Vom Tod und der Mystifikation des Heinrich Müller

Über das Schicksal von Martin Bormann haben sich Journalisten, Amateurhistoriker und Nazijäger die Finger wundgeschrieben, immer auf der Suche nach neuen Sensationen, nach öffentlicher Aufmerksamkeit und Geldmitteln. Über den weiteren Lebensweg von Heinrich Müller gibt es dagegen kaum Veröffentlichungen. Natürlich gab es zahlreiche Gerüchte über ihn, die im Laufe der Vernehmungen 1948 auch zur Sprache kamen.

F: Wir arbeiten zwar mit dem CIC der Armee recht gut zusammen, trotzdem ist die Zusammenarbeit nicht perfekt. Über Ihr weiteres Schicksal nach 1945 gibt es wilde Spekulationen, die zumeist falsch sind. Hoettl zum Beispiel...

M: Ein österreichischer Spinner. Ich habe keinem seiner Worte geglaubt und Kaltenbrunner und Schellenberg angewiesen, ihn zu entlassen. Hoettl geriet in die Falschgeldaktion Bernhard... Was hat er denn über mich so erzählt?

(Der zweite Teil dieses Satzes wurde vom deutschen Verlag gestrichen, da er ehrabschneidende Bemerkungen über Hoettl enthält).

F: Na, daß Sie zum Beispiel unter dem Gestapohauptquartier einen geheimen Bunker anlegen ließen, dessen Tunnels an den unterschiedlichsten Stellen in Berlin an die Oberfläche führten. Der Bunker sei im geheimen gebaut und mit Nahrungsmitteln ausgestattet worden. 1945 sollen Sie dann durch einen Tunnel entflohen sein.

M: Quatsch! Wie sollte jemand einen Geheimbunker unter dem Hauptquartier anlegen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? In Wirklichkeit habe ich doch einen Zeppelin auf dem Dach des Reichstags postiert und bin mit ihm in letzter Minute abgehauen. Was für Geschichten haben Sie noch auf Lager?

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F: Eine glaubwürdigere Quelle behauptet, Sie hätten sich gemeinsam mit Ihrer Familie in Berlin umgebracht, die Leichen seien von den Russen identifiziert und dann begraben worden.

M: Ich meinte glaubhafte Informationen! Wie kann ich mich umgebracht haben und jetzt mit Ihnen reden?

F: Gut, daß Sie darauf zu sprechen kommen. Sie haben Ihren Doppelgänger erschossen und zusammen mit Ihrer Familie zurückgelassen.

M: Unwahrscheinlich. Meine Familie hat den Krieg überlebt.

F: Hatten Sie Töchter?

M: Eine Tochter und einen Sohn.

F: Man sprach von zwei Töchtern und Ihrer Frau.

M: Die Russen haben die Geschichte in Umlauf gebracht? Sie müssen damals blind und sturzbesoffen gewesen sein.

F: Ihre Papiere wurden bei der Leiche gefunden.

M: Ich habe sie persönlich verbrannt, bevor ich mich absetzte. Haben Sie sie gesehen?

F: Von uns hat sie noch keiner gesehen.

M: Lassen Sie sich nicht irremachen. Unser Gespräch ufert aus. Sie fragen mich tatsächlich, ob ich und meine „Töchter" tot sind?

F: Ich schneide nur ein Thema an, über das ich mit Ihnen sprechen sollte. Was uns betrifft, so soll dieses Thema unseren weiteren Verhandlungen über Ihre Beschäftigung nicht im Wege stehen.

M: Das meine ich auch. Ich kann mir nicht vorstellen, was Ihre Informanten wirklich meinen, außer natürlich, es hat etwas mit dem anderen Müller zu tun.

F: Das könnte durchaus möglich sein. Wissen Sie, was aus Dr. Müller geworden ist?

M: Keine Ahnung.

F: Haben Sie in der Prager Straße in Berlin gewohnt?

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M: Nein, während meines Aufenthaltes in Berlin hatte ich unterschiedliche Wohnungen, aber nie in der Prager Straße.

F: Wir haben gerade eine Anfrage an das „Berlin Docu-ment Center" gerichtet, um herauszubekommen, ob der andere Müller dort gewohnt hat.

M: Die Spur könnte richtig sein. Wir könnten uns in der Zukunft eine Menge Probleme ersparen, wenn ich offiziell für tot gehalten würde.

F: Wir dachten auch schon daran, aber wir wissen nicht, wer nun Ihre Papiere hat. Es ist zu riskant, sich darauf zu verlassen.

M: Es war auch nur eine Idee. Sie müssen nicht alles für bare Münze nehmen.

