Auf dem Boden der Heiligen Stadt

Zeugen der ältesten Geschichte

Mein Weg führte mich zuerst nach Jerusalem, das etwa 75 Kilometer von Tel Aviv entfernt liegt. Man kann die Stadt entweder mit dem Bus oder mit der schmalspurigen Eisenbahn erreichen. Ich wählte die Eisenbahn, und nach ein paar Stunden sehr langsamer Fahrt kam ich in Jerusalem an.

Ich war seltsam bewegt. Die Stadt ist weit individueller als alle anderen israelischen Städte, und es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß man bei Jedem Schritt auf diesem von Blut getränkten Boden die Geschichte förmlich spürt. Jerusalem, das soviel wie Heil oder Friede heißen soll, existierte lange bevor Jehova Abraham ein Israelreich versprach. Etwa 1600 vor Christus wird der Name Jerusalem zum erstenmal in der Geschichte genannt. König David baute Jerusalem zur Hauptstadt aus, und Salomon errichtete hier die großen Tempel und schuf das geistige Zentrum der Juden.

Das ist es bis heute geblieben - der Tempel auf dem Berg Zion gab auch der neuen Richtung der Israelideologie zu Ende des 19. Jahrhunderts Namen und Klang: Zionismus. Die Reste des Tempels sind noch heute sichtbar, in Sonderheit die berühmte Klagemauer Jeder religiöse Jude betet mehrere Male im Jahr im Schlußgebet:

Und nächstes Jahr in Jerusalem!"

Doch nicht nur für die Juden ist Jerusalem eine heilige Stadt, sondern es ist auch für die Christen die Stadt ihres Erlösers und für die Muselmanen der Ort, von dem Mohammed in den Himmel empor fuhr.

Heute ist Jerusalem eine zerrissene Stadt. Neu-Jerusalem wurde erst in den letzten Jahren von den zionistischen Weltorganisationen aufgebaut und macht einen beinahe europäischen Eindruck.

Hier stehen das Gebäude der YMCA (Young Men's Christian Association) die Universität, das Hadasa-Hospital und die Gruft Davids. Die Gebeine Theodor Hertzls wurden aus Europa hierher gebracht und in der Neustadt eine bescheidene Gedenkstätte errichtet.

Von der Dachterrasse des YMCA-Hauses können die Touristen ganz Jerusalem überblicken, vor allem die heiligen Stätten im Altteil. Die Altstadt - die Grenze geht nur knapp an der Gruft Davids entlang, am Mandelbaumtor - ist voll von religiösen Heiligtümern der Menschheit. Auf dem Berg Zion nahm Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl ein, dort lebte und starb nach seiner Kreuzigung die heilige Mutter Maria. Nur zehn Kilometer entfernt stehen an der Stelle, an der einst Jesus geboren worden sein soll, die berühmten Kirchen, die Grabeskirche, 326 nach Christus erbaut, die Golgatha-, die Heilskirche. Neben diesen Heiligtümern der Christenheit steht hier in der Altstadt, die nicht zu Israel gehört, die Klagemauer, der letzte Teil des Tempels Salomons.

Zwischen Bethlehem und der Altstadt von Jerusalem auf dem Gebiet Jordaniens liegt auch Rachels Grabstätte, die für die gläubigen Juden eine große Erinnerungsstätte darstellt. Jakob mußte mit seiner Familie aus Sichem fliehen, weil seine Söhne einige Männer erschlagen hatten.

Rachel, seine Frau, erlitt durch die Anstrengungen der überstürzten Flucht eine Frühgeburt und brachte auf dem Wege nach Bethlehem Benjamin zur Welt. Rachel starb. An dieser Stelle wurde sie auch begraben.

Für die Muselmanen steht hier die Omar-Moschee, welche die heiligen Schreine des Islams enthält, aus denen der Prophet gen Himmel stieg, und einen Stein, auf dem angeblich Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte.

In der Neustadt lebt im Viertel Meah-Schearim die religiöse jüdische Sekte der Nethure kartha, der Wächter der Stadt". Sie sind die orthodoxesten Juden der Welt, die den jüdischen Staat ablehnen, weil er nach ihrem Glauben erst nach dem Erscheinen des Messias errichtet werden darf. Genauso erbittert verweigern sie den Gebrauch der hebräischen Sprache, weil die Alltagsverwendung der Sprache der Heiligen Schriften für sie eine Profanierung bedeutet. Ihr geistiges Oberhaupt ist der Rabbiner Blau.

Ich ging den ganzen Tag über meinen Geschäften nach und suchte alle auf, deren Adressen ich hatte, ohne jedoch etwas zu erreichen. Erst in den Abendstunden hatte ich Muße, durch die Neustadt zuwandern. Die Grenze am Mandelbaumtor durfte ich als Jude ja nicht passieren Hier in Jerusalem herrschte bereits ein organisierter Staat mit eigener Kultur unter dem König Adoni Zedek, als Josuah mit seinem hebräischen Nomadenvolk am Jordan angelangt war.

Nach dem Kriege wurde Jerusalem bekanntlich dem Stamm Juda zugesprochen. Da die Juden die damaligen Einwohner Jerusalems, die Jebusiter, nicht abschlachteten und nicht vertrieben, sehr im Gegensatz zu dem, was in anderen eroberten Städten geschah, lebten die Eroberer und die Eroberten vorerst einmal friedlich zusammen. Aber eben nur vorerst.

Denn nachdem David zum König von ganz Israel gesalbt worden war und Jerusalem zur Hauptstadt proklamierte, verweigerten ihm die Jebusiter den triumphalen Einzug, und so mußte David die Stadt zum zweitenmal erstürmen. Er überrumpelte die Burg Zion und besiegte die Rebellen. So blieb Jerusalem bis zum heutigen Tag die Stadt Davids.

König Salomon, der Sohn Davids, baute Jerusalem zu einer Prachtstadt aus, schuf seine Prunkpaläste und vornehmlich den berühmten Tempel Jehovas auf dem Berg Zion. Da das Land schon damals sehr arm war, mußten Zehntausende mühevoll das Zedernholz dazu vom Libanon herbeischaffen. Die Kosten waren gigantisch. Hinzu kam, daß Salomons Harem mit seinen angeblich tausend Frauen riesige Summen verschlang. Sie mußten von den Israeliten aufgebracht werden. Daher wuchs die Unzufriedenheit, und als Salonon starb, brach das mit soviel Mühe errichtete und geeinte Reich Israel wieder auseinander.

Wie schon erwähnt, übernahm Salomons Zögling Jerobeam 926 Vor Christus mit Hilfe der Ägypter den Königsthron von Israel., während Rehabeam, der rechtmäßige Erbe Salomons, Judäa mit der Hauptstadt Jerusalem zum eigenen Staat erhob. Diese geistige und geographische erste Teilung der Hebräer hatte wirtschaftliche und blutige Auseinandersetzungen zwischen den beiden hebräischen Staaten zur Folge, die beinahe zur Vernichtung führten. Aufmerksam beobachteten die Nachbarvölker diese selbstmörderische Entwicklung, und als schließlich noch eine Wasser- und Hungersnot ausbrach, überfielen die Syrer mit einem kleinen Heer Jerusalem, und obgleich die Bevölkerung der Stadt stärker war als die Syrer, drangen diese ein, plünderten die Stadt und schleppten alle Schätze nach Damaskus. Der Judenkönig Judas, der dies nicht hatte hindern können, wurde nach der Niederlage von seinem eigenen Stamme ermordet.

Doch König Amazja, der ihm folgte, konnte sich ebensowenig durchsetzen und versuchte zu fliehen. Auch er wurde von seinem eigenen Volke getötet. Sein sechzehnjähriger Sohn Asarja übernahm nun die Regierung mit fester Hand, stellte die Ordnung wieder her und schlug die Feinde zurück. Unter seinem Regime blühte Jerusalem wieder auf, und Asarja regierte zweiundfünfzig Jahre lang.

Erst zwei Generationen später überfielen die Syrer wieder Jerusalem, das damals von König Ahas regiert wurde, und führten die Einwohner in Massen in Gefangenschaft nach Damaskus.

Kaum hatte das hebräische Brudervolk der Israeliten erfahren, wie wehrlos Jerusalem war, zog es heran und richtete unter dem Stamme Juda ein furchtbares Blutbad an. Die Israeliten töteten alle Mitglieder der königlichen Familie und verschleppten die Frauen nach Israel.

