Auf den Spuren von Königgrätz

Im ersten Buch dieser Serie wurde die Aktion Königgrätz erwähnt.1 Dazu bemerkt Müller: „In gewissen Kreisen der SS wurde eine Verschwörung gebildet, um Hitler abzusetzen und statt dessen Himmler zum neuen Staatsoberhaupt auszurufen. Gottlob Berger und einige ausländische SS-Mitglieder hatten diesen Komplott ausgeheckt. Ihre Kontaktleute saßen im Osten... in Moskau".

Über diese Verschwörung sickerte fast nichts nach außen, bis zu dem Moment, als ein Bericht des CIC (US Army Counter Intelligence Corps) auftauchte. Das Komplott wurde zwar nur am Rande erwähnt, dies genügt jedoch als Bestätigung seiner Existenz.

Zum Nachweis der Richtigkeit der Behauptungen von Müller wurde in der amerikanischen - aber nicht der deutschen - Ausgabe die erste Seite des CIC-Berichts abgedruckt. Der Inhalt des Berichts und die wertvollen Reaktionen, die die Erwähnung des Komplotts in der deutschen Ausgabe nach sich zog, hat uns bewegen, an dieser Stelle den gesamten CIC-Bericht einschließlich der Kommentare der daran Beteiligten, abzudrucken. Die fehlerhafte Schreibweise von deutschen Namen und von Orten wurde in dieser Ausgabe korrigiert. Die Originaldokumente sind im Appendix abgedruckt. Der Bericht ist auf Formblättern der amerikanischen Streitkräfte im Juni 1947 unter der Nummer WD 341/1 registriert. Seine Überschrift lautet: „Agentenbericht" und die Unterzeile: „Aktivitäten deutscher Nationalisten im Untergrund - britische Zone/RE Projekt HAPPINESS/11". Niedergeschrieben wurde er am 2. Dezember 1948, und er trägt die Kontrollnummer IV - 2090/11.13.

1 vgl. Band I S. 253 ff.

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„l. Es wird bezug genommen auf Paragraph 161. Zusammenfassender Orientierungsbericht, Hauptquartier, 7970. CIC Gruppe, EUCOM, vom 9. Juli 1948.

2. Angeblich handelt es sich bei der sogenannten DAHLKE Gruppe um eine bewaffnete deutsche Untergrundorganisation. Alle ihre Mitglieder sind im Besitz von Schußwaffen. Die Gruppe soll auch Verbindungen zur SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) haben. Die führenden Köpfe der Gruppe sind:

1. Walter DAHLKE, Hamburg (L54/S55), Kielortallee 2

2. Alexander DOLEZALEK, früherer SS-Hauptsturmführer

3. Dr. Herbert BEER, Lütjenburg (Ostholstein)

4. Dr. Herta SUADICANI, Berlin-Wilmersdorf

a.) Walter DAHLKE, früher Hauptmann einer deutschen Panzerdivision, studiert heute Jura an der Universität von Hamburg, wo er auch Kontakte zu kommunistischen Studenten unterhält. Erst jüngst wurde er von Mitgliedern des Nationalkomitees Freies Deutschland kontaktiert, die ihm angeblich die Papiere besorgt haben sollen und ihm Nachrichten eines Hauptmanns, der heute in der Sowjetzone lebt, übermittelten. DAHLKE sagte gegenüber einer untergeordneten Quelle, daß die illegalen Waffenlieferungen in die Westzone zwischen Jerxsheim und Gunsleben in der Nähe von Helmstedt getätigt werden. Die Transporte sind als Möbellieferungen aus Leipzig getarnt, b.) Alexander DOLEZALEK, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer in der Germanischen Leitstelle, gehörte 1944 zur sogenannten „Aktion Königgrätz" (einer Gruppe innerhalb der SS und des Außenministeriums, die insgeheim den sowjetischen Plan zur Ermordung Hitlers unterstützte. An seine Stelle sollte Himmler treten). Dolezaleck

