Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999


3.4.2.2. Vergiftung oder Erstickung?
Hinzu käme die Konzentrationsabnahme durch die Atmung der Opfer. Diese ist pro Kopf um so höher, je größer die Anwendungskonzentration ist. Dies deswegen, weil die Opfer bei hohen Konzentrationen zwar in kurzen Zeiträumen tödlich Blausäuremengen aufnehmen, ihr Organismus jedoch verzögert darauf reagiert. Während dieser Verzögerung nimmt das Opfer weitere Überdosen an Blausäure auf.

Grafik 17: Schematische Darstellung des Atemvolumen-
verhaltens mit der Zeit bei einer Erstickung/Vergiftung.

In Grafik 17 ist der Verlauf des Atemvolumens pro Minute von Menschen dargestellt, die durch Erstickung oder Vergiftung (biochemische Erstickung) sterben. Am Ende dieses Zeitraums (bei 5) tritt Atemstillstand ein. Der Tod tritt erst einige Minuten nach Atemstillstand ein. Nimmt man einen Zeitraum von 5 Minuten bis zum Atemstillstand an, so beträgt das angenommene Atemvolumen in den einzelnen Minuten: 1.: 20 l; 2.: 30 l; 3.: 50 l; 4.: 80 l; 5.: 30 l (vgl. dazu [214]). In Summe ergibt sich ein Atemvolumen von ca. 210 l. Es wird angenommen, daß der Kurvenverlauf unabhängig von der Zeitdauer bis zum Atemstillstand ist. Daraus folgt, daß bei einer Verdoppelung der Zeit bis zum Atemstillstand das doppelte Luftvolumen eingeatmet würde.
Über den Leichenkeller I ('Gaskammer') von Krematorium II kennen wir folgende Daten: Volumen: 500 m3; Volumen von 1000 Menschen: ca. 80 m3; daraus resultierendes freies Luftvolumen: ca. 420 m3.

Zuerst sei der Sauerstoffgehalt im Raum betrachtet. In Tabelle 7 ist das eingeatmete Gesamtvolumen der 1000 Opfer in m3 und in Vielfachen des freien Luftvolumens als Funktion der Zeit angegeben. Der mittlere Sauerstoffgehalt wird pro Atmung um 20 - 30% herabgesetzt. Daraus ergibt sich der in der letzten Spalte wiedergegebene Restsauerstoffgehalt in der Kammer. Sauerstoffgehalte unter 6% wirken tödlich[208]. Ohne Zugabe jeglichen Giftgases ist in einer luftdichten Kammer also schon nach 45 - 60 Minuten mit dem Erstickungstod der Opfer zu rechnen. Erhöht man die Anzahl der eingeschlossenen Menschen, so beschleunigt sich dieser Vorgang entsprechend. Wenn es in den Leichenkellern I der Krematorien II und III aber entgegen den oben erzielten Ergebnissen zur Kriegszeit Zyklon B-Löcher gab, so waren diese Räume nicht luftdicht zu verschließen. Auch durch die Lüftungsschächte wären geringe Mengen an Luft ins Innere gelangt.

Tabelle 7: Reduktion des O2-Gehaltes im luftdichten Leichenkeller I als Funktion der Zeit.

Atemstill-
standszeit [min]

Inhaliertes Volumen von 1000 Opfern [m³]

in freiem Volumen des Raumes

Reduktion des O2-
Gehalts (30% pro Einatmung)

Reduktion des O2-
Gehalts (20% pro Einatmung)

5

210

0,5

17,9

18,9

10

420

1

15

16,8

20

840

2

10,5

13,4

30

1260

3

7,4

10,8

45

1890

4,5

4,2 (tödlich)

7,8

60

2520

6

 

5,5 (tödlich)

120

5040

12

   

Durch die extrem hohe Resorptionsfähigkeit der Lungen für HCN wirkt die menschliche Lunge wie ein perfekter Filter, der alle Blausäure aus der Luft aufnimmt. Nimmt man die Erfahrungen F. Leuchter[151] als Grundlage, so tritt bei einer Anwendung von ca. 4 g HCN pro m3 in 4-10 Minuten der Tod ein. Nimmt man dabei ein gesamtes Atemvolumen von ca. 210 l an, so entspricht dies einer aufgenommenen HCN-Menge von ca 800 mg, also einer zehnfachen Überdosis der tödlichen Dosis (80 mg/Person). Nachfolgend wird angenommen, daß bei einer sich über Stunden hinziehenden Hinrichtung keine Überdosen HCN aufgenommen werden.

Grafik 18: Aufgenommenen HCN-Menge als Funktion der Zeit bis zum Atemstillstand in Überdosen der tödlichen Dosis (ca. 80 mg).