Vergeblich suchte König Ahas bei den Assyrern, Edomitern und Philistern Schutz gegen Israel. Was bisher Syrer und Israeliten zurückgelassen hatten, wurde jetzt von den Assyrern, Edomitern und Philistern geplündert.

König Ahas konnte sein Leben und den Rest seines Volkes nur dadurch retten, daß er seinen Gott Jehova verriet und gegen die Götter der Syrer tauschte. Der nach ihm kommende König Jehiskia versuchte eine Einigung mit Israel herbeizuführen und lud die Vertreter der Israeliten zum Passahfest nach Jerusalem ein, ein Ereignis das seit König Salomon nicht mehr stattgefunden hatte. Doch sein Mühen war vergebens. Die Wiedervereinigung der hebräischen Stämme gelang ihm nicht, da die Gegensätze bereits zu tief und zu blutig geworden waren. Trotzdem war es Jehiskia vergönnt, wieder das Glück an Jerusalem zu binden. Als der Assyrerkonig Sanherib Jerusalem belagerte, besiegte ihn Jehiskia und vertrieb die Assyrer endgüItig.

Josia war erst achtjährig, da er zum König gesalbt wurde, und in Wirklichkeit regierten in der Zeit des Kinderkönigs die Priester und die Schriftgelehrten. Sie bereiteten die Rückkehr zu Jehovas Gesetzen wieder vor und führten sie auch durch. Als erstes vernichteten sie alle Götterbilder in Judäa, dann zogen sie mit den Kriegern nach Israel und zerstörten auch dort die Götzenaltäre.

In den einunddreißig Jahren der Herrschaft Josias stieg Jerusalem wieder zu geistiger und politischer Höhe auf, und nur ein tückischer Zufall vernichtete Leben und Werk dieses erfolgreichen Königs. Auf der Fahrt zu einer Konferenz mit dem ägyptischen König wurde er von ägyptischen Pfeilschützen, die nicht wußten, wer er war, getötet. Seinen rechtmäßigen Erben erkannte der ägyptische König Neko nicht an, entthronte ihn und erhob dessen Bruder Jojakin zum König. Dieser fügte sich den ägyptischen Anordnungen, und etwa dreihundert Jahre nach der Teilung des Reiches Davids zahlte Juda an Ägypten enorme Tribute.

Unterdessen stieg eine neue drohende Gefahr am Weltenhimmel herauf. Babylons Siegesstürme erschütterten das Gefüge der Staaten, und erst vor den Toren Jerusalems endeten die Erfolge der Babylonier. Eilig erschien nun ihr König Nebukadnezar etwa 606 vor Christus vor Jerusalem, und als dies König Jojakin erfuhr, verließ ihn aller Mut. Er übergab die Stadt und sich selbst kampflos Nebukadnezar. Die Babylonier führten alle Schätze des Tempels und alle Handwerker mit dem König Jojakin nach Babylon in die Gefangenschaft Nebukadnezar ernannte Jojakins Oheim Zedekia zum neuen König der Juden.

Zwei Jahrzehnte später überfiel Nebusaradan, der Armeeführer König Nebukadnezars, von neuem Jerusalem und zerstörte den größten Teil der Stadt, vor allem den Tempel Jehovas auf dem Berge Zion. Den Großteil der Juden führte er mit in die Gefangenschaft. Die zurückgelassene Bevölkerung wurde dem Befehl Gedaljas unterstellt, der seine Landsleute zum Gehorsam und zur Zusammenarbeit mit den Siegern aufforderte. Er hatte aber nur ein kurzes Leben, denn die Juden schlugen den Kollaborateur tot. Nun saßen die Juden an den Wassern zu Babylon und weinten, wenn sie an Zion dachten. Der darauffolgende babylonische König Merodak lockerte die harten Bestimmungen für die jüdischen Gefangenen, befreite nach siebenunddreißigjähriger Gefangenschaft Jojakin, ernannte ihn sogar zum Vorgesetzten über alle in Babylon gefangenen Monarchen und gewährte ihm eine Lebensrente.

Und wieder war eine neue Weltgefahr entstanden: die Perser. Unter ihrem König Kyros schickten sie sich zum Kampf um die Weltherrschaft an. Sie warfen Babylon in den Sand. Großmütig ließ König Kyros die Juden ziehen.

Da Kyros ein erbitterter Gegner der Babylonier war, unterstützte er sogar die Juden und gab ihnen alle von Nebukadnezar geraubten Schätze und Heiligtümer wieder zurück, auf daß sie Jerusalem und den Tempel neu aufbauen könnten. Nicht genug, erließ König Kyros auch die erste Wiedergutmachungsbestimmung für die Juden, indem er unter anderem anordnete: Und jeden, der übrigbleibt an irgendeinem Orte, wo er sich aufhält, sollen die Leute seines Ortes unterstützen mit Silber und Gold, mit Habe und mit Vieh nebst der freiwilligen Gabe für das Haus Gottes in Jerusalem." (Buch Esra)

Unter der Führung Serubbabels, eines Enkelkindes des vorletzten Königs von Judäa, kehrten nach siebzigjährigem Exil etwa 535 vor Christus 50 000 Juden wieder heim nach Judäa. Sie gingen unverzüglich daran, Jerusalem und vor allem den Tempel Jehovas wieder aufzubauen. Doch einfach war das nicht, es mußten viele Schwierigkeiten überwunden werden. Die Nachbarvölker, vornehmlich die Israeliten, protestierten heftig gegen den Wiederaufbau, denn sie hatten berechtigte Angst, daß Jerusalem wieder das geistige Zentrum werden würde. etwa 458 vor Christus führte dann der Schriftgelehrte Esra weitere Scharen Juden aus Babylonien heim. Er wurde der Führer und Erneuerer und sorgte für strengste Einhaltung der Gebote Jehovas. aus der Gefangenschaft befreit, verlangte Esra unter anderem die Lösung aller geschlossenen Mischehen und bildete Untersuchungskommissionen, die das Verhalten jedes Juden in der Gefangenschaft prüfen sollten. Einer seiner wesentlichsten Programmpunkte die rigorose Durchführung der Rassengesetze. So erleben wir vor 2400 Jahren die ersten Nürnberger Rassengesetze und die erste Entnazifizierung, allerdings in umgekehrtem Sinne.

Damit das neue Jerusalem nicht übervölkert würde, wurde durch Los nur jeder zehnte zurückgekehrte Jude als Stadtbewohner zugelassen. Die anderen neun mußten sich in der Umgebung ansiedeln.

Der neue Aufstieg Jerusalems, in dem nun eine geistige, religiöse und rassische Elite der Juden erstand, rief zahlreiche Feinde auf den Plan. Es kam wieder zu Kriegen und Auseinandersetzungen, namentlich mit den Syrern, die jedoch von den Makkabäern, einem Stamm Judas, den Nachkommen des Juda Makkabi, siegreich beendet wurden.

Unter der Herrschaft Roms

Der Judenstaat hielt sich, bis die Söhne der Wölfin in Rom zur neuen gewaltigen Weltmacht emporstiegen. Die Römer, die sich im ganzen Orient ausbreiteten, machten natürlich auch vor Jerusalem nicht halt. 63 vor Christus wurde Jerusalem römische Provinz. Aber die Römer waren sehr klug und mischten sich in die internen Dinge

der Juden nicht ein, so daß Herodes der Große noch vierzig Jahre vor Christus den Tempel Jehovas zu strahlender Pracht erheben konnte . Doch Unter den darauffolgenden Königen entspannen sich unter den Juden viele politische und religiöse Streitigkeiten, hauptsächlich hervorgerufen durch die herrschende wirtschaftliche Not und die geistige Verwirrung, die durch die fremden Sitten der römischen Besatzer entstanden waren. Wie immer in Notzeiten standen Dutzende Propheten auf und predigten. Viele verhießen das Kommen des Messias. Soweit sie sich allein auf religiöse Probleme beschränkten, wurden sie weiter nicht beachtet. Etwas anderes war es, wenn sie sich mit der sozialen Lage des Volkes befaßten. Die tonangebenden Parteien in Judäa waren die politisch-religiöse Partei der Pharisäer und die Adelspartei der Sadduzäer, die unter sich wie Hunde und Katzen standen, sich jedoch gegen jede Kritik ihrer überaus gewinnbringenden Herrschaft vereinten. Ihre ersten Opfer waren Johannes der Täufer, der geköpft wurde, und Josua, den die Christen Jesus nennen und dessen Kreuzigung die Pharisäer und die Sadduzäer von den Römern verlangten und durchsetzten.

