Wiedergutmachung

München 1946

Eines Tages herrschte im Lager helle Aufregung. Der berühmte jüdische Geiger Yehudi Menuhin wollte nach Berlin kommen, um ein Konzert für die deutsche Bevölkerung zu geben, dessen Reingewinn für hungernde deutsche Kinder verwendet werden sollte. Jehudi Menuhin wurde, besonders von den Zionisten, wild beschimpft und als Verräter hingestellt. Eine jüdische Gegendemonstration, die in Berlin organisiert wurde, begrüßten die Zionisten im Lager sehr. Nicht anders war es, als der weltbekannte jüdische Londoner Verleger Victor Gollancz in England eine große Sammelaktion für die hungernden Deutschen organisierte. Auch Victor Gollancz wurde scharf verurteilt und verdammt. Wer von uns Juden versuchte, die Partei Menuhins oder Gollancz' zu ergreifen, wurde sofort zum Nazi gestempelt, und es kam sogar vor, daß die jüdische Lagerführung solche Juden bei den Amerikanern denunzierte. In einem Fall mußten sich einige Juden vor einer amerikanischen Kommission entkleiden, und die Amerikaner prüften, ob diese Juden nicht am Ende ein SS-Blutgruppenzeichen eintätowiert hätten.

Selbst ein Jude, der damals für die Vernunft und Versöhnung sprach, wurde nicht nur von den Zionisten, sondern auch von den Amerikanern verdächtigt, ein Nazi zu sein. Quälend fiel mir ein, was der große Führer des Bund", Mitglied der zweiten Internationale, Henrik Ehrlich, im Mai 1933 in der Warschauer jüdischen "Volkszeitung" geschrieben hatte: "Der Jüdische Nationalismus ist genauso häßlich und ekelhaft wie der Nationalismus anderer Völker. Wenn der jüdische Nationalismus im allgemeinen nicht blutdürstig ist, dann aus Not und nicht aus Tugend. Sollte sich eine Gelegenheit bieten, würde er dies mit Zähnen und Krallen beweisen, genauso Wie der Nationalismus anderer Völker."

Ich hatte 1927, während ich als Gast des Bund" in Warschau weilte, Gelegenheit, diesen großen Mann persönlich kennenzulernen. Bei Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges floh er 1939 nach Galizien, wo er von den Sowjets sofort verhaftet wurde. Etliche seiner ehemaligen Freunde in den USA waren an dem, was nun kam, nicht ganz unschuldig. Von allen verhafteten "Bund"-Funktionären mußte nur Henrik Ehrlich allein sterben; 1942 wurde er von der NKWD erschossen.

Unterdessen organisierten die Zionisten verschiedene Aktionen, um die UNO zu beeinflussen, die Gründung eines Judenstaates und zwar in Palästina, voranzutreiben. Bei allen in Deutschland lebenden Juden wurden Unterschriften gesammelt. Es wurden zu diesem Zwecke Fragebögen ausgegeben, auf denen eine der Fragen lautete:

Herkunftsland und Muttersprache. Auch zu mir kam eine Vertreterin der Zionisten, und als sie mich nach meiner Muttersprache fragte, antwortete ich wahrheitsgemäß: "Jiddisch."

Die Dame, die aus Palästina stammte, wollte mir nun einreden, ich müsse Rumänisch als Muttersprache angeben, da ich ja aus Rumänien stamme und Jiddisch keine Sprache sei. Dennoch unterhielt sie sich selbst mit mir in Jiddisch. Sie bat mich um Verständnis, als ich ihr das Unsinnige dieser Auffassung vorhielt, da sie die Weisung erhalten habe, Jiddisch nicht als Muttersprache einzutragen. Nun mischten sich auch andere Lagerinsassen in das Gespräch ein und sagten, sie würden die Eintragung verweigern, wenn es prinzipiell nicht gestattet sei, Jiddisch als Muttersprache anzugeben.

Dr. Joseph Tennenbaum, New York, schrieb in seinem 1934 erschienenen Buch Rasse, Nation und Juden: "Jiddisch wird von mehr als der Hälfte der Juden in der Welt gesprochen. Das Jiddische hat eine lebendige Literatur. In New York allein gibt es drei jiddische Tageszeitungen, die zusammen eine Auflage von 400 000 haben."

Wie töricht war das alles! Die Verantwortlichen, die diese Anordnungen in Palästina gegeben hatten, verleiteten praktisch dadurch die Befragten zur Urkundenfälschung. Die meisten der armen Juden aus Polen waren der polnischen Sprache gar nicht mächtig oder in einer Art und Weise, daß sich Henryk Sienkiewicz wohl die Ohren zugehalten hätte!

Kurz nach dieser seltsamen Befragung wurde angeregt, Landsmannschaften zu organisieren. Ich beteiligte mich an der Statutenausarbeitung für den Verein ehemals rumänischer Juden. Nachdem die amerikanische Militärregierung den Verein anerkannt hatte, wurde ich von einer absoluten Mehrheit als dessen Repräsentant gewählt. Doch ich übergab die Führung und Leitung einem Beamten des inzwischen entstandenen Staatskommissariats für rassisch und politisch Verfolgte bei der Bayerischen Staatsregierung. Ich hatte in dieser engstirnigen Gettoatmosphäre die Lust an der Öffentlichkeitsarbeit verloren.

Wie richtig mein Entschluß war, zeigte sich bald. Um der notleidenden Bevölkerung in Europa, besonders in Deutschland, zu helfen, entstand in den USA die Care-Organisation. Überall wurden riesige Summen in den amerikanischen Städten und Bezirken gesammelt und dafür Lebensmittelpakete nach Europa gesandt. Sie enthielten vor allem Konserven und Kaffee.

Dieser Kaffee, aber auch die Fleisch- und Fettkonserven waren begehrte Handelswaren geworden. Es gab feste Börsenpreise auf dem Schwarzen Markt für diese Carepakete, die in der Hauptsache zur Betreuung der Bevölkerung außerhalb der Lager gedacht waren.

Diese großzügige Hilfsaktion wurde bald ausgenützt. Vornehmlich die jüdischen Landsmannschaften, besser gesagt einzelne verantwortungslose Funktionäre, stellten Listen mit Hunderten von Mitgliedern auf und verlangten für diese Mitglieder Carepakete. Als dann Gerüchte aufkamen, daß die Mitglieder diese Pakete gar nicht erhielten, legten die Herrschaften Listen mit gefälschten Unterschriften vor, durch die der angebliche Erhalt der Pakete bestätigt wurde.

Da die Carepakete zollfrei ins Land kamen, war die Verdienstspanne mit der amerikanischen Hilfsbereitschaft beträchtlich. Daß dabei oft sogar Zollbescheinigungen gefälscht wurden, bekümmerte die Beteiligten kaum. Es wäre indessen falsch, daraus zu schließen, daß alle Funktionäre der jüdischen Landsmannschaften so ehrlos gehandelt hätten. Daß so etwas in mehreren Fällen vorkam, ist traurig genug.

Die Gründung des Vereins ehemaliger rumänischer Juden brachte mich mit einer Persönlichkeit zusammen, die damals bereits im Blickpunkt des politischen öffentlichen Lebens von Bayern stand:

Dr. Philipp Anerbach. Natürlich konnte ich nicht ahnen, welch dramatische Ereignisse sich mit diesem Mann noch abspielen sollten.

Auerbach war 1906 in Hamburg als Sohn eines Metallwarenhändlers geboren worden. Er war also ein Jeke-Jude, ein deutscher Jude. Während des Dritten Reiches hatte er fünf Jahre im KZ, hauptsächlich Buchenwald, verbracht. Später war er dann als Dolmetscher in einer Berliner Polizeidirektion tätig.

Nach dem deutschen Zusammenbruch wurde er Oberregierungsrat in Düsseldorf. Diese Stelle hatte er aber nicht lange inne, da ihn die Engländer sehr bald von seinem Posten entfernten, namentlich, weil er gegen den Oberbürgermeister Lehr, der nach Heinemann Bundesinnenminister wurde, Material gesammelt hatte. Vor Auerbach war am 6. Oktober 1945 der Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer von den Briten wegen Unfähigkeit" entlassen worden.

Im Januar 1946 kam Philipp Auerbach nach München, wo er alsbald Staatskommissar für die politisch und rassisch Verfolgten beziehungsweise Generalanwalt für die Wiedergutmachung in Bayern wurde. Von 1949 bis 1952 war er Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in Bayern.

Ende 1946 wurde ich aufgefordert, im Generalsekretariat des Zentralkomitees der Juden in Deutschland mitzuarbeiten, und gerade als ich schon halb entschlossen war zuzusagen, ereignete sich die Affäre mit dem Präsidenten Dr. Grünberg, der von der gesamten Judenheit, die sich damals in Deutschland befand, gewählt worden war. Er verschwand sang- und klanglos von der Bildfläche, und es kursierten wieder einmal wilde Gerüchte. Die einen wollten wissen, daß er nicht weniger als 150 000 Dollar empfangen habe, um zwei führenden baltischen SS-Männern die Möglichkeit einer Auswanderung nach den USA zu verschaffen. Andere wieder behaupteten er habe den beiden SS-Männern ohne Geld geholfen, weil sie ihm in der NS-Zeit ebenfalls geholfen hätten. Andere wieder wollten wissen, Dr. Grünberg habe ausscheiden müssen, weil er nicht nach der Pfeife der hinter den Kulissen herrschenden zionistischen Palästina-Delegierten habe tanzen wollen. Die letzte Version schien mir der Wahrheit am nächsten zu kommen, denn nach dem Ausscheiden Dr. Grünbergs rückte der ehemalige Vizepräsident Träger, ein alter Zionist, auf den Präsidentenposten auf.

Inzwischen hatte sich das Staatskommissariat für politisch und rassisch Verfolgte in der Bayerischen Staatsregierung etabliert. Es wurde von dem oben genannten Dr. Philipp Auerbach geleitet.

Der ehemalige bayerische Innenminister, Dr. Hoegner, äußerte später, er habe gegen Auerbach Bedenken gehabt, jedoch habe ihm Auerbach eine schriftliche Empfehlung einer jüdischen Persönlichkeit vorgewiesen, die über jede Kritik erhaben war. Aus diesem Grunde habe er, Dr. Hoegner, seine Bedenken zurückgestellt. Wer diese Persönlichkeit war, erfuhr man nie. Selbst dann nicht, als Auerbach schon lange gestürzt worden war.