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wohnt seit 1945 in der Sowjetzone und arbeitet aktiv für die SED, die FDJ und die Gewerkschaften. In Schwerin hat er eine führende Position inne. Unter dem Decknamen BOMHOFF kümmert er sich um die Kulturverwaltung der SED. Er ist Mitglied des Deutschen Volksrates und nimmt auch an Versammlungen dieser Organisation teil. Am 19. März 1948 führte er mit der DAHLKE-Gruppe ein Geheimtreffen in Hamburg durch. Er überquerte die Grenze illegal unter dem Namen DORRNICK. Begleitet wurde er dabei von einem ehemaligen deutschen Berufsoffizier, dessen Name nicht bekannt ist, der aber angeblich eine führende Position in der FDJ in Dresden innehat (N52-F29). Während dieses Treffens erklärte Dolezaleck, daß seine Aufgabe darin bestehe, Kontakt zu illegalen nationalen Gruppen m den Westzonen herzustellen und eine gemeinsame Plattform zu schaffen. Während des Treffens wurden insbesondere die Bodenreform und die Sozialisierungskampagne betont, eine vollständige Übereinstimmung konnte aber nicht erzielt werden. Man kam überein, den Kontakt zwischen Dolezalek, Dahlke und Beer zu verstärken. In der Folge besuchte Dahlke Dolezalek mehrfach in der Sowjetzone. Auch Dr. Beer war im Mai 1948 dort. Dolezalek hat auch die Aufgabe, ehemalige Mitglieder des Amtes IV des RSHA in die Sowjetzone zu schleusen. Als Dahlke von seinem ersten Besuch in der Sowjetzone zurückkam, erzählte er der untergeordneten Quelle, daß ehemalige deutsche Armeeangehörige insgeheim in der Umgebung von Fürstenwalde und Dessau trainiert würden. Dolezaleck wird Dezember 1948 zu einem erneuten Treffen in Hamburg erwartet.

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c.) Dr. Herbert BEER war Major und Kommandeur einer Pioniereinheit der Wehrmacht. Schon 1946 war er politisch sehr aktiv. Mitglieder seiner Organisation wurden seine zahlreichen Freunden in der Ostzone und den Westzonen. Angeblich wurde er Ende 1945 vom NKWD der Sowjets inhaftiert. Erst 1946 soll er in die Westzone gekommen sein. Seine wahren Aktivitäten soll er angeblich durch seine Arbeit für den britischen Geheimdienst tarnen. Er weiß zwar, daß er von den Briten sehr genau beobachtet wird, dennoch brüstet er sich damit, daß es ihm gelungen sei, seine britischen Verbindungsleute über seine wahren Aktivitäten im Dunkeln zu lassen. Neben seiner Wohnung in Lütjenberg (M55/N83), wo er ein Übersetzungsbüro betreibt, hat er noch ein Appartement in der Isestraße 139/III in Hamburg.

d.) Dr. Herta SUADICANI, Berlin-Wilmersdorf, war ebenfalls Mitarbeiterin der Germanischen Leitstelle. Sie arbeitet mit Beer und Dolezaleck zusammen und reist zwischen Berlin (N53/Z75), Nürnberg und München hin und her. Während ihres Aufenthaltes in München wohnt sie beim ehemaligen SS-Standartenführer Spaarmann in der Anglerstraße 18. Sie unterhält ebenfalls gute Kontakte zu Gerhard Riemer (München, Agnes Bernauer Straße 86), dem ehemaligen Ortsgruppenleiter der NSDAP in Polen. Er ist heute Angestellter im Labor der Metzler Reifenfabrik in München. Auch er arbeitet für Beer.

e.) Gerda KIRCHNER (Stuttgart/Bad Cannstadt) hält die Verbindung zu Beer aufrecht. Wenn er in Stuttgart zu tun hat, wohnt er bei ihr (L49/S02).

f.) Professor Dr.Rudolf SEWING (Braunschweig, Campestraße 7, M53/X90) arbeitet mit Dahlke und Beer zusammen. Sewing ist leitender Ange-

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stellter der Fotofirma VOIGTLÄNDER. Er hat in Hamburg im gleichen Haus (Isestraße 139) wie Dr. Beer eine Wohnung.

g.) Otto ZANDERER, ehemaliger Hauptsturmführer der HJ, war der Nachfolger von Reinhold Schlösser als Leiter der Kulturabteilung der Reichsjugendführung. Heute ist er in der „National Zeitung" in Berlin verantwortlich für das Ressort Kultur und Politik. Er gehört ebenfalls zur Dole-zaleck-Gruppe.

h.) Dr. Beer ist ebenfalls sehr gut bekannt mit Generalarzt Dr. Schreiber, der rechten Hand von General Seydlitz (Vorsitzender der Gruppe Freies Deutschland). Schreiber gelang erst jüngst die Flucht in die Westzone. Beer, der übrigens der zukünftige Schwiegersohn von Schreiber sein soll, erzählte der Quelle, daß es nicht stimme, Schreiber habe, wie offiziell verlautbart wurde, während des Transports in die Sowjetzone die erste Gelegenheit zur Flucht in den Westen genützt. Beer behauptete weiter, daß Schreiber seit 1945 mehrfach in Berlin gewesen sei und zur Rückreise nach Moskau den „Blauen Express" benutzt habe. Dahlke sagte, die Flucht von Schreiber in den Westen sei eine ausgezeichnet durchgeführte Aktion der Sowjets gewesen.