Obwohl die Pharisäer vorgaben, streng nach dem Wortlaut der mosaischen Schriften zu handeln, hinderte sie das nicht, Josua vom Synedrium, dem Richteramt, nicht streng nach dem Gesetz verurteilen zu lassen.

Der Hohepriester Kaiphas fragte als Vorsitzender des Synedriums, nachdem er Josua der Übertretung von Gesetzesvorschriften beschuldigt hatte, ob er der Messias sei.

Josua antwortete ihm, wie auch später dem Pilatus: "Du sagst es. Und das genügte Kaiphas, den Pharisäern und Sadduzäern, ihn zum Tode zu verurteilen. Die gleiche Antwort findet sich aber im Talmud öfters in Fällen, in denen es gefährlich wäre, die Wahrheit zu sagen, und bedeutet: Du sagst es, ich aber nicht! Da Josua soziale Gerechtigkeit für das Volk forderte und da das Volk auf ihn hörte, war er zur Gefahr für die herrschenden jüdischen Schichten, vorzüglich für die handeltreibenden Priester, geworden.

Diese Hinrichtung. von der damaligen Zeit als eine Alltäglichkeit hingenommen, wurde zur Schicksalsgeschichte der Juden und zur Geschichte der Menschheit schlechthin. Um so sonderbarer, daß dieses gewaltige Ereignis von den Talmudquellen gänzlich verschwiegen wird, als habe Josua nie gelebt und gepredigt und sei gar nicht gekreuzigt worden.

Der hebräische Wissenschaftler A. J. Katsch, der in den USA lebt, soll in einem Leningrader Archiv 1959 unbekannte und unzensierte Talmudstellen entdeckt haben, welche die Geschichte Josuas behandeln und in ein bis heute völlig unbekanntes Licht rücken. Katsch durfte mit Bewilligung sowjetischer Stellen diese Seiten ganz offiziell photokopieren. Erstaunlicherweise dauert die Veröffentlichung dieser für die Kulturgeschichte des Abend- und des Morgenlandes gleichermaßen interessanten Entdeckung sehr lange, so daß man bis zum heutigen Tage noch nichts Authentisches darüber erfahren konnte.

Schon immer war für uns Juden die Geschichte Josuas ein heißes Eisen. Es wäre hoch an der Zeit, auch dieses anzupacken. Als sechzehnjähriger wissensdurstiger junger Mensch brachte ich einmal aus einer öffentlichen Bücherei eine geschichtliche Abhandlung über das Leben Jesu nach Hause. Mich interessierte das Buch, weil ich in der Talmudschule nie etwas davon gehört hatte.

Kaum erblickte meine ältere Schwester das Buch, als sie auch schon tödlich erschrak. Dann geriet sie richtig in Wut.

"Bist du schon so weit?" schrie sie. du Zelemkopf! Willst du dich taufen lassen? Das wird eine Ehre sein, einen Meschimed, einen Täufling in unserer Familie zu haben."

Sie riß mir das Buch aus der Hand und warf es ins brennende Herdfeuer. Gleichzeitig drohte sie mir, dies unserer Mutter zu sagen. Da die alte Frau obendrein sehr herzleidend war, mußte ich hoch und heilig versprechen, nie mehr ein solches Buch nach Hause zu bringen.

Es gibt für eine gläubige jüdische Familie nichts Furchtbareres, als wenn sich ein Mitglied christlich taufen läßt. Die ganze Familie verhält sich so, als sei das Mitglied gestorben. Sieben Tage lang verlassen die Männer das Haus nicht, ziehen keine Schuhe an und lesen, auf Boden hockend, das Buch Hiob. Einen Monat lang rasiert sich kein männliches Familienmitglied, und es fällt im gesamten Haus kein fröhliches Wort. In Anlehnung an die biblischen Zeiten, in denen zur Trauer die Gewänder zerrissen wurden, wird bei strenggläubigen das Revers des Sakkos eingeschnitten oder eingerissen

Die gesamte jüdische Familie trägt ein ganzes Jahr lang Trauerkleidung, und der Name des Getauften darf im Familienkreis nie mehr genannt werden. Er ist viel stärker ausgelöscht als der eines Verstorbenen. Denn bei einem Toten gedenkt man zum mindesten am Sterbetag alljährlich des Dahingegangenen; bei den Getauften ist jede Erinnerung ausgelöscht.

Immer wieder versuchten die Juden, das Joch der römischen Besatzung abzuwerfen. Der Widerstand, den sie leisteten, gab den anderen Völkern im Vorderen Orient in den Augen der Römer ein sehr schlechtes Beispiel. Immer wieder überfielen die Juden römische Soldaten und besonders Nachschubkolonnen und zeigten sich als Meister des Partisanenkampfes. Nur mit Strafexpeditionen konnten die Römer die Ruhe und Ordnung mühsam aufrechterhalten. Zuletzt sah sich der römische Kaiser Titus gezwungen, vier Jahrzehnte nach der Kreuzigung, im Jahre 70 nach Christus, die Zerstörung Jerusalems zu befehlen, um das geistige Rückgrat des jüdischen Widerstandes zu brechen. Anlaß dazu waren jüdische Überfälle auf die römische Garnison, die schließlich überrumpelt und aus Jerusalem hinausgeworfen wurde.

Titus schloß Jerusalem ein und ließ jeden gefangenen Juden kreuzigen. Bald herrschten Verzweiflung und Hunger in ganz Jerusalem. Dennoch lehnten die Juden die Kapitulation ab. Selbst als die römischen Legionäre schon in die Stadt eingedrungen waren und das Blut der Juden in Strömen floß, kämpften sie weiter. Die wenigen Überlebenden wurden als Sklaven abgeführt. Jerusalem war ein Trümmerhaufen. Nur eine kleine römische Besatzung lag auf dem Berg Zion.

Im Jahre 130 nach Christus, sechzig Jahre nach der Zerstörung besichtigte Kaiser Hadrian, als er die Ostprovinzen bereiste, die Ruinen der heiligen Stadt und befahl, Jerusalem wieder aufzubauen. Natürlich wollte Kaiser Hadrian nun aus Jerusalem eine römische Stadt machen: mit Bädern, Theatern und Tempeln. Die Stadt sollte der höchsten Gottheit Roms geweiht werden, Jupiter Capitolinus Die.

Zerstörung Jerusalems, die Ausrottung der Bevölkerung hat die Juden in dumpfer Resignation hingenommen. Ihre Hoffnung auf einen Wiederaufstieg war erloschen.

Jetzt aber, als der Plan des Kaisers Hadrian bekannt wurde, daß auf den Trümmern des Tempels Jehovas ein heidnischer Jupitertempel entstehen sollte, zündete diese Nachricht wie ein glühender Funke in den Herzen der überlebenden Juden, und bald erhoben sich die Stämme, und wieder kämpften die römischen Posten um ihr Leben. Unter dem Schriftgelehrten Ben Akiba stritten die Juden mutig und erfolgreich.

Der römische General Julius Severus erhielt den Auftrag, mit den Legionen die Juden zu vernichten. In dieser entscheidenden Situation entstand zwischen Ben Akiba, dem geistigen Kopf der erwachenden Juden, und Bar Kochba, dem militärischen Führer, ein schwerer Zwist. Ben Akiba zog sich vom Kampf zurück, doch auch das half ihm später nichts; als ihn die Römer fingen, wurde er hingerichtet. Er mißachtete nämlich einen Befehl der Römer, nach dem den Juden die Erteilung jeglichen Schul- und Religionsunterrichtes verboten war. Die Kohorten und Legionen überzogen das ganze Land. In verzweifelten Kämpfen wurden die Juden vernichtend geschlagen.

Die Überlebenden wurden als Sklaven abgeführt. Der Stern Zions in Palästina war für 1800 Jahre erloschen. Es gab in ganz Palästina keine jüdische Gemeinde mehr.

