Die Schreiende Gertrude

Obwohl die Gespräche mit Müller zum größten Teil ernsthafter Natur sind und auf endlose Detailfragen eingehen, so gibt es doch hin und wieder komische Passagen. Hier nur ein Beispiel. Es geht dabei um unterschiedliche Verhörmethoden.

F: Leider wurden die Methoden der Gestapo von der Propaganda so aufgebauscht, daß es für mich fast unmöglich ist, gewissen Leuten in Washington dieses Thema rein vernunftsmäßig nahe zu bringen. Offen gesagt, Ihr Name ist unbekannt, aber das Wort Gestapo beschwört Bilder von Folterkellern usw. herauf.

M: Sie hätten das nicht zulassen sollen.

F: Wir haben es doch versucht! Propaganda ist notwendig, um in Kriegszeiten den Enthusiasmus aufrech.t zu erhalten. Das wissen Sie doch ganz genau.

M: Ja natürlich, aber bei unseren Verhören im Prinz Al-brecht-Gebäude ging es nicht so zu, wie Sie es sich vorstellen. Wir Deutsche sind richtige Bürokraten; wir gehen gerne routinemäßig vor, und furchtbare Foltersitzungen, Schläge, heiße Eisen usw. sind reiner Unsinn. Ich habe oft gesagt, daß wir die Eiserne Jungfrau von Nürnberg herbringen und in den Verhörräumen aufstellen sollten. Kennen Sie die Eiserne Jungfrau?

F: Nein.

M: Sie sieht wie eine Mumie aus Eisen aus, deren Oberteil man in der Mitte öffnen kann. Man steckt das Opfer hinein und schließt die Tür hinter ihm. Die Türen sind von innen mit spitzen Dornen ausgekleidet, die in Augen, Gehirn, Herz und andere Körperteile eindringen. Ich dachte mir immer, daß der Verdächtige, wenn wir falsches Blut auf den Fußboden vor der Eisernen Jungfrau praktizierten, viel eher

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geneigt sein würde, wie ein Vöglein zu singen. Leider weigerten sich die Museumsleute in Nürnberg, mir die Eiserne Jungfrau zu leihen, und ich bin bis zum heutigen Tage davon überzeugt, daß manche von ihnen ernsthaft glaubten, wir würden sie tatsächlich benutzen. Übrigens ist sie ziemlich kurz geraten... die Menschen waren früher kleiner... und hätte daher höchstens für einen fünfzehnjährigen Jungen gereicht, aber nicht für einen erwachsenen Mann. Wir hatten aber die Schreiende Gertrude, den Verrückten Doktor und Horst Kopkow.

F: Wenn Sie mich so anschauen, General, wollen Sie doch, daß ich darauf bestehe, Ihre geheimnisvollen Bemerkungen erklärt zu bekommen. Nun denn, wer war die Schreiende Gertrude?

M: Eine Schreibmamsell in unserem Büro. Sie wäre so gerne Opernsängerin geworden, hatte aber dafür überhaupt kein Talent, aber laut schreien, das konnte sie wirklich! Sehen Sie, wir brachten zum Beispiel einen für uns wichtigen Verdächtigen in ein spezielles Verhörzimmer. Dann begann ich oder sonst jemand - meist war es ich, da ich mich kontrollieren kann und nicht einfach loslache, wenn ich nicht soll - mit dem Verhör. Während ich seine Antworten nochmals durchging, sagen wir innerhalb der ersten halben Stunde, schaute einer meiner Männer herein, der mit seinem riesigen Kopf und Mordshänden wie ein Zirkusmonster aussah... ein netter Kerl übrigens, aber er sah nun mal wie ein Monster aus... also er öffnet die Tür und verkündet, daß wir gerade die Frau des Verdächtigen verhaftet hätten, und sie gleich nach oben gebracht würde. Der Verdächtigte bekommt es mit der Angst zu tun, er versucht, sie aber noch eine Weile zu überspielen. Mittlerweile hat Gertrude es sich im Nachbarbüro mit Sahnetorte und Mineralwasser gemütlich gemacht. Bei ihr ist Kopkow, der eine laute, fiese Stimme hat. Kopkow nun schmettert Drohungen gegen die Wände, schließlich schlägt er mit einem großen Stock auf einen

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Sandsack aus dem Trainingsraum der Boxer ein. Mein Gott, es hörte sich durch die Tür wirklich beängstigend an. Und Gertrude setzt sich in Positur und beginnt zu schreien, was die Lungen hergeben, zu wimmern und zu stöhnen.

Das reichte gewöhnlich, damit der Verdächtige ins Schwitzen kam; viele gaben auf und sagten mir, was wir wissen wollten. Aber manche waren so verstockt, daß Kopkow die Frau anschreien mußte, er würde ihr die Finger einzeln brechen. In Wirklichkeit zerbrachen wir einen Bündel Selleriestengel, und dann begann Gertrude so richtige, schrille Schreie auszustoßen. Natürlich hatten wir ihr gesagt, wer der Verdächtige war, und sie stieß seinen Namen aus und flehte ihn um Hilfe an.

F: Jetzt ist aber wirklich genug.

M: Das ist noch gar nichts, mein Freund. Wenn zu diesem Zeitpunkt noch kein Geständnis vorlag, dann schlug Kopkow weiter auf den Sack ein, während Gertrude jammerte und wie eine Luftsirene heulte. Schließlich tat es einen großen Krach, wenn Kopkow einen Stuhl zertrümmerte, und dann ward es still. Unsere Geheimwaffe in Person des Verrückten Doktors trat dann in Aktion. Er war eigentlich Fahrer, ein anständiger Mensch wie auch der andere, er sah aber seltsam aus. Ein hageres Gesicht, dicke Brillengläser und Haar, das kaum zu bändigen war. Wir steckten ihn in einen weißen Arztkittel, bespritzten ihn mit roter Tinte. Nachdem der Stuhl zu Bruch gegangen war, öffnete er die Tür und sagte mir, daß sie ihr das Bein gebrochen hätten. Zu diesem Zeitpunkt begannen die Verdächtigen gewöhnlich zu heulen und zu reden wie ein Wasserfall.