i.) Dr. Beer hat guten Kontakt zu einem ehemaligen
Mitglied der Waffen-SS namens Köln (Vorname un
bekannt) aus Lensahn (Oldenburg). Köln brachte
zwei Mitglieder des RSHA, Amt VI, deren Namen
zur Zeit noch nicht feststehen, in die Sowjetzone,
wo sie in der sowjetischen Abwehr gute Stellungen
erhielten. Durchgeführt wurde die Aktion mit Hil
fe einer russischen Flüchtlingsfrau in Lübeck, de
ren Namen auch unbekannt ist.
Quelle: F-2518-IV-G; EVAL: B-3

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3. (Durchgängig zensiert)

Für die Richtigkeit:

MARIE T. CLAIR

ERNEST GÜNTHER, 7970th CIC Gp. Reg. IV

Spezialagent CIC Zuständiger Offizier."

Dieser Bericht über die sowjetische Gegenspionage in den Westzonen ist sehr detailliert. In der amerikanischen Ausgabe wurde eine Kopie der ersten Seite dieses Berichts abgedruckt, um damit einen stichhaltigen Beweis zu liefern, daß hinter dem Komplott, Hitler umzubringen und durch Himmler zu ersetzen, letztendlich Moskau stand.

Die im Bericht genannten Personen waren nicht bekannt. Man kann aber mit einiger Sicherheit davon ausgehen, daß einige von ihnen bereits verstorben sind oder in Altersheimen auf den Tod warten. Im Dezember 1995 erhielt der Autor dieses Buches einen Brief (mit Datum vom 12. Dezember) von einem gewissen Alexander Dolezalek, Direktor einer kleinen Privatbibliothek namens „Dokumentenar-chiv" in Vlotho, in der Nähe von Hannover. Herr Dolezalek hatte die deutsche Übersetzung des Müller'schen Buchs gelesen und war auf Königgrätz gestoßen. Er schrieb dem Autor, daß er in dieser Aktion an maßgeblicher Stelle mitgewirkt habe und nannte auch die Gründe dafür. Herr Dolezalek kannte den CIC-Bericht nicht, da er in der deutschen Ausgabe nicht abgedruckt worden war. Er führte in seinem Brief aus, daß er einen anonymen Brief von jemandem im Amt IV (Gestapo) des RSHA erhalten hatte, in dem er davor gewarnt wurde, sich in Dinge einzumischen, die das Vorrecht des Führers waren. Er schrieb weiter, daß er Chef des Hauptamtes Planung des SS-Hauptamtes, Sektion D, gewesen war. Später wurde dann daraus die Germanische Leitstelle und noch später das Europa-Amt, das für die ausländischen Freiwilligen der Waffen-SS zuständig war. Herr Dolezalek erklärte, daß mehr als 36 Länder in dieser Sekti-

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on des SS-Hauptamtes vertreten waren. Müller habe den Grundgedanken dieser Sektion überhaupt nicht verstanden. Er hätte ihn und seine Freunde sofort in ein Konzentrationslager gesteckt, wenn er herausbekommen hätte, was sie vorhatten.

Diese Aktivitäten beschrieb er als konzertierte Aktion von Frontsoldaten wie er es war, um den Kriegsausgang zu beeinflussen. Sie befürchteten alle einen diktierten Frieden wie in Versailles und Trianon. Sie glaubten an eine sogenannte innere Verbindung zwischen Ost und West. Sie wollten ihre Kontakte ausdehnen, um eine andere Innen- und Außenpolitik zu machen. Nach seinen Ausführungen war dies ein gefährlicher Kurs. Die Aktion selbst benannte er daher in Erinnerung an die Politik von Otto von Bismarck nach der Schlacht im Österreichisch-deutschen Krieg von 1866. Bismarck war einst preußischer Botschafter beim Zaren gewesen. Seine Haltung wurde allgemein als pro-russisch bezeichnet - selbstverständlich war dies vor der Oktober-Revolution 1918. Der Brief endete mit dem Hinweis, daß er dem Autor Tonbandkassetten und Kopien von Dokumenten schicken wollte.

Nach diesem bemerkenswerten Brief schickte der Autor Herrn Dolezalek eine vollständige Kopie des CIC-Berichts. Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Am 12. Januar 1996 kam ein Brief, der noch mehr Details enthielt. Herr Dolezalek behauptet, daß sich der CIC-Bericht zu 90 Prozent aus Fiktion und zu 10 Prozent aus Mißverständnissen zusammensetzte. Herrn Dahlke, Gerda Kirchner, Professor Dr. Sewing, Otto Zanderer und Frau (sie) Köln kenne er nicht. Bekannt sei ihm jedoch Herta Suadicani, die geheiratet habe und heute als Frau Schütze in Fulda lebe. Dr. Beer kenne er auch, doch sei dieser seit geraumer Zeit tot.