Entstehung der "Heimkehr"-Bewegung bis zur Balfour-Erklärung

Um 326 nach Christus wurde Jerusalem christlich und war es bis 637, bis die Araber den Römern im Vorderen Orient die Vorherrschaft streitig machten. Diesmal siegten die Ismaeliten, die ja seinerzeit auch von Jehova den Segen und das Versprechen erhalten hatten, eine große Nation zu werden. 1099 nahmen die Kreuzritter, die aus Europa bis vor die Tore der heiligen Stadt gekommen waren Jerusalem ein und hielten es in endlosen Kämpfen bis 1187 Nun eroberte Sultan Saladin Jerusalem und ab 1244 gehörten Jerusalem und ganz Palästina zur Macht des Islam, dem niemand mehr die Vorherrschaft in diesem Lande streitig machen konnte.

Von 1517-1915 gehörte ganz Palästina einschließlich Jerusalem zum osmanischen Reich der Türken.

Erstmalig vor rund 150 Jahren zogen wieder Juden in kleiner Zahl nach Jerusalem. Ihre Beweggründe waren jedoch keine rassischen und keine politischen Sie wollten hier nur dem Paradies näher sterben Ihre Nachkommen leben heute noch in der Sekte der Nethure kartha. Nach dem berüchtigten Kischinewer Pogrom und in erster Linie nach dem verlorenen russischen Krieg gegen Japan setzte 1905 bis 1906 eine besonders grausame Judenverfolgung innerhalb Rußlands ein. Die herrschende Schicht und der Zar versuchten wieder einmal, den Juden die Schuld an den unerträglichen sozialen und politischen Zuständen in Rußland in die Schuhe zu schieben, und lenkten planmäßig die Wut der Volksmassen auf die Juden.

Das war allerdings nie anders gewesen in Rußland und nicht nur in Rußland Während aber bisher die Juden ihr schweres Los in düsterer Ergebenheit getragen hatten, brachen jetzt in verschiedenen Orten die Juden auf und wanderten aus dem Russischen Reich. Die Masse der jüdischen Auswanderer fuhr über das Meer nach Amerika, jedoch ein nicht unbeträchtlicher Teil ging nach Palästina. Auch einige spätere maßgebliche Israelführer wanderten in jener Zeit in Palästina ein. Diese Einwanderung, hebräisch Aliya, kam nicht von ungefähr. Schon nach der Ermordung Zar Alexanders II., der am 13. März 1881 anarchistischen Attentätern zum Opfer lief, hatten verzweifelte Juden aus Rußland den Versuch unternommen, im einst heiligen Land ihrer Väter zu siedeln. Zu dieser Zeit gab es in ganz Palästina im Höchstfalle 500 Juden. Die meisten waren religiöse Alte, die nur eingewandert waren, um da zu sterben. Die jüdischen Geldmänner Baron Rothschild, Schumann, Baron Hirsch ermöglichten mit ihren Spenden diese religiösen Unternehmungen, die nun durch die ersten Einwanderer aus Rußland zu einem halben Dutzend kleiner Siedlungen emporwuchsen.

Noch fehlte diesen jüdischen Zuwanderern jede politische Ziel und auch Überzeugung. Diese wurde nicht in Palästina geboren sondern in Europa. Namentlich in Rußland entstand um Leo, Pinsker eine Gruppe, welche die Heimkehr der Juden nach Palästina propagierte, ihre bekanntesten Vertreter waren Borochow, Ginsburg, Jehuda und Sokolow, während aus Deutschland die Namen Heß und Schapiro zu nennen sind. Kurze Zeit darauf erschien im Jahre 1896 aus der Feder von Theodor Hertzl Der Judenstaat". Eine neue Bewegung war geboren: der Zionismus.

Ein Jahr darauf versuchte Hertzl den ersten zionistischen Kongreß abzuhalten. Als Tagungsort wählte man München. Doch der erste Rückschlag kam sofort, denn die jüdische Gemeinde in München protestierte gegen die Abhaltung des zionistischen Kongresses in ihrer Stadt und verweigerte jegliche Unterstützung. Nunmehr wandte sich Theodor Hertzl nach Basel, und tatsächlich traten am 29. August 1897 nahezu 200 Teilnehmer der zionistischen Gruppen zusammen, die feierlich die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes und seine Rückkehr nach Palästina beschlossen. Damit war der erste Schritt getan, auch wenn zahlreiche jüdische Gemeinden, vor allem in London, Paris und Wien, zum Teil sehr deutlich, gegen die neue jüdische Bewegung des Zionismus protestierten und Stellung nahmen.

Diese zionistischen Gruppen warben jetzt namentlich unter jenen Jüdischen Gemeinden. die in Rußland, in Polen, in Rumänien dem stärksten antisemitischen Druck ausgesetzt waren. So vermochten die jüdischen Auswanderer - wie ich bereits erwähnt habe - schon 1907 den Grundstein für den Bau von Tel Aviv zu legen, dessen erstes Gebäude allerdings nur in einer Baracke bestand. Doch die ganze Palästinaeinwanderung kam bald ins Stocken und drohte zu Versiegen Da brach der erste Weltkrieg aus. Im Vorderen Orient entwickelte sich zur allgemeinen Überraschung die Situation für die Alliierten vorerst gar nicht günstig. Die Türken zeigten sich hartnäckiger als man angenommen und die geringe deutsche Militärhilfe schlagkräftiger als man erwartet hatte. Die britischen Truppen waren in eine arge Klemme geraten. Das Gallipoli-Abenteuer war unter schweren alliierten Verlusten zusammengebrochen und damit auch der Angriff auf die Dardanellen Der britische General Townsend hatte am 29. April 1916 sogar aus Kut el Amara, wo ihn die Deutschen und Türken eingeschlossen hatten, mit allen seinen Truppen in Gefangenschaft gehen müssen. Die südpersischen Ölfe1der lagen beinahe greifbar vor den Deutschen und Türken.

In Palästina gab es in jener Zeit schon eine kleine jüdische Minderheit von einigen Zehntausend, die sich der britischen Armee bereitwillig als Späher und Saboteure im türkischen Hinterland zur Verfügung stellten. Besonders Aaronsohn wurde einer der erfolgreichsten Partisanen und fügte mit seinen Mitarbeitern den Türken schwere Verluste zu. Sein Einsatz soll nicht unwesentlich zur späteren Balfour-Deklaration beigetragen haben.

Um nun die Franzosen im Vorderen Orient stärker an den Zielen der britischen Politik zu interessieren, begann der britische Vertreter, Sir Mark Sykes, mit dem französischen Orientspezialisten Charles Picot zu verhandeln, und die beiden schlossen am 16. Mai 1916 ein Abkommen, in dem sie ihre Einflußgebiete aufteilten. Frankreich sollte außer dem Libanon die kleinasiatische Landschaft Zilizien, den türkischen Hafen Alexandrette und Syrien erhalten, England die Häfen Haifa und Hakko sowie Südmesopotamien. Zur gleichen Zeit als die Engländer mit den Franzosen dieses osmanische Gebiet praktisch schon teilten, verhandelten die Briten durch den geheimnisumwitterten Golonel E. T. Lawrence mit Hussein, dem Sheriff von Mekka und Oberhaupt der Haschemiten, um die Unterstützung der Araber als Partisanentruppen im Kampf gegen die Türken und Deutschen zu gewinnen. Im Namen der britischen Krone gab schließlich Hochkommissar MacMahon Hussein eine Garantieerklärung, und im Vertrauen auf das englische Versprechen ließ sich Hussein am 2. November 1916 in Mekka zum König von Arabien ausrufen. Gleichzeitig forderte er die Araber af, die türkische Regierung abzuschütteln und gegen die Türken und Deutschen zu kämpfen.Der Anteil der haschemitischen Freischärler im ersten Weltkrieg wird allerdings genauso übertrieben wie die Leistungen des mehr zomantisdien als realen Colonels Lawrence. Jedenfalls verließen sich die Engländer nicht allein auf die arabische Schützenhilfe, sondern versuchten auch noch, die Unterstützung des Weltjudentums für ihren Kampf gegen Deutschland und die Mittelmächte zu gewinnen. Darum schrieb am 2. November 1917 der damalige britische Außenminister Arthur Balfour einen offiziellen Brief an Lord Walter Rothschild mit folgendem Inhalt: "Lieber Lord Rothschild, die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Paläsina und wird bemüht sein, die Durchführung dieses Vorhabens nach Kräften zu erleichtern, unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinden oder die Rechte und den politischen Status der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte."

Dieser Brief, die sogenannte Balfour-Deklaration, fand das erwünschte weltweite Echo. Bis zu diesem Zeitpunkt unterstützten nämlich die Juden im allgemeinen die Mittelmächte, vor allem deshalb, weil die Juden im deutschen Kaiserreich und in der k. u. k. Monarchie frei lebten, sich zum Großteil assimilierten und nicht zuletzt, weil die Mittelmächte gegen Rußland kämpften, das Land der Judenverfolgung und Pogrome.