Dr. Auerbach organisierte mit Energie und Ausdauer das neue Staatskommissariat und suchte überall Mitarbeiter. Wiederum erhielt ich den Antrag, als einer der beiden Verbindungsleute zwischen dem jüdischen Zentralkomitee und dem Staatskommissariat für politisch und rassisch Verfolgte zu fungieren. Zu meinem Glück lehnte ich ab. Man nahm mir meine Zurückhaltung sehr übel, und es war selbst für einen Juden nicht ganz ungefährlich, sich einer solchen Aufforderung zu verschließen.

Allmählich hatte ich im Lager Neu-Freimann die ganze Atmosphäre satt bekommen. So entschloß ich mich, eine Betätigung außerhalb des UNRRA-Lagers zu suchen, um mich ganz von ihm zu lösen. Ich war einer der wenigen Angestellten des UNRRA-Lagers, die ein Monatsgehalt von seiten der Stadtverwaltung München bezogen. Dieser Betrag, meiner Erinnerung nach zwischen dreihundert und Vierhundert Reichsmark, war im Vergleich zu der hochwertigen Verpflegung die wir durch die UNRRA bekamen, eine Bagatelle. Langsam begann ich mich von meiner Tätigkeit in der juristischen Abteilung des Lagers Freimann zu lösen und konzentrierte mich auf den Aufbau einer Existenz außerhalb des Lagers, vor allem auf die Erlangung einer Wohnung. Vom Wohnungsamt im Münchner Rathaus bekam ich auch , es war unterdessen 1947 geworden zugeteilt.

Voll Neugierde begab ich mich an die angegebene Adresse, und als ich mein künftiges Zuhause, ein kleines, aber sehr hübsches Einfamilienhaus, in Augenschein nehmen wollte, trat mir eine sichtlich zu Tode erschrockene ältere Dame entgegen. Sie war völlig verschüchtert und gewann erst allmählich Zutrauen, als sie sich überzeugte, daß ich ihr nichts antun wollte. Schluchzend sagte sie zu mir:

Vor einem Jahr haben sie meinen Sohn erschossen, vor kurzem meinen Mann verhaftet, und jetzt will man mir noch das Letzte wegnehmen: meine Wohnung!"

Ich beruhigte die Weinende und versicherte, daß, sollte ich die Wohnung nehmen, sie ohne weiteres in ihrem Häuschen bleiben konnte.

Wenige Tage später fuhr ich mit meiner Frau noch einmal nach Gräfelfing, und wir waren beide der gleichen Meinung: daß wir uns hier nicht behaglich fühlen würden angesichts des offensichtlichen Unrechts, das man der alten Frau antun wollte. Ich versprach ihr, daß ich den Zuweisungsschein in München nicht abliefern und die Polizei in Gräfelfing nicht davon in Kenntnis setzen wolle, daß ich auf die Wohnung verzichtete. Um eine andere Wohnung zu bekommen, hätte ich allerdings den Schein zurückgeben müssen; dann wäre ein anderer nach Gräfelfing gefahren, und es war sehr zweifelhaft, ob der auf die hilflose alte Dame Rücksicht genommen hätte.

Meine Frau und ich verließen uns nunmehr auf unsere private Initiative, und meine Frau fand in München-Schwabing dann auch wirklich bei einer nichtjüdischen Familie ein möbliertes Zimmer und ein gemütliches Zuhause. Die Frau, bei der wir etwa drei Jahre lang wohnten, war von mütterlicher Güte, und heute noch stehe ich mit dem Ehepaar in freundlicher Beziehung.

Nachdem die Wohnungsfrage gelöst war, stand ich vor der Notwendigkeit, mir eine Existenz aufzubauen.

An und für sich war das damals in Bayern und wahrscheinlich in ganz Deutschland für einen Juden nicht allzu schwer. Man brauchte nur zuzugreifen und die berüchtigte Arisierung in umgekehrter Weise durchzuführen. Manche haben das auch getan, anderen widerstrebte es. Auch mir.

Schließlich kam mir ein Zufall zu Hilfe. Auf der Straße traf ich einen alten Bekannten aus der Heimat, der sich ebenfalls noch keine neue Existenz aufgebaut hatte. Wir kamen überein zusammenzuarbeiten, und so bewarb ich mich bei den deutschen Behörden um eine Lizenz für den Handel. Die meisten meiner Glaubensgenossen bemühten sich damals nicht darum, weil sie grundsätzlich eine deutsche Autorität nicht anerkannten. Ihr Handel und Wandel war den deutschen Behörden völlig entzogen, da sie unter dem Schutz du amerikanischen Besatzungsmacht arbeiteten.

Schon im Lager hatte ich mir Gedanken über das viele schwarz geschlachtete Vieh gemacht. Das Fleisch wurde ja verzehrt, doch die Häute wurden, da das Schlachten offiziell verboten war, zerstückelt in die Kanäle geworfen oder vergraben. Da Dutzende von Lagern allein in Bayern mit weit über 100 000 jüdischen Insassen bestanden wurde allwöchentlich wertvollstes Leder in großen Mengen sinnlos vernichtet. Gerade Leder brauchte man aber damals genauso notwendig wie Textilien.

Im Bayerischen Wirtschaftsministerium traf ich auf einen verständigen Beamten, dem ich nun meinen Plan vortrug. Denn auch Bayern mußte großes Interesse daran haben. Da keinem Deutschen der Zugang zu einem jüdischen Lager gestattet war, gab es für die Bayerische Staatsregierung natürlich auch gar keine Möglichkeit, die Vernichtung des wertvollen Leders zu verhindern. Wenn man die Sache richtig anpacken wollte, mußte die Sammlung der Häute legalisiert und den Schwarzschlächtern ein Anreiz geboten werden, die Haut abzuliefern.

Die geplante Firma entstand, sie hatte offiziell drei Inhaber. Einer davon war ich. Es fanden sich vier Geldgeber, und da eine Bezahlung in Reichsmark, die damals schon immer mehr an Wert verlor, auch für uns keinen Anreiz hatte, einigten wir uns, daß wir für unsere Häute etwa 30 Prozent des Gewichtes in Leder bezahlt erhalten würden. Um die Ware erfassen zu können, bekamen wir vom Bayerischen Wirtschaftsministerium ein Schreiben, aus dem hervorging, daß wir die Häute schwarz geschlachteter Tiere für die deutsche Wirtschaft sammelten, und die Polizeidienststellen wurden gebeten, unsere Tätigkeit zu unterstützen.

Wir errichteten in jedem Lager Sammelstellen und begannen mit der Erfassung der Häute und Felle. Es war anfangs sehr schwierig. Die Schwarzschlächter hatten begründete Bedenken, da sie doch durch die Ablieferung der Häute unwiderlegbare Beweise für ihre Schwarzschlachtungen erbrachten. Dazu kam, daß wir zunächst natürlich kein Leder in Händen hatten und selbst manchmal in jenen Wochen zweifelten, ob die deutschen Wirtschaftsbehörden uns auch wirklich das Leder geben würden, denn Leder war ja so gut wie keines im Lande vorhanden. Jedoch unsere Tätigkeit spielte sich bald ein, und unsere Firma wurde rasch bekannt.

Rings um uns herum wurde gehandelt mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Vor allem standen die sogenannten Exportgeschäfte, namentlich mit den Ostländern, in hoher Blüte. Der jüdische Schwarzhändler bewarb sich um seine Repatriierung und brachte die Schwarzhandelsware ganz einfach als Rückwanderergut über die Grenze, wobei so mancher Angehörige der Besatzungsmächte und anderer europäischer Stellen einmal ein Auge zudrückte. Dann kehrte der Schwarzhändler wieder illegal über die Grüne Grenze zurück, und nicht wenige begannen das Spiel an anderer Stelle unter einem anderen Namen von neuem Die einzige Schwierigkeit für den Schieber bestand im ungehinderten Antransport des Schwarzhandelsgutes bis zum Güterbahnhof. Von dort an hatte er keinerlei Kontrollen und Rückfragen mehr zu befürchten. Die Beamten der jeweiligen Repatriierungsländer stellten überhaupt keine Frage nach der Herkunft der "rückzuführenden Güter", sie hatten im Gegenteil das größte Interesse daran, ihrem Lande, wenn auch auf diesem etwas abenteuerlichen Wege, möglichst viele Mangelwaren zukommen zu lassen. Zigaretten bildeten das Hauptexportgut nach dem Westen; alle übrigen Waren gingen nach dem Osten. Dieser Ost-West Schwarzhandel entwickelte sich so weit, daß alle Ostblockstaaten ein gemeinsames Handelsbüro für die Ausfuhr sämtlicher Mangelwaren in die Ostländer in Ostberlin errichteten.

Legal er Handel unerwünscht

Die begehrtesten Ausfuhrartikel waren lange Theodolite, Brillantensplitter sowie Nadeln aller Art gewesen. Nun rückte das Leder in der Nachfrage auf, und wir gerieten infolge dieser Umwandlung der Schwarzhandelsstruktur in eine üble Situation. Da wir mit dem Schwarzhandel überhaupt nichts zu tun hatten und unsere Sammelverträge einhielten, galten wir bald als unliebsame Störenfriede. Man legte uns nahe, die auf legalem Wege vom Bayerischen Wirtschaflsministerium erhaltenen schriftlichen Genehmigungen zum Sammeln von Häuten schwarzgeschlachteter Tiere in Lagern diesen Exportschwarzhändlern zur Deckung zu überlassen: Sie werden die Dokumente in der Tasche haben, und das Geschäft werden wir machen!" Dafür räumte man uns großzügig ein, daß ich die Höhe der Provisionen aus dieser Gaunerei selbst bestimmen könnte.