F: Wir könnten auch herausgeben, daß Sie wie Bormann nach Argentinien geflohen sind.

M: Sie sprechen immer wieder von Bormann. Ich habe Ihnen einmal, ja ich habe Ihnen immer wieder gesagt, daß Bormann tot ist. Ihr Geheimdienstler und die dummen Journalisten hören sich doch nur am liebsten selbst reden. Also, Bormann lebt heute in einer Kolonie für SS-Angehörige, ehemalige Parteimitglieder und hübsche Mädchen von „Kraft durch Freude" auf dem Mond. Sie haben meinen Zeppelin auf dem Reichstag gestohlen und sind damit geflohen. Wenn Sie heute mit einem LKW voll Zigaretten durch Berlin fahren, werden Sie Tausende von Augenzeugen finden, die beschwören, daß Martin ihnen noch zum Abschied zugewunken hat.

F: Sie wissen doch, daß ich Sie dies fragen mußte. Meine Fragen waren das nicht!

M: Sie sind ja auch kein Dummkopf. Wie ich von Herrn Wisner hörte...

F: Halten wir uns lieber zurück. Keiner ist vollkommen.

M: Mein Spruch seit Jahren!

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Kommentar:

In einem Bericht des amerikanischen Geheimdienstes vom 4. Juni 1946 heißt es in Absatz 3 bezüglich Heinrich Müller wie folgt: „Nach Berichten aus der russischen Zone in Berlin soll Müller sich selbst, seine Frau und seine drei Kinder am 27. April 1946 erschossen haben." Dieses Datum war mit einem Fragezeichen versehen worden. Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um einen Schreibfehler. In einem anderen Bericht des CIC vom 8. Mai 1961 steht unter anderem: „... Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Person entweder getötet, oder sie beging Selbstmord. Sie wurde am Standort-Friedhof, Lilienthalstraße 35, in Berlin Neukölln begraben. Der Leichnam soll später von alliierten Behörden exhumiert worden sein, um eine definitive Identifikation zu ermöglichen." Auf der gleichen Seite des CIC Dossiers über Müller, das in Fort George Meade in Maryland gefunden wurde, finden sich Informationen, die insbesondere den angeblichen Tod von Müller betreffen. Als Geburtsdatum werden sowohl der 28. April 1900 als auch der 7. Juni 1896 genannt. Als Heimatadresse ist die Prager Straße 10 in Berlin verzeichnet.

Der Gestapochef wurde tatsächlich am 28. April 1900 in München geboren. Er wohnte in der Corneliusstraße 22 in Berlin-Lankwitz. Es gab jedoch im RSHA noch einen anderen Mann mit dem Namen Heinrich Müller, der ebenfalls SS-Gruppenführer war. Bei diesem handelte es sich aber um einen Dr. Heinrich Müller. 1933 bekleidete er in Hessen ein hohes Amt innerhalb der NSDAP. Er war mit Dr. Werner Best sehr gut befreundet, ja er hatte ihn sogar zum Polizeichef von Hessen ernannt. Als Best zur SS ging, kam sein Freund Dr. Heinrich Müller mit. Um Verwechslungen zu vermeiden, erhielt Heinrich Müller den Spitznamen „Gestapo-Müller".

Dr. Müller beging kurz vor Kriegsende Selbstmord. Die Sowjets fanden den Leichnam. Aus den Papieren ging her-

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vor, daß es sich um einen SS-General namens Heinrich Müller vom RSHA handelte. Geburtsdatum und Heimatadresse im CIC Bericht und in den SS-Personalakten des „Berlin Document Center" sind identisch.

Heinrich Müllers Sohn erwähnte in einem Gespräch mit dem Buchautor, daß seine Familie von den deutschen Behörden darüber informiert worden war, daß der Leichnam des SS-Generals Heinrich Müller anhand von Papieren identifiziert und die Leiche begraben worden sei. Müllers Sohn erzählte weiter, daß man der Familie gesagt habe, dieser Leichnam sei exhumiert, untersucht und an anderer Stelle erneut begraben worden. Die Familie bekam jedoch die angeblichen Papiere nie zu Gesicht. Sie sind in den vergangenen Jahren auch nicht wieder aufgetaucht. Das angebliche Grab des „Gestapo-Müller" wurde 1963 erneut geöffnet. Man fand darin Skeletteile von drei verschiedenen Personen, also nicht den Körper eines Einzelnen.