Nun wendete sich das Blatt. England hatte sich förmlich als Schutzmacht der Juden proklamiert. Das hatte besonders in den USA, in denen schon damals zahlreiche Juden tätig waren, nachhaltiges Echo gefunden. Die englische Initiative hatte ihren guten Grund. Der Secret Service erfuhr aus Konstantinopel, daß der alte Fürst von Bülow obgleich nicht mehr im Dienste, bei Kaiser Wilhelm II. anregte, auf die Türken einzuwirken, damit sie Palästina den Juden als nationale Heimstatte übergeben sollten. Der Fürst erinnerte sich an Theodor Herzl, der seinerzeit beim Kaiser vorgesprochen hatte, um ihn für seine Ziele zu gewinnen. Für die Türken wäre das kein großes Opfer gewesen, da sie ja mit den Arabern ständig Schwierigkeiten hatten. Fürst von Bülow, der natürlich auch seine Informationen hatte, wollte damit verhindern, daß die englisch-amerikanischen Juden ihre Glaubensgenossen in der ganzen Welt in die Front gegen die schwerringenden Mittelmächte brächten.

Wie es heißt, soll Kaiser Wilhelm II. damit einverstanden gewesen sein, und selbstverständlich sickerte in Konstantinopel der Vorschlag des deutschen Kaisers durch. London erkannte, daß es nun schneller sein müßte. Der britische König und seine Regierung versprachen in der Balfour-Deklaration Palästina den Juden um so leichter, als ja das vergebene Land ihnen zu dieser Zeit gar nicht gehörte und noch immer fest in türkischem Besitz war.

Fürst von Bülow folgte mit seinem Plan dem deutschen Kanzler Otto von Bismarck, der beim Berliner Kongreß 1878, als man die politische Ordnung auf dem Balkan herstellte, durchsetzte, daß die Juden auf dem Balkan, besonders in Rumänien, Staatsbürgerschaft erhielten. Bis zu jener Stunde waren nämlich die Juden auf dem Balkan staatenlos gewesen!

Bismarck gewann sich dadurch die Sympathien des ganzen Judentums, und es ist nichts törichter, als wenn heute jüdische Publizisten, die von der Geschichte ihres eigenen Volkes nur sehr spärlich Kenntnis haben, den großen deutschen Kanzler von Bismarck angreifen, dem wir Juden soviel verdanken.

So kam es, daß nun die britische Regierung mit der Balfour Deklaration ein und denselben Raum praktisch dreimal vergab, der zu dieser Zeit noch zum osmanischen Reich gehörte. Es ist erstaunlich, daß die britische Regierung dieses wichtige Schreiben nicht an eine schon damals bestehende zionistische Zentrale sandte, sondern an eine wenn auch überaus begüterte jüdische Privatperson Lord Rothschild.

Die Formulierung über die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinden" läßt überdies deutlich erkennen, daß der damalige britische Außenminister keine Ahnung von den seinerzeitigen Verhältnissen in Palästina hatte.

Diese nichtjüdischen Gemeinden Palästinas bildeten selbstverständlich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung des Landes. Seit achtzehnhundert Jahren befanden sich ja keine nennenswerten jüdischen Gemeinden mehr in Palästina. Vielleicht waren 1917 etwa 30 000 bis 40 000 ,jüdische Einwanderer im Lande. Eine jüdische Urbevölkerung existierte überhaupt nicht.

Die Balfour-Erklärung fand aber nicht in allen jüdischen Kreisen solch ungeteilten Beifall wie natürlich bei den Zionisten. Der jüdische Staatssekretär für Indien, Edwin Samuel Montagu, ein antizionistischer Jude, befürchtete sogar, daß sie die in England lebenden Juden zu Ausländern machen und ihre Existenz gefährden könnte. Doch da diese Erklärung politische Beweggründe hatte, wurde sie ausgesprochen, obwohl starke Bedenken dagegen laut wurden. Aber konnte Sir Samuel Montagu die Erklärung auch nicht verhindern, so schwächte er sie doch erheblich ab.

Die Zionisten nahmen die Balfour-Erklärung als einen Freibrief auf Palästina. Chaim Weizmann drückte damals aus, was man in ihrem Lager dachte: Durch die jüdische Einwanderung wird Palästina so jüdisch werden, wie England englisch ist."

Noch war es freilich nicht so weit. Denn in Palästina gab es etwas, was dem Plane eines Israelstaates viel stärker entgegenstand als der Krieg und die deutsche und die türkische Armee: Die Palästinenser; denn diese waren in ihrer erdrückenden Mehrheit damals noch muselmanische Araber.

Ehe sich der Traum vom selbständigen Staat Israel verwirklichen sollte, mußte noch viel Leid über die Juden kommen, um sie zur Einwanderung nach Israel zu bewegen.

Und vor allem mußten die Araber aus Palästina verschwinden für beide war einfach kein Platz vorhanden.

Doch wenn man streng sachlich und objektiv zurückblickt auf all das Blut, das die Zionisten und auch die Araber in der späteren Entwicklung in Palästina vergossen haben, dann muß man erkennen, daß die größte Schuld an allem, was schließlich in Palästina geschah, nicht die Zionisten trifft, nicht die Araber, sondern jene Politik, die im Interesse ihres Kriegszieles das Land dreimal verschenkte und letzten Endes jenen Zündstoff schuf, an dem später Zehntausende von Menschen zugrunde gingen und viele Hunderttausende in Not und Unglück gestürzt wurden.

Um die hebräische Sprache

Tief in Gedanken versunken, hatte ich mich nun im hereinbrechenden Abend glücklich verlaufen und fand nicht mehr zurück. Vorsichtig fragte ich einen daherkommenden jungen Mann in hebräischer Sprache nach dem Weg. Er spuckte vor mir aus und schrie mich jiddisch an:

"Wenn du schon unsere heilige Sprache mißbrauchst, solltest du dich doch auch in der heiligen Stadt auskennen" wandte sich ab und ging weiter, ehe ich ein Wort hatte sagen können.

Verblüfft starrte ich ihm nach. In den Mittagsstunden hatte ich, natürlich auf Jiddisch, in einem Amt der Stadtverwaltung ebenfalls um Auskunft ersucht. Der Beamte sah mich eisig an und wies mit der ausgestreckten Hand auf ein Plakat, auf dem zu lesen stand: "Hier wird nur hebräisch gesprochen."

Dieses Plakat erinnerte mich an etwas; ich zuckte zusammen. Als die Rumänen nach dem ersten Weltkrieg in die Bukowina kamen, war ihre erste Amtshandlung, daß sie überall Schilder und Plakate anbrachten mit der Aufschrift: "Hier wird nur rumänisch gesprochen." Der kleine Jude, der schwäbische Bauer, kurz, alle, die nicht rumänisch sprachen, waren verraten und verkauft. Sie brauchten nun im Verkehr mit der Obrigkeit für alles einen Dolmetscher.

Zu gerne hätte ich dem kleinen Beamten hier meine Gedanken mitgeteilt. Doch er blickte mich derart hochmütig an, daß ich mich schweigend umwandte und wieder ging. Wie man es machte, war es eben verkehrt, und ich wußte nun wirklich nicht mehr, wie ich sprechen sollte, um nicht Anstoß zu erregen.

In der nichtiüdischen Welt werden oft aus Mangel an Kenntnis hebräisch und jiddisch miteinander verwechselt, obwohl es sich dabei zwei grundverschiedene Sprachen handelt, denen nur die Schriftrichtung - von rechts nach links - gemeinsam ist. Das Wort hebräisch kommt aus dem hebräischen iwrith, das man vorn mit dem Buchstaben Ajin schreibt, einem Vokalträger, der hier als i gelesen wird. Hebräisch gehört zu den Südgruppen der semitischcn Sprachen, also der aramäischen, assyrischen, arabischen und

anderen. Im Laufe der Zeit wurde das Hebräisch von diesen verwandten Sprachen sehr beeinflußt. Hebräisch sprachen die ersten Gruppen der Israeliten, als sie ihr Nomadenleben aufgaben, um in Kanaan ansässig zu werden.