Wir lehnten ab. Wir hatten unser Auskommen und wollten unsere Ruhe haben. Zu unserem grenzenlosen Erstaunen wurden wir kurze Zeit darauf von verschiedenen Vertretern jüdischer Organisationen vorgeladen und endlich, als alles nichts nützte, vom Kommissariat

für rassisch und politisch Verfolgte der Bayerischen Staatsregierung. Dort versuchte uns ein Vertreter des Staatskommissariats dahingehend zu belehren, daß es für uns als Juden nicht richtig sei, mit deutschen Behörden ehrlich zusammenzuarbeiten und so zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft beizutragen. Der Beamte legte uns nahe, wir möchten doch mit anderen Leuten, die auch Verdienst suchten, irgendwie zu einem Vergleich kommen. Im gleichen Atemzug wollte uns der Beamte seinen Vetter als Teilhaber der Firma aufdrängen.

Wir waren starr. Das Ganze schien uns völlig unglaublich und als wir schließlich ablehnten, forderte uns der Beamte auf, wir sollten dann wenigstens eine Art Tribut für das Staatskommissariat monatlich entrichten. Das täten auch andere jüdische Firmen, und er wollte uns gleich mit fünfhundert Dollar monatlich besteuern

Diese "Besteuerungen" waren jedoch nicht neu. Schon im Lager Neu-Freimann waren alle jüdischen Händler veranlaßt worden, für die Palästinahilfe, später für Waffenankauf, richtige Steuern zu zahlen. Manche taten es freiwillig, andere wieder wurden einfach gezwungen. Ein nichtzionistischer Jude, der den Zionisten längst ein Dorn im Auge war, weigerte sich, diese Steuern zu entrichten. Darauf versuchte man, ihn aus dem Lager hinauszudrängen, obgleich das gegen die Vorschriften der IRO (= International Refugee Organization) verstieß, welche die UNRRA als Nachfolgeorganisation übernommen hatte.

Der Bedrohte wandte sich nun über die Köpfe des Lagerkomitees hinweg direkt an die IRO-Zentrale. Zufällig befand sich zu dieser Zeit in München ein Vertreter des jüdischen Arbeiterringes aus den USA, der nichtzionistisch eingestellt ist. Dieser Vertreter griff den Fall auf und unterstützte ihn. Hierauf kam ein IRO-Vertreter ins Lager und schützte den Juden, bis er schließlich nach einiger Zeit nach den USA auswanderte. Doch nicht jeder war so energisch und mutig, den Zionisten Trotz zu bieten.

Ich erklärte nun dem guten Mann, daß wir so viel nicht einmal im ganzen Monat verdienten. Fünfhundert Dollar waren damals ein Riesenbetrag. Der Beamte schüttelte den Kopf. Anscheinend hielt er uns für verrückt. Doch damit war unsere Geschichte noch nicht zu Ende.

Eines Tages hielt vor dem Hause, in dem ich wohnte, ein eleganter Wagen mit dem Kennzeichen der akkreditierten Diplomaten, CD. Ein sehr gut gekleideter Herr stieg aus und begab sich schnurstracks in meine Wohnung, stellte sich als Ankäufer von größeren Ledermengen aller Art vor und sagte, er hoffe mit mir in ein gutes Geschäft kommen zu können.

Im Verlaufe des Gespräches gab er sich als einer der Hauptvertreter des Berliner Ost-Ankaufbüros zu erkennen und betonte nochmals, daß er dringend Leder benötige. Um ein reibungsloses Arbeit zu ermöglichen, garantierte er einen Abnahmepreis von dreimonatiger Gültigkeit und versicherte, daß jede Qualität abgenommen

würde. Zur Unterstreichung dieses geradezu einmaligen Vorschlages zog er lächelnd aus seiner Aktentasche ganze Bündel von Dollarnoten heraus und wollte mir einen für die damaligen und auch wohl noch für jetzige Zeiten schwindelnden Betrag als bedingungslose Anzahlung auf das Ost-West-Geschäft aushändigen.

Wir hatten aber gar keinen so großen Posten Leder zu verkaufen, und wenn wir unsere Abmachungen mit dem Wirtschaftsministerium erfüllen wollten, war es ausgeschlossen, auf dieses phantastische Geschäft einzugehen. Die ganze Art und Weise war mir obendrein so unheimlich, daß ich meinem Besucher zuletzt sagte, es wäre uns unmöglich, seinem Angebot näherzutreten.

Er bedauerte dies und schied lächelnd und freundlich, und es sollte sehr lange Zeit dauern, bis ich wieder etwas von ihm hörte. Dieser Mann, der sich ein Riesenvermögen erworben hatte und ganz ohne Familie dastand, hatte offenbar einen seiner ehemaligen Teilhaber anständig übers Ohr gehauen. Dieser jagte ihn schließlich durch die halbe Welt und schoß ihn 1957 in der Schweiz auf offener Straße

nieder.

Während wir unserem kleinen Ledergeschäft nachgingen, wollte auch meine Frau nicht untätig sein und erlangte, ebenfalls 1947, eine Lizenz zur Eröffnung eines koscheren Restaurants in München, das sie dann auch am Kurfürstenplatz in Schwabing aufmachte. In kurzer Zeit war das Lokal der Sammelpunkt der meisten orthodoxen Juden und auch der Rabbiner. Nahezu täglich war der Vorsitzende des Rabbinat-Kollegiums von Bayern Gast, denn die Vorsteher der Orthodoxen Judenschaft hatten großes Vertrauen zu diesem Unternehmen, weil die rituellen Forderungen genau erfüllt wurden. Überdies war der vom Rabbinat zugeteilte Aufseher, der in keinem koscheren Unternehmen fehlen darf, als äußerst korrekt bekannt.

Auch dieses Geschäft ging recht gut, wenn es natürlich auch keine Riesenumsätze erzielte. Trotzdem entschloß sich meine Frau nach kurzer Zeit, den Betrieb wieder aufzugeben.

Doch dieser Entwicklung möchte ich nicht vorgreifen und der Reihe nach berichten.

Auf Grund des geschilderten Lederbedarfes, besonders für den Ostexport, erhielten nun auch andere jüdische Firmen beim Bayerischen Wirtschaftsministerium mit allem Raffinement Lizenzen. Sie gründeten Großfirmen und begannen Häute und Felle nicht nur in ganz Bayern, sondern auch außerhalb Bayerns zu sammeln. Sie kauften nicht nur in den jüdischen Lagern ein, sondern direkt. Geschäftstüchtig verschafften sie sich Verbindungen zu Herstellerfirmen und verfügten über unglaubliche Mengen von Leder, die nahezu ausschließlich nach dem Osten abwanderten.

Die deutsche Volkswirtschaft hatte davon nichts mehr, doch darüber konnte sie sich auch nicht beklagen, denn das Bayerische Wirtschaftsministerium hatte ja diesen Großschiebern schließlich die Lizenzen gegeben. Bald überboten uns die Lederfabrikanten um drei Prozent. Sie zahlten dreiunddreißig Prozent, während das Bayerische Wirtschaftsministerium nur dreißig Prozent vereinbart hatte.

Es meldeten sich immer mehr Bewerber um Lizenzen für den Aufkauf von Fellen und Häuten für den Lederhandel, so daß sich das Bayerische Wirtschaftsministerium schließlich gezwungen sah, die Erteilung solcher Lizenzen überhaupt einzustellen.

Nun wurden Aufkaufmarken für nicht abgelieferte Mengen, die unter der Hand schwarz weiterverkauft worden waren, einfach gefälscht, und eine religiöse Organisation verlangte für religiöse Zwecke die Zuteilung von fünf Tonnen Leder. Diese Menge hätte für sämtliche strenggläubigen Juden der ganzen Welt genügt, doch welches deutsche Amt hätte damals gewagt, Unterlagen jüdischer Organisationen zu kontrollieren oder gar die Erfüllung solcher Wünsche abzulehnen?

Selbstredend wurde das Leder nicht für religiöse Zwecke verwendet, sondern nach Breslau verschoben. Während der Vertreter der erwähnten Organisation in Bayern dafür wertlose Reichsmark gezahlt hatte, erhielt er dort den Höchstpreis - acht Dollar das Kilogramm. Mitten in diesem Durcheinander, das nun entstand, konnte man immer stärker bemerken, daß das Staatskommissariat, welches nur die Aufgabe hatte, die Interessen der rassisch und politisch Verfolgten zu vertreten, seine Tätigkeit in beinahe unglaublicher Weise auf Gebiete ausdehnte, die gar nicht zu seinen Kompetenzen gehörten. Es verteidigte auch Handlungen von Juden, welche diese Hilfeleistungen in keiner Weise verdienten. Anstatt kriminelle Elemente auszustoßen und sich vor der deutschen und der Weltöffentlichkeit von solchen Subjekten zu reinigen, deckte man sie. Das ging so weit, daß selbst Mörder geschützt wurden, indem man ihnen die Möglichkeit gab zu entkommen.

Im Namen des Staatskommissariats wurden Aufkäufe en gros getätigt und die aufgekauften Waren schamlos ins Ausland verschoben. Mehrere Handelsgesellschaften, die sich ausschließlich mit dunklen Geschäften befaßten, ja sogar Urkunden und Unterschriften fälschten, waren von leitenden Beamten des Staatskommissariats gegründet worden. Auf den Namen eines jüdischen Ingenieurs, der Beamter einer Landsmannschaft war, lief eines Tages eine größere Bestellung von technischen Apparaten. Die Sendung dieser Apparate ging selbstverständlich nach dem Osten. Der Ingenieur, der ganz zufällig von diesen Machenschaften erfuhr, beklagte sich heftig darüber, daß seine Unterschrift gefälscht worden sei. Darauf rieten ihm Beamte des Staatskommissariats, er möge nur ruhig bleiben, da er ansonsten vor Gericht wegen falscher Anschuldigung des Staatskommissariats verklagt würde.

Der Ingenieur schwieg erschreckt, denn das Staatskommissariat war allmächtig.

Auch wir sollten diese Allmacht bald zu spüren bekommen. Da Wir uns bei diesen Großschiebungen, die nicht nur eine Schande für das Judentum darstellten, sondern auch eine schwere Schädigung Nachkriegsdeutschlands, nicht einfügten, ging man daran, vom Staatskommissariat aus beim Bayerischen Wirtschaftsministerium die Einziehung unserer Lizenz zu fordern.

