Eretz Israel

Schwindler

Nun bin ich aber zwangsläufig, um das Thema nicht zu zerreißen, der Zeit vorausgeeilt.

Nicht nur ich hatte wenig Glück gehabt mit meinem Versuch, auf reelle Weise in das Geschäft einzusteigen; bald zeigte sich, daß auch meine Frau in ihrem Gasthaus Schwierigkeiten bekam, ohne daß sie irgendwelche Schuld daran trug.

Bisher war es nicht sonderlich schwierig gewesen, von Bayern aus durch die französische Zone über die deutsch-französische Grenze nach Frankreich zu gelangen, wenn auch offiziell dazu ein Passierschein notwendig war. Zwischen der jüdischen Welthilfsorganisation Joint in Paris und den vier Besatzungszonen in Deutschland war eine Vereinbarung getroffen worden, der zufolge jeder Jude, der von Deutschland mit einem vom Joint bestätigten Passierschein nach Paris kam, von der dortigen Zentrale eine Unterstützung von 100 Dollar erhielt. Selbstredend kontrollierte der deutsche Joint, ob die Reise nach Frankreich auch im persönlichen Interesse des Antragstellers lag. Im allgemeinen wurden solche Reisen nur für die Familienzusammenführung genehmigt. Ein geschäftlicher Mißbrauch sollte von vornherein ausgeschaltet werden.

Zur allgemeinen Überraschung erreichte den Münchener Joint eines Tages die alarmierende Nachricht aus Paris, daß die Zahl der Juden, die mit Genehmigung des Münchener Joint nach Paris reisten und dort ihre hundert Dollar abhoben, so erschreckend anstiege, daß eine baldige Erschöpfung des Fonds zu befürchten wäre.

Man war ratlos. Der Münchener Joint hatte schon längere Zeit keine Erlaubnis zu einer Fahrt nach Frankreich mehr erteilt. Sofort stellte man Recherchen an, die der Leiter der Handelsabteilung des Joint, der ehemalige amerikanische Direktor des UNRRA-Lagers Von Neu~Freimann übernahm.

Nach kurzer Zeit fand der Amerikaner heraus, daß eine religiöse jüdische Gruppe all diese Passierscheine gefälscht hatte, die den Interessenten größtenteils im Restaurant meiner Frau, dem Stammlokal dieser Gruppe, ausgehändigt wurden. Meine Frau hatte natürlich von alledem keine Ahnung. Eines Tages erschien der Amerikaner im Restaurant und stellte einen hochgewachsenen stattlichen alten Rabbiner mit Bart und Schläfenlocken, übrigens einen Vater von sieben Kindern. Er sagte ihm ohne Umschweife ins Gesicht, daß er derjenige sei, der den Leuten, die schwarz nach Paris wollten, die gefälschten Scheine übergäbe, durch welche der Joint schwer geschädigt würde. Vor allem versuchte der Amerikaner herauszubekommen, wer eigentlich die Fälscher wären. Wie ich später erfuhr, saßen sie im selben Augenblick am Tisch und hörten schweigend das Gespräch mit an.

Der alte Rabbiner war natürlich in einer Zwickmühle, denn er konnte ja die Männer nicht verraten, und er wollte es sichtlich auch nicht. Seine ausweichenden Antworten brachten den Rechercheur, der übrigens der Repräsentant des amerikanischen Judentums in Deutschland war, in Weißglut. Schließlich ohrfeigte er den alten Rabbiner in aller Öffentlichkeit und drohte ihm an, ihn ins Gefängnis zu schicken. Dann verließ er schimpfend das Lokal.

Soviel ich später erfuhr, geschah aber nichts. Dieser Vorfall hatte meine Frau stark erschüttert.

Kurze Zeit darauf wollte ein Rabbiner aus der englischen Zone in München heiraten. Es wurde beschlossen, daß die Hochzeit im Lokal meiner Frau stattfinden sollte. Repräsentanten des religiösen Judentums aus allen vier Besatzungszonen wurden erwartet. Die Hochzeit versprach ein erstrangiges gesellschaftliches Ereignis des Judentums zu werden. Einige Tage vorher machte mich meine Frau mit zwei Juden bekannt, die sich als Vertreter Palästinas ausgaben, ein gepflegtes Hebräisch sprachen und unaufgefordert ihre Pässe zeigten. Sie behaupteten, in wichtiger offizieller Mission von Palästina nach Deutschland gereist zu sein, doch hätten sie auch entsprechende Freizeit, die sie mit dem Abschluß privater Geschäfte auszufüllen beabsichtigten.

Mir gefielen die beiden nicht, und ich sagte meiner Frau zu Hause, daß sie mich lebhaft an jene Brüder Josefs erinnerten, die ihn in die Sklaverei verkauft hatten. Meine Frau nannte mich einen Schwarzseher und lachte mich aus.

An dem Tag der Hochzeit saß ich wie immer an meinem Stammlokal beim Mittagessen. Es war schon eine Reihe von Gästen erschienen und mir fiel auf, daß die beiden Herren aus Palästina fortgesetzt aufstanden, an fremde Tische gingen und überall Gespräche anknüpften. Meine Frau teilte mir erregt mit, daß sie bereits Ärger gehabt hätte. Sie hatte versehentlich eine Flasche Wein in die Hand genommen, die für die Hochzeitsfeier bestimmt war. Darauf hatte ihr der Aufseher, der bei jedem jüdischen Fest anwesend ist, dies verwiesen und empört festgestellt, daß dieser Wein, da er von einer Frau berührt worden war, nicht mehr koscher sei und nicht mehr aufgetischt werden könnte. Ich beruhigte sie so gut ich konnte und lachte. Ärgere dich nicht, mir bist du koscher genug. Wir werden den Wein zu Hause trinken. Meine Frau war aber auch gekränkt, weil der Aufseher dem Münchner Stadtrabbiner auf dessen Frage, ob in dem Lokal nun alles in Ordnung sei, geantwortet hatte: "Es ist alles in bester Ordnung, nur daß die Wirtin unbedeckten Hauptes im Lokal herum spaziert, wo doch so viele Männer anwesend sind, das ist nicht in Ordnung." Der Rabbiner entgegnete lächelnd: "Man soll ja eine fremde Frau nicht anschauen." Doch nicht genug damit, das dicke Ende kam erst hinterdrein. Ein paar Tage später entpuppten sich die beiden Herren aus Palästina als Schwindler. Sie hatten sich zu der Hochzeitsfeier selbst eingeladen und meine Frau dabei gebeten, sie mit jenen Gästen bekannt zu machen, die mit Edelsteinen oder Edelmetallen handelten.

Ahnungslos stellte meine Frau sie darauf einem Manne vor, der einen größeren Brillanten zum Verkauf hatte. Der eine der beiden Schwindler wollte diesen Stein auf seine Echtheit prüfen, übergab, wie allgemein üblich, meiner Frau in Gegenwart des Besitzers 500 Dollar als Pfand und versprach, die Angelegenheit bis zum nächsten Morgen zu erledigen. Zu dritt verließen sie das Lokal. Schon kurze Zeit darauf kam der Schwindler aus Palästina wieder und teilte meiner Frau mit, aus dem Geschäft sei nichts geworden er habe den Stein zurückgegeben, sie möge ihm nun auch die 500 Dollar wieder aushändigen. Da der Hochzeitsbetrieb unterdessen lebhaft geworden war und meine Frau sich darauf konzentrieren mußte, überlegte sie nicht lange und gab die 500 Dollar zurück. Etwas später kam wieder einer der beiden Schwindler ins Lokal und verhandelte mit einem zweiten Gast, der ihm etliche hundert Gramm Bruchgold zum Kauf anbot. Er tat sehr groß, weil das nur eine kleine Menge wäre, und ließ sich schließlich doch erweichen, das Gold zu nehmen. Meine Frau garantierte für den reellen Ablauf des Geschäftes. Schon am Tage nach der Hochzeit kam einer der Gäste, damals sicherlich der reichste Mann von Berlin, zu meiner Frau und erkundigte sich, wo die beiden Palästinenser waren. Als meine Frau wahrheitsgemäß antwortete, sie wisse es nicht, wurde der Berliner Jude blaß. "Wieso?" rief er aufgeregt. "Ich habe den Leuten fast ein Vermögen anvertraut."

Ein bekannter Rabbiner aus einer größeren Stadt der englischen Zone kam ebenfalls und berichtete, daß ihm das gleiche passiert wäre. Die beiden Gauner aus Palästina hatten sich in allen Fällen auf meine Frau berufen und so getan, als wenn sie uns sehr bekannt wären. Am Schluß stellte sich auch heraus, daß der Besitzer des Brillanten seinen Stein gar nicht zurückerhalten und der Schwindler meiner Frau die 500 Dollar herausgelockt hatte. Dem armen Juden, der die paar hundert Gramm Bruchgold verloren hatte, zahlte ich sofort den Betrag aus, obwohl wir gar nichts konnten.

Doch wegen des Steines mußte ich vor dem Rabbinergericht erscheinen, da ja eine Frau vor einem Rabbinergericht nicht erscheinen kann. Der Rabbiner fand einen gerechten Kompromiß und verwarf die übermäßig hohe Forderung des Brillantenhändlers. Er entschied daß ich ein Drittel des Einkaufswertes, der natürlich weniger als 500 Dollar betrug, zu zahlen hatte. Nun hatte meine Frau aber von ihrer Tätigkeit als Wirtin genug, und wir übergaben das Lokal dem Sohn eines Bekannten, eines armen Schächters der Stadt München. In diesem Falle hatten die Deutschen überhaupt nichts mit dem Ganzen zu tun. Die Juden hatten nur Juden betrogen. Traurig, aber wahr.

Ausreise nach Israel

Ungeachtet dieser Rückschläge und schlechten Erfahrungen hatten wir unser Auskommen. Jedoch ein Gedanke quälte uns die ganze Zeit: In Rumänien und in Rußland die letzten Familienangehörigen, die das Grauen überstanden hatten, nahezu hilflos zurückgeblieben, besonders ältere Leute. Alle Versuche, diese Menschen nach München zu bekommen, schlugen fehl. Ich hatte eben nicht die richtigen Verbindungen und vor allem nicht soviel Geld, um mir diese zugänglich zu machen. Namentlich das Schicksal meiner älteren Schwester Regina, die ihren Mann und fünf Kinder in Transnistrien verloren hatte - bei ihr befand sich nur noch ein Kind, lag mir schwer auf der Seele. Ähnlich erging es meiner Frau, deren Lieblingskusine in der Ukraine saß. Für meine Schwester und deren kranke Tochter hatte ich in München bei einer halboffiziellen jüdischen Stelle schon eine beträchtliche Geldsumme hinterlegt, da mir versprochen worden war, deren Ausreise aus Rumänien auf Grund guter Verbindungen zu ermöglichen. Leider waren die Verbindungen doch nicht so gut. Meine Schwester kam bis Bukarest. Dort half man ihr nicht weiter. Andere konnten eben mehr bezahlen. Trotzdem verlor ich die Hälfte meines Geldes. Es war für Spesen drauf gegangen. Den einzigen Ausweg aus diesem qualvollen Dilemma bot nun der junge Staat Israel. Zwar gestattete man auch in Bukarest eine offizielle Auswanderung nicht, allein man konnte im Rahmen Von Familienzusammenführungen die Ausreiseerlaubnis erhalten Allerdings nur nach Israel in unserem Falle, nach Deutschland war die5 unmöglich. Ich stand nun vor einer schweren Entscheidung. Wollte ich den Rest unserer Familie, der Krieg und Not, Verfolgung und Elend überlebt hatte, retten, so gab es für mich nur einen einzigen Weg - selbst nach Israel zu gehen und von dort die Familienzusammenführung mit aller Kraft zu betreiben. Allzuviel Lust hatte ich dazu nicht. Die Methoden, mit denen die Zionisten die mangelnde Auswanderungsfreudigkeit der in Deutschland lebenden Juden förderten, waren nicht sehr vertrauenerweckend. Um die Auswanderung der Juden aus den Lagern zu beschleunigen, versuchte man auf geheimnisvolle Weise, die Lager zu desorganisieren. Eines der reichsten Lager des Landes lag in Salzheim bei Frankfurt. Eines Tages kam ein Amerikaner und siedelte das ganze Lager aus. Die Leute wurden in verschiedenen anderen Lagern untergebracht. Dadurch sollten die fest organisierten Geschäftsverbindungen und die sich anbahnenden Lebensmöglichkeiten zerrissen werden. Als man den Amerikanern in Frankfurt vorwarf, sie hätten sich bei diesen Umsiedlungen undemokratischer Methoden bedient, entgegnete ein höherer UNRRA-Beamter kühl, die Anregungen dazu wären von zionistischen Stellen ausgegangen. Für illegale Waffenaufkäufe sammelten zuerst die Makkabäer unter den Juden in den Städten und in den Lagern, dann auch die zionistische sozialdemokratische Partei. Die Summe, die bei dieser Gelegenheit die Mapai von mir gefordert hatte, war für meine finanziellen Verhältnisse geradezu unerschwinglich. Schließlich mußte ich einen Kompromiß eingehen, denn zu dieser Zeit Latte ich mich im Interesse unserer Familienzusammenführung schon entschlossen, nach Israel auszuwandern.

