buch. Die Verkaufszahlen waren besonders in Washington DC sehr hoch. Im Februar 1996 suchte der bekannte amerikanische Geheimdienstexperte William Corson Kontakt mit dem Autor des Vorwortes Dr. Frank Thayer. William Corson erwähnte gegenüber Dr. Thayer, daß er das Buch mit großem Interesse gelesen habe. Er behauptete, „Welborn II" mit ziemlicher Sicherheit identifizieren zu können. Es war nicht schwer, den Wahrheitsgehalt seiner Informationen zu überprüfen. Im Verlauf dieser Nachforschungen stellte sich dann nicht nur heraus, um wen es sich beim Vernehmungsbeamten handelte, sondern auch, wer sich hinter der Stenotypistin verbarg.

Der Vernehmungsbeamte hieß James Speyer Kronthal. Er wurde 1913 als Sohn von Leon und Maude Ranger Kronthal geboren. Leon Kronthal war Teilhaber von Joseph Speyer und damit Mitinhaber des New Yorker Bankhauses Speyer & Company, einst Bankiers des russischen Zaren. Die Bank war 1837 in Frankfurt am Main gegründet worden. Die amerikanische Niederlassung wurde 1838 in New York eröffnet. In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gehörte das Bankhaus zur wohlsituierten New Yorker Finanzwelt. James Kronthal bewegte sich also in den besten Kreisen. Er ging zur Lincoln School und schloß 1934 in Yale mit einem BA (Bachelor of Arts) ab. Während seiner Zeit in Yale wurde James Kronthal Mitglied von Phi Beta Kappa. Er gehörte auch zum Ruderteam. Später ging Kronthal nach Deutschland, wo er mit konfiszierten Kunstgegenständen aus jüdischem Besitz Handel trieb. Damals lernte er auch Göring persönlich kennen. Das Makabere daran ist, daß Krontahl selbst Jude war, dies ihn aber nicht davon abhielt, mit konfiszierten Kunstwerken zu handeln und freundschaftlichen Umgang mit dem Kunstliebhaber Hermann Göring, Chef

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der Luftwaffe und zweiter Mann im Dritten Reich, zu pflegen.

Als die Kriegsgefahr immer größer wurde, kehrte Kronthal in die Vereinigten Staaten zurück und ging auf die Universität von Harvard, die er 1941 mit einem Abschluß in Kunstgeschichte verließ. Noch während er in Harvard war, freundete sich Kronthal mit Jesus Angleton an, der ebenfalls einer wohlhabenden Familie entstammte. Beide gingen zum Militär, nachdem die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten.

Angleton, der später beim CIA eine hohe Position einnahm, ging in die OSS und Kronthal zur US-Fernmeldetruppe. 1944 kam auch er zur OSS. Er freundete sich mit Allen Dulles an, dem Amtschef der OSS in Bern. Dulles entstammte einer wohlhabenden, politisch sehr aktiven Familie. Robert Lansing, der anglophile Außenminister unter Wilson, war sein Onkel. Lansing war mit Eleanor Foster verheiratet, der Tochter von John Foster, dem Außenminister unter Harrison. Dulles war kein besonders kompetenter Agent. Seine Berichte über die Verhältnisse in Deutschland während des Krieges waren eher taktlos und ungeschickt. Er hatte aber nun mal die richtigen Beziehungen in den richtigen Washingtoner Kreisen - wie übrigens auch James Kronthal.

Am 21. April 1947 wurde Kronthal zum neuen Amtschef des CIA in Bern ernannt. Er genoß das volle Vertrauen seiner Vorgesetzten und war bis Mai 1952 in Bern tätig, als er nach Washington zurückberufen wurde, um an der Erweiterung des CIA mitzuarbeiten.

Am 1. April 1953 wurde James Speyer Kronthal tot in seiner Washingtoner Wohnung aufgefunden. Alles sah nach Selbstmord aus. Es gab aber immer wieder ernsthafte Spekulationen darüber, daß Kronthal vom sowjetischen KGB umgedreht worden war und dem KGB in der Schweiz wertvolle Informationen geliefert hatte.

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Ein Gespräch mit dem Sohn von Heinrich Müller wirft vielleicht etwas Licht auf die Nachkriegsaktivitäten seines Vaters nach dem Krieg. Er erwähnte, daß nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft (Müller junior war Panzerfahrer bei der Leibstandarte gewesen) der amerikanische CIC dem Haus der Familie Müllers in Pasing, einem Stadtteil von München, regelmäßige Besuche abstattete. Angeblich wollte der CIC den Aufenthaltsort des ehemaligen Gestapo-Chefs herausbekommen. Diese Besuche hörten 1948 auf, zur gleichen Zeit also, als das Objekt ihrer Begierde in Genf Verhandlungen mit hochrangigen Vertretern des CIA führte. Der Familie Müller wurde gesagt, der Ehemann bzw. der Vater arbeite nun für die Sowjets. Nach dieser Enthüllung erzählte ein russischer Journalist dem Sohn, daß seine Seite sich sicher sei, daß Heinrich Müller auf der Gehaltsliste der Amerikaner stände.

Zahlreiche amerikanische Dokumente aus der Nachkriegszeit beweisen, daß Müller nicht für die Sowjets gearbeitet hatte - die sowjetischen Nachrichtendienste hatten doch recht gehabt. Ob sie ihr Wissen von Kronthal hatten, oder ob sie einfach nur ihre Schlüsse zogen, wird nie nachgewiesen werden können.

In einem Gespräch mit William Corson, der die Familie Kronthal sehr gut gekannt hatte, konnten zahlreiche kleine, noch unveröffentlichte Details aus der Vergangenheit von James Kronthal geklärt werden, insbesondere die Geschichte über den Tod des Lieblingsonkels in der Grippeepidemie 1918.

Im Zusammenhang mit den Unterlagen der OSS beweist das von William Corson vorgelegte Material eindeutig, daß es sich bei „Welborn II" um James Speyer Kronthal handelt, den Amtschef der CIA in Bern im Jahre 1948.

Zur Zeit der Vernehmung war die Stenotypistin Irmgard Krieger keine Mitarbeiterin des CIA. Frl. Krieger war Deutsche und die Schwester des SS-Sturmbannführers Hans-Joa-

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chim Krieger. Sie hatte früher als eine der Sekretärinnen von Müller gearbeitet, unter Leitung seiner Chefsekretärin Barbara Hellmich, seiner ehemaligen Geliebten. Müller hatte für zahlreiche seiner Mitarbeiter Brot und Arbeit gefunden, und zwar schon lange, bevor er viele von ihnen unter dem Deckmantel der CIA in der „Operation Büroklammer" in die Vereinigten Staaten schaffte.

Kronthal sprach fließend deutsch. Er war Mitarbeiter des OSS und ein Protégé von Allen Dulles, dem späteren Chef des CIA. Kronthal konnte also mit dem vollen Rückhalt seiner Vorgesetzten mit Müller verhandeln.

Aus den Gesprächsprotokollen ist klar ersichtlich, daß Müller die Wortgefechte mit seinem Gegenüber liebte. Es wird aber auch deutlich, daß sie beide das Ganze genossen und Müller Kronthal mochte. Dies ging sogar so weit, daß Müller an einem Punkt andeutete, er wisse schon, wie er dessen Fähigkeiten einsetzen könne, falls er den CIA verlassen sollte.

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