Der leitende Beamte des Wirtschaftsministeriums, ein stets korrekter Staatsbeamter, mußte unsertwegen sehr viel Unrecht erleiden. Man drohte ihm direkt, falls er uns die Lizenz nicht entziehen würde. Zwar wurde uns die Lizenz nicht entzogen, aber doch die Sondergenehmigung zum Sammeln von Häuten des schwarzgeschlachteten Viehs. Damit war unsere Lebensbasis zerstört.

Fassungslos mußten wir erkennen, daß in diesen Tagen praktisch das Staatskommissariat für politisch und rassisch Verfolgte diktierte und jeder seiner Winkelschreiber den deutschen Ämtern und ihren führenden Beamten Befehle erteilen konnte. Maßgebliche deutsche Politiker, ja sogar Minister, ließen sich von Dr. Philipp Auerbach widerspruchslos abkanzeln. Schließlich mußte der korrekte leitende Beamte des Bayerischen Wirtschaftsministeriums sein Amt niederlegen, weil er sich den betrügerischen Machinationen einiger Mitarbeiter des Staatskommissariates nicht hatte fügen wollen. Kaum war dieser Mann gefallen, war auch der letzte Widerstand gebrochen. Die Durchstechereien stiegen ins Gigantische.

Der entlassene Beamte stellte mir am 28. März 1948 bereitwillig eine eidesstattliche Schilderung der ganzen Vorgänge schriftlich zur Verfügung. Trotzdem war unsere Firma erledigt. Meine Teilhaber waren durch diese Gangsterstreiche so verängstigt, daß sie sich beugen wollten.

Da ich dazu nicht bereit war, schied ich aus.

Nun entschloß ich mich im April 1948, in die Höhle des Löwen zu gehen und mit Dr. Philipp Auerbach zu sprechen. Ich begab mich ins Staatskommissariat für rassisch und politisch Verfolgte, und während ich bei dem Beamten im Büro wartete, kam ein jüdischer Flüchtling, der erst kurz vorher aus dem Osten gekommen war, und bat, ihm eine Wohnung zuzuweisen. Anscheinend schon über die Methoden, die in dem Staatskommissariat herrschten, aufgeklärt reichte er dem Beamten hundert Dollar.

Der lachte und sagte zu dem Bittsteller: "Nun bringen Sie mir aber noch ein paar Blumen und einige Südfrüchte!"

Der Mann entfernte sich gehorsam und kehrte bald darauf mit dem Gewünschten zurück. Erst jetzt rief der Beamte die Sekretärin aus dem Vorzimmer, und sie bekam die Befürwortung ausgehändigt:

Gehen Sie hinauf zum Doktor, er möchte das Schriftstück unterschreiben

So geschah es auch. Die Südfrüchte erhielt die Sekretärin. Die Blumen waren für Herrn Auerbach. Die hundert Dollar jedoch steckte der Beamte ein.

Ich war überzeugt, daß Philipp Auerbach von den Arbeitsmethoden seines eigenen Staatskommissariats keine Ahnung hatte.

Dann stand ich vor dem Mächtigen. Da Auerbach freiwillig aus dem Leben schied und also nicht Stellung nehmen könnte, möchte ich darauf verzichten, diese Aussprache zu schildern. Am Schluß, als ich mich verabschiedete - leider hatten wir uns nicht geeinigt, Anerbadi war völlig unbelehrbar gewesen sagte ich: "Wenn Sie,Ihre Kannibalen, deren Appetit sich mit dem Fressen immer weiter steigern wird, nicht bändigen, werden Sie mit der Zeit selbst von ihnen vertilgt werden." Er gab mir keine Antwort.

Das Geld der verfluchten Deutschen

Da aber die Person Philipp Auerbachs mit dem Begriff der Wiedergutmachung aufs engste verknüpft, ja praktisch von ihm nicht zu trennen ist, muß ich mich mit jenen damaligen Vorkommnissen befassen, weil mich sonst meine Leser nicht verstehen würden.

Das Staatskommissariat für rassisch und politisch Verfolgte stand Unter dem Schutze der amerikanischen Besatzungsmacht. Philipp Auerbach verstand sich mit einer Reihe politischer Persönlichkeiten In Bayern recht gut; andere wieder fürchteten ihn. Auf einem Bankett unserer Landsmannschaft waren nicht nur Dr. Auerbach, sondern auch mehrere bayerische Minister anwesend. Minister Ankermüller äußerte sich unter anderem bei diesem Anlaß Meinem Freund Philipp werde ich so manche menschliche Taten nicht vergessen!"

Was man indessen auch immer gegen Auerbach und noch viel mehr gegen seine Mitarbeiter vorbringen kann und muß, eines dürfen ihm die Juden nie vergessen: Er war lange, lange vor Israel der Vater der deutschen Wiedergutmachung an die Juden.

Es ist ja nicht leicht, über die Wiedergutmachung im allgemeinen völlig sachlich zu sprechen. Vorausschicken möchte ich, daß durch den Krieg und durch das NS-Regime nicht nur Juden die verschiedenartigsten Schäden erlitten. Prinzipiell fragt es sich, wie man überhaupt diese Schäden wieder gutmachen kann. Es ist kaum möglich, seelische und moralische Erniedrigung in Maß und Prozenten zu errechnen und zu bezahlen. Genauso wenig kann man das Sterben von nahen Verwandten oder Freunden wieder gutmachen. Letzten Endes ist besonders von den Juden keiner, der diesen Krieg im Lager, im Getto, im KZ oder im Untergrund verbrachte, heute mehr als gesund anzusehen. Das Leben in der andauernden Angst brachte seelische Schäden mit sich, die nicht mehr zu heilen sind. Dazu kam die Entwurzelung aus der Heimat im und nach dem Kriege.

Trotzdem bedeutete für sehr viele die materielle Entschädigung eine große Hilfe, vor allem für jene, die sich wieder eine Existenz aus dem Nichts aufbauen wollten. Der Sinn und Zweck der ganzen Wiedergutmachung sollte es also sein, wirklich Geschädigten materielle Hilfe zukommen zu lassen. Ohne Politik, rein vorn Menschlichen her.

Als 1949 in Bayern die ersten Wiedergutmachungszahlungen an Juden möglich wurden, boykottierten alle führenden zionistischen Organisationen diese Wiedergutmachung. Offiziell hieß es: Wer Geld von den verfluchten Deutschen für das geflossene jüdische Blut annimmt, schließt sich selber aus den Reihen der Juden aus!

Dr. Philipp Auerbach, der die ganze Wiedergutmachung in die Wege geleitet hatte, sah seinen Erfolg wanken, und um nicht alle Anstrengungen ins Wasser fallen zu sehen, ließ er einfach von der Straße herauf wahllos Juden zu sich kommen und gab ihnen gegen Bestätigung je 150 DM. Damit versuchte er, den Boykott der Zionisten gegen die Wiedergutmachung zu brechen.

Die Bewohner Palästinas, des späteren Israel, waren nämlich in keiner Weise wiedergutmachungsberechtigt. Darum hatten sie auch gar kein Interesse an der Wiedergutmachung. Dazu kam, daß man in Palästina sehr schnell die Gefahren erkannte, die in der individuellen Wiedergutmachung für die Idee des jüdischen Staates lagen. Da die in Deutschland angesammelten Juden wiedergutmachungsberechtigt waren, befürchteten die Zionisten nicht ganz zu Unrecht, diese würden mit den erhaltenen Mitteln nicht mehr nach Palästina auswandern wollen, sondern versuchen, sich an Ort und Stelle eine Existenz aufzubauen. Längst schon machten sich unter den Judenmassen in Deutschland, die ja von den Zionisten nur als Bereitstellung für Palästina gedacht waren, Tendenzen der Gleichgültigkeit, ja sogar Ablehnung gegenüber der Palästina-Auswanderung bemerkbar. Die Juden begannen den Schock zu überwinden, um so mehr, als sie in ihrer Masse in Deutschland sehr gut zu verdienen anfingen.

Die Zionisten hingegen waren in der Hauptsache nur an verarmten Juden interessiert, denn nur diese waren willens, sich wirtschaftlich bedingungslos allen Formen zu unterwerfen, um die sozialistische Ordnung der Kooperative und der Kibbuzim, der israelischen Kolchosen, zu fördern. Zur gleichen Zeit gab man sich in Jerusalem der Illusion hin, daß die jüdischen Millionäre Amerikas ihr Kapital ohne Bedingungen nach Israel strömen lassen würden. Damit wollte man dann die sozialistische Wirtschaft aufbauen! Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht . Die amerikanischen Juden waren wohl bereit, ihre Kapitalien nach Israel zu leiten, aber keineswegs bedingungslos. Sie wollten die Produktion und den Handel kontrollieren. Allein gerade dies wollte die sozialistische Regierung Israels mit allen Mitteln verhindern. Auf eine Wiedergutmachung, die ein erst zu gründender deutscher Teilstaat für Israel zahlen würde, wagten die kühnsten Dialektiker der Israeli nicht zu hoffen, geschweige denn sie zu fordern.

Wiederum muß ich, um dieses Problem nicht zu zerreißen, der Zeit vorauseilen, denn 1949 standen wir ja erst am Beginn der Wiedergutmachung. Die Verwirklichung einer kollektiven Wiedergutmachung der jüdischen Leiden zugunsten des Staates Israel blieb der zionistischen Leitung des jüdischen Weltkongresses, vor allem Dr. Nachum Goldmann, überlassen.

Die Bewältigung dieser Aufgabe wurde durch die US-Militärregierung, die bald an eine Zusammenlegung der drei westlichen Zonen ging, wesentlich gefördert. In Washington war man so gut wie in London der Goldmannschen Idee wohlgeneigt. Man hoffte wahrscheinlich, nicht ganz zu Unrecht, daß durch die Wiedergutmachungsleistungen Westdeutschlands an Israel auch etwas von der alliierten moralischen Mitschuld an der teilweisen Vernichtung des europäischen Judentums getilgt würde.

Schließlich und endlich hatten ja die Amerikaner und die Engländer ihrerseits die planmäßige Auswanderung der Juden aus dem deutschen Einflußgebiet systematisch und zum Teil sogar mit Waffengewalt verhindert. Ihre Mitschuld an dem Tode vieler Juden nimmt ihnen in alle Ewigkeit niemand ab.