Die Methoden, Geld für diese Waffenaufkäufe hereinzubekommen, waren sehr verschieden. Eine davon bestand darin, daß auf dem Balkon des jüdischen Komiteegebäudes in der Münchener Möhlstraße ein Lautsprecher angebracht wurde. In gewissen Zeitabständen wurden jene Juden mit Namen und Beruf angeprangert, die sich geweigert hatten, die zionistische Sozialdemokratie, Mapai genannt, zu unterstützen. Natürlich wurde jede Unterstützung in amerikanischen Dollars verlangt. Diese Geldsammlungen für die Waffen liefen unter dem Tarnnamen "Aktion Eisen". Parallel dazu wurden alle jungen Juden, besonders in den Lagern, für die zionistischen Kampfgruppen, teils für die Makkabäer, teils für die Hagana, rekrutiert. Während aber die Makkabäer nur auf freiwillige Wert legten, wendete die Mapai, die nahezu die offizielle Führung in allen Lagern hatte, starken Druck an. Wer sich von den jungen Leuten weigerte, nach Israel zu fahren, um in der Hagana Dienst zu tun, spürte bald, daß er auf einer schwarzen Liste stand. Er wurde überall benachteiligt, und nicht selten wurde ihm sogar mit dem Entzug der Lebensmittelkarten und dem Ausschluß aus der Lagerschule gedroht. Sein Personalausweis erhielt einen Stempel militärpflichtig".

Dazu kam, daß ich immer ein Gegner der Zionisten gewesen war; allzuviel erwartete ich nicht von ihnen. Im stillen jedoch hoffte ich, daß nach dieser Tragödie, in der das jüdische Volk in Europa so geknutet worden war, ein neuer Mensch entstehen würde. Vielleicht konnte man in Israel im Rahmen dieses neuen Staates mit neuen und modernen Methoden den Weg in die jüdische Zukunft gehen. Schließlich redete ich mir ein, natürlich auch beeindruckt durch die allumfassende Propaganda, daß in Israel eine neue Schweiz im Orient im Entstehen wäre.

Also müßte man auch in Israel leben und schaffen können, ohne ein Zionist zu sein, um so mehr, als doch der Zionismus in dem Augenblicklich aufhören müßte, da man Bürger des Staates Israel war. Dann war man ja Israeli. In meiner Hoffnung wurde ich noch dadurch bestärkt, daß seit vielen Jahrhunderten in Palästina, dem heutigen Israel, die verschiedensten religiösen jüdischen Gruppen leben, bekannt unter dem Namen Nethure kartha, die bekanntlich antizionistisch eingestellt sind. So meldeten auch wir uns bei der Münchener Sochnuth, der Vereinigung aller zionistischen Gruppen die in der Maria-Theresiastraße ihr Büro hatte, und ließen uns eintragen. Ich war erstaunt, daß uns niemand mitteilen konnte welche Waren und Güter wir am besten nach Israel mitnehmen konnten und sollten. Jede Menge Gepäck war frei, man mußte nur für jedes Kilogramm Bruttogewicht 2.- DM an die Sochmutkasse bezahlen.

Am Güterbahnhof in der Arnulfstraße kontrollierten die bayerischen Zollbeamten sehr großzügig, dann wurde das Gewicht festgestellt und an die Sochnuth der Betrag abgeführt. Die Sammelstelle, in der ich warten mußte, befand sich in Föhrenwald im Kreise Wolfratshausen, und von dort ging es per Bahn nach Marseille. In Marseille kamen wir wieder in ein Lager, wo unsere Gruppe eine Woche zubringen mußte. Erst dann konnten wir ein israelisches Schiff besteigen, das bisher als Frachter Dienst versehen hatte und nun schnell zu einem Auswandererschiff umgebaut worden war. Die Zustände an Bord waren entsprechend Besonders über die sanitären Einrichtungen möchte ich lieber nicht berichten. Nach kurzer Reise ging unser Schiff in Haifa vor Anker. In jenem Sommer 1949 war trotz aller Behinderungen die Reise über das blaue Mittelmeer wie ein Traum gewesen. Mir war sehr eigen zumute. An Land erwarteten und begrüßten mich bereits Familienangehörige, mit denen ich im vollbesetzten Omnibus nach Tel Aviv fuhr. Die Auswanderer, die keine Familienangehörigen hatten, waren ja leider nicht so gut daran. Sie mußten wieder in ein Lager, bis sie endlich irgendwo unterkamen. Alles, was ich nun sah, war für mich im höchsten Grade fesselnd. Dicht am Ufer des Mittelmeeres waren unweit Jaffa schon im Jahre 1907 von jüdischen Kolonisten einige Baracken errichtet worden, es entstand eine Ansiedlung, die Tel Aviv genannt wurde. Tel heißt Hügel und Aviv Frühling. Hier entstand besonders in den letzten Jahren die erste und einzige größere Stadt, die allein von Zionisten erbaut und bewohnt wurde. Mit rund 340 000 Einwohnern Jaffa mitgerechnet sogar über 400 ist Tel Aviv das pulsierende Herz von ganz Israel.

Zur Doppelstadt Tel Aviv Jaffa kam es, um der Jaffabevölkerung die demokratischen Möglichkeiten einer Selbstverwaltung zu nehmen, denn Jaffa wird von Tel Aviv aus verwaltet. Die 50000 Araber, die seit undenklichen Zeiten in Jaffa lebten und arbeiteten, wurden vertrieben. Ich war erschrocken, als mir meine Bekannten und Freunde gleichmütig diese arabische Tragödie mitteilten. Dann aber betrachtete ich interessiert die Stadt. Ich muß gestehen, daß der erste Eindruck für wich enttäuschend war. In der Altstadt wimmelte es von schmalen Gassen, nur nach Norden, nach Zaffon, wo der moderne Stadtteil steht, führen die breiteren Straßen. Da ich mich natürlich sofort um eine Wohnung bemühte, erhielt ich den ersten kalten Guß. In jener Zeit gab es in Tel Aviv überhaupt keine Wohnungen frei zu mieten, sondern nur gegen verlorene Baukostenzuschüsse, die sehr hoch waren. Und eine Wohnung kostete, umgerechnet in deutsche Währung, etwa 15 000.- bis 20 000.- DM. Doch ich schob alle diese Erwägungen, Spekulationen und Pläne vorerst einmal zurück; ich war da, und bald würden auch die anderen eintreffen. Das war die Hauptsache. Alles andere würde sich ergeben. Der Tag verging im Fluge. Wir hatten uns viel zu erzählen, und erst am Abend nahm ich mir die Muße, ganz allein durch die Stadt zu wandern, vor allem durch die Rothschild-Allee, jene Zierde der Stadt, eine gepflegte Allee mit Grünanlagen. Langsam ging ich hinaus bis an den Strand. Der Wind, der vom Meer kam, wirkte lindernd auf die sommerliche Hitze. Irgendwie war das alles wie ein Traum. Weit hinter mir der Krieg, das Getto, die transnistrische Verbannung und die Flucht. Und auch die bittere Enttäuschung, die ich in München in unseren eigenen Kreisen erlebte. Ich fühlte deutlich, daß altes, was nun kam, einen Neubeginn bedeutete, und ich war entschlossen zu tun, was in meinen Kräften stand, um hier eine Heimstatt aufzubauen.

Das Volk Jehovas

Hierher also, in dieses Land, war Urvater Abraham fünfundsiebzigjährig mit seiner Frau Sarah auf Befehl Jehovas mit seinem Neffen Loth aus der Heimatstadt Ur gezogen, nach Kanaan. Dort versprach ihm Jehova, daß sich aus seiner Nachkommenschaft eine große Nation entwickeln würde. Unter den jüdischen Theologen sind darüber Meinungsverschiedenheiten entstanden. Gewisse Stellen im Talmud lassen auch die Ansicht zu, nicht Jehova habe die Hebräer zum Auserwählten Volk auserkoren, sondern die Hebräer hätten sich Jehova als ihren Gott ausgewählt. Tausende Jahre später prägte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) den Satz: "Und der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild."

Doch Kanaan bot sich Abraham nicht freundlich. Eine Hungersnot brach herein, und so zog Abraham auf der Flucht vor dem Elend wieder aus Kanaan gegen Ägypten, wo er fürstlich empfangen wurde. Erst nachdem die Not und die Dürre verschwanden, kehrte der Urvater zurück nach Kanaan. Da seine Frau keine Kinder bekam, gab sie ihm den Rat, er möge mit der Magd Hagar schlafen, um einen Stammhalter zu haben. Hagar gebar den Urvater Ismael. Er wurde der Stammvater aller arabischen Völker, die sich später Ismaeliten nannten. Auf Befehl Jehovas gebar Sarah neunzigjährig dann doch noch dem Abraham, der bereits 100 Jahre alt war, den Sohn Isaak. Jehova gab sowohl Ismael als auch Isaak das Versprechen, daß ihre Nachkommen zu mächtigen Völkern aufwachsen würden. Also wollte Gott selbst, daß die Araber und die Juden nebeneinander sich zu großen Völkern entwickeln sollten. Sarah war dies nicht recht. Sie lag Abraham so lange mit ihren Wünschen in den Ohren, bis er nachgab und Hagar mit Ismael aus dem Hause wies. Hagar zog mit Ismael nach Beerseba. Dort gerieten sie in bittere Not, doch ehe sie umkamen, schenkte ihnen Jehova seine Hilfe. Er rettete und segnete sie. Abraham heiratete hundertfünzigjährig nach dem Tode Sarahs nochmals und hatte viele Kinder. Er starb wie die Bibel berichtet. Isaak nahm sich Rebekka, eine Aramäerin, zur Frau, die ihm vierzjgjährig Esau und Jakob gebar. Obgleich Zwillinge, waren sie doch verschieden wie Nacht und Tag. Esau entwickelte sich zum kräftigen Jäger und Krieger, der am liebsten in Gottes freier Natur umherstreifte. Er brachte sein erlegtes Wild nach Hause und sorgte dafür, daß dem Vater mancher Leckerbissen zubereitet ward. Bald war er der Lieblingssohn Isaaks. Jakob dagegen blieb stets daheim, er war der Mutter Lieblingskind. Nach einiger Zeit trat er an Esau heran und bat ihn, ihm das Recht des Erstgeborenen zu verkaufen. Esau, der von solchen Dingen nichts verstand, lachte und gab ihm sein Erstgeburtsrecht für einen Laib Brot und ein Gericht Linsen. Bald danach kamen wieder schlechte Zeiten über Kanaan, und eine Hungersnot drohte. Isaak wollte mit seinem Stamm zu den Philistern ziehen und von dort weiter nach Ägypten. Allein Jehova verbot es. Alt, halb blind, fühlte Isaak die Fittiche des Todes nahen. Er rief nach Esau und bat ihn, Wildbret zu erlegen, zuzubereiten und zu bringen, damit er ihn segne. Rebekka, die gelauscht hatte, lief eilig zu Jakob und befahl, daß er ein junges Böcklein von der Herde holen, schlachten und zubereiten möge, damit er, nicht Esau, den Segen bekomme.Jakob war verwirrt. Er fürchtete, daß der Vater ihn trotz seiner Blindheit erkennen würde. Er hatte eine zarte Stimme, und außerdem war Esaus Haut rauher an den Händen und haariger.Rebekka aber überzog ihm die Hände mit Tierfell, band ihm ein Stück Fell um den Hals und gab ihm Mut. So ging Jakob zu seinem Vater.Wer ist da?" fragte der blinde Isaak. "Ich bin es", entgegnete Jakob, "dein Sohn Esau!" "Wie schnell bist du von der Jagd zurück?" Jakob stammelte: "Heute hat mir Jehova besonders geholfen."