Die deutschen Behörden unternahmen in den folgenden Jahren einiges, um mehr über den Aufenthaltsort von Heinrich Müller herauszubekommen. Trotzdem tauchten in all den Jahren keinerlei Informationen über ihn auf. Dies änderte sich erst, als im Sommer 1995 in der Zeitschrift „FOCUS" ein als Sensation aufgemachter Artikel erschien - übrigens zeitgleich mit der Vorankündigung von Band l „Geheimakte Gestapo-Müller" -, in dem behauptet wurde, Müller sei nach Argentinien entkommen, dort vom tschechischen Geheimdienst aufgespürt, entführt, nach Moskau geflogen und erschossen worden. Angeblich soll der Sohn von Müller dabei behilflich gewesen sein. Auf diese Meldung angesprochen, hatte Müllers Sohn nur eine Mischung von Humor und Verachtung übrig. Er bekräftigte, daß kein Funken Wahrheit in der Behauptung sei.

Eine andere wichtige Führungspersönlichkeit des Dritten Reiches war in den vergangenen Jahrzehnten erst recht der Mittelpunkt wildester Spekulationen der Boulevardpresse.

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Was Martin Bormann betrifft, so scheinen manche der Geschichten über ihn wahrhaft kranken Gehirnen entsprungen.

Ein kurzer Exkurs auf die Nachkriegskarriere des ehemaligen Reichsleiters und mächtigen Sekretärs des Führers sei gestattet, um den Unterschied zwischen Forschung und Journalismus deutlich zu machen. Entgegen aller andersartigen Behauptungen besteht zwischen beiden ein großer Unterschied, ja der Journalismus kann sogar zum Stolperstein für die Forschung werden.

Nun zu den Fakten: Am 1. Mai 1945 unternahmen die Überlebenden in den Bunkern der Reichskanzlei einen Fluchtversuch. Zu ihnen gehörten Martin Bormann, Dr. Ludwig Stumpfegger, der letzte Arzt Hitlers, Artur Ax-mann, Reichsjugendführer, und andere. Sie alle kamen aus der relativen Sicherheit des Bunkers in ein Berlin, das vom letzten Aufgebot gegen die anrückenden Truppen der Sowjets verteidigt wurde. Die beiden Sowjetmarschälle Kon-jew und Schukow hatten von Stalin persönlich den Auftrag erhalten, die Reichshauptstadt zu erobern. Nichtsdestotrotz begannen sie, gegeneinander zu intrigieren, um vor Stalin gut dazustehen. Die Straßen waren übersäht mit Trümmern und den Leichen deutscher und sowjetischer Soldaten. Aber auch Zivilisten zählten zu den Toten, Menschen, die auf der Suche nach Nahrung und Schutz ihre Verstecke verlassen hatten.

Die Flüchtlinge aus der Reichskanzlei teilten sich in kleinere Gruppen auf, wobei sich Dr. Stumpfegger und Martin Bormann zusammenschlössen. Etwa um Mitternacht stieß Axmann auf der Eisenbahnbrücke an der Invalidenstraße auf die Leichen beider Männer. Die Leichen wiesen keine Zeichen von Gewalteinwirkung auf, aber Axmann hatte auch keine Zeit, sie genauer zu untersuchen. Nachdem die Schießereien beendet waren, hielten die Sowjets deutsche Zivilisten dazu an, die Straßen von den zahlreichen Leichen zu räumen und diese so schnell wie möglich zu begraben. Spä-

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ter fanden sich Zeugen, die behaupteten, die Leichen von Stumpfegger und Bormann seien auf dem Gelände einer Ausstellungshalle in der Nähe der Eisenbahnbrücke begraben worden. Man suchte nach ihnen, konnte sie aber nicht finden.

Bormann wurde in Nürnberg angeklagt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Besonders die Medien veranstalteten in den folgenden Jahren eine wahre Menschenjagd auf Bormann. Eine Auflistung aller Orte, wo der ehemalige Reichsleiter gesehen wurde, würde den Rahmen sprengen. Es genügt wohl, die folgenden Städte und Länder zu erwähnen: München, Rom, Moskau, Syrien, Libanon, Ägypten, Argentinien, Paraguay, Brasilien, Chile, Spanien, Dänemark, Schweden, Portugal, Japan und Panama. Verkleidet war er als Bauer, als Franziskanermönch, Exportkaufmann, oder er tauchte als Besitzer einer Bowlingbahn in Buenos Aires auf. Die Flucht aus dem zerstörten Berlin gelang ihm zu Fuß, mit Hilfe eines Helikopters, eines Schiffes, eines Wasserflugzeuges und vielleicht sogar eines Esels. Er war zeitgleich nach Dänemark und in die Alpen auf der Flucht, eine Flucht, die für viele Jahre die Menschen in Atem hielt.