Westdeutschland versuchte damals unter der Führung Dr. Konrad Adenauers mit allen nur möglichen Mitteln, die Staatssouveränität zu erhalten. Es folgte dem Wink mit dem Zaunpfahl, der Westdeutschland damals offenbar nicht nur vom jüdischen Weltkongreß gegeben wurde, und suchte mit Israel in Kontakt zu kommen.

Beide Regierungen, sowohl die von Jerusalem als auch die von Bonn, waren, allerdings aus ganz verschiedenen Gründen, zu einem Vertrag über die Wiedergutmachung gezwungen. Israel, weil sich die Hoffnung auf das jüdisch-amerikanische Kapital nicht erfüllt hatte und sich die Wirtschaftslage des jungen Staates gefahrvoll verschlechterte. Westdeutschland, weil der Generalvertrag mit den alliierten Hochkommissaren noch nicht unterzeichnet war, ohne den eine staatliche Souveränität nicht erreicht werden konnte.

Kaum waren die ersten Nachrichten über diese Möglichkeiten einer deutschen Wiedergutmachung nach Israel gedrungen, als sich die Volksmeinung erbittert dagegen stellte. trotzdem ermächtigte die Knessett das israelische Parlament in Jerusalem, nach einer stürmischen Nachtsitzung am 8. Januar 1952 die israelische Regierung, direkte Verhandlungen mit der Bonner Regierung wegen "Reparationszahlungen" aufzunehmen. für diese Ermächtigung stimmten nur die Sozialisten. Alle anderen stimmten entweder dagegen oder enthielten sich der Stimme. Draußen auf den Straßen tobten leidenschaftliche Demonstrationen gegen die Wiedergutmachungsverhandlungen, und die israelische

Polizei mußte alle Kräfte aufbieten, um das Parlament in Jerusalem zu schützen. Die Feuerwehr, die Befehl erhielt, mit Wasser gegen die Demonstranten vorzugehen, verweigerte geschlossen den Gehorsam. Mit Müh und Not konnte die Ordnung in Israel aufrechterhalten werden.

Aus diesen Kreisen fanatischer Gegner kamen auch die Attentatsversuche gegen den deutschen Vertreter Prof. Böhm in Den Haag und Ende März 1952 gegen Dr. Adenauer in München.

Dr. Adenauer wußte genau, daß der Anschlag auf sein Leben nicht, wie anfänglich verbreitet, aus kommunistischen oder nazistischen Kreisen kam, sondern aus zionistischen. Als schließlich das Landeskriminalamt einwandfrei bestätigte, daß dieser Verdacht zur Gewißheit geworden war, verbot Dr. Adenauer, dies der deutschen Presse mitzuteilen, um das labile Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Israel nicht noch mehr zu belasten und den ehemaligen Antisemiten nicht neuen Auftrieb zu geben. Der deutsche Polizist Karl Reichen, der bei diesem Sprengstoffanschlag auf Dr. Adenauer sein Leben lassen mußte, blieb allerdings ungerächt. Die Täter wurden nicht ermittelt.

Kurze Zeit danach bezifferte Ministerpräsident Ben Gurion in Tel Aviv die israelischen Ansprüche an die Bundesrepublik und an die deutsche Sowjetzone auf rund sechs Milliarden DM.

Nach dem Beschluß der Knesseth in Jerusalem versicherte die Bonner Regierung, daß sie bereit sei, am 20. Januar 1952 in New York mit Vertretern verschiedener zionistischer Verbände und dem Staat Israel zu verhandeln.

Am 21. März 1952 meldeten die Nachrichtenagenturen daß die seit längerem angekündigten Besprechungen zwischen Vertretern aus Bonn, der israelischen Regierung und den jüdischen Gemeinschaften außerhalb Israels in Den Haag im Hotel Schloß Oud Wassenaar begonnen hätten. Der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokraten veröffentlichte dazu unter anderem: "Der Beweis des guten Willens bei den bevorstehenden Verhandlungen mit Israel über eine Wiedergutmachung begangenen Unrechts müßte bis zur Grenze des Möglichen erbracht werden."

Interessanterweise verschob genau zu diesem kritischen Zeitpunkt der amerikanische Hochkommissar John McCloy die Unterzeichnung des Staatsvertrages mit Bonn, die schon für Ende März vorbereitet worden war, bis Ende April. Natürlich wurde nirgendwo ausgesprochen, daß die Amerikaner mit dieser Verschiebung die Bonner Regierung unter Druck setzen wollten.

Trotzdem liefen sich die Verhandlungen in Den Haag bald fest. Bonn erklärte sich bereit, drei Milliarden DM im Rahmen und in der Reihenfolge des Londoner Schuldenabkommens zu bezahlen. Damit waren die Israeli nicht einverstanden; sie forderten von Westdeutschland dreieinhalb Milliarden und verlangten darüber hinaus, daß diese Zahlungen sofort und ohne Rücksicht auf das Londoner Schuldenabkommen beginnen müßten, sowie entsprechende Garantien von Bonn, daß die Zahlungen auch wirklich eingehalten würden.

Die kommunistische Regierung von Pankow und die österreichische Regierung hatten zu den Verhandlungen nach Den Haag überhaupt keinen Vertreter entsandt.

Am 7. Mai 1952 erklärte der damalige israelische Außenminister Mosche Scharett, der früher Schertok hieß, in der Knesseth: "Wenn die Bonner Regierung nicht neue Vorschläge von Garantien und Sofortzahlungen unterbreitet, werden wir nicht weiter verhandeln."

Gleichzeitig warnte Scharett von Jerusalem aus die Bonner Regierung drohend vor internationalen Folgen, die zu einer Krise für Deutschland führen müßten. Der Stuttgarter Jurist Otto Küster, der maßgebend in der deutschen Delegation tätig war, legte daraufhin sein Amt nieder. Am 21. Mai 1952 empfing Dr. Adenauer in Bonn den deutschen Delegationsführer der Wiedergutmachungskommission in Den Haag, Professor Bohm, der ihm ebenfalls wegen der aufgetretenen Schwierigkeiten sein Rücktrittsgesuch überreichte.

Daraufhin gab Dr. Adenauer die verbindliche Erklärung ab, daß Westdeutschland die israelische Forderung auf Zahlung von dreieinhalb Milliarden DM sowie die Bedingung annehme, die ersten zwei Jahresraten in Höhe von 400 Millionen DM zu leisten. Der Rest würde in zehn Jahresraten getilgt werden.

Kaum war diese Adenauer-Erklärung publiziert, als auch die Vertreter der drei westlichen Besatzungsmächte in Bonn sich bereit fanden, den Generalvertrag zu unterzeichnen. Jenen Generalvertrag, von dem der große Sozialistenführer Dr. Kurt Schumacher im selben Monat erklärt hatte: "Wer diesem Generalvertrag zustimmt, "hört auf, ein Deutscher zu sein."

Am 17.September 1952 schloß die Bonner Regierung in Luxemburg mit dem Staat Israel ihren Wiedergutmachungsvertrag ab, nach dem sich Westdeutschland verpflichtete, in einer Zeitspanne von zwölf Jahren an Israel dreieinhalb Milliarden DM zu zahlen. Der Vertrag wurde von Dr. Adenauer persönlich und vom israelischen Außenminister Scharett, der von Jerusalem gekommen war, unterzeichnet.

Erst ein halbes Jahr nach dieser Unterzeichnung der kollektiven Wiedergutmachung schuf die deutsche Bundesrepublik am 8. April 1953 das Bundesentschädigungsgesetz, das die individuelle Entschädigung jener regelte, die durch Gewaltmaßnahmen als Verfolgte Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum oder in ihrem beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen erlitten hatten. gleichzeitig vereinheitlichte dieses Bundesentschädigungsgesetz die von mehreren Ländern durch die Militärregierungen der Besatzungszeit praktizierten Entschädigungen für nationalsozialistisches Unrecht.

Israel kassiert nun eine Wiedergutmachung für Unrecht, das Bürger anderer Staaten, vor allem Polens, Rumäniens, Ungarns, der Tschechei und der UdSSR, erlitten haben. Wahrscheinlich wird die deutsche Bundesrepublik bei kommenden Friedensverträgen auch dem Osten Vergütung leisten müssen für alle jene Bürger, für welche die Bundesrepublik bereits an Israel zahlt. So wird sie wahrscheinlich doppelt zahlen müssen.

Vor Jahren sagte mir ein Intellektueller aus Israel lächelnd: "Wir sind ganz froh, daß in der Partei Adenauers kein Jude tätig sein kann, da sie sich ja eine christliche nennt. Wir hoffen auch, daß keine zweite Partei ans Ruder kommt. Sollte dies aber einmal geschehen und ein Jude in der anderen Partei politisch führend werden, dann werden wir ihn schon ganz genau unter die Lupe nehmen. Ein deutscher Jude hätte wohl kaum das Wiedergutmachungsabkommen unterschrieben." Interessant ist jedenfalls, daß in anderen deutschen Staaten, zum Beispiel der DDR und Österreich, wo Juden und Halbjuden in der Politik führend tätig sind, keine Bereitschaft besteht, mit dem Staat Israel ein Wiedergutmachungsabkommen zu schließen.

Einige Jahre später kündigten hebräische Zeitungen aus Israel für 1961 eine Konferenz aller außerhalb Polens lebenden polnischen Juden an, die den Zweck haben sollte, eine autorisierte Stelle zu schaffen, die unter anderem allein für die polnischen Juden von der deutschen Bundesrepublik Wiedergutmachungszahlungen fordern soll. Es ist vorgesehen, daß zweihundert Delegierte aus fünfzehn Ländern und hundert Delegierte aus Israel erscheinen. Gleichzeitig wurde verkündet, daß Bonn entsprechend unter Druck gesetzt werden sollte, falls Westdeutschland nicht zahlen wolle.