Als Nomaden können unsere Urahnen nicht über eine einwandfreie Sprache verfügt haben. Waren sie wirklich nachher 400 Jahre lang in ägyptischer Sklaverei, dann fehlte ihnen die Möglichkeit, eine Schriftsprache zu entwickeln. Daher ist anzunehmen, daß sie mit der Ansässigkeit in Kanaan mit dem im frühen Altertum dort in der Nähe des Toten Meeres lebenden kleinen, aber technisch entwickelten und sehr intelligenten Volke der Nabatäer bekannt wurden und von ihm Kultur und Sprache übernahmen.

Im Exil in Syrien und Babylon bereicherte sich die hebräische Sprache um Wörter dieser Völker, und später nahm sie viele griechische Verben auf, da zu jenen Zeiten die Griechen kulturell auf den ganzen Mittelmeerraum ausstrahlten. Bis zur zweiten Zerstörung des Tempels war das Hebräische die Hauptsprache des israelitischen Volkes. Nachher wurde es allmählich von der aramäischen Sprache verdrängt. Schon zu Zeiten Jesu war das Aramäische die allgemeine Volkssprache der Israeliten.

Im Buch der Richter ist zu lesen: Auf Fragen der Kinder Israels, wer als erster gegen die Kanaaniter streiten soll, befahl Jehova, daß es Juda tun soll. Andere Stämme vertrieben aber die Besiegten und lebten in ihrer Mitte. Und die Kinder Israels wohnten inmitten der Kanaaniter, der Hethiter, Ammoniter und der Persiter und der Hewiter und Jebusiter, und sie nahmen sich deren Töchter zu Weibern und gaben ihre Töchter deren Söhnen und dienten ihre Göttern."

In dieser Gefahr der totalen Assimilierung in der biblischen Zeit mahnten die Schriftgelehrten immer wieder, man möge die hebräische Sprache der jungen Generation beibringen, um so wenigstens die religiöse Tradition zu erhalten. Auf diese Weise wurde das Hebräische die Sprache der Bibel. Die hebräische Grammatik entwickelten die Schriftgelehrten erst im 8. Jahrhundert, sehr beeinflußt durch die arabische Sprache die lebendig geblieben war. Hauptsächlich beschäftigten sich

Karaimer Juden, die auch vorher schon die Punktation erfanden mit der hebräischen Sprache. Diese Karaimer Juden, deren Nachkommen heute noch leben, halten sich in allen Fragen der Religion im Gegensatz zu den anderen Juden streng an das geschriebene Wort und verwerfen die mündlichen Überlieferungen, die erst spät niedergeschrieben wurden. Sie lebten vornehmlich in Persien, Ägypten und der Türkei; heute gibt es noch karaimische Gemeinden Jerusalem, auf der Krim und in Saloniki. Die übrigen jüdisch Gemeinden erkannten das Streben der Karaimer nicht an und wollten ihnen sogar die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft absprechen.

Erst zu Ende des 19. Jahrhunderts wurde die hebräische Sprache durch die damals gerade entstandene zionistische Bewegung propagiert. Während das biblische Hebräisch von Aramäisch und Arabisch beeinflußt wurde, wird das neue Hebräisch dagegen stark vom Griechischen und Latein geprägt. Im Staat Israel ist Hebräisch die Amtssprache, während es im Weltjudentum als Umgangssprache nicht gesprochen wird Dazu kommt allerdings, daß das Neuhebräisch von dem biblischen Hebräisch sehr verschieden ist. In Jerusalem amtiert eine offizielle Sprachenkommission, deren Aufgabe es ist, die bebräische Sprache zeitgemäß zu gestalten, neue Wörter und Begriffe in die Sprache aufzunehmen, um sie so künstlich zu bereichern.

Nun ist die Wiedererweckung einer biblischen Sprache erklärlicherweise von Hause aus ein großes Wagnis, das in der Praxis oft an den Rand des Grotesken führen muß. Die Vokale werden im Hebräischen meist lediglich durch Punkte und Strichlein, die unter die Buchstaben gesetzt werden, angedeutet. Diese Vokalstellvertretung (Nekidoth) ist eben die Erfindung der Karaimer Juden, die aber allgemein abgelehnt wird. Schon im Altertum klagten daher Talmudgelehrte, daß durch die fehlende Punktation und durch die Armut der Sprache selbst beim Auslegen der Heiligen Schrift oft grobe Mißverständnisse entstanden.

Die gesamte israelische Tagespresse erscheint heute ohne diese Punktation, da es, wie man mir in Jerusalem sagte, unmöglich sei, die Punkte bei den Druckbuchstaben anzubringen. Das ist sehr schade, denn die Punktation erleichtert das Lesen des Hebräischen beträchtlich. Erst daraus kann der Leser erkennen, welches Wort gemeint ist. Man muß der hebräischen Sprache schon weitgehend mächtig sein, um sich immer in ihr zurechtzufinden. Dazu gibt es im Hebräischen für ein und denselben Buchstaben verschiedene klangliche Aussprachen. Das a kann je nach der Bedeutung des Wortes als a, jedoch auch als o und e ausgesprochen werden. Das b ist b, kann aber auch w sein, ähnlich wie im Spanischen. F ist f, kann aber auch p sein. Auf Grund dieser Situation kann sich der Leser bei der Lektüre des neuen Hebräisch ohne Punktationen nur auf seine Logik verlassen. Da der Großteil der israelischen Bevölkerung sehr hart um seine Existenz kämpft, bringt kaum jemand die Zeit zu einem wissenschaftlichen Studium des Hebräischen auf. Durch das flüchtige Lernen der Sprache entstehen daher laufend Begriffsverwirrungen und Ungenauigkeiten, von denen sich der Laie keine Vorstellung macht. So kann zum Beispiel das hebräische Wort chbl bedeuten: Geburtswehen, Strick, Landstrich, Verderben, Schaden.

Die Armut des biblischen Hebräisch - selbstredend aller Sprachen aus dieser Frühzeit der Menschheit - geht deutlich aus dem chawer ausgesprochenen Wort hervor. Chawer heißt nämlich nicht nur Kollege, sondern auch Kamerad, ja sogar Genosse, darüber hinaus Mitglied und Geselle. In völlig unlogischem Gegensatz dazu heißt jedoch Zeitgenosse bendor. Glaubensgenosse heißt ben brith. Das wirkliche Wort Genosse, nämlich chawer, kommt in dieser Zusammenstellung gar nicht vor. Im Gegensatz zu dieser primitiven Wortarmut - das Hebräische kennt, wie diese Beispiele beweisen, oftmals für fünf deutsche Wörter nur ein Wort - gibt es aber für andere Wörter gleich mehrfache Bezeichnungen. Versammlung heißt hebräisch assifa, waad oder knesseth. Dazu kommt noch, daß die askenasischen Juden einzelne Wörter anders sprechen als die sephardischen Juden. Das Wort amt, Wahrheit, wird von den askenasischen Juden emes ausgesprochen, von den sephardischen Juden jedoch emeth.

In Israel wird offiziell das Neuhebräische im wesentlichen nach der sephardischen Mundart ausgesprochen, obgleich die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung von den askenasischen Juden gestellt wird. Die modernen hebräischen Sprachwissenschaftler kamen aber zu der Überzeugung, daß die sephardische Mundart die richtige und zeitgemäße sei.

Askenasim stammt aus dem Bibelwort askenas, welches schon im ersten Buch Moses für ein Land und Volk erwähnt wird, das aus dem Stamme Noah hervorgegangen ist. Das Wort wurde von den Hebräern aufgenommen. Später wurden dann die Juden, die in Deutschland lebten, als Askenasim oder askenasische Juden bezeichnet, da in den alten Talmudschriften Deutschland zuerst als germanica, später aber als askenas bezeichnet wurde. Zu den askenasischen Juden zählen jene aus Deutschland, ganz Osteuropa und Nordamerika.

Sephardjm kommt aus dem Wort Sephard, so wurde in den alten Talmudschriften Spanien genannt. Die sephardischen Juden stammen aus Spanien, Portugal, Italien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Türkei und Südamerika. Während der Ursprung der askenasischen Juden völlig eindeutig ist, gehen die Meinungen der jüdischen Historiker über die Herkunft der sephardischen Juden auseinander. Es gibt Wissenschaftler, die der Ansicht sind, daß die Sephardim gar nicht vom biblischen Israelvolk abstammen, sondern von den Phöniziern, einem Volk aus Kanaan. Andere wieder meinen daß schon 700 vor Christus Juden in Spanien lebten, die aus Israel dorthin ausgewandert waren. Auch die Gebräuche der sephardischen Juden sind von denen der askenasischen verschieden. Die Sophardim führen durchweg hebräische, spanische und arabische Namen und nennen ihre religiösen Vorsteher nicht Rabbi, was

Meister oder Lehrer bedeutet, sondern chacham, was Weiser heißt. Die bekannten Persönlichkeiten der sephardischen Juden sind unter anderem Maimonides, Spinoza und der bekannte britische Politiker Disraeli.