Doch der Vater schien etwas gemerkt zu haben. "Komm näher zu mir", befahl er, "und reiche mir deine Hände!" Voll Furcht tat Jakob, wie ihm befohlen war. "Fürwahr", wunderte sich der alte Isaak, "die Stimme ist die des Jakob, aber die Hände sind die des Esau. Bist du wirklich mein Sohn Esau?" Da nahm Jakob allen Mut zusammen und sagte: Ja, ich bin es. Isaak roch nun an den Kleidern, welche die Mutter listig vertauscht hatte. Dann richtete er sich auf: "Das ist der Geruch meines Sohnes, es ist wie der Geruch eines Feldes, das Jehova gesegnet hat Gott gebe dir den Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde, Futter und Korn und Most. Völker sollen sich vor dir niederbeugen, sei Herr über deine Brüder, und vor dir niederbeugen sollen sich die Söhne deiner Mutter. Wer dir flucht, sei verflucht, wer dich segnet, sei gesegnet." Obgleich nun Jakob den Segen des sterbenden Vaters erhalten hatte, floh er nach Beerseba, denn als Esau von diesem Betrug später erfuhr, wollte er ihn töten. In Beerseba lebte Jakob bei seinem Onkel, dem Aramäer Laban. Es dauerte viele Jahre, ehe Jakob mit seinen Frauen und elf Söhnen zurückkehrte. Er wurde von Esau herzlich und brüderlich empfangen. Der Streit war begraben. Der jüngste der Söhne, Joseph, wurde von Jakob ob seiner Klugheit bevorzugt behandelt und erregte bald den Neid der anderen Brüder. Sie wollten ihn töten, doch folgten sie am Ende dem Rat Judas und verkauften Joseph an wandernde Ismaeliten, die gerade nach Ägypten zogen. Den Vater aber belogen sie, daß Joseph von wilden Tieren überfallen und aufgefressen worden sei. In Ägypten wurde Joseph Potiphar, einem Kämmerer des Pharao, verkauft. Josephs Talente fanden Gnade, und er rückte bald aus der Reihe der Sklaven auf. Seine jugendliche Gestalt gefiel der Frau des Potiphar so sehr, daß sie sich in ihn verliebte, doch er beachtete sie nicht. Eines Tages versuchte die Frau ihn mit Gewalt an sich zu ziehen. Joseph aber entfloh und rannte davon. Die tief gekränkte berichtete nun ihrem Mann, daß Joseph ihr habe Gewalt antun wollen. Darauf ließ der erboste Potiphar Joseph festnehmen und ins Gefängnis werfen. Doch auch dort im Elend glänzten Josephs Talente, und er erhielt im Gefängnis eine Reihe wichtiger Aufgaben. Darüber hinaus beschäftigte er sich besonders mit dem Deuten von Träumen. Als nach zwei Jahren der Pharao einen Traum hatte, in dem ihm sieben magere und sieben fette Kühe erschienen, den er nicht zu deuten vermochte, wurde Joseph aus dem Gefängnis geholt, und als er dem Pharao den Traum erklärte, gab ihm dieser große Rechte und überließ ihm praktisch die Verwaltung Ägyptens. Unterdessen war wiederum in Beerseba Hungersnot ausgebrochen. Jakob erfuhr nun, daß sein Sohn Joseph in Ägypten lebe und dort hoch angesehen war. Mit seinem ganzen Stamm zog Jakob nach Ägypten und lebte dort bei seinem Sohn noch siebzehn Jahre, ehe er starb. Der Stamm aber blieb in Ägypten. Solange Joseph lebte, ging alles gut. Doch als er im Alter von 110 Jahren starb, war ein neuer Pharao zur Macht gekommen, der Joseph nicht mehr kannte und dem der Reichtum und Einfluß der Hebräer zu groß wurde. Vor allem bedrückte ihn, daß sich die Hebräer schneller vermehrten als die Ägypter. Der Pharao befahl, die arbeitsfähigen Männer der Hebräer zur Sklavenarbeit zu zwingen und ab sofort jedes männliche neugeborene Kind der Unterdrückten zu töten. Einige Zeit später wurde einem Manne aus dem Hause Levi ein Knabe geboren. Um ihn zu retten, verpackte die Mutter das Kind in ein Binsenkörbchen und ließ es im Nil schwimmen. In der Nähe wartete die Schwester in banger Sorge und wachte. Die Tochter des Pharao, die im Nil ein Bad nahm, entdeckte das Körbchen und holte es mit Hilfe der Schwester, die herankam, heraus. Man nannte dieses Kind Moses, was soviel heißt wie "Aus dem Wasser Gezogener". Moses wuchs in der Umgebung des Pharao, erzogen von der eigenen Mutter, heran und vereinigte in sich Klugheit und Kühnheit in seltener Weise. Als er älter wurde, erkannte er das Leid seiner Stammesbrüder, die noch immer in ägyptischer Sklaverei schmachteten, und er beschloß, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. Als er seine Pläne entwarf, erschien ihm Jehova als Feuerzeichen im Dornbusch und verkündete ihm, daß er der Auserwählte sei, der seinen Stamm nach vierhundertjähriger Sklaverei herausführen würde in ein Land, welches schon seinen Vorfahren zugedacht war und in dem Milch und Honig fließen würden in das Land Kanaan. Doch weichen auch Religionsforscher von dieser Bibeldarstellung ab und sind zum Teil der Ansicht, daß nur zwei Generationen der Hebräer in der ägyptischen Sklaverei schmachteten. Moses ernannte seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester, und nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Pharao erlaubte dieser den Kindern Israels, Ägypten in der Zahl von 600 000 Mann, Kinder und vieles Mischvolk nicht gerechnet, zu verlassen. Man nimmt an, daß der Name Israel sich zusammensetzte aus drei damals bekannten herrschenden Göttern: Is, Ra, El. Eine andere, wissenschaftliche Erklärung gibt es nämlich für den Namen Israel nicht. Ich empfinde es nicht als schmeichelhaft, daß wir uns zu einem großen Teil Israeliten nennen, da einwandfrei feststeht, daß Jakob, der den Ehrennamen Israel trug, seinem Bruder Esau in unschöner Weise sein Erstgeburtsrecht für einen Topf Linsen abkaufte, seinen Vater in der Sterbestunde belog, indem er behauptete, Esau zu sein, und sich den väterlichen Segen erschwindelte, der für Esau bestimmt war. Haben wir keinen vorbildlicheren Urahnen, Abraham zum Beispiel? Ich halte es schon für vernünftiger, wenn wir uns Juden nennen nach dem Namen Juda, des Sohnes Jakobs, der charakterlich einwandfrei und geschichtlich vorbildlich ist. Auch die Zahl 600 000 ist umstritten. Man glaubt, daß die Israeliten beim Auszug nur 600 Männer gewesen sein können. Erst als sie abgezogen waren, überlegte sich der Pharao die Sache und wollte die Hebräer zurückholen. Er jagte mit allem Kriegsvolk ihnen nach. Am Ufer des Roten Meeres holte er die Hebräer ein. Vor Moses aber teilte sich das Meer, und die Hebräer zogen trockenen Fußes durch, während die nachdrängenden Ägypter mit ihrem Pharao von den Fluten verschlungen wurden.

Nun eigentlich hätte Moses mit den Hebräern umkehren können. denn Ägypten war ohne Pharao und ohne Krieger. Dennoch zogen sie weiter, um Kanaan zu suchen. Vierzig Jahre lang wanderten die Hebräer bis sie endlich in Kanaan ankamen. Doch schon drei Monate nachdem sie Ägypten verlassen hatten, gelangten sie in die Wüste Sinai, wo Jehova Moses zu sich befahl und ihm auf dem Berg Sinai die zehn Gebote verkündete. Daneben gab er ihm eine Reihe Weisheiten, unter anderem: "Und den Fremdling sollst du nicht bedrängen und ihn nicht bedrücken, denn Fremdlinge seid ihr im Lande Ägypten gewesen." Und: "Ägypten sollst du nicht verabscheuen, denn du bist ein Fremdling in diesem Lande gewesen." Das Volk aber wurde ungeduldig, und während Moses mit Gott sprach, bereitete es mit Aarons Hilfe das Goldene Kalb vor, welches die Hebräer anbeteten. Erst Moses' Rückkehr und Zorn ernüchterte sie und brachte sie auf den rechten Weg zurück. Endlich am Jordan angelangt, war Moses 120 Jahre alt und bereitete sich zum Sterben vor. Er rief Josuah Ben Nun zu sich und übergab ihm die Führung du Hebräer. Moses selbst verabschiedete sich von seinem Volk, stieg auf den Berg Nebo gegenüber Jericho und blieb zurück. Moses verschwand so spurlos aus der Geschichte seines Volkes, daß schon manche Zweifel auftauchten, ob er wirklich gelebt habe. Im Talmud gibt es Beschreibungen seiner äußeren Erscheinung - er war weit größer und stärker als die anderen Hebräer die wiederum die Annahme nähren, Moses sei gar kein Hebräer gewesen, sondern ein Fremder, der sich des Schicksals dieses armen Volkes nur angenommen hatte. Völlig unerklärlich bleibt jedenfalls, warum Moses, nach einem Leben voller Suchen und Wandern, als er endlich die Pforte seiner Sehnsucht erreichte, zurückblieb und sein Volk allein nach Kanaan ziehen ließ.

Von Josuah bis Salomon

Josuah stand vor einer schweren Aufgabe: In dem Land, das den Hebräern verheißen war, lebten seit eh und je andere Völker Sie waren nicht bereit, gutwillig ihr Land, ihre Äcker, ihre Städte und ihr Vieh den eindringenden Hebräern zur Verfügung zu stellen. So also mußte Josuah die Hebräer zum Kampfe führen und stellte sie am Jordan zum Angriff bereit. In ihm klang die Stimme des Herrn: "Gehe hin und nimm das Land und besitze von der Wüste von Libanon bis zum großen Strome Euphrat das ganze Land der Hethiter. Bis zum großen Meere gegen Sonnenuntergang soll eure Grenze sein. Damit die Hebräer über den Jordan kommen konnten, trocknete der Fluß aus, und Josuah zog mit den Kriegern auf das andere Ufer. Erst dann fluteten die Wasser wieder. Als dieses Wunder die benachbarten Könige vernahmen, sank ihr Mut. Im Sturm überrannten die Hebräer die Kanaaniter, Hethiter, Hewiter, Persiter, Girgasiter, Ammoniter und die Jebusiter. Als Josuah zum Kampf antrat, führte er eine neue hebräische Generation. Während die Alten in den vierzig Jahren Wanderung starben, war eine neue, junge, harte Generation herangewachsen, der man diesen Eroberungskrieg schon zumuten konnte. Jericho wurde gänzlich niedergebrannt und alles Gold und Silber ins Schatzhaus Jehovas gebracht. Die Stadt Ai wurde gestürmt, die ganze Bevölkerung erwürgt oder mit dem Schwert erschlagen. Nachdem alles Hab und Gut der Königsfamilie als Beute genommen war, brannten die Hebräer die Stadt nieder. Die Ländereien der Besiegten wurden von den Hebräern in Besitz genommen. Sie bildeten den Grundstock für das künftige hebräische Reich.Die Ammoniter waren ein Staatsvolk, das etwa zweitausend Jahre vor Christus in Palästina lebte, die Hethiter ein indogermanisches Volk, das auch etwa 2000 vor Christus in Kleinasien zwischen Syrien, Ägypten und Babylon sein Reich gegründet hatte.

Die grauenhaften Kämpfe und die Gnadenlosigkeit der Hebräer versetzten die umliegenden Völker und Königreiche vom großen Meer bis zum Libanon in Furcht und Schrecken. Sie schlossen sich zu einer Einheitsfront gegen Josuah zusammen. Nur einige Städte, Gibeon, Kephira und andere, schickten Abgeordnete zu josuah und sprachen die Anerkennung Jehovas aus, um verschont zu bleiben. Mit ihrem Bekenntnis war es ihnen jedoch nicht sehr ernst; sie wollten nur die Hebräer überlisten. Dafür wurde ihnen Schurz versprochen' und so wurde der erste Pakt gegen die alliierten Könige geschlossen. Später allerdings erfuhr Josuah, daß die Bekenntnisse falsch gewesen waren. Trotzdem stand er zu seinem Wort und ließ die Städte nicht niederbrennen. Doch machte er die ganze Bevölkerung zu Holzhauern und Wasserschöpfern. Schon lange vor Morgenthau wurde hier die Idee der wirtschaftlichen Ausschaltung des Gegners verwirklicht. Gegen die Könige, die sich gegen ihn vereinigt hatten, nahm Josuah mit seinem Heer im Tale Ajjalon den Kampf auf. Die Sonne und der Mond blieben den ganzen Tag stehen, bis sich die Hebräer an ihren Feinden gerächt hatten. Die fünf besiegten Könige waren: Der von Jerusalem, der von Hebron, der von Jarmuth, der von Laduis und der von Eglon. Alle fünf wurden hingerichtet und ihre Leichen einen Tag lang am Pranger aufgehängt. So nahm Josuah Stadt um Stadt, und was von der einheimischen Bevölkerung nicht unter dem Schwert fiel, wurde verbrannt oder aus der Stadt vertrieben. Er rückte vor bis Gaza, wo ihn die Nachricht erreichte, daß sich neuerlich acht Könige in Hazar gegen die Hebräer vereinigt hatten. Josuah kehrte nach Gilgal zurück, stürmte Hazar, besiegte die acht Könige, vernichtete die Stadt und verbrannte sie.