Dr. Fritz Bauer, ein jüdischer Anwalt und ehemaliger KZ-Insasse, wurde nach dem Krieg Generalstaatsanwalt in Hessen. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine ehemaligen Peiniger aufzuspüren und der Justiz zu überantworten. In zahlreichen Fällen war er recht erfolgreich, der berühmt-berüchtigte Martin Bormann war ihm aber immer eine Nasenlänge voraus. Sein Lieblingssatz bei den Pressekonferenzen lautete: „Wir sind Bormann dicht auf den Fersen." Die Polizei hat ihre Erfahrungen mit Trittbrettfahrern, die sich bei sensationellen Verbrechen schnell anhängen und alles gestehen. Daher werden auch nicht alle Details bekanntgegeben. Auch im Falle Bormann gab es genügend Trittbrettfahrer, die von Zeit zu Zeit die Boulevardzeitungen bereicherten und Journalisten wie Ladislav Farago fütterten, der behauptete,

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im Besitz von Fotos zu sein, die Bormann nach dem Krieg zeigten. Als sich herausstellte, daß er Fälschungen aufgesessen war, stürzte sich Farago auf andere Themen und überließ das Feld Dr. Bauer und Simon Wiesenthal, einem österreichischen Juden und ehemaligen KZ-Insassen. So wie der Generalstaatsanwalt war auch Wiesenthal Bormann immer ganz dicht auf den Fersen. Aber Bormann entwischte ihnen immer, versteckte sich in Untergrundbunkern, die geflüchtete Nazis in verschiedenen südamerikanischen Ländern angelegt hatten. Schließlich sollen sich in Südamerika ja auch mehr Naziführer aufhalten als auf den Nürnberger Parteitagen.

Sowohl Bauer als auch Wiesenthal waren vom Wunsch nach Rache beseelt. Bauer ging es jedoch darum, Bormann vor ein Gericht zu stellen, während es Wiesenthal wohl mehr um die öffentliche Aufmerksamkeit und die Finanzen ging.

Schließlich wurden sie wie eine ganze Legion von Boulevardjournalisten doch noch enttäuscht. Bormann lebte nicht mehr. Und die Medien, die allen Ernstes nicht zögern, eine Landkarte des untergegangenen Atlantis zu drucken, wandten sich anderen Themen zu wie Ufo-Landungen, Verschwörungen der Marsmenschen zur Ermordung Präsident Kennedys und den weltweiten Klimaveränderungen.

Der lebende Bormann wurde nie gefunden, der tote schon. Am 7. und 8. Dezember 1972 wurden auf dem Gelände der ehemaligen Ausstellungshalle in Berlin Ausgrabungen vorgenommen, die zwei Skelette zu Tage förderten. Sie wurden in etwa an der Stelle aufgefunden, wo die beiden Totengräber 1945 die Leichen angeblich verscharrt hatten. Die sorgfältigen Untersuchungen der Gerichtsmediziner bestätigten, daß es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste von Dr. Ludwig Stumpfegger und Martin Bormann handelte. Natürlich waren manche Journalisten, die viel Zeit und Geld investiert hatten und die Geschichte als Selbstläufer betrachteten, von dieser Erkenntnis nicht gerade begeistert.

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Wenn Bormann tatsächlich seit dem 1. Mai 1945 tot ist, stellt sich natürlich die Frage, wer nun in allerlei Verkleidungen an den unterschiedlichsten Orten dieser Welt herumläuft und von Hunderten von glaubwürdigen Zeugen erkannt wurde? Vielleicht ist die Lösung wirklich so einfach, wie sie Müller andeutete, als er davon sprach, welche Wirkung ein LKW voll Zigaretten im zerstörten Berlin haben konnte. Vielleicht wollte auch nur ein armer Schlucker für ein anständiges Abendessen und billigen Wein in einem Restaurant von Buenos Aires einige Augenblicke im Mittelpunkt stehen.

Bormann ist zwar weg vom Fenster, trotzdem halten sich immer noch die Gerüchte, er sei auf besondere Anweisung Winston Churchills vom britischen Geheimdienst gerettet worden. Er habe irgendwo in England auf dem Land gelebt und sei vor einigen Jahren gestorben. Sein Grab sei unbekannt.

Martin Bormann findet sich eigentlich in guter Gesellschaft, denn lange nach ihrem Tod sind auch Lord Kitche-ner, Amelia Erhart, die Großfürstin Anastasia von Rußland, John Wilkes Booth und Elvis Presley von glaubwürdigen Zeugen lebend gesehen worden.

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