Entstehung des Jiddischen

Bald nach der Vertreibung der Juden aus Palästina kamen große Gruppen dieser jüdischen Heimatvertriebenen mit den Römern nach Germanien und wurden besonders am Rhein ansässig. Sie bildeten die mächtige und entscheidende Gruppe der Askenasim. Schon im Jahre 321 nach Christus wird die erste jüdische Gemeinde in Köln am Rhein genannt.

Natürlich erlernten die Juden in Deutschland die Landessprache, doch untereinander redeten sie eine Zeitlang, um eine Art Geheimsprache zu haben, welche die Landesbevölkerung nicht verstand, das biblische Hebräisch. Im Verlaufe der Entwicklung vermengte sich die deutsche Landessprache in starkem Maße mit dem biblischen Hebräisch, und die Juden behielten lediglich die Schreibrichtung von rechts nach links bei. Durch Generationen nahm das Hebräisch langsam, aber stetig ab und das deutsche Idiom dafür zu. Es entstand ein Deutsch-Hebräisch beziehungsweise Hebräisch-Deutsch, anfänglich ein Sprachengemengsel, welches allmählich zu einer eigenen Sprache und nun Jiddisch genannt wurde. Nicht nur der rheinische Dialekt beeinflußte dieses Jiddisch, sondern auch der schwäbische und fränkische. Obgleich sich die askenasischen Juden auf deutschem Boden gut entwickelten und einlebten, wurden sie dennoch als Fremdkörper Sondergesetzen und -bestimmungen unterworfen. Viele Jahrhunderte hindurch durfte kein Jude in Deutschland Grundbesitz erwerben, durfte kein Jude ein Handwerk erlernen oder ausüben, und nur der Handel und das Geldgeschäft wurden gestattet. So vollzog sich unter den Juden, die als Orientalen von Hause aus eine starke Begabung für den Handel haben, eine sozialpolitische Umschichtung. Die ins Land gekommenen Handwerker und Bauern wurden offiziell zu jenen Geschäften gezwungen, deren erfolgreiche Ausübung man ihnen später so sehr ankreidete.

Als dann im 9. Jahrhundert Ludwig, der Sohn Karls des Großen, den Juden Freibriefe aushändigte, die sie gesetzlich schützten, vergrößerten sich die jüdischen Gemeinden in den deutschen Landen sprunghaft. Doch kaum hundert Jahre später setzten die ersten größeren Verfolgungen ein. Der Höhepunkt der antijüdischen Strömung wurde in den Zeiten der Kreuzzüge erreicht, in denen sich die Phantasie der kleinen Leute vor allem an der Hinrichtung Jesu entzündete.

Bis zum heutigen Tage fand sich niemand, der einmal offiziell ausspricht, daß dieser Josua - oder Jesus - kein Deutscher, Franzose, Spanier oder Italiener war, sondern ein Jude wie seine Ankläger auch.

Noch vor einigen Jahren fiel mir in München ein kleines Buch in die Hände, An Gottes Hand", katholisches Re1igionsbüchlein für das erste Schuljahr, von den bayerischen Bischöfen herausgegeben und für den Schulgebrauch ministeriell genehmigt.

Darin steht unter anderem wortwörtlich: "Die Jünger waren beisammen und hatten die Türen verschlossen aus Furcht vor den Juden." Nun, Jesus und seine Freunde beziehungsweise seine Jünger versteckten sich nicht vor den Juden, denn da sie alle selber Juden waren, hätten sie sich in diesem Falle vor sich selbst verstecken müssen, sondern vor ihren politischen Gegnern, den Pharisäern und Gadduzäern. Manchmal scheint es, daß diese Pharisäer noch lange nicht ausgestorben sind!

Trotzdem entwickelten sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu jener Zeit, und es gab besonders blühende Gemeinden in Mainz, Regensburg, Köln und anderswo. Das Zentrum des geistigen und religiösen Judentums lag in Deutschland.

Die ersten Judenverfolgungen in Deutschland hatten aber bald Auswanderungen der Juden nach dem Osten zur Folge. Die polnischen Fürsten luden sogar die Juden ins Land, um zwischen den Leibeigenen und dem Adel ein Bindeglied zu erhalten. 1254 erließ Fürst Boleslaw der Fromme in Polen Schutzgesetze für die Juden und gab ihnen Gleichberechtigung.

Als diese Maßnahmen bekannt wurden, wanderten immer mehr deutsche Juden nach Polen ab. Namentlich nach dem Ausbruch der Pest, für den die Juden verantwortlich gemacht wurden und wobei es in Deutschland zu Mord und Totschlag kam, strömten sie aus Deutschland nach Polen, wo sie König Kasimir der Große unter seinen besonderen Schutz nahm. Kasimirs Freundschaft mit den Juden soll durch eine jüdische Geliebte verursacht worden sein, die ihm eine Reihe Kinder schenkte und den König zugunsten der Kinder Israels beeinflußte.

Der polnische Staat brauchte seine judenfreundlichen Maßnahmen nicht zu bereuen. Kurze Zeit später ging beinahe der gesamte europäisch-asiatische Welthandel durch Polen, da die deutschen Juden natürlich ihre weltweiten Handelsbeziehungen nun über Polen laufen ließen. Das Land blühte auf und die jüdischen Gemeinden nicht weniger. Mit diesen emigrierten Juden aus Deutschland war aber auch die jiddische Sprache nach dem Osten gewandert. Dort trafen sich die Emigranten mit kleineren Gruppen ortsansässiger Juden, die ein Gemisch von Hebräisch und Slawisch sprachen und wahrscheinlich aus Sekten entstammten die aus heidnischen Gruppen der Ukraine und Polens zum Judentum übergetreten waren. Diese Gruppen wurden nun von deutschen Juden, die in großer Zahl erschienen waren, aufgesogen, und die jiddische Sprache verbreitete sich immer mehr

Die Glanzzeit der Juden in Polen ging jedoch sehr bald zu Ende, denn gerade das wirtschaftliche Aufblühen erregte den Neid der Nachbarn, und bald kam es zu Kriegen mit Schweden und Rußland.

In diesen Kämpfen ging auch der Wohlstand der polnischen Juden verloren. Bald wurden sie teils von den plündernden Kosaken Bogdan Chmielnitzkis teils von den polnischen Söldnern Stephan Tscharnetzkis beschuldigt, die Dienste des jeweiligen Gegners zu besorgen, um sie besser ausrauben zu können. So starben damals Hunderttausende von Juden in Polen, weil sie dem Land Reichtum und Wohlstand gebracht hatten. Unbeschreibliche Armut und Verzweiflung waren die Folge. In dieser Not entstanden verschiedene mystische Bewegungen, geheime Kabbalalehren, und es kam zur Entstehung des Chassidismus. Chassid ist ein hebräisches Wort und heißt fromm.

In Deutschland begann sich das Leben der Juden ein wenig zu normalisieren, so daß manche von ihnen angesehene Stellungen erreichten. Der Bekannteste jener Zeit ist Joseph Josselmann von Roßheim (1480-1554); er galt als Vertreter der Juden im deutschsprachigen Raum und war einer der Ratgeber Kaiser Maximilians 1. und Kaiser Karls V. In letzterem soll er auch Sympathien für die lutherische Bewegung erweckt haben. Luther versuchte Josselman für seinen Kampf gegen das Papsttum zu gewinnen, was dieser aber begreiflicherweise ablehnte. Das soll die Ursache dafür gewesen sein, daß Luther in einer späteren Schrift eine judenfeindliche Einstellung an den Tag legte.

Doch zurück zu den Juden in Polen! War auch ihr Lebensniveau nun auf das stärkste gesunken, hatten sich die Existenzbedingung auch sehr verschlechtert, die jiddische Sprache wurde davon sowenig betroffen wie die mosaische Religion. In älteren hebräischen Schriften wird die jiddische Sprache anfänglich hebräisch-taitsch oder einfach die Askenassprache genannt. Im 15. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung jiddische Sprache durch.