In diesem harten und erbarmungslosen Kampf ergaben sich nur die Hewiter aus Gibeon den Hebräern. Alle anderen ließen sich eher totschlagen und kämpften bis zum Schlusse für ihren Besitz und ihre Heimat. Daß es so geschah, ist nicht von ungefähr. In den Schriften steht geschrieben: "Von Jehova war es, daß sie ihr Herz verhärteten zum Kriege mit Israel, damit sie vertilgt würden, ohne Gnade zu finden." Endlich sprach Jehova zu Josuah: "Du bist alt und wohl betagt, und vom Land ist noch viel in Besitz zu nehmen, das dem Volk versprochen wurde." Bis zu dieser Stunde hatte Josuah einunddreißig Könige und Völker mit seiner hebräischen Armee besiegt.

Josuah verteilte mittels Losen das bereits gewonnene und eroberte Gebiet an die israelitischen Stämme. Jerusalem fiel dem Stamme Juda zu. Dort war ein großer Teil der Bevölkerung am Leben geblieben und ging in dem Stamme Juda auf. Josuah starb im Alter von 110 Jahren, und nach ihm übernahm Juda die Führung der Israeliten, um weitere Ländereien zu erkämpfen.

Nun aber folgten Hungersnöte und, was ärger war, Machtkämpfe der hebräischen Stämme untereinander, so daß sie bald uneins wurden und sich selbst in blutigen Stammesfehden zerfleischten. Die Gefahr von seiten der Nachbarn, die diese Entwicklung frohlockend beobachteten, wurde immer drohender.1100 Jahre vor Christus setzte der Hohepriester Samuel eine Vereinigung aller Hebräer durch, und sie wählten Sau! zum ersten König der Juden. Jetzt war die Gefahr des Auseinanderfallens und der Assimilierung gebannt. Saul führte die Hebräer zu neuem Kampf gegen die benachbarten Philister, die besiegt wurden. Der Hauptfeind für Saul blieb aber das Volk der Amalekiter. Es waren Araber, südwestlich des Toten Meeres. Die Feindschaft hatte schon kurz nach dem Auszug der Hebräer aus Ägypten begonnen; sie währt bis zum heutigen Tag. Samuel sprach zu Saul, so steht es im Buch 1, Kapitel 15: "Jehova hat mich gesandt, um dich zum König über sein Volk, über Israel, zu salben. So höre nun auf die Stimme Jehovas: So spricht Jehova, der Herrscher: Ich habe angesehen, was Amalek Israel getan, wie er sich ihm in den Weg gestellt hat, als es aus Ägypten auszog. Nun ziehet hin und schlaget Amalek und verbrennet alles, was er hat, und schonet seiner nicht. Und tötet vom Manne bis zum Weibe, vom Kinde bis zum Säugling, vom Rinde bis zum Kleinvieh, vom Kamelbis zum Esel."In einer noch nie gekannten Stärke brachen die Israeliten auf, und Saul führte sie zum Kampf gegen die Amalekiter. Saul besiegte das arabische Volk der Amalekiter, doch er befolgte die Anweisungen Jehovas nur zur Hälfte. Er ließ die besiegten Amalekiter nicht zur Gänze vernichten, erlaubte seinen Kriegern, das Vieh als Beute wegzuführen und nahm den gefangenen Amalekiterkönig Agag mit zurück nach Kanaan. Kaum hatte der Hohepriester Samuel davon erfahren, stellte er zornig den König zur Rede. Darauf nahm Samuel sein Schwert und zerstückelte den König Agag. Nunmehr verlor Saul die Unterstützung des Hohepriesters, der eine Änderung des Thrones anstrebte.Sehr bald stellten sich die Philister zu neuen Kämpfen, und ein riesiger Krieger, Goliath, forderte die israelitischen Krieger zum Zweikampf vor der Front auf. Dem Sieger sollte alles gehören und in diesem Zweikampf die Entscheidung über Sieg oder Niederlage du beiden Völker fallen. Vierzig Tage lang forderte Goliath die Israeliten höhnisch heraus, doch kein Hebräer wagte den Kampf. Die Zeiten Josuahs waren vorbei. Da meldete sich ein junger Hirte namens David, der seinen wehrfähigen Brüdern Proviant brachte und der die Herausforderung Goliatlis ebenfalls vernommen hatte, gegen den Willen König Sauls und der Israeliten und nahm den Kampf an. Nur mit seiner Steinschleuder bewaffnet, besiegte er Goliath und wurde so zum gefeierten Helden seines Volkes. Der Hohepriester Samuel schlug den Hirten David zum zukünftigen König vor und bildete ihn aus. Saul aber trachtete David nach dem Leben, so daß dieser mit seinen Anhängern zu den Philistern entfliehen mußte, Die Philister erhoben sich wieder gegen Saul und trieben ihn so in die Enge, daß er sich das Leben nahm, indem er sich in sein Schwert stürzte. David aber, "Geliebter" nach dem Althebräischen, wurde zum König gesalbt. Er führte mehrere Kämpfe gegen die Nachbarvölker, vergrößerte den Israelstaat und vermehrte die hebräische Einheit. Sein Auge fiel mit Wohlgefallen auf die bereits verheiratete Bathseba. Um ihren Mann, den Feldherrn Uria, aus dem Weg zu räumen, sandte er ihn mit einer schriftlichen Botschaft an eine Kampffront mit dem Befehl, sich dort bei dem Führer zu melden. Ahnungslos übergab Uria das Schreiben, in dem stand, daß der Überbringer an der gefährlichsten Stelle so einzusetzen sei, daß er fallen sollte. So geschah es auch. Nun nahm David Bathseba zum Weibe, die ihm schließlich Salomon gebar. Am Ende alt und krank geworden, ließ sich David auf Anraten seiner Weisen eine junge und schöne Sumanitin bringen, um an ihrer Liebe wieder zu genesen. Dieses Beispiel wirkte auf seine Kinder nicht gut. Sein Sohn Amon vergewaltigte seine eigene Schwester Damar und wurde später von seinem Bruder Absalom ermordet. Absalom, der dritte Sohn Davids, ließ sich zum König ausrufen und vertrieb seinen alten Vater David aus Jerusalem. Dieser wehrte sich, und es kam zu Kämpfen zwischen den Anhängern des Vaters und des Sohnes, und als Absalom fliehen wollte, verfing er sich mit seinen langen Haaren in den Ästen eines Baumes. So erreichten ihn die Verfolger und erschlugen ihn. In diesem Kampf von Israeliten gegen Israeliten floß das Blut in Strömen. Trotzdem ließ sich auch Adonja, der ältere Sohn, anschließend zum König ausrufen, obgleich David noch immer lebte. Die Auseinandersetzungen unter den Söhnen kamen daher, daß infolge der herrschenden Vielweiberei die Söhne Davids verschiedene Mütter hatten. In dieser Not begab sich Bathseba zu David und bat ihn offiziell, ihren Sohn Salomon zu seinem Nachfolger zu ernennen. David erfüllte ihren Wunsch. Adonja fügte sich scheinbar der Herrschaft seines jüngeren Bruders Salomon und bat sich nur von Bathseba aus, daß Salomon ihm die junge Sumanitin geben solle, die den Vater betreut hatte. Darüber war Salomon so entrüstet, daß er seinen Bruder Adonja hinrichten ließ. Dieses Kapitel der biblischen Geschichte ist so furchtbar und so grausam daß es von den Melameds in den Talmudschulen immer schnell überlesen wird, damit die Kinder nicht neugierige Fragen stellen. Auch heute noch, fast 3000 Jahre danach, ist David noch immer das Symbol. Die neue sozialistische Jugend Israels singt begeistert ein Lied, das den Refrain hat: "David, König Israels." So bestieg Salomon, was soviel wie "Der Friedliche" heißt, 960 Jahre vor Christus den israelitischen Königsthron. Salomon sicherte den Staat gegen äußere Angriffe, vor allem durch seine Eheschließung mit der Tochter des Pharao, und öffnete das bisher hermetisch abgeschlossene Land fremden Einflüssen. Später lernte er die Königin der Sabäer kennen und lieben und versprach ihr die Heirat. Da die Ägypter damit kaum einverstanden gewesen wären, widerrief er sein Eheversprechen, obgleich die Königin von ihm bereits ein Kind unter dem Herzen trug. Salomon ragte besonders durch seine prunkvollen Tempelbauten über seine Nachbarn hinaus. Er konnte diese Bauten natürlich nur mittels erdrückender Steuerlasten durchführen, und noch zu seinen Lebzeiten wuchs die Unzufriedenheit unter den Israeliten immer mehr. Kaum hatte er seine Augen geschlossen, brach das Land auseinander, und mit König Davids großer Einigung war es vorbei. Jerobeam, Salomons Zögling, wurde mit Hilfe der Ägypter 926 vor Christus König von Israel, Salomons Sohn, Rehabeam, jedoch König von Judäa, mit Jerusalem als Hauptstadt. Diese Teilung des Reiches König Davids hält sogar heute nach 2000 Jahren noch an. Doch nicht zwischen Israeli und Juden, sondern zwischen Ismaeliten und Israeli. Israel, der nördliche Teil des Reiches mit zehn Stämmen, steht dem Südreich Juda, mit Jerusalem als Hauptstadt, gegenüber.