Nach seiner Meinung spräche der CIC-Bericht die Sprache der NKWD, die den Dienst infiltriert habe. Er fuhr fort, daß auch er wie Dr. Beer 1950 vom NKWD aus ungenann-

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ten Gründen inhaftiert worden sei. Er wolle in seinen Unterlagen nach weiterem Hintergrundmaterial forschen.

Der nächste und auch letzte Brief stammt vom 18. Januar 1996. Dieser war sehr viel kürzer als die beiden vorherigen. Herr Dolezalek führte einen ungenannten Freund an, der die USA sehr gut kenne. Dieser Freund habe ihm gesagt, der Bericht trüge die Handschrift eines sowjetischen Doppelagenten. Herr Dolezalek schien jedenfalls über den Inhalt des Berichts nicht sehr erfreut zu sein. Die spezifischen Anschuldigungen des CIC-Berichts, er sei ein Sowjetagent gewesen, widerlegte er jedenfalls mit keinem Wort. Er ging auch auf keinen weiteren Punkt des Berichts ein.

Dies blieb Dr. Herta Schütze, geb. Suadicani überlassen, die am 15. März 1996 aus Fulda schrieb. Dolezalek hatte ihr eine Kopie des CIC-Berichts zukommen lassen. Dr. Schütze behauptete, daß sie weder Dahlke noch die Dahlke-Gruppe gekannt habe. Die Herren Dolezalek und Beer kenne sie jedoch sehr gut, da sie gemeinsam mit beiden von 1933 bis 1939 in Berlin studiert habe. Sie führte weiter aus, daß Dr. Beer 1971 verstorben sei und von einer Aktion Königgrätz nichts gewußt habe. Dolezalek kenne sie seit 1936, als sie beide einer Studentischen Arbeitsgruppe an der Berliner Universität angehörten. Nach dem Studienabschluß im Herbst 1939 kam Frau Schütze in den Warthegau, einem ehemaligen Teil von Polen, wo sie an Ansiedlungsaktionen von Deutschen beteiligt war und von 1940 bis 1944 arbeitete. Vom August 1944 bis Kriegsende war sie dem Europa-Amt des SS-Hauptamtes zugeteilt. Ihr Chef war SS-Standartenführer Erich Spaarmann. Sie lebte in Berlin-Zehlendorf und nicht in Berlin-Wilmersdorf.

Nach Kriegsende besuchte sie Dolezalek in Gadebusch, wo er als Lehrer tätig war. Sie vergaß hinzuzufügen, daß Gadebusch in der Sowjetzone lag, und zwar nicht weit von Schwerin entfernt, wo - nach dem CIC-Bericht - Dolezalek als Funktionär der SED arbeitete. Sie gab zu, daß sie bei ihren

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München-Besuchen bei Alice Spaarmann wohnte - eine Übereinstimmung mit dem CIC-Bericht. In ihren Schlußbemerkungen machte sie deutlich, daß nach ihrer Meinung der gesamte Bericht reine Erfindung sei und sie keine der erwähnten Personen kenne.

Der Leser kann seine eigenen Schlüsse über den CIC-Bericht und die Resonanz bei den Beteiligten ziehen. Wichtig ist auf jeden Fall das Eingeständnis von Dolezalek, daß er in der Tat zur Zeit des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 im SS-Hauptamt war und daß er und seine Freunde einen Verhandlungsfrieden anstrebten, um den Krieg zu beenden. Dazu gehörten auch Kontakte mit den Sowjets. Der Briefwechsel bestätigte auch, daß er in der Sowjetzone gelebt hatte und von seiner ehemaligen Studienkollegin Dr. Herta Suadicani Besuch erhalten hatte, die überdies mit ihm gemeinsam in der Deutschen Sektion des SS-Hauptamtes und im deutschen Außenministerium gearbeitet hatte. Dolezalek sprach von seinem Interesse an den von der Wehrmacht und der SS aufgestellten russischen Freiwilligenemheiten. Verantwortlich für deren Organisationsstruktur war Stauffenberg.

Müller und die CIC-Agenten haben quasi die Punkte markiert, Dolezalek und Frau Dr. Schütze haben sie nur noch verbunden. Sie haben damit Licht in einen bisher obskuren Aspekt der deutschen Geschichte geworfen. Wenn der CIC-Bericht schon von Anfang an in der deutschen Fassung veröffentlicht worden wäre, ist es mehr als zweifelhaft, ob sich diese Personen je zu Wort gemeldet hätten.

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