Das ist in kurzen Worten der geschichtliche Ablauf der Wiedergutmachung. Was aber ist in Wirklichkeit daraus geworden? Es entstand ein Labyrinth von Paragraphen, das zu einem bürokratischen Durcheinander sondergleichen ausartete. Anstatt klipp und klar zu formulieren wer als Jude oder sonst Geschädigter anzusehen wäre, wer eine vorläufige materielle Wiedergutmachung zu erhalten habe, wurden die Wiedergutmachungsberechtigten in Kategorien aufgeteilt, es wurden schwierige Untersuchungen angestellt und Verhandlungen geführt, und am Schluß bekamen einige gleich mehrere Arten von materieller Hilfe, während andere nichts erhielten oder endlos warten mußten. Tausende, besonders ältere und kranke Leute, erlebten die Wiedergutmachung nicht mehr; sie starben. Viele alte Juden führen heute noch in Rio de Janeiro, in Paris und vorzüglich in Israel, wo es eine soziale Fürsorge nach deutschem Muster nicht gibt, ein armseliges Leben.

So artete die Wiedergutmachung, die ursprünglich nur für die individuell Geschädigten gedacht und geplant war, in politische Machinationen aus, deren Hintergründe dem Durchschnittsbürger fast nicht mehr erkennbar sind. Während viele arme Juden, die Schwerstes mitgemacht haben, vertröstet werden, zahlt die deutsche Bundesrepublik Wiedergutmachung an den Staat Israel, der im Sinne des Wiedergutmachungsgesetzes gar nicht gelitten hat und kein NS-Unrecht über sich ergehen lassen mußte.

Wiedergutmachungspraxis in Bayern

Bedauerlicherweise nützten trotz den bürokratischen Vorschriften verbrecherische Elemente diese Wiedergutmachung gewissenlos aus und schädigten so nicht nur die Interessen der Juden, des bayerischen Staates und der deutschen Steuerzahler, sondern vor allem das jüdische Ansehen in der Bevölkerung. Geradezu tragisch ist es, daß jenes Amt, das dazu berufen war, für Ordnung in Fragen der Wiedergutmachung zu sorgen, diese Ordnung selbst brach und das Staatskommissariat für rassisch und politisch Verfolgte sowie das spätere Bayerische Landesentschädigungsamt ein Tummelplatz für Männer ohne Charakter und ohne Gewissen wurden. Erschütternderweise waren es Juden, die hier nicht nur einen deutschen Staat, sondern auch viele ihrer Glaubensbrüder schwerstens schädigten.

Gruppenweise kassierte man für Nichtbezugsberechtigte ja sogar auf den Namen Toter Wiedergutmachungen. Im Judenlager Föhrenwald bei Wolfratshausen entstand eine geheime Fälscherwerkstätte, die von einem Juden und einem Polen betrieben wurde. Hier wurden alle Bestätigungen und Dokumente hergestellt, die man haben wollte. In allen Sprachen der Welt. Falsche Stempel und gefälschte Unterschriften wurden am laufenden Band produziert. Einer dieser Fälle ist unter dem Namen Wildflecken in die Geschichte des Wiedergutmachungsbetruges eingegangen. Im Sommer 1950 wurden im Stuttgarter Wiedergutmachungsamt 111 Haftentschädigungsanträge (für erlittene KZ-Haft) für nichtexistierende oder bereits ausgewanderte Juden eingereicht. Die Unterlagen und Unterschriften hierfür kamen alle aus Bayern.

Das Stuttgarter Wiedergutmachungsamt zahlte prompt den Vertretern dieser Gruppe, die sich mit Vollmachten für alle 111 auswiesen, die erste Rate aus.

Bei der zweiten Rate wurde es schon kritischer. Die Vorschrift lautete, daß die zweite Rate von dem Entschädigungsberechtigten persönlich kassiert werden müßte. Das Stuttgarter Wiedergutmachungsamt sandte daher die Akten an Dr. Auerbach.

Dr. Auerbach ersuchte am 4. Januar 1951 das Stuttgarter Wiedergutmachungsamt, man möge das Geld für die 111 Personen an seine Adresse weiterleiten, da sich diese Leute bereits im Auswanderungslager Wildflecken befänden und daher nicht mehr persönlich in Stuttgart erscheinen könnten. Im übrigen würde er Dr. Ohrenstein, den Landesrabbiner, und seinen Abteilungsleiter Ingster bitten, nach Wildflecken zu fahren, um an Ort und Stelle alles zu kontrollieren.

Dr. Ohrenstein fuhr nicht nach Wildfiecken. Auch Ingster nicht. Am nächsten Tag, am 5. Januar, teilte Auerbach dem Bankhaus Seiler & Co. In München mit, daß in Kürze aus Stuttgart 251460 DM eintreffen würden. Von der Summe seien an Gebühren 111.- DM abzuziehen. Des weiteren bat Auerbach, 15.- DM pro Antrag, also insgesamt 1665.- DM auf sein Privatkonto, den Restbetrag von 249 684.- DM dem Herrn Landesrabbiner, Dr. Aron Ohrenstein, zu überweisen.

Dieses Geld kam zufällig nicht zum Bankhaus Seiler & Co., sondern auf das Konto des Landesentschädigungsamtes bei der Bayerischen Staatsbank. Sicherlich handelte es sich bei solchen Fällen wie der Affäre Wildflecken um Ausnahmen. Diese Ausnahmen, bitter genug, zerstörten das Vertrauen der Öffentlichkeit zur Wiedergutmachung.

Wenige Tage vor der Währungsreform 1948 hatte die Bayerische Staatsregierung eine Stiftung zur Wiedergutmachung des NS-Unrechtes mit 120 Millionen Reichsmark gegründet. Als die Währungsreform herankam, forderte Auerbach verschiedene Verfolgtenorganisationen auf, auf das Konto dieser Stiftung Einzahlungen zu leisten. Landesrabbiner Dr. Ohrenstein gab später zu, 139 000 RM eingezahlt zu haben, allerdings, wie er erklärte, nicht für seine persönlichen Zwecke.

Von diesen Einzahlungen sprach später die "Süddeutsche Zeitung" als von der Tatsache, "daß Auerbach zum Zeitpunkt der Währungsreform der wenige Tage vorher gegründeten 'Stiftung zur Wiedergutmachung NS-Unrechts' rund 10 Millionen Reichsmark zuführte, die er dann nach der Geldumstellung von 6,4 Prozent an die 'Spender' zurückzahlte, teilweise wurden Gelder sogar nach dem Währungsstichtag einbezahlt".

Von der Währungsreform bis zum Januar 1951 vergab Auerbach an verschiedene Privatpersonen und Firmen Kredite in Höhe von 6680 000.- DM; bis zu seiner Verhaftung wurden nur 3270000.- DM von diesen Darlehenssummen zurückerstattet.

Die Haltung der deutschen Dienststellen, in diesem Fall meist der bayerischen, war überhaupt sonderbar. Philipp Auerbach und sein Staatskommissariat das später in das Landesentschädigungsamt umgewandelt wurde, hätten niemals zu einer solchen Machtposition gelangen können, wenn nicht das deutsche Schuldgefühl gegenüber Juden und wohl auch die deutsche Servilität wesentlich, dazu beigetragen hätten. Erst als dies, sicherlich zur nicht geringen Überraschung Auerbachs, geschehen war und Auerbach tatsächlich allmächtig wurde, drängten sich an ihn jene dunklen Gestalten heran, die Auerbach, der keinerlei kaufmännische und psychologische Begabung besaß, gewissenlos ausnutzten. Auch bedienten sich diese Betrüger, Gauner, Veruntreuer und zum Teil skrupellosen Geschäftemacher des Umstandes, daß Auerbach für Schmeicheleien sehr empfänglich war. Viel zu spät erst erkannte er, daß er für diese Clique nur willfähriges Mittel für ihre kriminellen Zwecke gewesen war.

Man könnte nun eigentlich annehmen, daß der bayerische Staat, der diesem Amte eine so große Vollmacht gab, in irgendeiner Art staatliche Kontrolle ausgeübt hätte. Anscheinend war das jedoch nicht der Fall. Wie später die Zeitungen schrieben, soll Auerbach 1950 dem bayerischen Innenminister Ankermüller darüber Bericht erstattet haben, daß er bei 1100 Wiedergutmachungsanträgen Bedenken gehabt und sogar manche als glatte Fälschungen erkannt habe.

Sechs Monate lang gab das bayerische Innenministerium auf diese erregende Mitteilung keine Antwort. Als sie endlich kam, war sie lapidar genug: "Entscheiden Sie bitte selbst die Sache nach eigenem Ermessen."

So lief die ganze Angelegenheit nahezu unbehindert weiter. Sehr zum Schaden des jungen deutschen Staates, sehr zum Nachteil einer echten Wiedergutmachung und Überwindung der Vergangenheit. Denn die Gegner der Wiedergutmachung bekamen laufend Material von jenen verantwortungslosen Juden geliefert, die zum Teil in krimineller Weise die Möglichkeiten nutzten, die ihnen durch die mangelnde Kontrolle geboten wurden.

Noch Jahre danach haben sowohl der Bundesminister Dr. Fritz Schaeffer als auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Jakob Dielil die kriminellen Nebenerscheinungen der Wiedergutmachung kritisiert.

Gottlob kam eine solche Fülle von Gesetzesüberschreitungen wie in der Affäre Auerbach später nicht mehr vor. Rein persönlich berührte mich das alles wenig. Ich machte mit diesen Leuten keine gemeinsame Sache, im Gegenteil, ich bekämpfte sie, bedauerlicherweise meist vergeblich, wo ich nur konnte. Doch wenigstens einen der "Ehrenmänner" vertrieb ich von seinem Platz: Herrn Spitzer.

Nach meiner Vorsprache bei Dr. Auerbach, in der ich die fragwürdige Persönlichkeit dieses Mannes ebenfalls behandelt hatte, wurde mir am 5. Mai 1948 offiziell mitgeteilt, daß Spitzer, der sich bei der Hetze gegen mich besonders exponiert hatte und der gleich Herrn Ingster ein böser Geist Philipp Auerbachs war, das Amt verlassen hätte. Ich könnte nun privat gegen ihn vorgehen. An privaten Auseinandersetzungen hatte ich kein Interesse. Spitzer floh, als die Auerbachaffäre nach Jahren ins Rollen kam, übrigens blitzschnell nach Salzburg. Von dort aus reiste er nach den USA weiter.

Ingster und Dr. Seibold aber setzten sich eilig nach Israel ab. Anscheinend waren sie durch gute Verbindungen rechtzeitig gewarnt worden.