Israelische Gegenwart

Ich saß im Sand und ließ die kleinen Körner durch die Finger rinnen. Die Geschichte meines Volkes ist hart und schwer -wie das Leben. Letzten Endes ist sie die Geschichte der Menschheit war es nicht ein kühnes Unterfangen, von neuem nach 2000 Jahren dort zu beginnen, wo man schon einmal so entsetzlich Schiffbruch erlitten hatte? Draußen auf dem Meer funkelten Lichter auf: Fischerboote, die hinausfuhren zum nächtlichen Fang. Langsam erhob ich mich und schlenderte vom Ende Hajarkons an dem alten verfallenen arabischen Friedhof entlang auf das Zentrum Mograby zu. An einer Ecke der Straße blieb ich stehen. Die ganze Stadt Tel Aviv war immer noch am Bauen, alles, was ich sah, war halb. Wie alle anderen großen Städte hat auch Tel Aviv eine Alt- und eine Neustadt. Der neue Teil führt von der Allenby-Straße über den Mograby-Platz bis zum Zaffon hinab. In entgegengesetzter Richtung der Allenby-Straße steht die Altstadt. Ich hatte eifrig die Prospekte gelesen und wußte, daß bei meiner Ankunft die Stadt etwa 22 000 Häuser aufwies, wovon allerdings ein Drittel Holzbaracken waren. Nicht weit von der Litwinski-Straße verirrte ich mich und stand plötzlich in einem Gäßchen, das nach dem berühmten jüdischen Literaten I. L. Peretz benannt war. Mühsam versuchte ich, auf Hebräisch den erstbesten Straßenpassanten, einen älteren Mann, zu fragen und mich nach der Richtung zu erkundigen. Der Mann stutzte und lachte schließlich. "Mit mir können Sie schon jiddisch reden", sagte er freundlich, "oder auch deutsch, wenn Sie wollen. Wir babbeln alle nicht hebräisch." Er erteilte mir genaue Auskunft. "Sie sind wohl noch nicht lange hier?" Ich schüttelte den Kopf. "Der erste Tag", gab ich wahrheitsgemäß zur Antwort. Der Fremde lachte. "Du meine Güte", sagte er, "da steht Ihnen noch viel bevor." Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Doch der alte Mann wartete gar nicht darauf. "Tag für Tag kommen neue Massen aus aller Welt daher, voll von Illusionen, angelockt von tausend Versprechungen, und das Ende sind die Lager. Wer Pech hat, kommt ins Ollim-Lager von Ejn-Schemer. Dann ist er verpflegt." "Ich mußte in kein Lager", murmelte ich, "ich habe Verwandte hier." "Da haben Sie Glück gehabt. Wissen Sie, wie wir Beth-Olim nennen?" "Ja, Beth heißt Haus und Olim Einwanderer, also Einwanderer-Haus." Der Alte schmunzelte. "Richtig, Sie haben ja schon allerhand gelernt in der kurzen Zeit. Nun, wenn man einen Buchstaben verändert, dann kommt das Ganze besser hin. Wir nennen's längst "Beth Olom" Ich starrte ihn an. Olom heißt Friedhof. Friedhofslager? "Lassen Sie sich nicht unterkriegen", ermunterte mich der alte Mann, "Hätte man weniger versprochen und vor allem weniger Leute hergelockt und hereingepumpt, dann wären die Zustände besser. Und was machen Sie hier?" erkundigte ich mich interessiert. "Kennen Sie nicht den Witz von Hutzke?" fragte der Alte. Ich schüttelte den Kopf. "Nun, da will ich ihn noch erzählen, ich muß nämlich gehen, wir haben heute abend unsere Bridgepartie. Das gibt es hier sonst auch nicht. Sehen Sie, der Hutzke wurde gefragt, wie seine Geschäfte gehen, und er antwortete: 'Gepriesen sei der Ewige, ich mache ein kleines Vermögen.' 'Soso' sagte der andere, 'wie bringst du das fertig? Kannst du es mir nicht verraten?' 'Gern', entgegnete Hutzke, 'ich kam nach Israel mit einem großen Vermögen, und nun mache ich daraus sukzessiv ein kleines Vermögen.' Sehen Sie, genauso geht es mir. Aber viel habe ich nicht mehr zum Anbringen; dann bin ich pleite." Der alte Herr gab mir noch rasch seine Adresse und nannte seinen Namen. Er hieß Baum. "Wenn Sie einmal Zeit haben", verabschiedete er sich, "kommen Sie mal vorbei. Ich will Ihnen gerne raten" Betroffen wanderte ich nach Hause. Bereits am nächsten Morgen hielt ich Umschau nach Verdienstmöglichkeiten. Ich hatte schon eine feste Vorstellung. Während meiner Zeit als Fellaufkäufer in Bayern hatte ich Kenntnisse und Erfahrungen in der Lederbranche sammeln können, und die Nachfrage nach Leder war hier geradezu brennend. In meinem Beruf unterzukommen, darauf bestand überhaupt keine Aussicht. Die Einrichtung einer Gerberei schien mir noch am meisten erfolgversprechend. Ich ging vorerst einmal auf Suche nach geeigneten Arbeitsräumen. Was ich nun im Verlaufe dieser Streifzüge zu sehen bekam, war alles andere als erfreulich. Auf dem Wege von Haifa nach der Siedlung Motzkin gewahrte ich ein großes Zollmagazin. Im Freien standen oder lagen Koffer und Kisten in Sand und Regen, damals wohl Waren im Umfange von zehn Eisenbahnwaggons wertvollstes Gut verrottete. Fassungslos erkundigte ich mich nach den Ursachen. Zum Teil hatten die Einwanderer, die ja von den Sochnuth-Stellen in keiner Weise beraten wurden, Waren und Maschinen angekauft und mitgenommen, die hier nicht verwendet werden konnten. Die meisten aber hatten einfach das Geld nicht, um den Zoll für die eingeführten Werte zu bezahlen. Dabei stiegen die zu entrichtenden Beträge von Tag zu Tag, denn für die Einlagerung mußte natürlich ebenfalls bezahlt werden. Textilien und Lederwaren hatte die israelische Regierung zu niedrigsten Preisen beschlagnahmt und erworben. Dagegen gab es keinen Einspruch. Was für Weltgeschrei wäre erhoben worden, wenn ähnliches zum Beispiel in Bayern geschehen wäre? Alteingesessene Kaufleute umkreisten dieses Magazin wie die Geier. Wertvolle Maschinen und Waren wurden von ihnen zu niedrigsten Preisen angekauft. Wer nicht verkaufte, erhielt gar nichts. Manche mußten überhaupt alles verfallen lassen, da sie mit dem Verkauf zu lange gezögert hatten und die Lagerungskosten nun alles auffraßen. Jeden Tag gingen so noch dazu riesige Sachwerte zugrunde. Erstmals vor diesem Zollmagazin lernte ich die Stimmung, die zwischen dem Großteil der Alteingesessenen und den Neueinwanderern herrschte, kennen. Von der Brüderlichkeit, wie sie uns die zionistische Propaganda geschildert hatte, konnte man hier nichts bemerken. "Ich kann einfach nicht zu diesem Preis verkaufen", jammerte ein Einwanderer aus Polen, der sich längere Zeit in Westdeutschland aufgehalten hatte. "Ich habe mein ganzes Kapital investiert und habe mir gedacht, am besten ist es, Sachwerte mitzubringen." Sein Handelspartner, ein hochgewachsener Kaufmann aus Tel Aviv, verzog keine Miene: "Uns wurde doch erzählt, daß ihr nackt und hungernd aus den KZ kamt. Und jetzt redet ihr nur von eurem Kapital. Woher habt ihr denn eure Waren und euer Hab und Gut?" Ein anderer, der neben ihm stand, fiel ein: "Wir kamen ins Land ohne alles, wir haben Israel für euch erkämpft, und ihr wollt nun Ansprüche stellen?" Der polnische Jude, ein älterer Mensch, sagte resigniert: "Nehmt bin, mir ist alles recht, denn mir bleibt nichts anderes übrig. So rechtlos war ich höchstens im KZ, sonst aber nirgendwo auf der Welt." Die umstehenden Israeli lachten. Mit schwerem Herzen ging ich weiter. Überall, wohin ich kam, traf ich Arbeitslose, die verzweifelt Arbeit suchten. In Jaffa redete mich ein Russe an, den ich bereits im Lager Neu-Freimann getroffen hatte. Sein Fall war schon nicht mehr tragisch; er war grotesk. Der Mann war in der sowjetischen Armee Hauptmann gewesen und in die russisch besetzte Zone Mitteldeutschlands abkommandiert worden. Dort traf er zu seinem Unglück einen zionistischen Propagandisten, der ihn von dem Leben in Israel vorschwärmte. Der Hauptmann erinnerte sich seiner jüdischen Abstammung und folgte dem Anwerber mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in die amerikanische Zone. Die Familie wurde in München mitten auf der Straße stehengelassen. Der Russe sprach nur wenig Jiddisch und fand sich nur schwer zurecht. Nachdem er ins Lager Neu-Freimann eingewiesen war, trösteten wir ihn so gut wir konnten. Er hatte mir bereits damals erzählt, wie sehr er seinen voreiligen Schritt bereute.

Da es für ihn - er war ja desertiert - kein Zurück gab, meldete er sich trotzdem zur Auswanderung. Ich hättte ihn nicht wiedererkannt. Er war um Jahre gealtert. "Ach, Josef", sagte er, "nun bist du auch gekommen? Ich bin schon ein Jahr hier. Was habe ich alles Unternommen, um Arbeit zu finden! Es ist aussichtslos. Überall brauchst du Protektion, zu allem, selbst für einen Hilfsarbeiterpostern," "Wie geht es deiner Frau?" fragte ich. Der Russe zuckte mit den Schultern. "Sie weint ununterbrochen, denn die Kinder haben nie satt zu essen. Schon zweimal wollte sie mit den Kindern zum sowjetischen Konsul und um Rückreiseerlaubnis bitten." Ich war genauso niedergeschlagen wie er. Nun weilte ich erst wenige Tage hier, aber was ich sah, bedrückte mich schwer. "Was treibst du denn? Irgend etwas mußt du ja tun?" Der ehemalige Hauptmann der Sowjetarmee lachte. " Ich arbeite bei einer christlich-orthodoxen Mission ein paar Stunden als Hausdiener; so verhungern wir wenigstens nicht." Ich schwieg. Es war alles so niederdrückend

"Was willst du?" schloß der Russe unser Gespräch. "Man muß alles nehmen, wie es ist. Gestern hat mir ein Beamter den neuesten Witz erzählt. Eine Stelle als Buchhalter war zu vergeben. Ein Beamter übernahm es, die zahlreichen Bewerber zu prüfen. Er fragte: 'Wieviel ist zwei mal zwei?' Ein deutscher Jude nahm den Bleistift und antwortete: 'Vier.' 'Ist gut', lobte der Beamte, 'lasse deine Adresse da, du wirst hören!' Der nächste war ein polnischer Einwanderer. Der hatte den deutschen vorsichtshalber gefragt, was geprüft würde. Da der deutsche vier geantwortet harte, sagte er drei! Der übernächste war ein rumänischer Einwanderer, der sich informiert hatte. Er probierte es mit fünf! Dann kam ein Galizier, und als er gefragt wurde, lächelte er schlau: 'Wieviel du willst, Herr wird zwei und zwei werden!'

Auch er bekam, wie alle anderen, Bescheid zu warten. Schließlich trat ein Selbstbewußter vor den Beamten. Er entgegnete kurz: 'Ich bin Mitglied der Mapai!' Vorwurfsvoll sagte der Beamte: 'Warum hast du überhaupt gewartet? Warum hast du das nicht gleich gesagt? Komm morgen und fange an!'" "Na und?" fragte ich verwundert, denn noch waren mir die Verhältnisse nicht geläufig. Der Russe hob die Schultern. "Ich bin nicht bei der Mapai!" Wir reichten uns die Hand und schieden lachend. Doch es war kein fröhliches Lachen.

Vor dem Arbeitsamt standen kilometerlang in Schlange die Arbeitsuchenden. Arbeitslosenunterstützung gab es nicht. Nur die in den Lagern hausten, bekamen Essen. Wer nicht drinnen war, der mußte verhungern. "Da schaust du", redete mich ein jüngerer Mann an, und mit einemmal erkannte ich ihn. Er war ein ausgezeichneter Fußballspieler und hatte mit seiner Frau und seinen drei Kindern auch im Lager Freimann einige Zeit gelebt. "Ist ganz umsonst, daß die da anstehen. Arbeit gibt es nicht. Was treibst du übrigens?" Ich erzählte ihm von meinen Bemühungen. Der Fußballer nickte. "Ich wünsch' dir viel Glück. So hoch gehen meine Pläne gar nicht mehr. Ich bin einige Zeit im Lager gewesen, dort geht es zu wie im Getto. Unzufriedenheit, Hunger und die Aussichtslosigkeit schaffen immer neue Reibereien. Nun, du weißt ja, daß ich spiele. Das war mein Glück. Das runde Leder hat uns gerettet. Nun bin ich Arbeiter bei der Müllabfuhr, weil man mich eben braucht in der Fußballmannschaft. Das war ein großes Glück. Denn ich habe keine Protektion." Er senkte die Stimme zum Flüstern: "Dabei gibt es unter den Alten genug Doppelverdiener. Komisch, Was?" Er lachte ironisch und schlenderte weiter. Schon nach kurzer Zeit konnte ich bemerken, daß eine förmliche Rückwanderungswelle aus Israel einsetzte. Die enttäuschten Einwanderer belagerten in hellen Scharen die verschiedenen Konsulate: das rumänisch; polnische, das französische und sogar das sowjetische. Am ärgsten trieben es die Marokkaner. Am entgegenkommendsten zeigten sich die Franzosen, die viele ihrer ausgewanderten Juden wieder zurückließen. Natürlich hatte die Bundesrepublik, genau wie heute, keine konsularische Vertretung. Die britische Botschaft in Haifa nimmt die Geschäfte wahr. Trotzdem fuhren auch viele nach Deutschland zurück. Doch nicht allen gelang es. Ich Trottel!" wandte sich ein wildfremder Mann an mich, der mich jiddisch sprechen hörte. "Was ist mir in Berlin abgegangen? Warum mußte Narr hier herunterkommen? Eigentlich geschieht mir ganz recht. Dabei bin ich mit der ganzen Familie hergekommen. Ich kann gar nicht mehr zurück. Vorgestern sagte ein Taxichauffeur zu meinem alten Vater, der wieder Schläfenlocken trägt: Uns wurde doch gesagt, daß alle Juden vergast wurden. Wo kommt ihr nur alle her? Oder hat man uns am Ende diese Arbeit überlassen? Generationen hindurch hat man uns eingeprägt, wir Juden wären Kinder des Mitleides. Denen hier, obgleich sie Blut von unserem Blut sind, ist all unser Erlebnis vollkommen egal." Sie sprachen eine Weile miteinander, aber keiner konnte dem anderen helfen.

Natürlich wurde die Rückwanderung von der Regierung sehr erschwert. Man wollte keine Juden mehr aus Israel hinauslassen. In der Propaganda wurde die Rückwanderung überhaupt totgeschwiegen' So viel ich mich auch die ganze Zeit bemühte, glückte es mir nicht irgendwelche echten Unterlagen darüber zu bekommen. Obgleich ich das alles mit sehr wachen Augen sah, war ich bemüht, mich von den Dingen nicht allzu stark beeinflussen zu lassen. Wir waren nun allemal hier, die Familienzusammenführung war angelaufen und versprach, ein Erfolg zu werden. Sie wurde es auch. Allerdings war dies das positivste meiner Erlebnisse in Israel. Nach einiger Zeit mußte ich erkennen, daß man tatsächlich nur Protektion etwas erreichen konnte. Durch Bekanntschaften, die ich nun allmählich auch unter den alteingesessenen Israeli geschlossen hatte fand ich auch eine Familie mit mehreren Söhnen.