Natürlich hatten wir damit auch einige Probleme. An heißen Tagen mußten wir die Fenster öffnen, und wenn Gertrude mit Inbrunst schrie, konnte man sie drei Straßen weit hören. Bis zu Unter den Linden muß man sie gehört haben. Direkt unter uns waren weitere Sekretärinnen. Sie konnten die Geräusche hören, und wir mußten die meisten für den

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Rest des Tages nach Hause schicken. Gott allein weiß, was sie zu Hause erzählten. Eines Tages mußte der blutverschmierte Doktor in die untere Etage zur Toilette gehen. Jemand... eine weibliche Angestellte... sah ihn auf der Treppe und fiel in Ohnmacht. Sie stürzte den Treppenabsatz hinunter und brach sich das Schlüsselbein. Das ging uns schon nahe. Ich brachte ihr sogar Blumen ins Krankenhaus mit, aber ich konnte ihr natürlich nicht verraten, was wirklich vor sich ging. Man kann einfach niemandem trauen, daß er bei solchen Dingen den Mund hält. Ich sagte ihr, daß es sich bei unserem Doktor um einen Verrückten handelte, der aus der Anstalt ausgebrochen war und Nasenbluten hatte. Die Tinte sah immer ganz frisch aus. Wir hatten eigentlich nur Ausgaben für den Sellerie und das Essen für Gertrude.

F: Sie muß ziemlich dick gewesen sein.

M: Seien Sie höflich. Sie fühlte sich wohl. Beim Sellerie machten wir trotzdem kein Verlustgeschäft. Er wurde in die Küche der Bürokantine geschickt und verschwand im Suppentopf. Geht es Ihnen auch gut? Beherrschen Sie sich doch, und lachen Sie nicht so.

F: Tut mir leid, aber ich kann nichts dafür.

M: In Ihrem Alter müßten Sie sich besser unter Kontrolle haben. Sie haben den Kaffee über den ganzen Tisch verschüttet. Das ist doch ein wertvoller Tisch. Nehmen Sie Ihr Taschentuch und putzen Sie alles auf. Sonst muß ich jemanden rufen, der es für Sie macht. Gut so. Machen Sie alles schön sauber. Ich gebe ja zu, daß die Sache etwas komisch ist, aber Sie scheinen hysterisch zu sein. Nicht noch mal... so komisch war es auch wieder nicht.

F: Der Sellerie...

M: Nun ja, ich hab' was dagegen, daß Lebensmittel verschwendet werden.

F: Die Bilder, die vor mir auftauchen... Tut mir leid, aber... Vor zehn Minuten waren Sie so ernsthaft und dann die Sache mit...

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(Pause)

M: Beherrschen Sie sich doch. Was soll die bezaubernde Stenographin denken. Gertrude... versuchen Sie doch, sich zu beherrschen.

F: Bitte streichen Sie das.

M: Wenn unser Verdächtiger dann herausfand, daß es seiner Frau ganz gut ging und sie zu Hause einen Roman gelesen hatte, während er dachte, unsere kleine Theatertruppe hätte sie zu Brei geschlagen, dann war er ziemlich verlegen.

F: Ich... es hört sich wie bei den Ziegfeld Follies an.

M: Was ist denn das?

F: Variete, Klamauk. Mein Gott, es muß ziemlich wild zugegangen sein...

M: Oh nein, es hört sich für Sie vielleicht komisch an... und ich gebe zu, daß ich es auch lustig fand, aber Sie können sich darauf verlassen, daß es uns sehr ernst war. Alles wird nur leichter, wenn man hin und wieder lacht. Hitler mochte Variete auch ganz gern, wissen Sie. Er liebte es wirklich, ins Theater zu gehen und die Tänzer und Komödianten zu beobachten. Man sagt immer wieder, daß ich früher recht lustig war, aber mit der Zeit habe ich den Humor verloren.

F: Das glaube ich nicht.

M: Wie nett, daß Sie mir auch menschliche Gefühle zugestehen.

F: Nun aber ernsthaft, General. Bitte erzählen Sie solche Geschichten nicht, wenn Sie den Vertreter des Admirals treffen. Ich versichere Ihnen, daß sie Gertrude... verzeihen Sie bitte... daß sie diese Geschichte nicht lustig finden werden. Tut mir leid. Überhaupt nicht lustig. Die meisten dieser Leute haben überhaupt keinen Sinn für Humor, sogar schwarzen Humor. Sie werden dieses Projekt noch gefährden,wenn Sie nicht vollkommen ernst bleiben.

M: Sie meinen, es geht nicht, daß jemand in einem blutver-schmierten Arztkittel ins Zimmer stürmt und eine Schafskeule schwingt?

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F: Bitte...

M: Sie sehen schon, wenn man einmal anfängt zu lachen, kann man nicht mehr aufhören. Und die entzückende junge Dame lacht auch mit. Trinken wir noch einen Kaffee und beschäftigen uns mit ernsteren Dingen. Wie das Radionetz, das Sie interessierte. Oder die zusammengeschlossenen Fernschreibsysteme. Betrachten Sie dies einfach als ein komisches Intermezzo, und machen wir mit den wirklich wichtigen Sachen weiter. Ich werde in Ihrer Gegenwart das Wort „Sellerie" nie wieder in den Mund nehmen.

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