Ganz unerklärlich war es auch, daß der bayerische Staat dem Staatskommissariat beziehungsweise dem Landesentschädigungsamt ein förmliches Monopol beim Ankauf der sogenannten Feststellungsbescheide eingeräumt hatte.

Diese Feststellungsbescheide für die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts waren bares Kapital. Jeder Jude erhielt damals 3000.- DM in bar und einen sogenannten Feststellungsbescheid, der zum Empfang späterer Ratenzahlungen zu noch nicht festgesetzten Terminen berechtigte. Der bayerische Staat war einfach

nicht in der Lage, die individuelle Wiedergutmachung sofort auszuzahlen, weil sonst die Währung erschüttert und die Staatsfinanzen erschöpft worden wären. Andererseits war Bayern natürlich daran interessiert, daß diese riesigen Judenmassen, für die es in solcher Menge kaum Lebens- und Unterbringungsmöglichkeiten gab, sobald wie nur möglich das Land wieder verließen. Einer der wenigen Pluspunkte, die das Land Bayern Dr. Auerbach am Ende einräumte, war, daß durch diese seine Taktik schon in jener Zeit aus Bayern etwa 80 000 Juden auswanderten.

Diese Feststellungsbescheide, deren Aufkauf zu einem gigantischen Geschäft wurde, lösten die Gründung der Treuhandgesellschaft "Eides" aus. Am 24. Mai 1950 verhandelte Dr. Auerbach mit dem Münchener Bankhaus Seiler & Co. über die Gründung dieser Treuhandgesellschaft, die ein Aufkaufmonopol für alle Feststellungsbescheide erhalten sollte. Der Chef der "Eides" wurde Dr. Seibold. Die "Eides" organisierte ein ganzes Netz von Vertretern und Untervertretern in den Lagern und in der Öffentlichkeit und kaufte alle diese Feststellungsbescheide auf. Die Juden, die auswanderten, erhielten dreißig bis dreiunddreißig Prozent.

Die "Eides" aber erhielt vom Bankhaus Seiler dafür durchweg dreiundvierzig Prozent. Die restlichen rund zehn Prozent blieben in der Tasche der Eides" beziehungsweise ihrer Funktionäre. Später errechnete der Staatsanwalt, daß die Herren der "Eides" in der kurzen Zeit ihrer Tätigkeit etwa 800 000.- DM eingesteckt hatten. Diesmal nicht auf Kosten des deutschen Staates, sondern zum Schaden der notleidenden jüdischen Glaubensbrüder!

Es ging so weit, daß der damalige Leiter der Rechtsabteilung des Landesentschädigungsamtes, Dr. Konirsch, jeden, der bei ihm um einen Feststellungsbescheid nachsuchte, gleich in seiner Kanzlei einen schriftlichen Abtretungsbescheid unterschreiben ließ.

Weigerte sich der Ansucher, dann bekam er einfach nichts. Es fiel keinem der jüdischen Geschädigten ein, sich zu weigern, da dies völlig zwecklos war. Der bayerische Staat hatte ja die Monopolisierung des Ankaufes der Feststellungsbescheide offiziell geduldet, eine Monopolisierung, die der Korruption Tür und Tor öffnete.

Nicht genug, daß die notleidenden Juden hier um zehn Prozent übers Ohr gehauen wurden, mußte auch noch jeder, der nachsuchte, freiwillig" 15.- DM für einen Sonderfonds stiften, der nirgendwo verbucht war.

Einmal hatte Dr. Konirsch eine Liste mit fünfundsiebzig Abtretungen unterschrieben, die gar nicht existierten. Bei Gericht entschuldigte sich Konirsch damit, der Landesoberrabbiner Dr. Ohrenstein hätte ihm mitgeteilt, es wäre alles in Ordnung; die Leute stünden vor der Auswanderung und könnten daher persönlich nicht erscheinen.

Man könnte nun sagen, daß ich mit der Feststellung dieser längst Gerichtsnotorischen Tatsachen dem Antisemitismus wertvolles Material liefere, ähnlich wie seinerzeit Dr. Grünbaum in Polen den

Antisemiten Wasser auf ihre Mühlen schüttete.

Dem ist aber nicht so! Abgesehen davon, daß ich zur Zeit im deutschen Volk keinen ernsthaften Antisemitismus beobachten kann, und ich lebe doch nicht als Händler, sondern als einfacher Arbeiter mitten unter den Deutschen, glaube ich auch, daß die Wahrheit niemals schädlich sein kann.

· Wenn überhaupt der Antisemitismus in Deutschland gefördert wird, dann durch jene Clique von Kriminellen, welche die Wiedergutmachung so schändlich ausnutzten, und die zionistischen Politiker, die heute noch Haß und Rache predigen, um zu gleicher Zeit aus den verf1uchten Deutschen möglichst viel Wiedergutmachungskapital herauszupressen.

Ich glaube im Gegenteil, daß es notwendig ist, zu erfahren, daß wir Juden nicht nur politisch, sondern auch in der Frage der Wiedergutmachungsskandale keinesfalls eine Front bildeten und bilden. Wie allein das Beispiel Eides" zeigt, wurden die armen Juden und die deutschen Steuerzahler von einer Clique jüdischer Krimineller gleichermaßen betrogen und bestohlen. Wir, die kleinen Juden, hatten genauso wenig Möglichkeit, uns gegen die Diktatur jener Clique tu wehren, wie die Deutschen.

Das Ende des Dr. Auerbach

Obgleich Dr. Auerbach es versäumte, seine Mitarbeiter zu kontrollieren, und durch sein blindes Vertrauen ein Großteil der Schuld an dem Geschehen trug, wäre er noch lange nicht gestürzt worden, zumindest wäre sein Sturz nicht so kläglich und dramatisch vor sich gegangen, wenn Auerbach etwas mehr politisches Fingerspitzengefühl gehabt hätte. Er glaubte, daß die Atmosphäre von 1945 konserviert werden könnte, und fühlte nicht, daß die Weltpolitik sich unterdessen nahezu um hundertachtzig Grad gedreht hatte.

Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion wurden immer schlechter. Das Gespenst eines dritten Weltkrieges stieg drohend herauf. Selbstredend wollten die Amerikaner, die wußten, daß sie unter Umständen in Europa kämpfen müßten, so schnell wie möglich bessere Beziehungen zu dem Volk herstellen, auf dessen historischem Boden der dritte Weltkrieg allen Berechnungen nach ausgefochten würde: dem deutschen.

Die Amerikaner wollten plötzlich nichts mehr von der ganzen Kriegsverbrecherjustiz wissen , und obwohl sie die Toten nicht mehr lebendig machen konnten, ließen sie mit einem Schlage die verurteilten deutschen Kriegsverbrecher zuerst gegen Stadtarrest und dann ganz frei. Sie suchten im deutschen Volk Verbündete, und es ist ein offenes Geheimnis, daß amerikanische Dienststellen in jener Zeit nicht nur deutsche soldatische Publikationen finanzierten, sondern auch in Westdeutschland und Österreich darangingen, deutsche Partisanenkader vorzubereiten. Die Amerikaner spekulierten darauf, den anerkannt tapferen deutschen Soldaten nunmehr für ihre Zwecke einsetzen zu können.

Im Zuge dieser Entwicklung kamen ja auch die damaligen Petersberger Gespräche zustande, der Gedanke eines deutschen Wehrbeitrages und schließlich der Generalvertrag. Ein hoher CDU-Funktionär namens Blank begann sein Amt einzurichten.

In solchem Zusammenhang schenkte man den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen aus dem deutschen Osten besondere Beachtung.

In Bayern wurde Dr. Oberländer Flüchtlingskommissar und Unterstaatssekretär der bayerischen Regierung.

Dr. Philipp Auerbach, mit Blindheit geschlagen, erkannte die Zeichen der Zeit nicht und griff Dr. Oberländer so scharf an, daß sogar der bayerische Ministerpräsident und die amerikanischen Dienststellen gezwungen waren zu intervenieren.

Dazu kam, daß dem Philipp Auerbach in der Person des damaligen bayerischen Justizministers Dr. Josef Müller, der als "Ochsensepp" bekannt wurde, en gefährlicher Todfeind erstanden war. Auerbach hatte unter anderem versucht, belastendes Material gegen

Müller bei den verschiedenen Geheimdiensten zu sammeln. Da aber Dr. Müller selbst alter Nachrichtenmann war, erfuhr er diese Bestrebungen vorzeitig. Dr. Müller war zudem darüber erbittert, aß Auerbach immer wieder versuchte, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen. Auch hatten Auerbach oder seine Mitarbeiter vereinzelt vorgekommene Schändungen jüdischer Friedhöfe

wie ein angeblich auf Auerbach geplantes Attentat derartig kommentiert, daß sich Bayern in der Weltöffentlichkeit auf das schwerste kompromittiert fühlte.

In der Wiedergutmachungssache hatte Dr. Müller sich bemüht, in nichtbayerischer KZ-Haft gehaltenen Ausländer vom bayerischen Entschädigungsgesetz auszunehmen und für sie eine Sonderregelung zu schaffen. Dies hatte Dr. Auerbach sofort hintertrieben, und die von Dr. Müller geplante Fassung dieses Gesetzes wurde seinerzeit von der US-Militärregierung nicht gebilligt.

Schon Ende Oktober 1948 hatte der bayerische Justizminister Auerbach nahegelegt, von seinem Amt zurückzutreten, und hatte dargelegt, daß auf die Dauer die Stellung Auerbachs, der als Staatskomnissar gleichzeitig die Ansprüche der Entschädigungsberechtigten und die Interessen des auszahlenden Staates wahrzunehmen hatte unhaltbar sei.

Doch Dr. Müller drang nicht durch. Die amerikanischen Besatzungsdienststellen hießen die Trennung der Funktionen nicht gut, und das Ganze endete in einer Farce. Auerbach wollte den Titel Generalstaatsanwalt führen, wogegen der Justizminister und andere Einspruch erhoben, die ihm den Titel Offizialanwalt einräumen wollten. Schließlich einigte man sich auf den von Dr. Ringelmann vorgeschlagenen Titel "Generalanwalt".