Einer von ihnen war bei den Briten und später bei der Hagana Soldat gewesen und hatte sich dadurch gewisse Vorrechte erworben. wir gründeten zusammen eine Firma und machten schließlich am Ufer des Oberen Jaffa ein altes und vernachlässigtes Gebäude aus, in dem vor ihrer Vertreibung eine arabische Firma eine Gerberei betrieben hatte. Wir mußten uns zuerst mit der "Apotropus", der Vermögensverwaltung für beschlagnahmtes arabisches Eigentum, in Verbindung setzen, da man nur dort das Objekt mieten konnte. Die "Apotropus" verwaltet ein riesiges Vermögen. Sie zog, vornehmlich aus Neueinwanderern, für Miete verlassener arabischer Häuser oft das Doppelte und Dreifache dessen heraus, was Privatbesitzer von ihren Mietern in der Regel verlangen. Dasselbe geschieht auch mit den 'Wirtschaftsobjekten' und Fabrikräumen. Dazu kommt noch, daß die Neueinwanderer eine besondere Neugründungssteuer leisten müssen. Sehr bald erkannten wir jedoch, daß die Hauptzufahrtsstraße vom Ufer zu dem Gebäude durch die israelische Marine gesperrt und besetzt war. Mir kamen Bedenken, doch der Hauptmann dieser Abteilung versprach mir liebenswürdig, ab und zu Durchfahrten zu erlauben, und meinte, daß in Kürze ohnedies dieser Weg gänzlich freigemacht und die Sperre aufgehoben würde. So mieteten wir und zogen ein. Die Installation und die Reparaturen, die notwendig waren, weil sich das Gebäude in einem sehr schlechten Zustand befand, verschlangen beinahe unser ganzes Kapital. Dazu kam, daß keine israelische Versicherungsgesellschaft eine Versicherung unseres Betriebes übernehmen wollte. Alle behaupteten, da das Objekt etwas abseits läge, wäre die Gefahr eines Einbruches zu groß, so daß die Versicherungen das Risiko nicht übernehmen könnten.

Zu jener Zeit waren die Sicherheitsverhältnisse in Tel Aviv und Umgebung sehr schlecht. Uns blieb deshalb nichts anderes übrig, als uns selbst zu sichern und turnusmäßig im Betrieb zu übernachten, um unser Eigentum vor fremdem Zugriff zu schützen.

Private Unternehmungen unerwünscht

Wir erhielten sehr schnell Lohnarbeit und schlossen mit einer Gruppe israelischer Kaufleute einen Vertrag ab, welche die Erlaubnis hatten, Felle aus der Türkei zu importieren wenn sie nachzuweisen in der Lage waren, daß diese Felle auch zu Leder verarbeitet würden. Durch unseren Betrieb waren sie es, und der Import rollte an. Natürlich mußte das fertiggestellte Leder der Wirtschaftsabteilung der Regierung zu einem festen Preis geliefert werden. Die nächsten Wochen und Monate waren mit einer intensiven Arbeit angefüllt. Ich hatte keine Zeit, mich um all das zu kümmern, was mich begreiflicherweise sehr interessiert hätte. Daher fiel ich aus allen Wolken, als ich nach mehreren Monaten als Leiter unserer Gerberei zur "Apotropus" gerufen wurde, wo man mir lakonisch mitteilte, daß der Preis unserer Miete sich verdoppelt habe. Ich hielt dem Beamten sofort vor, daß wir doch unseren Mietvertrag mit der "Apotropus" für mehrere Jahre schriftlich abgeschlossen hätten. Allein alles half nichts. Man sagte mir, daß man sich eben bei der ursprünglichen Bemessung geirrt habe und darum der Vertrag wertlos wäre. Ich war sprachlos. So etwas hatte ich selbst in Polen oder Rumänien nie erlebt. Doch nicht genug damit. Es verging wieder einige Zeit, dann erschien im Betrieb ein israelischer Polizist und beanstandete, daß wir die Felle und Häute durch die bewohnten engen Gassen tragen ließen. Selbstverständlich stanken diese Felle und Häute wie in jeder Gerberei. Ich erklärte dem Polizeibeamten, daß wir, da die Hauptzufahrtsstraße noch immer gesperrt war, keinen anderen Weg hätten, um die Ware in unsere Werkstätten zu bekommen. Der Polizist hörte gar nicht hin. Er beanstandete außerdem, daß unser Schmutzwasser - solches entsteht bei jedem Gerbvorgang automatisch - ins Meer floß. Ich versuchte dem Polizisten auseinanderzusetzen, daß wir dann unseren Betrieb augenblicklich einstellen könnten. Das war aber unmöglich, da wir ja vertraglich an Lederlieferungen gebunden waren. Da wir weder die Felle durch die Luft schleudern noch das Schmutzwasser austrinken konnten, mußten diese Übelstände weiter laufen wie bisher. Der Polizist ging wieder, und nach einiger Zeit wurde ich vor das Distriktgericht nach Jaffa geladen. In den Gängen des Gerichtes drängten sich viele Menschen. Hauptsächlich waren es Frauen und Männer, die aufgeregt untereinander bulgarisch und rumänisch sprachen. Sie waren angeklagt, weil sie auf dem Markt Frischgemüse verkauft hatten, das sehr knapp war, ohne dafür ein Rischajon, eine behördliche Erlaubnis, gehabt zu haben. Einer der Männer war auch ein Gerber, der ähnliche Schwierigkeiten hatte wie ich. Jeder der Vorgeladenen wurde vom Richter bestraft. Und zwar mit zwei Pfund, einem für die Verhältnisse jener Zeit sehr hohen Betrag. Die Frauen weinten und klagten. Schließlich wurde das dem Richter zu dumm, und er schrie den Polizisten, der immer mehr Leute heranbrachte, an: "Warum bringst du mir sie alle?" Der Polizist entgegnete seelenruhig: "Ich habe den Befehl dazu." Der Richter blickte einen Moment zur Seite, und dann verurteilte er weiter. Endlich war auch ich daran. Ich zeigte dem Richter unsere Verträge und erklärte ihm die Lage. Der Richter war sehr freundlich zu mir, aber er sagte: "Ich kann nichts dafür, die Polizei hat Sie angezeigt, folglich muß ich Sie bestrafen. Sie zahlen zwei Pfund, und damit ist der Fall erledigt. "Herr Richter", antwortete ich, "es geht hier nicht um die zwei Pfund. Wegen denen werde ich nicht reicher als Rothschild und nicht ärmer als ich bin. Ich kann doch mit bestem Willen an diesen Dingen nichts ändern. Und wir müssen genauso weiter verfahren, wenn wir weiter produzieren sollen. Und das sollen wir doch!" Der Richter ging auf meine Vorstellungen gar nicht ein: "Dann Werden Sie eben monatlich hergeholt werden und jeden Monat zwei Pfund bezahlen", sagte er gelangweilt und wandte sich dem nächsten Angeklagten zu. Ich blieb noch eine Weile im Gericht, und es fiel mir auf, daß von den Firmen nur solche angezeigt wurden, die in privater Hand lagen. In unserer nächsten Nähe befand sich eine Gerbereikooperative, die unter genau gleichen Umständen arbeitete wie wir. Allein diese Kooperative wurde nie beanstandet. Ob ich wollte oder nicht, plötzlich erinnerte ich mich an die Taktik, welche die Sowjets bei der Besetzung von Czernowitz praktiziert hatten. Auch hier hatte man zuerst die privaten Unternehmer gedrosselt und schließlich abgewürgt. Kurze Zeit später kam der nächste Schlag wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Der Zoll für die aus der Türkei importierten Felle wurde erhöht. Und als wir die nächste Sendung für die Wirtschaftsabteilung der Regierung fertigstellten, bezahlte man uns nicht mehr den für die fertigen Lederwaren abgeschlossenen Preis. Sogar der Preis für Privatverkauf wurde nicht mehr eingehalten. Weder wir als Gerberei noch die Importeure konnten dagegen etwas unternehmen. Die Abmachungen waren mit den höchsten Beamten mündlich getroffen worden. Doch selbst wenn wir es schriftlich gehabt hätten, würde das nichts geholfen haben, da ja auch die "Apotropus" unseren schriftlich abgeschlossenen Mietvertrag ganz willkürlich annulliert hatte. Ein gutmeinender Bekannter, der die Situation miterlebte, sagte mir damals: "Du wirst aus diesen Zaroth [Arger] nicht loskommen. Du mußt in einer Kooperative aufgehen oder eine Kooperative gründen. Die wollen doch nur die Privatfirmen abwürgen." Das hätte aber geheißen, den geringen Rest an Eigentum, den wir noch hatten, zur Gänze verschenken. Dazu verspürte ich nicht die mindeste Lust. In der Erkenntnis, daß wir so nicht weitermachen konnten, einigten wir uns auf Auflösung des kleinen, so aussichtsreich begonnenen Unternehmens. Ich stand wieder vor der schweren Aufgabe, mir eine neue Existenzbasis zu suchen. Diesen Bemühungen verdanke ich, daß ich in der darauffolgenden Zeit nahezu ganz Israel bereiste. Zuerst fiel die Adresse des alten Berliner Juden Baum ein, den ich am ersten Abend getroffen hatte. Er war Beamter bei der Regierung und lebte auch in Zaffon. Als ich ihn aufsuchen wollte, traf ich ihn auf der Straße unweit seiner Wohnung, und wir spazierten die König-Salomon-Straße hinunter. Ich klagte ihm mein Leid, und erschüttelte bekümmert den Kopf. Wir hatten im Eifer des Gespräches nicht bemerkt, daß sich uns eine Schar Kinder nachgeschlichen hatte, die uns nun johlend und lachend umringten und spottend im Chore riefen:

"Sakan, Sakan!" Das beißt hebräisch Bart. Denn sowohl Baum als ich trugen einen Bart. An den Fenstern saßen Erwachsene, sahen dem Schauspiel zu und schmunzelten. Plötzlich erinnerte ich mich an eine Szene, ein paar Jahre zuvor. In einem ukrainischen Bauerndorf umtanzten kleine Bauernkinder einen alten Juden mit Bart und Schläfenlocken, warfen Steine nach ihm und schrien: "Jude, Jude!"

Der orthodoxe Pfarrer aber saß auf der Holzbank vor seiner Tür und lächelte...sie meinen's nicht so schlimm", versuchte mich Baum zu beruhigen, "sie verstehen es einfach nicht besser." Ich schwieg.

"Natürlich muß man in der Propaganda dick auftragen", fuhr Baum fort, der genau spürte, was ich dachte. "Sonst käme ja niemand. Man muß freilich etwas Geduld haben. Sie werden sehen, es wird alles besser. Was sollte ich dem alten Mann sagen? Man hatte ihn in Berlin 1934 als Staatsbeamten festgenommen, und nach sechsmonatiger KZ-Haft war er unter jenen Glücklichen gewesen, die mit einem britischen Zertifikat auswandern durften." Was soll ich nun tun?" fragte ich ihn. "Um in eine Kooperative aufgenommmen zu werden, muß man nicht nur eine bestimmte Aktienzahl aufkaufen; man darf auch nicht älter als 35 Jahre sein. Ich bin jedoch älter."

Baum wiegte nervös den Kopf hin und her. Plötzlich schrie er eines der Kinder an, das ihm zu nahe gekommen war. Erschreckt zogen sich die Rangen zurück. "Und in einem Kibbuz kann ich gleichfalls nicht aufgenommen werden, auch weil ich eben älter als 35 Jahre bin." "Es ist eine schlechte Zeit für uns Alte", erwiderte Baum verlegen, "man weiß wirklich nicht, was man sagen soll." "Doch", entgegnete ich, "ich wüßte schon, nur würde man das nicht gerne hören." Wir verabschiedeten uns freundlich, aber ich hatte deutlich das Gefühl, daß Baum über mein Gehen froh war.