Während das Hebräische weiterhin starr und unverändert die Sprache der mosaischen Religion blieb, entwickelte sich das Jiddische immer klarer und deutlicher zur mächtigsten jüdischen Umgangssprache. Es besitzt im Gegensatz zum Hebräischen alle Vokale und genaue Sprachregeln. Während es zu Beginn mit gotischen Schriftzeichen geschrieben wurde, setzten sich später die hebräischen Schriftzeichen und die Schreibrichtung von rechts nach links durch. Deshalb sind im Jiddischen keine Verwirrungsmöglichkeiten wie im Hebräischen vorhanden. Die größten jüdischen Gelehrten, Wissenschaftler und Dichter schrieben daher ihre Werke nicht in Hebräisch, sondern in Jiddisch. Der bedeutendste jüdische Gelehrte, Moses Maimonides (1135-1204) schrieb arabisch, der weltberühmte Philosoph Baruch Espinoza (1632-1677) lateinisch.

Mit dem Entstehen größerer jüdischer Gemeinden in den USA kam das Jiddische auch nach Amerika und bereicherte sich auf Kosten des deutschen Sprachelementes mit vielen englischen Vokabeln. Daß es sich bei Jiddisch um eine echte Sprache handelt, die ein lebendiges Volk zum Leben erweckte, wird jeder feststehen können, der etwa das Jiddische mit dem Esperanto vergleicht, welches wohl vom jüdischen Sprachwissenschaftler Ludwig Zammenhoff künstlich geschaffen wurde, sich aber trotz der Unterstützung, welche diese Kunstsprache beinahe in der ganzen Welt fand, nicht durchsetzen konnte. Das Jiddische dagegen verfeinerte und modernisierte sich immer mehr, so daß schließlich 1908 in Czernowitz, wie schon gesagt, der erste Jiddische Sprachweltkongreß stattfinden konnte. Darum ist es nicht verwunderlich, daß die entscheidenden kulturellen Werke des Judentums in dieser jiddischen Sprache erschienen.

Sprachenkampf

Zugegebenerweise stand der Zionismus vor einem sehr schweren Problem. Die askenasischen und die sephardischen Juden verstanden sich ja praktisch überhaupt nicht. Bei den ersten zionistischen Kongressen herrschte durch die Osterreicher Herzl und Nordau die deutsche Sprache vor, später einigte man sich auf Englisch, vor allem deshalb, weil Palästina ein englisches Mandat war und weil die meisten Delegierten und Chaim Weizmann englisch sprachen.

Dieses Sichauseinanderleben großer jüdischer Gruppen zwang den Zionismus zu einer Reformierung der hebräischen Sprache, die vom ersten Moment an bei den orthodoxen Juden auf heftigen Widerstand stieß, da sie in der Profanierung der heiligen biblischen Sprache eine Sünde sehen.

Beinahe gezwungenerweise versuchte der Zionismus die biblische Sprache der Hebräer wieder zu einer lebendigen Sprache zu erwecken und zu modernisieren. Besonders das letztere war um so nötiger, als sich ja die Erde inzwischen fast 2000 Jahre lang weitergedreht hatte und in der biblischen Zeit für die meisten Dinge unseres heutigen Alltags keine Ausdrücke vorhanden waren, weil es diese Dinge einfach nicht gab.

Bedauerlicherweise führte die israelische Regierung ihre Hebräisierung so rigoros durch, daß man, ohne zu übertreiben, von einer Zwangshebräisierung sprechen muß. Der Fanatismus, mit dem diese Zwangshebräisierung betrieben wurde und betrieben wird, ist widerlich. Die Mapai zum Beispiel zwingt ihre Mitglieder, die alten Familiennamen, die ihre Vorfahren, zum Teil durch Jahrhunderte trugen, abzulegen und neue konstruierte Namen anzunehmen. Die Masse der Einwohner Israels machte sich über die Versuche der Regierung, von heute auf morgen eine neue Sprache aus dem Boden zu stampfen, lustig.

Eine alte, kranke Jüdin, erzählte man sich, die in Tel Aviv von einem Amt eine Unterstützung erhielt, konnte nicht lesen und nicht schreiben. Darum machte sie drei Kreuze statt der Unterschrift. Als sie nach ein paar Monaten wiederkam und wieder etwas erhielt, nahm sie stolz den Bleistift und unterzeichnete mit drei Nullen. Der Beamte fragte erstaunt, was das bedeuten solle, sie habe doch immer nur mit drei Kreuzen unterzeichnet.

Die Alte lächelte schlau. "Ich weiß wohl, daß alle ihre Namen ändern meinte sie geheimnisvoll. "Warum soll ich das nicht tun?"

Offiziell spricht in Israel niemand mehr Jiddisch. Man darf es gar nicht wagen, mit israelischen Politikern und Beamten jiddisch zu sprechen. Jiddisch ist als die Sprache des Galuths, der Verbannung, verpöhnt und wird darüber hinaus geringschätzig als "Jargon" abgetan, obwohl etwa 30 Prozent aller Zeitungsleser dort jiddische Zeitungen lesen. Nur die erdrückende Masse der Neueinwanderer, fast durchweg askenasische Juden, spricht unter sich jiddisch, selbstredend auch deutsch, russisch, rumänisch, polnisch, litauisch oder englisch, je nach dem Herkunftsland.

Gerade, als ich nach Israel kam, starb ein Mitarbeiter - vermutlich der Gründer und Herausgeber - der in deutscher Sprache erscheinenden Tageszeitung Jedioth Chadaschoth", ein aus Deutschland eingewanderter Zionist. Gerüchteweise wurde behauptet, er habe sich so darüber aufgeregt, daß kurze Zeit vorher sein Büro und seine Druckerei in Tel Aviv von fanatischen Zwangshebräisierern in Brand gesteckt worden waren und er, der verfolgte deutsche Jude, von den Sabres, der bereits in Israel geborenen Jugend, als "Hitler" beschimpft worden war, daß er daran gestorben sei.

Mit dem Ausbruch der Kämpfe zwischen den Arabern und den Israeli entstanden aus der Zwangshebräisierung oft tragische Situationen. Selbstverständlich waren alle Einweisungsschilder der Hagana in Hebräisch gehalten. Neueinwanderer, die als Soldaten in der Hagana Dienst versahen, konnten aber noch nicht Hebräisch. Sie wußten daher oft nicht, wo Minen gelegt waren oder wo eine Strecke vom Feinde eingesehen wurde. Manche Israeli fielen darum nicht den Arabern zum Opfer, sondern der unerbittlichen Zwangshebräisierung In Jerusalem erzählte man mir, daß ein amerikanischer Colonel, der sich als Jude freiwillig zur Hagana gemeldet hatte, nachts von einem israelischen Posten seiner eigenen Einheit erschossen wurde. Der Posten rief ihn hebräisch an, der Colonel, der nicht verstand, antwortete nicht. Darauf gab der Posten Feuer, weil er glaubte einen Araber vor sich zu haben.

Sicherlich wird sich im Laufe der Zeit die hebräische Sprache in Israel entwickeln und vervollständigen. Dies wäre jedoch zweifellos auch ohne diese drastischen Maßnahmen möglich.

Die Zwangshebräisierung birgt für das gesamte Weltjudentum eine große Gefahr, die man nicht sehen will oder nicht sehen darf. Obgleich das askenasische Judentum im Osten Europas im zweiten Weltkrieg infolge der grausamen Hitlerschen Judenverfolgung und der Kriegseinwirkungen riesige Verluste hinnehmen mußte, spricht das Weltjudentum auch jetzt noch in überwiegender Mehrheit jiddisch.

Durch diese Zwangshebräisierung kommt nun zu den verschiedenen politischen Differenzen des Judentums noch die sprachliche. Sie muß zu einer förmlichen kulturellen Trennung zwischen den Israeli, die nur eine kleine Minderheit des Weltjudentums darstellen, und der Masse der außerhalb Israels lebenden Juden, besonders der Juden in den USA, führen. Daran hat man offenbar bei den Maßnahmen der Zwangshebräisierung nicht gedacht und will es anscheinend auch heute nicht zur Kenntnis nehmen.

Nicht zuletzt im Interesse Israels muß man hoffen, daß sich zum mindesten in dieser Frage eine Änderung der offiziellen Auffassung durchsetzen möge.


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