Aus diesen Eckwerten ergibt sich das in Grafik 18 dargestellte Verhalten der Überdosisaufnahme als Funktion der Hinrichtungszeit.
Der HCN-Gehalt in der Raumluft nimmt durch die Atmung ähnlich ab wie bei einer Lüftung (exponentieller Verlauf, vgl. Tabelle 9, Abschnitt 3.4.2.4.). Wenn die Opfer einmal das komplette Raumvolumen eingeatmet haben, so wird der HCN-Gehalt auf ca. 37% des Ausgangswertes herabgesetzt. In Tabelle 8 sind als Funktion der Zeit bis zum Atemstillstand angegeben, wieviel HCN von den Opfern insgesamt aufgenommen wurde (Spalte 3), welchem Anteil dies am gesamten HCN-Gehalt der Luft entspricht (Spalte 4), wieviel HCN also insgesamt freigesetzt wurde (Spalte 5) und wieviel Zyklon B bei einer Trägertemperatur von 20°C eingesetzt werden muß, um in der entsprechenden Zeit die notwendige HCN-Menge freizusetzen (vgl. Grafik 13). Der letzten Spalte kann man den Anteil der aufgenommenen HCN-Menge an der eingesetzten Menge entnehmen. Dabei wurde davon ausgegangen, daß die HCN-Konzentration von Anbeginn an jedem Opfer zur Verfügung steht. In der Realität müßte die eingesetzte Blausäuremenge noch etwas höher sein als hier angenommen (Verzögerungseffekte durch Freisetzung und Verteilung der Blausäure).

Tabelle 8: Blausäuremengen als Funktion der Hinrichtungszeit
(tödliche Dosis = 80 mg/Person = 80 g/1000 Personen)

Atemstill-
standszeit [min]

Über-
dosis

Inhalierte HCN-
Menge [g]

Anteil an freigesetzter HCN [%]

Freigesetzte HCN-Menge vom Träger [g]

Eingesetztes Zyklon B (20°C) [g]

HCNaufg./ HCNeinges. [%]

5

10

800

40

2030

[!!!-->]28600

3

10

6

480

63

760

5000

10

20

4

320

86

370

1230

26

30

3

240

95

252

625

38

45

2

160

99

161

320

50

60

1,5

120

100

120

200

60

120

1

80

100

80

100

80[<--!!!]

Die bezeugten Hinrichtungszeiten bis zum Tod aller Opfer belaufen sich auf weniger als 10 Minuten[205]. Berücksichtigt man die Verzögerungen durch die Gasfreisetzung und -verteilung sowie die Tatsache, daß erst einige Minuten nach Atemstillstand der Tod eintritt, so entsprechen die ersten zwei Zeilen der Tabelle 8 einer Hinrichtungszeit von ca. 10 bzw. 15 Minuten, liegen also am oberen Rand der Zeugenaussagen. Dies bedeutet, daß eine Exekution in wenigen Augenblicken oder Minuten ungeheure Zyklon B-Mengen erfordert hätten. Solche Zeugenaussagen sind also unglaubhaft. Es muß ferner davon ausgegangen werden, daß bei den bezeugten Hinrichtungszeiten nur ein Bruchteil der eingesetzten (<10%) und zur Exekutionszeit freigesetzten Blausäuremenge (<60%) tatsächlich durch die Opfer aufgenommen werden konnte. Der Rest steht für eine Reaktion u.a. mit dem Mauerwerk zur Verfügung. Besonders am kühlen und feuchten Mauerwerk der Keller der Krematorien II und III ist daher mit hohen Blausäure-Absorptionsraten zu rechnen, entgegen der von Wellers aufgestellten These, nach der genau dies nicht passieren soll[7]. Nach seiner Meinung sollen die geringen Mengen eingesetzter Blausäure vollständig von den Opfern eingeatmet worden sein. Dies steht den Zeugenaussagen vom schnellen Gaskammertod entgegen, der große Blausäuremengen voraussetzt. Schließlich wäre der Einsatz geringer Blausäuremengen sinnlos gewesen, wenn die Anlagen tatsächlich luftdicht gewesen wären, was bei deren Verwendung als Massengaskammer unerläßlich gewesen wäre. In einem ähnlichen Zeitraum wären die Opfer nämlich an Sauerstoffmangel erstickt (vgl. Tabelle 7).


Anmerkung

  1. Y. Henderson, H.W. Haggard, Noxious Gases, Reinhold Publishing, New York 1943, S. 144f.; J.S. Haldane, J.G. Priestley, Respiration, Yale University Press, New Haven 1935, S. 223f.

Nächstes Kapitel
Vorheriges Kapitel
Zurück zum Inhaltsverzeichnis