Soziales Elend ohne Beispiel

Die sozialen Verhältnisse waren in Israel zu jener Zeit schlechter als in irgendeinem europäischen Lande. Fast alle Einwanderer waren aus Ländern gekommen, in denen die Verhältnisse weit besser waren als in Israel. Selbst die aus Afrika und dem übrigen Asien kommenden Juden behaupteten, daß sie in ihren Heimatländern niemals soviel Elend hätten leiden müssen wie jetzt in Israel. Die Regierung erwies sich als unfähig, die Dinge zu meistern Meine Verwandten, soweit sie hinter dem Eisernen Vorhang kein erträgliches Auskommen hatten, kamen nun nach Israel. Meinen älteren Bruder Isaak, der in Suceava als Kürschner eine Existenz hatte, warnte ich, als ich das Durcheinander feststellen mußte. Er war mir bis zu seinem Tode dafür dankbar. Einer meiner Freunde war jedoch nicht so klug wie mein Bruder gewesen, sich vorher zu erkundigen, und kam begeistert im Wege der Familienzusammenführung an. In wenigen Wochen war die Begeisterung verflogen. In Braila hatte er als Kantor ein bescheidenes, aber gesichertes Dasein geführt." Hier stehen wir heute vor dem Nichts", klagte seine Frau verzweifelt. In der ersten Woche des Monats Mai 1950 belagerten achtzig Arbeitslose, die schon längere Zeit im Lande waren, in Petach-Tikva gemeinsam mit den Beamten des Arbeitsamtes das Einwanderungslager der Jemen-Juden, verbarrikadierten alle Ein- und Ausgänge, so daß niemand das Lager verlassen konnte. Damit wollten die arbeitslosen Israeli verhindern, daß die Neueinwanderer in der Stadt arbeiten konnten. Da die Neueinwanderer meist den Gewerkschaften nicht angehören können, bieten sie sich zu viel niedrigerem Entgelt als die organisierten Arbeiter an. Es entwickelten sich richtige Sozialkämpfe in ganz Israel. Besonderes Elend herrschte im Einwanderungslager Pardes Ghana, in dem es schließlich zu einem Aufruhr kam. Die Tel-Aviver "Jedioth Chadaschoth" meldeten darüber am 23. August 1950 wie folgt:

"Im Olim-Lager Pardes Ghana entstand vorgestern ein Aufruhr, als ein irakischer Einwanderer erfuhr, daß weder für ihn noch für seine Frau noch für seine neun Kinder Wohnmöglichkeiten vorhanden waren. Der Neueinwanderer erlitt einen Herzschlag und starb auf der Stelle. Vor dem Verwaltungsbüro des Lagers, in dem die Registrierungen für Arbeiten und Wohnungen vorgenommen werden, hatten sich vorgestern früh lange Schlangen gebildet. Der erwähnte Iraker drängte sich unter den Protestrufen der in der Schlange Stehenden nach vorn. Die Wächter versuchten ihn zurückzuhalten, als er sich seinen Weg in die Büroräume erzwingen wollte. Als er trotzdem weiterstürmte und in das Bürozimmer eingedrungen war, wurde ihm mitgeteilt, daß keine Wohnräume vorhanden waren. Der Betreffende wurde daraufhin sehr erregt, versuchte auf einen der Beamten mit einem Stuhl loszugehen und mußte von den Wächtern hinausbefördert werden. Draußen erlitt er einen Zusammenbruch, dem er nach wenigen Sekunden erlag. Nachdem der Tod dieses Neueinwanderers bekannt geworden war, veranstalteten andere Olim einen Aufruhr und versuchten die Büros zu stürmen, wobei Türen und Fenster eingebrochen wurden. Aus Chederah und Karkur herbeigeeilte Polizei stellte die Ordnung wieder her und verhaftete vier Personen Die Leiche des irakischen Neueinwanderers Wurde zur Obduktion ins Regierungskrankenhaus überführt. Die Polizei hat eine Untersuchung des Vorfalles eingeleitet."

Die soziale Lage war so verworren in jenen Jahren, daß einem die Übelstände auf Schritt und Tritt ins Auge fielen. Nicht selten demonstrierten arbeitslose Neueinwanderer vor der Regierung in Tel Aviv und verlangten dringend Arbeit. Doch nichts konnte geschehen, um jenen bedauernswerten Opfern der übersteigerten zionistischen Propaganda zu helfen. Es strömten einfach mehr Menschen nach Israel hinein als die israelische Wirtschaft verkraften konnte. Allein von Oktober 1949 bis August 1950 wanderten 156 200 Menschen aus allen Teilen der Welt ein: Aus Afrika 30696, aus Jemen 29246, aus dem Irak 16 181, aus Rumänien 31 607, aus Polen 14 246, aus Ungarn 2404, aus Deutschland und Osterreich zusammen 2350, aus Frankreich 1135, aus der Tschechoslowakei 1037, aus den USA 1846. Der Rest kam aus anderen Ländern. Das bewies mir, daß die Juden dort, wo sie nicht verfolgt wurden und wo sie sich zum Teil völlig assimilieren konnten, keinen besonderen Drang nach Zion verspürten. Diese kleine Statistik läßt aber schon erkennen, welche Schwierigkeiten für den israelischen Staat entstanden, da doch die Juden aus den verschiedenartigsten Kultur- und Zivilisationsräumen kamen. Zum Teil lebten die aus den arabischen Ländern eingewanderten Juden noch in Vielweiberei, und die Unterschiede hinsichtlich der Zivilisation waren manchmal geradezu grotesk, wenn eine jüdische Familie aus New York, Berlin, Paris oder Wien mit jüdischen Familien aus dem Jemen oder Marokko zusammenkam. Bald bemächtigte sich der Massen tiefe Resignation. Nur damals, als uns der Tod in Transnistrien bedrohte, habe ich auf den bleichen Gesichtern meiner Glaubensgenossen soviel Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gesehen wie bei den arbeitslosen jüdischen Einwanderern in Israel. Natürlich herrschte bald große Not. Am 18.August 1950 schilderten die "Jedioth Chadasdioth", Tel Aviv, unter dem Titel "Vom Zauberteppich ins Elend" weit besser als ich es vermag die sozialen Zustände, die seinerzeit in Israel herrschten: Von Petach-Tikva führt die Chaussee an Steinbrüchen und Orangenplantagen vorbei, nach Rosch Haajin zu dem Flüchtlingslagern, wo jetzt 8000 Olim aus Jemen und Aden leben. Der Besucher, dem dieses Lager nicht fremd ist und der einen Teil der 'Ansässigen' bereits bei ihrer Ankunft kennenlernte, hat sich während dieser Zeit an so manches gewöhnt. Vieles, was zivilisierte Menschen in Erstaunen versetzen und ihren Abscheu erwecken würde. Dennoch - was ich dieser Tage bei einem neuerlichen Besuch dieses Lagers sah und erfuhr, der Anblick, der sich mir bot, die traurigen Mienen, der jämmerliche Ausdruck der vielen blassen Gesichter, die Hoffnungslosigkeit und sogar die Verzweiflung, die sich mir bei jedem Schritt offenbarte: Es war zuviel. Das Dasein dieser Geschöpfe ist ein Fristen, dem die Hoffnung fehlt, ein Leben ohne Licht. Diese unzähligen kleinen Kinder, die hier überall im Sand lungern oder im Abflußwasser waten, zarte Geschöpfe, die in dünnen Leibchen und zerschlissenen Hosen umherlaufen, ohne daß sich jemand um sie kümmert! Jetzt haben sie ,Ferien', die Schulklassen sind geschlossen, in den Zelten und Holzbaracken, in denen sie hausen, ist es viel zu heiß. Nachts ziehen es viele vor, im Freien zu schlafen. Sattessen ist ein Begriff, den kaum jemand versteht, -vielleicht eine Fata Morgana. Das Traurigste aber an all dem ist vielleicht der Umstand, daß diese Kinder nicht einmal wissen, daß es noch ein anderes Dasein gibt.Vor einigen Tagen wurde plötzlich beschlossen, die allgemeinen Ausspeisungsküchen zu sperren. Die Sochnuth verfüge nicht mehr über die erforderlichen Gelder. Auch sei es geboten, die Olim zu produktiver Arbeit zu erziehen. Sie sollen nicht dauernd von der Gnade ihrer Brotgeber abhängig sein. Das erste Argument ist, wenn auch tragisch, so doch verständlich. Armut ist keine Schande. Auch der Wunsch, Menschen zu produktiver Tätigkeit zu verhelfen, ist durchaus zu billigen. Was dagegen ,stört', ist die Form, in der diese Verordnungen durchgeführt werden, der Bürokratismus. Teile der Einwanderer, die ,sozialen Fälle', wurden nach dem Olim-Lager von Ejn-Schemer überführt, und das ist an sich verständlich und verständig. Wie aber sollten diese sozialen Fälle sortiert werden? Alle Lagerinsassen wetteifern sozusagen an Unterernährtheit und Untergewicht. So kam es dazu, daß nach der Ausmusterung viele alte Leute im Lager von Rosch Haajin zurüch blieben, die für keine Arbeit mehr tauglich sind. Vor ein ähnliches Schicksal wurden viele Witwen gestellt, die nun für ihre kleinen Kinder aufkommen müssen, ohne das Nötigste Zu besitzen. War es zu verantworten, solchen Hilfsbedürftigen das bißchen trockene Brot zu nehmen?Erziehung zu produktiven Elementen - gut. Doch erfordert diese Umerziehung die Einordnung in Arbeitsplätzen, und daran mangelt es. Tausend arbeitsfähige Olim befinden sich zur Zeit im Lager, doch nur einige Hunderte arbeiten und ein Teil von ihnen ohne Vollbeschäftigung. Die beschäftigungslosen Arbeitsbedürftigen besitzen zu mehr als ihrer Hälfte nicht einmal das Minimalste, um ihre kinderreichen Familien unterhalten zu können. Sie sitzen vor ihren Zelten, am Straßenrand oder stauen sich rund um das Arbeitsamt in der trügerischen Hoffnung, doch irgendwann einmal aufgerufen zu werden. Inzwischen sind die Küchen bereits geschlossen. Viele der Glücklichen, die einer Arbeit zugewiesen werden, warten noch auf die erste Auszahlung; inzwischen können sie nicht einmal die wenigen Prutot für das tägliche Brot auftreiben. Die Lagerleitung hat die Ausspeiseküchen zwar gesperrt, sich aber nicht dafür eingesetzt, daß das Arbeitsamt Vorschüsse gibt. Nachdem die Küchen gesperrt wurden, wurden drei Konsumläden eröffnet; drei Läden für achttausend Menschen! Man stelle sich die ,Schlangen' vor, die sich vor diesen Geschäften bilden, auch wenn der Kauf nur einen halben Laib Brot und ein Stück Margarine beträgt. Oft stehen über hundert Frauen und Kinder in der brennenden Sonne. Die Nahrung ist schlecht und ungenügend. Viele Lagerinsassen leiden Hunger. Ich beobachtete eine Mutter, als sie einen drittel Laib Brot unter vier Kinder zu verteilen suchte. Nebenan saß ein junges Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, und verweigerte ihren kleineren Geschwistern ein wenig Brei mehr, um ihn für später aufzuheben.

Manchen der Olim fehlen die nötigsten Kochgeräte. Ein alter Topf zum Luxusgegenstand. Das ist auch verständlich, da diese en das Essen bisher ja in den Küchen gekocht bekamen. Das mitgebrachte Hab und Gut reicht kaum zum Wärmen einer Suppe. Dieses Lager scheint einer der wenigen Plätze im Land zu sein, kaum etwas über das Rationierungsgesetz und die neuen Punkteverordnungen gesprochen wird. Hier scheint es ganz gleich zu sein, ob die Zahl der Punkte erhöht wird oder bleibt. Denn wie wenig Punkte man diesen im Elend Lebenden auch geben mag, sie können sie doch nicht alle verwenden. In Rosch Haajin wird immer noch verwendet, was von der letzten Winterhilfssammlung übriggeblieben ist, notdürftig geflickte Fetzen. Nun sollen am 27. August gar alle Säuglingsheime dort geschlossen werden. Was mit den Kindern geschehen soll, weiß keiner. Der Beschluß der Sochnuth basiert auf der Tatsache, daß kein Geld mehr vorhanden ist. So werden denn bis Monatsende die Säuglinge, soweit sie sich in diesen Heimen noch befinden, zu den hungrigen Eltern in die Zehe gebracht werden. Das soll, scheint es, ein weiterer Schritt in der Umerziehung der Olim zur Produktivität sein. Dreihundert Kleinkinder sind die unmittelbar Betroffenen. Der Herbst nähert sich und mit ihm der Winter: Wenn keine Änderung eintritt, werden wieder Tausende von Einwanderern in der Kälte und in der Nässe hausen müssen. Und diesmal ohne Ausspeisung, ohne Bekleidung und ohne ärztliche Hilfe, nur mit dem Punktebuch des Versorgungsministeriums in der Hand." In Bayern zählten die DP-Lager in Ainring und Pocking zu den schlechtesten. Trotzdem konnte man die besten Einwandererlager m Israel in jener Zeit mit den obengenannten bayerischen Lagern nicht vergleichen. Die Hauptschuld an diesem sozialen Chaos in jenen Jahren in Israel trug natürlich in erster Linie die überstürzt betriebene Masseneinwanderung. Im Lande bestand einfach keine Möglichkeit, diese Massen, die zu Zehn- und Zehntausenden hereinströmten, zuverkraften und ihnen Arbeit, Brot und Wohnung zu geben.