Im Hintergrund aber arbeitete man bereits an dem Sturz dieses neuen Generalanwaltes. Seine Mitarbeiter lieferten seinen Gegnern durch ihre Betrügereien und Durchstechereien genügend Material.

Ende Januar 1951 war die Entwicklung dann so weit gediehen, daß Generalanwalt Dr. Philipp Auerbach verhaftet wurde.

Zweifellos wäre ihm dieser Sturz erspart geblieben, hätte er seine Mitarbeiter mehr kontrolliert und selber die weltpolitische Entwicklung beobachtet. Justizminister Dr. Müller erklärte in seiner Privatwohnung in Gegenwart des Oberrabbiners Dr. Ohrenstein und eines höheren amerikanischen Beamten namens Hoeller kurz zuvor, wenn Auerbach demissionieren wolle, würde alles abgeblasen, man würde ihn sogar nicht daran hindern, ins Ausland zu gehen.

Auch Bayerns Ministerpräsident Erhardt war für seine Demission, und dagegen war in der bayerischen Staatsregierung eigentlich nur der sozialdemokratische Finanzminister Zorn, der offensichtlich die Anschuldigungen gegen Auerbach noch immer nicht glaubte, die nun in wachsendem Umfang erhoben wurden, und energisch dafür eintrat, daß Auerbach trotz all diesen Beschuldigungen weiterhin im Amt bleiben sollte.

Die Amerikaner, durch von 1945 verärgert, zogen die Hand von ihm ab. Jetzt war die Stunde Dr. Müllers gekommen, und was allen vor kurzem noch völlig unmöglich erschienen war, geschah: Kriminalbeamte verhafteten den einst mächtigsten Mann Nachkriegs-Bayerns, der dann über ein Jahr in Untersuchungshaft saß, ehe gegen ihn verhandelt wurde. Ingster und Dr. Seibold verschwanden spurlos. Sie waren, wie schon erwähnt, mit ihren sicherlich nicht unbeträchtlichen Kapitalien nach Israel geflüchtet.

Am 11. März 1952 wurde auch die ehemalige Sekretärin Auerbachs, Rita Schliewen, unter dem Verdacht verhaftet, bei Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen von nicht existierenden Personen mitgeholfen und daraus finanzielle Vorteile gezogen zu haben. Am 25. April 1952 stand Dr. Philipp Auerbach vor seinen Richtern. Er war von der ganzen Welt verlassen, vor allem von jenen Juden, die ihm soviel Dank schuldeten und für die er hauptsächlich vor Gericht stand. Von der Staatsführung Israels wurde er angefeindet da man ihn dort als Deutschenfreund ansah. In den fünfzehn Wochen des Prozesses, in dem hundertvierzig Zeugen einvernommen und mehr als viertausend Protokollseiten geschrieben wurden, haben wohl überall, sicherlich aber in Bayern, viele hochgestellte Persönlichkeiten, Juden und Nichtjuden, nicht geschlafen. Sie zitterten vor Auerbach, der trotz seiner verzweifelten Situation vor den Richtern überaus zurückhaltend war und besonders offizielle Persönlichkeiten sichtlich bewußt schonte.

Im Verlaufe dieses Prozesses kam es zu vielen widerlichen Szenen, die natürlich zum Teil von der Tagespresse mit Vergnügen ausgeschlachtet wurden. Allein der Vizepräsident des Landesentschädigungsamtes, Pflüger, erklärte, daß der böse Geist des Hauses der nach Israel geflohene Ingster gewesen sei und daß er sich stets bemüht hätte, diesen Mann aus dem Amt zu entfernen. Pflüger kam der Wahrheit sehr nahe, als er erklärte: "Für mich ist der Fall Auerbach der Fall Ingsters und gewisser Hintermänner." Die standen jedoch nicht vor dem Richter.

Die Flut von üblen Dingen und von Verfehlungen war so groß, daß der jüdische Münchener Kinderarzt Dr. Spanier demonstrativ seine Ehrenämter in der jüdischen Kultusgemeinde niederlegte, weil er nicht mitschuldig sein wollte.

Sehr bald sah sich Dr. Auerbach einer Einheitsfront der Ostjuden gegenüber, die sich gegen den Jeke-Juden Auerbach vereinigt hatten. Sein Untergang war beschlossene Sache. Nunmehr, da er gestürzt war, konnte er keine Riesenkredite mehr verschaffen, konnte nicht bei der Wiedergutmachung helfen und auch sonst keine Protektion Üben, die, wie der Staatsanwalt sagte, von Minister Hundhammer über die Bayernpartei bis zu Dr. Schumacher gereicht hatte.

Justizminister Dr. Müller, der vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtages als Zeuge Auerbach, auf das schwerste belastet hatte, wartete das Prozeßende nicht ab. Er ging am 18. Mai in Urlaub.

Im Verlaufe des Prozesses geriet Auerbach in eine Kontroverse mit dem Landesoberrabbiner, Dr. Ohrenstein, und einige damalige Freunde drohten nun Auerbach, falls dieser Dr. Ohrenstein belasten würde, müßten sie gewisse Geldzuwendungen nennen, die der Beschuldigte angeblich von Dr. Ohrenstein, Dr. Seibold und Ingster erhalten hatte.

Leidenschaftlich wehrte sich Dr. Auerbach gegen diese Einschüchterungsversuche und erklärte vor Gericht, daß er solche Zuwendungen niemals erhalten habe, wenn es auch Menschen gäbe, die bemüht wären, jeden Eid darauf zu leisten. In seinem Schlußwort versicherte Auerbach:

"Ich habe mich in meinem Amte nicht bereichern wollen und bin aus diesem Amte als kranker und ruinierter Mann geschieden mir ist weder Geld noch ein Haus geblieben, und ich weiß heute noch nicht, wovon ich leben werde und womit ich meine Familie ernähren soll.

Weinberger, der nach Auerbachs Verhaftung das Präsidium der jüdischen Kultusgemeinde in Bayern übernommen hatte, leugnete nicht, erklärt zu haben: Wenn Auerbach bewußt Dr. Ohrenstein belasten würde, müsse er eingreifen. Er drohte auch Auerbach mit einer Verleumdungsklage, falls dieser Ohrenstein belasten würde.

Landesoberrabbiner Dr. Ohrenstein, der im Prozeß gegen Dr. Auerbach Stellung nahm, erfuhr später, wenn auch in kleinerem Maßstab, dasselbe Schicksal wie Auerbach.

Dieselben Juden, die Auerbach wie eine heiße Kartoffel fallen ließen, als er hilflos war, und zu dem im Amte befindlichen Landes Oberrabbiner Dr. Ohrenstein hielten, ließen Ohrenstein in dem Augenblick fallen, als er nicht mehr Landesoberrabbiner war und durch seine offiziellen Verbindungen geschäftlich nicht mehr behilflich sein konnte. Er war genauso uninteressant geworden wie der gestürzte Auerbach am 14. August 1952 fiel das Urteil in dem sensationellen Mammutprozeß Nachkriegsdeutschlands. Die Erste Strafkammer des Landesgerichts München verurteilte Philipp Auerbach zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und 2700.- DM Geldstrafe und den Landesoberrabbiner Dr. Ohrenstein zu einem Jahr Gefängnis und 10000.- DM Geldstrafe. Philipp Auerbach sah keinen Ausweg mehr. Für ihn war mehr zusammengebrochen als nur seine Karriere. Die Treulosigkeit seiner früheren Mitarbeiter, die Erkenntnis, wie sehr er ausgenutzt worden war, nahmen ihm jede Freude an dieser Welt. Zwei Tage nach seiner Verurteilung am 16. August nahm Auerbach in der Münchener Privatklinik Josephinum eine Überdosis Schlaftabletten ein, die um die Mittagsstunde den Tod herbeiführte.

Er hinterließ zwei Briefe. Einen für seine Frau und einen für die Öffentlichkeit. In dem für die Öffentlichkeit schrieb Auerbach:

"Nicht aus Feigheit, nicht aus Schuldbekenntnis handele ich, sondern weil ein Glaube an das Recht für mich nicht mehr besteht. Und weil ich meinen Freunden und meiner Familie nicht weiter zur Last fallen will. Mein Blut komme über die Häupter der Meineidigen." Erst jetzt atmeten alle erleichtert auf. Weinberger, der noch im Prozeß Auerbach gedroht hatte, sagte am Grabe Auerbachs salbungsvoll: In der ganzen Welt steht das Judentum erschüttert an der Bahre Auerbachs, der seine Ehre behalten wollte!"

Derselbe wendige Weinberger machte später eine sogenannte Besuchsreise nach Israel, wo bekanntlich Dr. Seibold und Ingster schon weilten. Von Israel zurückgekehrt, wanderte Weinberger anschließend überraschend nach den USA aus. Kurz nach dem Tod Philipp Auerbachs wurden Gerüchte verbreitet, nach denen Auerbach gar nicht verstorben sei und statt der Leiche nur ein mit Steinen gefüllter Sarg begraben worden wäre. Natürlich ist das Unsinn Der Jude Auerbach ist tot. In erster Linie gestorben an der Undankbarkeit und an den Verfehlungen seiner jüdischen Mitarbeiter.

Ob man je erfahren wird, welches Maß von Schuld ihn persönlich traf und inwieweit er nur von einer geriebenen Clique als Tarnung für ihre Machinationen benutzt wurde, ist höchst unsicher. Denn alle Beteiligten sind froh, daß der Mann, der am Schlusse alles wußte, auch wie und von wem er betrogen wurde, die entscheidenden Geheimnisse mit ins Grab nahm.

Auerbachs Frau und sein Töchterchen blieben nahezu mittellos. Es ist ein wahrhaftig makabrer Witz der deutschen Nachkriegsgeschichte, daß die Hinterbliebenen des Mannes, der so vielen anderen zu

Riesenvermögen verhalf, nach seinem Sturz und Tod vor dem Nichts standen. Die Erfahrungen, die Frau Auerbach mit den jüdischen Cliquen in Bayern gemacht hatte, waren derart, daß sie sich mit ihrem Kind katholisch taufen ließ.

Sie erst zog den wirklichen Schlußstrich unter die gespenstische Affäre Dr. Philipp Auerbach.


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