Obgleich die katastrophalen Folgen dieses desorganisierten Hereinströmens klar auf der Hand lagen, trieb die israelische Regierung ihre Einwanderungspolitik ruhig weiter, wie wenn alles in bester Ordnung wäre. Die Beweggründe dafür waren ohne jeden Zweifel zweierlei: Vor allem wollte man die einmalig gebotene Gelegenheit der Konzentration der jüdischen Massen aus dem Osten, die größtenteils aus Lagern, KZ oder Verbannung kamen, und die Furcht, die in ihnen noch lebte, nützen. Man befürchtete nicht zu Unrecht, daß, wenn man diesen Juden Zeit zum Sicheinordnen in den verschiedenen Ländern ließe und eine gewisse Distanz zu ihren schrecklichen Erlebnissen im Kriege entstünde, die Bereitschaft, nach Israel zu gehen, nachlassen oder gar ganz aufhören könnte. Daß im Grunde die Spekulation mit der Furcht und dem Schatten Adolf Hitlers, staatspolitisch gesehen, für Jerusalem richtig war, beweist die dokumentarische Tatsache, daß aus den USA oder aus Skandinavien, England, ja selbst Westeuropa nur verschwindende jüdische Gruppen von Einwanderern nach Israel kamen. Nicht die Sehnsucht nach Zion trieb die Massen, sondern die Furcht vor neuer Verfolgung und neuen Pogromen. Ein zweiter Beweggrund für die Jerusalemer Regierung waren zweifellos die leer gewordenen Räume jener Araber, die schon dem ersten Ansturm gewichen waren, sowie das brachliegende arabische Eigentum, das nun durch die jüdischen Neueinwanderer der Produktion des neuen Staates gewonnen werden sollte. Schließlich war man auch bestrebt, die israelische Bevölkerungszahl so schnell wie möglich zu vergrößern, um biologisch auf dieser jüdischen Insel im arabischen Meer bestehen zu können. Wenn auch diese Beweggründe politisch verständlich sind, war schwer zu begreifen, daß ausgerechnet die Opfer aus der europäischen Katastrophe nun auch hier, anstatt die versprochenen Milch und Honig-Zustände zu genießen, die ganze Last dieser politischen Spekulation tragen mußten. Sehr bald verbreiteten sich die Nachrichten von diesen Verhältnissen in der ganzen jüdischen Welt, und die erste Folge war, daß plötzlich die Zahl der besuchenden Touristen anstieg, während die der Einwanderer abnahm. Die hebräischen Zeitschriften und Zeitungen befaßten sich ironisch mit diesen vorsichtigen Olim, die sich erst einmal mit eigenen Augen überzeugen wollten, was an den befremdlichen Gerüchten, die aus Israel kamen, der Wahrheit entsprach. Die Zahl der Rückwanderer wurde offiziell mit 5 Prozent der Einwanderer angegeben. In Wirklichkeit dürfte sie weit höher gelegen haben, denn die Rückwanderer schadeten dem Ansehen Israels gewaltig, und die Regierung hatte alles Interesse, alle Nachrichten über Rückwanderung zu unterbinden. In jenen Tagen erzählte man sich in Tel Aviv lachend einen Witz, der wie kein anderer die wahre Lage schilderte: Ben Gurion besuchte eine Versammlung bürgerlicher Israeli. Von allen Seiten wurden die Zustände in Israel bemängelt, kritisiert und beschimpft. Nur Hutzke meldete sich zu Wort und verteidigte mit Temperament die Regierung und insbesondere ihren Ministerpräsidenten. Ben Gurion war sehr gerührt und winkte Hutzke zu sich: "Du bist ein wahrer Israel-Patriot. Jedem deiner Wünsche will ich entgegenkommen. Sage ruhig, was du willst." Hutzke stutzte, beugte sich dann vor und flüsterte Ben Gurion ins Ohr: "Bitte, gib mir doch schnell einen Rückwandererpaß nach Deutschland!"

Wie man in den Herbsttagen 1950 zu den Dingen stand, zeigte am 28. September 1950 die in hebräischer Sprache erscheinende Tageszeitung der Freiheitspartei, "Freiheit", die in Tel Aviv unter anderem schrieb: "Was wird uns das Morgen bringen? Was die Neueinwanderer betrifft, ist bereits offiziell bekannt, was ihnen blüht. 150 000 Männer, Frauen und Kinder, 12 Prozent der gesamten Bevölkerung werden den Winter in Zelten verbringen. Habt ihr schon im Winter eine Nacht im Zelt verbracht? Wenn nicht, ruft eure Phantasie zu Hilfe und denkt daran, daß es für 150 000 Menschen nicht e i n e Nacht, sondern ein ganzer Winter ist. Der Blick auf das Heute erzeugt Schauder, denn fast alle spüren deutlich, daß wir vor einem katastrophalen wirtschaftlichen Zusammenbruch stehen" Völlig verblüfft war ich auch, als ich feststellen mußte, daß Einheitsschulen in Tel Aviv überhaupt nicht vorhanden waren. Wie ich später sah, auch nicht im übrigen Lande. Namentlich Tel Aviv, dessen Bevölkerungszuwachs stärker war als der anderer Städte, litt unter einem entsetzlichen Schulmangel. Die Volksschule wies ein Minus von 300 Klassen auf, und etwa 100 Kindergärten fehlten. Ende 1949, Anfang 1950 zählte man in der Stadt 8000 fünfjährige Kinder. Nur 2500 konnten in den vorhandenen Kindergärten unterkommen. Da in Tel Aviv ein Kanalisationsnetz völlig fehlte, hatte jedes Haus im Hof einen großen Graben, der die Abwässer in sich aufnehmen sollte. So geschah es nicht selten, daß in der Ben-Jehuda Straße der Gehsteig von einem übervollen Kanal verunreinigt wurde. Die Luft war verpestet, und manchmal war das Passieren der Straße ein wahres Kunststück. Ich durchschritt gerade nachdenklich die Ben-Jehuda-Srraße und stand an der Ecke des Boulevard Keren-Kajemeth vor einem großen Hotel, als ich auf den jüdischen Schriftsteller W. traf, der mich lachend begrüßte. Wir hatten uns in Bayern wiederholt getroffen. "Sind Sie auch hereingefallen?" sagte er. Ich nickte. "Nun, ich hab's überstanden", vertraute er mir an, "ich kann hier bald ,raus, denn eine amerikanische Zeitung, die meine Arbeiten bringt, hat es mir ermöglicht, daß ich nach Amerika reisen kann." "Wann kommen Sie wieder zurück?" erkundigte ich mich aus Höflichkeit. W. lachte schallend auf. Er tippte mit dem Zeigefinger an die Stirne und fragte mich unverblümt: "Sind Sie verrückt?" Im Lager hatte er des langen und breiten von dem israelischen Vaterland geschwärmt.

Weniger erfreulich war eine Begegnung mit einem jungen Sowjetjuden, der ebenfalls durch alle möglichen Versprechungen dorthin gelockt worden war. Er trug eine verschlissene Militäruniform und hinkte. Bei irgendwelchen Zusammenstößen mit den Arabern war verwundet worden.

er mich sah, schüttelte er nur den Kopf. "Ich kann einfach nicht verstehen", sagte er, "daß alle diese Massen hierherkommen. inzwischen muß es sich ja herumgesprochen haben" Wie geht es Ihnen?" fragte ich. Er zuckte mit den Schultern. "Was haben Sie für Pläne?" "Das will ich Ihnen nicht verheimlichen", entgegnete der Invalide laut, "ich möchte noch die beiden Zion-Agenten treffen, die mich veranlaßt haben, nach Israel zu kommen. Nur einmal, das wurde genügen!" Dann wandte er sich wortlos um und ging davon.

Am Abend erzählte mir ein Nachbar den neuesten Witz: Als die Überreste Dr. Herzls nach Israel überführt wurden, damit sie in der Neustadt von Jerusalem eine kleine Gedenkstätte erhielten, benutzte Ben Gurion die Gelegenheit, um sich mit dem Vater des Zionismus geistig auszusprechen. "Herzl-Freund", klagte Ben Gurion, "was soll ich machen? Die Neueinwanderer sind nicht für mich, und ich bin auch nicht für die Neueinwanderer." Theodor Herzl aber erwiderte gelassen: "Diejenigen, Ben Gurion, die du für dich benötigst, halte zurück. Und die du nicht brauchst, die schicke einfach zu mir! In meinem Reich ist Platz genug." Die Umstehenden lachten. Mir hingegen blieb die Fröhlichkeit im Halse stecken. Mir war nämlich plötzlich ein Witz eingefallen, den wir in Transnistrien von einem deutschen Konzentrationslager erzählten.

Ein SS-Sturmbannführer, der als besonders hartherzig verschrien War, stand vor einem alten arbeitsunfähigen Juden, der nun wußte, welche Gefahr ihm drohte. Doch der Sturmbannführer war gut aufgelegt und sagte zu dem alten Juden: "Eines meiner Augen ist ein Glasauge. Es ist so vortrefflich gemacht, daß noch niemand einen Unterschied gesehen hat. Wenn du errätst, welches Auge das Glasauge ist, bleibst du am Leben."

Der alte Jude blickte den Sturmbannführer an, Dann sagte er leise: "Das linke, Herr." Der Sturmbannführer lachte und fragte neugierig: "Wieso hast du das gemerkt? Du hast gewonnen." "Ach, Sturmbannführer", seufzte der alte Jude, "es hat mich so gütig angeblickt." Es war sehr heiß. In Tel Aviv weht zwischen Frühling und Sommer der erschlaffende Südostwind, Kamsin genannt, am stärksten. Kamsin ist arabisch und heißt fünfzig, und fünfzig solche heiße Tage gibt es im Jahr. Allerdings ist das eine Illusion, denn mindestens hundert solche Tage von erdrückender Hitze zählt man in Tel Aviv. Natürlich verursachten diese Hitzewellen Ohnmachtsanfälle, vornehmlich bei den Neueinwanderern, doch selbst die Alteingesessenen litten darunter sehr .Der Konsum von Sodawasser und anderen Mineralgetränken stieg rapid, und überall waren die Getränkeverkaufsstellen belagert. Als besonders peinlich empfand ich gerade in diesen Tagen das Fehlen von öffentlichen sanitären Anstalten. Zwar existieren solche Häuschen, doch sind sie an den Fingern abzuzählen. In eben dieser Zeit machte ich eine verblüffende Entdeckung. Gegenüber dem 00-Häuschen, das neben dem Kinderspielplatz unweit der Zentralautobusstelle steht, fand ich auf einer Bank ein Hakenkreuz eingeritzt. Ich stutzte. Selbstverständlich befand sich in ganz Tel Aviv kein ehemaliger Nationalsozialist, überhaupt kein Deutscher. Wenig später fand ich am Meeresstrand, nicht weit von Mograby, in einem solchen Häuschen wiederum ein großes Hakenkreuz mit der Inschrift: "Vive Hitler!" Es ist klar, daß die enttäuschten Juden keinesfalls hier Neofaschismus betrieben. Sie wollten lediglich ihrer Wut über die unhaltbaren Zustände Luft machen. Aber noch viel schlimmer als die sozialen, durch die überstürzte Einwanderung entstandenen Übelstände war etwas anderes, unter dem wir Neueinwanderer litten: der Haß und die Ablehnung durch die sogenannten Alteingesessenen, die Juden, die einige Jahrzehnte vorher nach Israel eingewandert waren. Sie sahen in uns nicht die Brüder, die aus Not und Gefahr kamen, sondern lästige Konkurrenten, die das ohnedies nicht sehr reichliche Brot verkürzten,

Von einer Solidarität war gar keine Rede. Streitereien, ja sogar Schlägereien waren anfangs an der Tagesordnung. Diese Tatsache drückte uns, die wir nach Israel gekommen waren, um ganz von neuem zu beginnen, am allermeisten. Noch gab ich nicht auf. Ich hatte auch keinerlei Möglichkeit dazu, da ich weder in eine Kooperative noch in einen Kibbuz aufgenommen werden konnte. Dazu kam, daß ich von einem Arbeiter erfuhr: Die Gewerkschaft ließ nur Arbeiter und Angestellte eintreten, die nicht älter als 45 Jahre waren. Ich hatte im antisemitischen Polen Arbeit und Brot gefunden, mir war es im antisemitischen Rumänien nicht schlecht gegangen. Glücklicherweise hatte ich die schwere Zeit des Krieges und der Verfolgung und Verbannung im Getto von Czernowitz und in Transnistrien überstanden. Nun wollte ich auch als Jude alles tun, um mich in Israel zu behaupten.


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